14.04.1965

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Max Bauer, 68, Obermeister der Münchner Bäckergilde, geißelte einem mittelalterlichen Mönch gleich die Genußsucht der Deutschen. Dann forderte er für seine Zunft den Zehnten.
"Die Leute trinken soviel Sekt wie noch nie", empörte sich der Bäcker, "aber das Brot-Fünferl ist ihnen zuviel."
Noch in diesem Monat wird Westdeutschlands Verbrauchern der Brotkorb höher gehängt: Nach Angaben der Innungen klettern in Bayern und Bremen die Kilopreise für Brot um mindestens fünf, vielleicht sogar zehn Pfennig; auch Stuttgarter und hessische Bäcker kündigten um fünf bis sieben Prozent höhere Preise an. Einhellige Begründung: steigende Kosten für Mehl und Lohn.
Mit der Preiswelle wurden Proteste publik. Die SPD forderte "Maßnahmen gegen Brotpreiserhöhungen auf breiter Front". Die Verbraucherverbände empfahlen, teures Brot zu boykottieren Die "Süddeutsche Zeitung" riet, die Bäcker sollten sich künftig "um überzeugendere Argumente bemühen".
Daß die Argumente der Bäcker fadenscheinig waren, hatte das Bonner Ernährungsministerium schon vor vier Monaten in einer Studie festgestellt. Seit Jahren hätten die Bäcker, notierte Dr. Hermann Henke, 33, in dieser Backstuben-Studie, mit dem- stereotypen Hinweis auf steigende Mehl- und Lohnkosten ihre Preise nach oben bugsiert.
Aber weder durch "die Entwicklung der Mehlkosten noch durch die stark gestiegenen Löhne" läßt sich nach Meinung Henkes der steile Preisanstieg rechtfertigen. Der Volkswirt mit landwirtschaftlichem Diplom wirft der Gilde vor, sie streiche überhöhte Gewinne ein
Die Jagd nach Gewinnen führte die Bäcker auf Spitzenplätze in der Preisstatistik: Die Brotpreise stiegen von 1952 bis 1964 rund dreimal so stark an wie der Durchschnitt sämtlicher Lebenshaltungskosten.
Obwohl in diesen zwölf Jahren Weizenmehl nur um drei Prozent teurer wurde und die steigenden Löhne lediglich um rund zehn Prozent höhere Brotpreise rechtfertigten, schnellte der Ladenpreis für Weißbrot um fast sechzig Prozent nach oben.
Zur vorläufig letzten Brotpreiswelle lieferte Bonn Ende 1964 den Vorwand. Bis dahin hatte die Bundesregierung die Mehlpreise nicht nur kontrolliert, sondern auch subventioniert.
Als Bonn zum Jahreswechsel 1964/65 zunächst seine Mehlsubvention stoppte und im März den Mehlpreis freigab, fürchteten Westdeutschlands Bäcker um ihre Gewinnspannen. Sie kündigten höhere Brotpreise an, weil Mehl theoretisch teurer werden konnte.
Aber das Mehl wurde nicht teurer. Die vorhandene Überkapazität auf dem Mehlmarkt führte lediglich dazu, daß einige Mühlen ihre Preise erhöhten - und auch die nur auf das Niveau der bisher amtlich genehmigten Mehlpreise.
Von eben diesem Niveau aus aber hatten bundesdeutsche Bäcker schon bisher ihre Brotpreise kalkuliert. Anlaß zum Teurerwerden gab es also nicht. Als die Bäcker dennoch neu kalkulierten, empfahl Bonns Ernährungsminister Schwarz, "auf Eier auszuweichen". Bundesfrühstück 1965: Marmelade mit Ei.

DER SPIEGEL 16/1965
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