06.12.2004

„Eine sehr starke Marke“

MTV-Europa-Geschäftsführer Simon Guild, 39, über seine Pläne mit der einstigen Konkurrenz und neuen Erwerbung Viva
SPIEGEL: Die Viva-Mitarbeiter rufen zu Demos auf, Medienpolitiker fühlen sich getäuscht, in der Presse hagelt es Kritik. Ist Ihr Mutterhaus, der US-Medienriese Viacom, mit der Übernahme der deutschen Konkurrenz überfordert?
Guild: Keineswegs. Wir können nur noch nicht so, wie wir wollen. Das dürfen wir erst, wenn die Übernahme von der Hauptversammlung der Viva Media AG im Januar formal abgesegnet wird. Deswegen ist in den letzten Wochen ein Vakuum im Prozess entstanden, das ich bedaure und bei dem leider die Mitarbeiter die Leidtragenden sind.
SPIEGEL: Wenn Moderatoren aus den Medien vom Ende ihrer Shows erfahren und Gerüchte von Massenentlassungen kursieren, sieht das weniger nach juristischen Hürden aus als nach schlechtem Management.
Guild: Dem Management sind enge rechtliche Grenzen gesetzt. Dadurch sind Spekulationen Tür und Tor geöffnet. Wir haben zum Beispiel nie darüber nachgedacht, auf Charlotte Roche zu verzichten. Wir würden nur gern andere Sendungen mit ihr machen.
SPIEGEL: Wenn es nicht am Management liegt, wie entsteht dann so ein Chaos?
Guild: Die schlechte Kommunikation hat viel mit der unerwartet um fast zwei Monate verzögerten Übernahme zu tun: Der bisher fürs Programm zuständige Viva-Vorstand hat das Unternehmen schon im Oktober verlassen, wir dürfen noch nicht entscheiden.
SPIEGEL: Und deswegen lassen Sie jetzt zunächst wieder den Viva-Gründer Dieter Gorny machen, den Sie erst vor einem Monat aus dem operativen TV-Geschäft gedrängt haben?
Guild: Es stimmt, dass Gorny weiter bei Viva aktiv ist. Um seine neue Aufgabe, das Entwickeln neuer Geschäftsfelder, wird er sich erst nächstes Jahr kümmern.
SPIEGEL: Heißt das, er soll vor allem die panischen Viva-Mitarbeiter beruhigen, von denen laut Betriebsrat die meisten entlassen werden sollen?
Guild: Das Gerücht, 95 Prozent von 290 Mitarbeitern würden ihren Job verlieren, ist völlig absurd. Wir werden nächstes Jahr, so schnell es rechtlich zulässig ist, Gespräche mit dem Betriebsrat aufnehmen, den wir eng einbinden wollen. Es gibt viele Mitarbeiter, auf deren Know-how wir angewiesen sind. Dass es nicht ohne Personaleinsparungen gehen kann, ergibt sich aus der schlechten wirtschaftlichen Lage von Viva und daraus, dass dort rund doppelt so viele Mitarbeiter beschäftigt sind wie bei MTV.
SPIEGEL: Bleibt Viva langfristig erhalten?
Guild: Auf jeden Fall. Die letzten beiden Jahre lief es für Viva sehr schlecht, vor allem weil der Sender sich an unser MTV anglich und dabei viel Geld in Programmeinkäufe steckte, die sich nicht rentierten. Aber Viva ist immer noch eine sehr starke Marke und soll sich wieder an den eigenen Wurzeln orientieren: Lokaler, jünger, anders eben als MTV.
SPIEGEL: Die bisherigen Programmpläne sehen mehr nach RTL II als nach Musikfernsehen aus.
Guild: Im Kern geht es immer um Musik. Und wir werden den Musikanteil in unseren Programmen sogar ausbauen: Wenn zwei Sender gegeneinander antreten, spielen sie das Gleiche. Jetzt aber können wir segmentieren und mit verschiedenen Musikbereichen unterschiedliche Zielgruppen ansprechen.
SPIEGEL: Wie passt dazu "Big Brother" im Nachmittagsprogramm?
Guild: MTV und Viva waren schon immer mehr als Musik. Anfang des Jahres können wir hoffentlich endlich gefahrlos sagen: Hier ist der große Plan ...
SPIEGEL: ... der für Viacom ja offenbar ist: Viva ist erst der Anfang, wir wollen noch viel mehr. Zum Beispiel Sat.1?
Guild: Natürlich haben wir auf dem deutschen TV-Markt noch viel vor. Aber jetzt müssen wir erst einmal diese Sache sauber hinkriegen.

DER SPIEGEL 50/2004
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