14.02.1966

Eier von links

Die Demonstranten verkeilten sich im Portal des Amerika-Hauses. Einige zerrten am Sternenbanner, andere bombardierten die Kunststeinfassade mit Eiern der niedrigsten Preisklasse. Aus verwaschenem Protest-Gegrummel hoben sich Rufe ab wie "Johnson-Mörder!" und "Amis raus aus Vietnam!"
Eier gegen Amerikaner flogen erstmals in der Stadt, in der "nach dem schrecklichen Krieg die deutsch-amerikanische Freundschaft geboren" wurde (Willy Brandt): in West-Berlin. Hochschulbünde der Freien Universität, voran Sozialdemokraten und Liberale, hatten zum Protestmarsch gegen die Wiederaufnahme des US-Luftkrieges in Nordvietnam aufgerufen.
Für Berliner Zeitungsleute waren es "studentische Narren" (Springers "Morgenpost"), die sich zu "antiamerikanischen Ausschreitungen" (Springers "BZ") hinreißen ließen und "Berlins Schild beschmutzten" (SPD-"Telegraf")
Für Ernst Lemmer, den Ex-Minister und Berlin-Beauftragten des Bundeskanzlers, waren es "Verrückte" und "politische Spinner". Vor 600 Gegendemonstranten ("Bild": Tausende waren gekommen") aus der CDU, der Jungen Union und vom Ring Christlich-Demokratischer Studenten wetterte er drei Tage später gegen die Vietnam-Marschierer.
Für die Amerikaner in Berlin jedoch, denen Empörung am ehesten zugestanden hätte, war es schlicht eine hitzige Unwillenskundgebung junger Staatsbürger, wie sie sich in ihrem eigenen Lande zum selben Thema allenthalben ereignen. Verwundert erkundigten sich die Amerikaner bei Journalisten, warum denn wohl um jenen Protestmarsch solcher Wirbel entfacht werde. US-Stadtkommandant John Franklin: "Die Amerikaner wissen, daß diese Aktion ... nichts mit den engen Bindungen zwischen der Bevölkerung Berlins und den Vereinigten Staaten zu tun hat."
Der Marsch zum Amerika-Haus war vom Polizeipräsidium aufgrund des .Gesetzes über die Vereins- und Versammlungsfreiheit" genehmigt worden, nachdem die Veranstalter ordnungsgemäß die Verwaltungsgebühr von zwanzig Mark entrichtet hatten. Eskortiert von muskelstarken Beamten eines Einsatzkommandos der Polizei, bewegte sich der Zug von etwa 1500 Studenten durch die Straßen der West-Berliner City.
Vor dem Amerika-Haus am Bahnhof Zoo stoppte das akademische Aufgebot. Der ursprünglichen Weisung für die Polizei, die Menge vom Objekt abzudrängen, stellte sich Amerika-Hausherr Ernest J. Colton entgegen: Er bekundete seine Bereitschaft, mit den Demonstranten über Vietnam zu diskutieren.
Da geschah es: Ermuntert von einer Handvoll SED-Funktionäre, so berichtete später der stellvertretende Berliner SPD-Vorsitzende Kurt Neubauer vor dem Landesausschuß seiner Partei, gingen die Studenten zur Attacke über. Neubauer: "Die Kommunisten verschwanden eilends, und diejenigen, die Eier warfen, das muß ich zu meinem Bedauern sagen, waren Sozialdemokraten."
Als einer der Hauptakteure erwies sich der frühere Vorsitzende des Sozialdemokratischen Hochschulbundes, Steinert, Truppführer in der freiwilligen Polizeireserve Berlins, die kommunistischen Übergriffen wehren soll.
In Reih und Glied schritt aber auch der Berliner, an dem sich vor Monaten der Vietnam-Krieg in der deutschen Hauptstadt endzündete: der Kabarettist Wolfgang Neuss, der Ende vorigen Jahres einen rührseligen Vietnam-Spendenaufruf der Berliner Zeitungen geschmäht hatte und daraufhin mit einem Presse -Boykott belegt worden war.
Dieser Zwist weiterte sich zu einer Art Neuss-Psychose unter den Berliner Studenten, die in zwei Lager zerfielen - Neuss-Feinde und (zumeist linksstehende) Neuss-Freunde, Während der Kabarettist Ende Januar im Studentenhaus am Steinplatz einen Vietnam-Report verlas, zündeten seine Widersacher im Vorraum eine Mini-Bombe.
Als daraufhin Universitäts-Rektor Lieber Veranstaltungen verbot, "bei denen eine Störung des ordnungsgemäßen Universitätsbetriebes befürchtet" werden müsse, warnte die "Berliner Morgenpost": "Die Studenten murren. Ihre Stimmung grenzt an Aufruhr." In diesem Klima rüsteten sich die 1000 Studenten zu ihrer Vietnam-Demonstration.
Der SPD-Landesausschuß schloß inzwischen den widerborstigen Kabarettisten aus der Partei aus (siehe Seite 113). Offizielle Begründung: Neuss habe während des letzten Bundestagswahlkampfes dazu aufgerufen, die Zweitstimme der DFU zu geben. Der Satiriker hieb zurück: "Wenn man nicht haargenau wie die CDU denkt, fliegt man aus der SPD raus."
Neuss wird Berlin verlassen. Er will zunächst nach Hamburg umziehen, wo er berufliche Verpflichtungen hat, dann Urlaub in Schweden machen, wo seine Schwiegereltern leben.
Ob aber nach des Widerspenstigen Austreibung im Berliner Vietnam-Krieg Frieden geschlossen wird, bleibt ungewiß. Denn gegen die Eier-Bombei von der Linken haben sich derweil Rollkommandos von der Rechten formiert.
Bei der Gegendemonstration mit Ernst Lemmer räumten sie zum erstenmal auf. Andersdenkende Jugendliche, die sich durch Zwischenrufe bemerkbar gemacht hatten, wurden unter der Parole "Gammler raus!" an den Haaren gepackt, zum naheliegenden S-Bahnhof Zoo gedrängt und durch die Sperren geprügelt. Nachruf: "Ab mit euch in den Osten!"

DER SPIEGEL 8/1966
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