08.08.1966

Tor vom Dienst

Englands Königin Elizabeth beugte sich zu ihrer Begleitung: "Wie lange dauert das Drama noch?" Die angekündigte 90-Minuten-Frist des frei improvisierten Schauspiels war bereits überzogen. 400 Millionen Zuschauer in aller Welt erwarteten von den 23 Hauptdarstellern keine Entscheidung mehr. Da turnte, in der 102. Minute des Worldcup-Endspiels, wie in antiken Tragödien als Deus ex machina der sowjetische Statist Tofik Bachramow auf die grasige Bühne. Mit einer Geste entwirrte er den dramatischen Knoten.
Der russische Linienrichter bestätigte dem Schweizer Schiedsrichter Gottfried Dienst auf dem Londoner Wembley-Rasen "das dritte Tor für England, das niemals geschossen wurde" ("L'Equipe", Paris). Er "schenkte England die Fußball-Weltmeisterschaft", empörte sich des Kanzlers Leibblatt "Kicker".
Unabhängig voneinander bekundeten Experten wie Endre Tabak von der ungarischen Fachzeitschrift "Nepsport", die Journalisten Poul Prip Andersen von der Kopenhagener "Berlingske Tidende" und Bedrech Zagar von der Preßburger "Pravda", der französische Nationaltorwart Daniel Eon und der belgische Schiedsrichter Van Nuffel: "Der Ball war nicht im Tor." Sie hatten im Wembley-Stadion in der Verlängerung der Torlinie gesessen.
Aber selbst Photos und Fernseh-Filme, die seit Jahren zahlreiche Fehlentscheidungen in Zeitlupe schlüssig bewiesen, vermochten das Resultat nachträglich nicht zu beeinflussen. Denn nach den Fußballregeln fällt der Schiedsrichter bei der An- oder Aberkennung von Treffern unanfechtbare Tatsachenentscheidungen. Was Tatsache ist, bestimmt allein er.
Andererseits werden die Unparteiischen überfordert. Sie können nicht das gesamte Fußballfeld überblicken, stets auf Ballhöhe laufen und bei strittigen Torszenen in idealer Position stehen. Das menschliche Auge vermag einem mit Tempo 100 auf- und abprallenden Ball nicht exakt zu folgen Schiedsrichtern werden in wichtigen internationalen Spielen zehn und mehr Laufkilometer abverlangt. Zweimal brachen allein in deutschen Fußball-Finals Spielleiter mit Wadenkrämpfen zusammen. Zwei Linienrichter vermögen den Schiedsrichter als Entscheidungs-Gehilfen nur zu unterstützen, wenn sie in kritischen Situationen zufällig günstiger stehen.
So ist die internationale Fußball-Chronik mit ungerechten Tatsachen-Entscheidungen gespickt. Der 1. FC Köln verpaßte 1965 durch Losentscheid das Europacup-Finale. Der Belgier Robert Schaut hatte im Spiel gegen den FC Liverpool das dritte Kölner Tor nicht anerkannt, weil nach seiner Beobachtung ein Foulspiel vorausgegangen war.
Rot-Weiß Essen wurde 1955 durch einen irregulären Treffer sogar Deutscher Meister. Schiedsrichter Meißner hatte übersehen, daß der verletzte Essener Torschütze Islacker von außerhalb des Feldes in Stellung gehumpelt war.
Auch durch Fehlentscheidungen blieb England im eigenen Lande lange unbesiegt. Als eine Welt-Elf 1953 in der 89. Minute 4:3 führte, schenkte der britische Spielleiter Griffith seinen Landsleuten - die er während des Spiels mit ihren Vornamen ansprach - einen Elfmeter und damit den Ausgleich. Im Februar dieses Jahres verpaßte die deutsche Mannschaft in Wembley ein 1:1, weil ein Linienrichter den Ball vor dem Ausgleichstreffer im Aus gesehen haben wollte.
Besonders bei Weltmeisterschaften beeinflußten fanatische Zuschauermassen die Schiedsrichter zugunsten der Heimmannschaft. Im Vorfinale des ersten Worldcup-Turniers 1930 resignierten die Jugoslawen, nachdem der brasilianische Spielleiter in Montevideo zwei Abseitstore für Uruguay anerkannt, das reguläre Ausgleichstor jedoch nicht bestätigt hatte.
Vier Jahre später wären die Italiener in Italien ohne den Schweizer Schiedsrichter Mercet an Spanien gescheitert. Er ließ im Wiederholungsspiel das 1:0 des italienischen Stürmers Meazza nach einer Regelwidrigkeit zu. Mercet wurde auf Lebenszeit disqualifiziert. Aber Italien wurde Weltmeister.
Der hoch eingeschätzte englische Unparteiische Arthur Ellis gewährte 1954 beim Stand von 2:1 einen spielentscheidenden Elfmeter für Ungarn. Er hatte ein Handspiel des Brasilianers Pereiro beobachtet - im Gegensatz zu vielen Experten. Das Spiel mündete in eine Prügelei, die sogar in den Kabinen andauerte. Es war die letzte brasilianische Worldcup-Niederlage für zwölf Jahre.
In der abgelaufenen Weltmeisterschaft profitierte besonders England von strittigen Entscheidungen. Im Viertelfinale gegen Argentinien war der "unbeherrschte Stiles für einen Platzverweis reif" ("Sport-Magazin"). Statt dessen schickte der deutsche Schiedsrichter Rudolf Kreitlein den besten Argentinier - Rattin - vom Feld, der nach einem Dolmetscher verlangt hatte. England siegte 1:0. Beim 2:1 im Vorfinale gegen Portugal fiel das entscheidende englische Tor aus Abseits-Stellung - wie sogar der Linienrichter angezeigt hatte.
Das englische 4:2 im Endspiel reduzierte die Pariser "L'Equipe" bereits auf "das wirkliche Resultat von 2:1". Außer dem dritten hätte Schiedsrichter Dienst auch das vierte englische Tor nicht anerkennen dürfen, weil bereits Zuschauer auf den Platz gestürmt waren. Dem deutschen Ausgleichstreffer sei - wie ein Bild zeigt - unerlaubtes Handspiel des deutschen Verteidigers Schnellinger vorausgegangen.
Deutsche Experten fanden, auch das englische Ausgleichstor zum 1:1 nach einem Freistoß sei anfechtbar. Denn während die Engländer den Freikick ausführten, sprach Dienst noch mit dem deutschen Spieler Overath, der deshalb in der Abwehrkette fehlte.
Lediglich zwei von sechs Treffern wären damit makellos - je einer für Deutschland und England. Endspiel-Schiedsrichter Dienst resignierte: "Das war mein letztes Fußballspiel."
In Deutschland aber dauerte noch eine Woche nach dem Endspiel das homerische Lamento um das Tor vom Dienst an. "Bild" forderte in Schlagzeilen auf der ersten Seite: "Nicht anerkennen. Es geht um das Recht, nicht um Rechthaberei." Denn niemand ist so ein schlechter Verlierer wie die Deutschen, sei es an der Wahlurne oder im Gerichtssaal, auf dem Schlacht- oder Fußballfeld. Teutonen können einfach nicht so klar geschlagen werden, daß sie sich nicht alsbald im Felde unbesiegt fühlten.

DER SPIEGEL 33/1966
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