20.12.2004

„Die letzte Lebensglut“

Nach dem Harry-Potter-Zauber stürzt sich das mythengierige Publikum auf die nächste Rätseldroge: die Suche nach dem Heiligen Gral. Bücher wie Dan Browns Bestseller „Sakrileg“ und Filme wie „Das Vermächtnis der Tempelritter“ erzählen die uralte Abenteuergeschichte mit neuer Lust am Fabulieren.
Mona Lisa, warum lächelst du nur? Seit Jahrhunderten steht die Menschheit ehrfürchtig vor diesem Bild aller Bilder und rätselt.
Der Schöpfer Leonardo da Vinci, so ein Bewunderer von 1869, habe all das ausgedrückt, "was der Mensch sich seit einem Jahrtausend gewünscht haben mag". Und das zwischen 1503 und 1506 entstandene Porträt einer florentinischen Kaufmannsgattin wächst in den Augen jenes Betrachters zur unheimlichen Gestalt: "Durch ihre Schönheit ging die Seele mit all ihren Krankheiten", heißt es da und: "Sie weiß um die Geheimnisse des Grabes."
Die "Gioconda" - eine unergründliche Projektionsfläche der Zeitalter, jede Epoche entdeckt in dem Porträt Teile von sich selbst: die Renaissance ihr Ideal, die Romantik die eigene Todessehnsucht, die Moderne das Gegenteil ihrer selbst.
Seit jüngster Zeit nun blickt eine bisher unbekannte Gruppe in diesen Seelenspiegel, der hinter schusssicherem Glas im Pariser Louvre hängt. Die Bewunderer mit dem Fahnderblick haben ganz anderes im Kopf als die Geheimnisse der Kunst. Ihnen
geht eine ungeheuer spannende Szene aus einem ungeheuer spannenden Thriller nicht aus dem Kopf.
Die Story - düster, unheimlich, atemraubend: Der Louvre-Direktor ist gerade ermordet worden, er ist Träger eines dunklen Geheimnisses. Seine Enkelin ahnt etwas. Sie weiß, dass die Mona Lisa das Eingangstor zu einer rätselhaften Welt ist. Mit einem UV-Strahler leuchtet die Frau auf die Glasscheibe vor dem Leonardo-Gemälde. Und in violetter Schrift ist ein Menetekel zu lesen: "So Dark The Con Of Man". Zu deutsch: "Oh, ein dunkles Kapitel ist der Betrug an der Menschheit."
Spätestens hier hat es die neue Gruppe der Museumsbesucher gepackt. Sie haben den Thriller des amerikanischen Schriftstellers Dan Brown, 40, gelesen: "Sakrileg"**. Dessen Sog entkommt niemand so leicht.
Auf der Welt sind es fast 22 Millionen, im deutschsprachigen Raum fast eine Million Menschen, die in "The Da Vinci Code" (so der englische Titel) eingetaucht sind: Jetzt hat das Buch aus den Lesern Mittelalter-Verehrer, Buchstabenenträtsler, Bibelforscher und Verschwörungstheoretiker gemacht. Wenn die Mona Lisa bisher keinen handfesten Grund zu lächeln gehabt hätte, spätestens jetzt hat sie einen.
Denn als Dan-Brown-Leser lugt man angestrengt auf die wilden Landschaften hinter der Lächelnden. Die linke Landschaft, so wissen die "Sakrileg"-Kenner, ist niedriger als die rechte. Auch würden die neuen Kunstdetektive gern mal die Rückseite des berühmten Gemäldes inspizieren und das Glas vor dem Bild: Finden sich da vielleicht irgendwo aufgekritzelte mysteriöse Zahlenreihen?
Browns Bestseller treibt "Sakrileg"-Touristen in den Louvre oder in die auf der anderen Seine-Seite gelegene Kirche Saint-Sulpice; nach London in die Westminster Abbey oder in das Mailänder Refektorium von Santa Maria delle Grazie, wo Leonardos "Abendmahl" zu besichtigen ist - eine durchaus verständliche Faszination: Das Buch des milchgesichtigen Sohnes eines Mathematikprofessors, der seine Weihnachtsgeschenke nur durch Lösen von Rechenaufgaben finden durfte, ist zwar keine große Literatur, dafür bester James Bond.
Der Leser des Actionthrillers jagt mit den Helden, einem Harvard-Professor und der Enkelin des Ermordeten, die "Kryptologin" gelernt hat, durch die Zeiten - zu Jesus, zu römischen Kaisern, zu mittelalter-
lichen Tempelrittern, zu einer obskuren Gesellschaft namens "Prieuré de Sion", mit prominenten Großmeistern an der Spitze.
Auch die Rolle der Bösewichte ist besetzt, und zwar ganz schön realistisch: Die katholische Organisation Opus Dei ist bei Brown ein Hort des Bösen; ein Mitglied der Organisation verdingt sich als Mörder.
Das Opus Dei, von dem spanischen Priester Josemaría Escrivá de Balaguer y Albás 1928 ins Leben gerufen - der Papst sprach den konservativen Geistlichen vor zwei Jahren heilig -, genießt einen zweifelhaften Ruf. Denn innerhalb der knapp 86 000 Mitglieder starken Organisation - drei Viertel sind spanischsprachig - vermuten Kritiker noch immer mafiöse Strukturen: Opus-Dei-Frauen und -Männer würden sich oft nicht einmal kennen, es gebe zahlreiche Tarnorganisationen, mit denen das öffentliche Leben unterwandert werde.
Opus Dei ist wachsam und verbreitet gegen Browns Buch einen Abwehrzauber. Der Bestseller, hieß es in einer Opus-Dei-Stellungnahme, bezichtige die Organisation zu Unrecht der Frauenfeindlichkeit. Aus Angst vor Repressalien sollen bei der geplanten Verfilmung des "Sakrilegs" die antikatholischen Aussagen entschärft und der Name Opus Dei weggelassen werden.
Viele der Figuren des Buchs sind geplagt von einer unheilbaren Gefäßkrankheit: der Suche nach dem Gral.
Es ist ein Stoff, der seit über 800 Jahren in der Literatur Furore macht: die Jagd nach jenem geheimnisvollen Gefäß, in dem nach einer Bibel-fernen Überlieferung bei der Kreuzigung das Blut Christi aufgefangen worden sein soll. Wundertätig, lebenspendend und strahlend hell soll es sein, seinem Besitzer winkt langes, wenn nicht gar ewiges Leben; wie das Ding jedoch aussieht, ob es ein Pokal ist oder eine Schüssel, aus Gold oder Ton oder Edelstein - nichts steht fest und alles den Fabulierkünstlern offen.
Goethes Gedicht "Der König in Thule" (1782), an sich einem anderen Sagenkreis zugehörig, variiert das Pokalmotiv besonders ergreifend und eigenwillig: Die sterbende Geliebte gab dem König "einen goldnen Becher" - "die Augen gingen ihm über, so oft er trank daraus". Eines Tages, er war nun selbst dem Tode nah, saß er "... beim Königsmahle, / Die Ritter um ihn her, / Auf hohem Vätersaale / Dort auf dem Schloss am Meer. / Dort stand der alte Zecher, / Trank letzte Lebensglut / Und warf den heil''gen Becher / Hinunter in die Flut."
Der "heil''ge Becher" aus Gold, gefüllt mit mystischer "Lebensglut" - das wäre auch eine plausible Gralsversion. Jedenfalls ist der Gral ein magischer Pott, und seine Geschichte eine Thrillerstory, die fast alle Fantasy-Märchen von den Rittersagen des Mittelalters über Friedrich de la Motte Fouqués "Der Parcival" und Richard Wagners letztes Bühnenwerk "Parsifal" bis hin zu Umberto Ecos "Baudolino" inspiriert hat.
Ungleich holzschnitthafter als der Bestsellerautor Brown haben in jüngerer Vergangenheit etwa Filmemacher wie Steven Spielberg die Story der Gralssuche als wilde Abenteuergeschichte erzählt. Spielbergs "Indiana Jones und der letzte Kreuzzug" aus dem Jahr 1989, mit Sean Connery und Harrison Ford, begeisterte das Publikum - und ist erkennbar das Vorbild des aktuellen amerikanischen Kinohits "Das Vermächtnis der Tempelritter", den der Hollywood-Erfolgsproduzent Jerry Bruckheimer ausgeheckt hat.
Im neuen "Tempelritter"-Spektakel geht es weniger um spirituelle Kräfte als um
einen sagenhaften Goldschatz, der auf krummen Wegen von Schottland über
den Atlantik verschifft worden ist und in den USA versteckt wurde. Spielberg dagegen jagt die Helden seines Films durchaus mit Hoffnung auf umfassende Rettung um den halben Globus und lässt einen Museumsmann sagen: "Die Suche nach dem Gral ist die Suche nach dem Göttlichen in uns allen."
Dan Brown schickt für diese Suche seine Jünger nicht in ferne Welten, sondern in die Geschichte des Abendlandes. Er lockt nicht mit Exotika, sondern mit Wissenssplittern der Computerwelt. Seine Rätsel sind solche für Google-Hüpfer, die computerlexikalisches Wissen neu montieren und sich so eine neue Historie erfinden.
Die Geschichtsbastler pfeifen auf anerkannte Regeln und wissenschaftliche Schiedsrichter - sie halten sich für unwiderlegbar und wollen nur eins: ungestört unter sich bleiben und vor sich hin spinnen.
Browns "Sakrileg" trifft eine Zeitstimmung. Es handelt sich um die fixe Idee, dass hinter den offiziellen Interpretationen der Wissenschaften und Medien eine bisher verdeckte Wahrheit existiert. Der amerikanische Autor bedient die Lust auf Geheimnisse in einer informationsübersättigten und scheinbar auserklärten Welt. Und er will sein Publikum aus der Passivität locken. Seine Leser sollen das Bekannte noch einmal lesen - allerdings mit den Entschlüsselungsvorgaben des Autors.
Für den Krimiautor Brown und seine geistigen Wegbereiter, die Journalisten Michael Baigent, Richard Leigh und Henry Lincoln, die 1982 die Sachbuchvorlage für den "Sakrileg"-Thriller lieferten, ist - dem Zeitalter der Genforschung höchst angemessen - Blut allemal dicker als die Wasser des Geistes. Die dynastische Struktur erscheint den Verschwörungstheoretikern handfester als spirituelle Gefolgschaft.
Der deutsche Titel des alten Sachbuchreißers zeigt die Richtung an, in die der Zug von Verschwörung und Verdinglichung der Religion fährt: "Der Heilige Gral und seine Erben" heißt das Buch. Dieses sagenhafte Gefäß, von dem die Bibel nichts berichtet, ist das einigende Symbol für die guten Gegenverschwörer, die treu und unbeirrt das Gedächtnis an den Frauenversteher, Ehemann und Dynasten Jesus Christus verwahren.
Welch ein Gegenstand - so richtig mittendrin im symbolischen Aufmerksamkeitsmarkt. Der Glückspilz greift in den Jackpot, der Fußballwahnsinnige nach den Pokalen und Meisterschalen. Noch immer steht das Trinkgefäß als höchster Ausdruck für kommunikatives Glück. Prost, wir alten Blutsäufer und Menschenfresser; zum Wohl, du lieber Partner; wie gut, dass wir mal wieder zusammen einen geschlürft haben. Zusammen zu trinken ist ein bisschen wie zusammen zu schlafen, nur nicht ganz so folgenreich.
Ist der Gral schon geheimnisvoll, so ist es sein Inhalt erst recht. Was fließt in ihm: Wein? Blut? Nur das, was man glaubt? Oder gar gar nichts? Die Eiferer der Reformationszeit haben sich über das Abendmahl und seinen Kelch, den Jesus seinen Jüngern im Angesicht des nahen Endes reicht, zerstritten. Bei den Katholiken dürfen aus ihm meist nur die Priester trinken, bei den Lutheranern alle.
Dieser Akt ist mehr als nur kultische Handlung. Er wird zum Sakrament, also zu einer Veranstaltung, die, wenn man an ihr teilnimmt, nicht dem Gutdünken des Menschen unterworfen, sondern von höherer Art ist. Der Gottessohn gibt sich hin, der am Abendmahl Teilnehmende kann nicht mehr ablehnen. Selbst die Unfrommen, so sah es Luther, werden durch den Akt genährt.
Aber über die Bedeutung des Abendmahls herrschte Uneinigkeit. Ist der Kelch nur ein Symbol oder ist sein Inhalt tatsächlich Jesu Blut und, zusammen mit dem Brot, der ganze Jesus, seine ungeteilte Präsenz, so dass alle weitere Suche nach den irdischen Spuren Jesu überflüssig wäre?
Browns Roman gibt auf dieses Rätsel keine Antwort.
Ähnlich wie Erich von Dänikens lange Zeit höchst erfolgreichen Phantasmen über die irdischen Machenschaften der Außerirdischen und Harry Potters Märchenstunden ist die Brownsche Schnitzeljagd nach sinistren Verschwörungen durch zwei Jahrtausende Abendland ein beherzter Angriff der modernen Laienphantasie auf die erklärte Welt. Die Muster der Attacke sind aus den Werkstätten der
Ideologie bekannt: Am Anfang stehen Geheimnis und Verschwörung.
Brown setzt an der heiklen und in der Tat sehr schwierig erklärbaren Entstehung und Ausbreitung des Christentums an. Da schwankt der erforschte Grund schon immer, da ist leicht sagen: Alles war ganz anders. Jesus, von dem nach wissenschaftlichem Kenntnisstand kein schriftliches Zeugnis überliefert ist, hat, darauf baut Browns Thriller auf, Nachkommen gezeugt. Seine, ja wirklich, schwangere Gattin, Maria Magdalena, entkam den römischen Häschern und landete in Südfrankreich. Dort brachte sie, so heißt es in "Sakrileg", eine Tochter zur Welt, deren Nachfahren sich mit den Merowingern verbanden.
Geschichten, die nicht nach Bibel, eher nach "Gala" klingen: Der Gottessohn aus dem Geschlecht König Davids verbindet sich mit Maria Magdalena, auch ein Hochadelsspross, nämlich aus dem Hause Benjamin. Und sie begründen eine westeuropäische Dynastie.
Jesus - ein Familientier: Ziemlich bedenkenlos projiziert die laienhafte Fabulierfreude heutiges Verständnis in fernes und anderen Gesetzmäßigkeiten gehorchendes historisches Material.
Und wenn etwas nicht so ist, wie man es sich in den kleinfamiliären Vorstadtwelten der USA als korrekt vorstellt, dann müssen da eben Verschwörer am Werk gewesen sein. Die Vermutung einer regelrechten Konspiration geht sehr weit. Aber nicht zu leugnen ist, dass Brown Recht hat, wenn er schreibt, die Kirchenväter und der erste zum Christentum übergetretene römische Kaiser Konstantin I. hätten eine wichtige Rolle der Frauen in der Kirche abgelehnt. Ob das von Brown unterstellte Motiv für die leitenden Herren der frühen Kirche - sie hätten ein Aufleben matriarchalischer Kulte befürchtet - stimmt, kann man bezweifeln; antike Götterwelt und jüdische Religion hatten hier schon männerfreundlich gewirkt. Das Weib sollte eben keinen kultischen Einfluss haben.
Also bemühten sich die leitenden Herren des neuen Glaubens, alles zu unterdrücken, was Jesus mit Weiblichem in Verbindung brachte: seine Geburt - keine Folge gewöhnlichen Geschlechtsverkehrs, sondern die Niederkunft einer Jungfrau. Auch Jesu revolutionäres, positives Verhalten zu Frauen korrigierten die Kirchenväter. Für nachfolgende Bibelleser war Maria Magdalena eine bekehrte Hure.
Jesus wurde, als das Christentum römische Staatsreligion geworden war, in Browns Sicht, zum göttlichen Hagestolz hochstilisiert, ohne Verwandtschaft, ohne trautes Heim, ohne Kuscheln am Busen einer Frau. Die Verschwörer verfälschten, so Brown, entsprechend die Überlieferung.
Tatsächlich aber berichtet das Neue Testament von Jesu Familie: Seine Verwandten, ganz unkuschelig, waren nicht einverstanden mit seiner Wundertäterei in der Fremde. Jesus aber will nicht unter die
Fuchtel der Blutsverwandtschaft, seine Jünger sieht er als wahre Familie.
Als der Wanderprediger, der keine Jahrtausende überdauernde Kirche gründen wollte und wie seine Jünger das Ende der Welt unmittelbar erwartete, den Kreuzestod stirbt, ist die Zukunft ungeregelt. Jesu Bruder Jakobus wird antikem Brauch folgend Vorsitzender der christlichen Gemeinde in Jerusalem - ein orthodoxer Judenchrist, der das Beschnittensein als Voraussetzung für die Teilnahme an den christlichen Ritualen für selbstverständlich hält.
Doch die Dynamik der neuen Bewegung entsteht in den Gebieten, wo das hellenistische Denken bestimmend ist. Eine Gemeinschaft findet sich nicht nur über Blutsverwandtschaft oder Reinheitsgebote (koscheres Essen), sondern vor allem über geistige Bande: Glaube, Liebe, Hoffnung. Das Verwandtsein wird in seiner theologischen Bedeutung abgewertet und Jesus-Bruder Jakobus zu einem Fossil, das in der weiteren christlichen Überlieferung keine Rolle mehr spielt.
Dieser Gang der wirklichen Geschichte - in der Tat wunderlich, schwer zu begreifen und schwer zu deuten - passt nicht in Browns Konzept.
Aber was hat es mit der jahrhundertealten Geschichte des Grals überhaupt auf sich?
Schon die frühesten Spuren der Story sind so rätselhaft, dass die Experten bis heute um fast jede Einzelheit streiten.
Da gab es keltische Sagen, in denen der König Artus eine Tafelrunde edler Ritter um sich versammelt. Irgendwo im Süden Englands - Namen wie Tintagel oder Camelot sind bis heute im Schwange - könnte die vorbildliche Hofgesellschaft ihren Sitz gehabt haben; jeder der wehrhaften Sirs hatte vor seiner Aufnahme in die illustre Schar diverse Abenteuer bestanden.
Der Hofdichter Chrétien de Troyes nutzte von etwa 1165 an das Material als unterhaltsamen Serienstoff: In gereimten Romanen ließ er kühne junge Recken durch die halbe Welt reisen, Monster erlegen und um edle Damen werben - und immer wieder kamen die abenteuerlichen Bildungsreisenden auch zum Kulturmittelpunkt, dem Artushof. Chrétiens Romane, in fürstlichem Auftrag entstanden, wurden literarische Hits. Das Adelspublikum in Flandern, der Champagne oder England kam über sie ins Grübeln: Was ist eigentlich ein richtiger Edelmann?
In seinem letzten Werk, entstanden irgendwann zwischen 1180 und 1190, sprengte Chrétien das Erfolgsschema: Perceval, der Titelheld, ist so unbedarft wie noch keiner seiner Vorgänger, weil die Mutter ihn partout nicht Ritter werden lassen wollte. Draufgängerisch bringt er einen Herausforderer mit dem Wurfspieß um - die edlen Herren der Tafelrunde, die es zu hören bekommen, sind entsetzt.
Was tun mit dem Mörder? Zwar bricht Perceval wie seine Vorgänger zu weiteren Heldentaten auf - aber irgendetwas scheint mit ihm nicht zu stimmen.
Auf der Suche nach seiner Mutter zieht Perceval umher und kommt dabei an ein Flussufer. In einem verankerten Kahn sieht er zwei Männer; einer angelt. Von ihm hört Perceval, wo er nachts unterkommen könnte. Bald findet er das Steinhaus, und es erweist sich als Schloss mit Zugbrücke und allem Komfort: Sein Pferd wird versorgt, und dann bringt das Personal ihn in einen riesigen Saal, wo ein Mann - offenbar der Angler von vorhin - ihn im Liegen empfängt: Aufstehen könne er nicht, sagt er.
Perceval bekommt ein magisches schlagkräftiges Schwert geschenkt, aber nach dem Gebrechen seines Gastgebers erkundigt er sich nicht. Dann trägt ein Knappe eine weiße Lanze durch den Saal, von deren Eisenspitze Blut tropft. Andere Knappen kommen mit Leuchtern, und dann geschieht noch Seltsameres:
Einen Gral mit beiden Händen hielt ein Edelfräulein ... er strahlte so hell, dass das Kerzenlicht dagegen verblasste ... Der Gral war aus purem Gold, besetzt mit den kostbarsten Edelsteinen.
Üppiges Essen wird serviert - aber noch immer stellt Perceval aus Angst, sich falsch zu benehmen, keine Fragen. Offenbar kommt die Speise auf wundersame Art von diesem Gralsding, was immer es genau ist. Selbst beim exquisiten Nachtisch mit Datteln, Feigen und Granatäpfeln bleibt Perceval stumm.
Erst am nächsten Morgen wird ihm klar, dass das wohl unklug war: Im Schloss findet er keine Menschenseele mehr, und kaum reitet er verstört über die Zugbrücke ins Freie, rasselt sie wie von Geisterhand nach oben.
Erst nach und nach erfährt Perceval auf weiteren Irrfahrten, welch üblen Fehler er machte, als er schwieg. Bei einem reichen Fischerkönig sei er gewesen, der "zwischen den Hüften" verwundet sei und dahinsieche.
Mit einer einzigen Frage nach Lanze und Gral hätte er den König retten können. An einem Karfreitag schließlich klärt ein frommer Einsiedler ihn auch noch über den Gral auf:
Der, den man damit speist, ist mein Bruder; deine Mutter war unsere Schwester ... Der Gral ist etwas so Heiliges, ... dass er mit seiner Hostie allein den heiligen Mann nährt - seit fünfzehn Jahren schon.
Schön und gut - aber was ist der Gral denn überhaupt? Wo kommt er her? Weshalb wirkt er wie Dauerflutlicht, Allheilmittel und Tischleindeckdich zugleich, enthält aber wenig später einfach die Hostie des christlichen Abendmahls?
Chrétien de Troyes blieb die Antwort schuldig: Er hinterließ den "Conte du Graal" unvollendet. Gerade das aber lockte etliche Fortsetzer an: Sollten die bizarren Ereignisse Sinn haben, musste schließlich mehr auf dem Spiel stehen als die übliche Artusritter-Bewährung; verweisen doch schon Abendmahl und Heiligkeit auf Ewigkeitswerte - und erst die seltsamen Utensilien: Erinnert zum Beispiel die blutende Lanze nicht an den römischen Soldaten Longinus, der nach alten Legenden Jesus am Kreuz mit der Lanze stach?
Robert de Boron, ein Dichterkollege Chrétiens, erklärte die Sache mit dem strahlenden, lebenspendenden Wunderding verblüffend genau. Der Gral sei, so erzählte er in Anlehnung an das spätantike "Nikodemus-Evangelium" und weitere Quellen, nichts Geringeres als der Kelch des letzten Abendmahls, in dem Josef von Arimathäa bei der Kreuzigung das Blut Christi aufgefangen habe. Von den Juden wegen angeblichen Leichenraubs eingekerkert, habe Josef dank des wundertätigen Gefäßes überlebt, sei freigekommen - und habe prompt zum Schutz des Heiligtums eine Tafelrunde gegründet.
Josefs Schwager Bron (oder Hebron), ein Fischer, und dessen Sohn Alein sollten laut Himmelsbotschaften den wundertätigen Gral samt dem mündlichen Segen Christi an ihre Nachkommen weitergeben. Göttliche Offenbarungen hätten die Sippe dafür in den Westen gelockt, in ein unwirtliches Tal namens "Avaron". So sei die Reliquie nach Europa geraten - vielleicht gar auf jene Insel Avalon, die in den Rittergeschichten von Artus vorkommt und schon mal mit der realen Isle of Man vor Englands Westküste gleichgesetzt wurde.
Doch auch Robert de Boron hat seinen "Roman de l''estoire del Graal" nie vollendet. Natürlich sprangen andere für ihn ein. In einer der nächsten Versionen der Erzählung wurde Perceval zum Sohn Aleins, des Erben und Gralshüters.
In Wolfram von Eschenbachs mittelhochdeutschem "Parzival" (um 1210), einem gewaltigen Erzählmassiv nach dem Vorbild Chrétiens, ist zu erfahren, dass alljährlich am Karfreitag eine weiße Taube vom Himmel die heilende und speisende Kraft des Grals erneuert. Nur Auserwählte können ihn wahrnehmen. Die Gralsburg, in deren Tempel das Heiligtum ruht, heißt nun Munsalvaesche (vielleicht eine französierte Version von "Wildenberg").
Wolfram, einer der herausragenden Dichter des Mittelalters, löste die erzählerischen Rätsel auf eigene Art: Bei ihm hütet ein Elitekorps priesterlich eheloser "Templeisen" und vornehmer Damen das Kleinod, das hier nicht als Schale, sondern als Edelstein auftaucht.
Nur der Gralskönig selbst darf heiraten - eine Frau, deren Name bei gegebener Zeit auf dem Wunderklotz erscheint.
Bei Wolfram haben Gralssippe und Artuskreis gemeinsame Vorfahren, das Heilsmärchen wird zur riesigen Familiensaga. Überhaupt spiegelt die verwickelte Story den wildbewegten Beginn des 13. Jahrhunderts: Junge Männer suchen als Kreuzritter ihr Seelenheil, Daheimgebliebene stehen staunend
vor den ersten gotischen Kirchenfenstern, sowohl der Artushof (dem in der Realität etwa die glanzvolle, aber auch gefährdete Herrschaft der Stauferkaiser entsprach) als auch die Glaubensinstanzen scheinen in ihren Grundfesten erschüttert.
Tatsächlich wüteten in jener Zeit in Südfrankreich Feuer und Schwert gegen Widerstandsnester der sektiererischen Katharer, während in Paris Philosophen über Gottes wahres Sein disputierten. Klar, dass bei so viel Unsicherheit poetische Gespinste von rettenden Heiligtümern, Schatzsucherei und dunklen Mysterien viel Anklang fanden.
Mal rückte der Recke Lancelot ins Zentrum der Erzählung, der wie alle Ritter der Tafelrunde auf Befehl von König Artus den Gral sucht. Weil aber Lancelot der heim-
liche Liebhaber von Guinevere, Artus'' Frau, ist, kann der Sünder nur bis an die Schwelle des Grals gelangen; erst sein Sohn Galahad wird wirklich zum heiligen Talisman vordringen - und dann auf unerklärliche Art der Welt entrückt.
Bei Wolfram dagegen ist es Parzival, der sich vom tumben, sündhaften Toren erst zum noblen Artusritter und dann bis zum Heilshelden emporarbeitet - und schließlich in der Gralsburg die entscheidende Mitleidsfrage stellt, die den siechen Herrscher erlöst.
Der weise, seherische Zauberer Merlin und der liebeskranke Tristan sind nur einige der vielen Helden, deren Erlebnisse sich rund um den unentwegt wundertätigen Gral ranken, den nur sündenreine Übermenschen erreichen. Die Kraft der inzwischen schier uferlosen Saga mit ihren seltsamen christlichen Einsprengseln nutzten sogar die Kleriker: 1191 behaupteten Mönche im Kloster Glastonbury, sie hätten die sterblichen Überreste von Artus und Guinevere auf ihrem Friedhof entdeckt - ein mittelalterlicher Marketing-Gag, der bis heute Touristen nach Südwestengland lockt.
Erst zur Lutherzeit kam der krause Stoff allmählich aus der Mode. Rittertum war nur mehr Kulisse; über seine seltsamen Tugendvorstellungen konnte das neue bürgerliche Zeitalter allenfalls nostalgisch lächeln oder amüsiert kichern - ein letzter Abgesang war Cervantes'' geniale Abenteurersatire "Don Quijote" (1605/15).
Allerdings: Total vergessen wurden die Gralsritter nie. Und im 18. Jahrhundert beugten sich Literatur- und Sprachkundler plötzlich wieder über die alten Pergamente - zur gleichen Zeit, als quer durch Europa Freimaurerbünde entstanden, Umstürzler mit Ritterdecknamen konspirierten und Heilsquacksalber jahraus, jahrein neue Hysterien und Mysterien verbreiteten.
Der Sturm der Französischen Revolution war vorüber und Napoleons Reich zerfallen, da wartete der renommierte Orientalist Joseph von Hammer-Purgstall - Stichwortgeber für Goethes "West-östlichen Divan" - mit einer Theorie auf, die den alten Geschichten frische Brisanz verlieh: Die Sage vom Heiligen Gral, so der Wiener Forscher, sei nichts anderes als ein finsterer Ketzerkult, wie auch die Tempelritter ihn gepflegt hätten - weshalb wohl hüteten bei Wolfram von Eschenbach "Templeisen" den Gral?
Damit öffnete Hammer-Purgstall ein Fass, in dem es schon seit einiger Zeit rumort hatte.
Der Kreuzritterorden der Templer war 1119 in Jerusalem als eine Art Fremdenlegion zum Schutz der heiligen Stätten und der christlichen Pilger gegründet worden.
Anfang des 16. Jahrhunderts aber berichtete der Zaubereispezialist Heinrich Cornelius Agrippa von Nettesheim ganz nebenbei, die Gottestruppe sei der "üblen Ketzerei" beschuldigt worden.
In der Tat hatte 200 Jahre zuvor, am Freitag, dem 13. Oktober 1307, Frankreichs Staatsführung zum Vernichtungsschlag gegen den Templerorden ausgeholt. Reihenweise waren Ritter eingekerkert, gefoltert und zu Geständnissen gezwungen worden; das stattliche Vermögen der Organisation,
die (als eine Art Vorläufer der ersten internationalen Banken) große Summen verwaltet hatte, blieb beschlagnahmt. Eine beispiellose Razzia - offiziell begründet mit dem Vorwurf verschwörerischer Ketzerei. Bald kursierten Gerüchte, beim verblüffend raschen Aufstieg der mönchischen Miliz sei ein Geheimnis im Spiel gewesen.
Die Rede war etwa von grässlich-blasphemischen Aufnahmeriten: Ordensneulinge hätten auf Christusbilder spucken oder die Geschlechtsteile ihrer neuen Oberen küssen müssen. Die Historiker der Aufklärung fanden keinerlei Beweis - und nahmen darum Partei für die Templer. So stellte Lessing 1779 in seinem Toleranzdrama "Nathan der Weise" demonstrativ einen "Tempelherrn" als sympathischen Vertreter des Christentums auf die Bühne.
Doch längst gab es wieder einen dunklen Kult um die Tempelritter. Deutsche Freimaurer verbreiteten, sie hätten alte Reliquien und Dokumente gefunden, die durch ein paar vorgewarnte Templer, den innersten Zirkel gewissermaßen, über die Razzia von 1307 und den Feuertod des letzten Großmeisters 1314 hinaus weitergegeben worden seien, möglicherweise nach Schottland. Wer sie finde, werde auch den sagenhaften Schätzen des Ordens auf die Spur kommen.
Wenig später gründeten Geheimniskrämer in Deutschland, England und den USA eigene Templerlogen mit Rittergraden und besonderen Zeremonien. Das geistig-politische Fieber der Französischen Revolution heizte die Neugier aufs Okkulte weiter an.
Die Templer seien Teil einer viele Jahrhunderte alten Verschwörung gegen die Obrigkeit, schrieb der Anarchist Louis Cadet de Gassicourt um 1796. Aber auch sein Widersacher Augustin de Barruel, ein Jesuit, war überzeugt: "Alles hängt zusammen, von den Katharern zu den Albigensern, den Tempelrittern und von dort zu den jakobinischen Freimaurern; alles zeigt denselben Ursprung."
Kurz darauf erfand ein geschäftstüchtiger französischer Arzt namens Ledru eine Templerordensregel, die von 1324 stammen sollte, also aus einer Zeit lange nach der amtlichen Vernichtung und päpstlichen Verurteilung der Organisation. Mittelalterlich kostümiert zogen 1808 die Ritter eines neugegründeten Templerordens in der Pariser Kirche St. Paul auf, zum Gedenken an den einst als "Märtyrer" gemordeten Großmeister. Auch Reliquien wie Knochenreste und Waffen gab es zu sehen.
Selbst Fachleute fielen auf den Mummenschanz herein - darunter auch Joseph von Hammer-Purgstall. In einer langen Studie über den "Baphomet", ein dubioses Götzenbild, das angeblich von den Templern verehrt worden war, baute er seinen
Verdacht noch aus, bis Gralsritter und Templer zu Gliedern einer langen Kette "gnostischer", aus heidnischen Hell-dunkel-Mysterien inspirierter Sektierer geworden waren. Sogar die Verehrung des Phallus hätten sie von ihren antiken Vorläufern übernommen, schrieb er entsetzt.
Die scheinbare Entdeckung, verkündet von einem renommierten Wissenschaftler, wirkte so überzeugend, dass in den folgenden Jahrzehnten immer wildere Geschichtsklitterungen entstanden: Um 1860 waren viele Intellektuelle überzeugt, dass Grals- und Tempelritter die Bannerträger einer nie erloschenen, urheidnischen Opposition gegen kirchliche Denkzwänge und staatliche Tyrannei gewesen waren.
Bis zum Geheimnis von der Blutlinie Jesu, das Dan Browns "Sakrileg" antreibt, fehlte nun nicht mehr allzu viel. Die Zutaten lieferten ein paar Mythenköche im 20. Jahrhundert:
* Der britische Volkskundler Alfred Nutt und seine Schülerin Jessie Weston verfochten seit 1902 die These, dass die "Gralskirche" mit ihrer "Ritter-Priesterschaft" Hüterin eines wahren, von Rom unterdrückten Glaubens gewesen sei;
* der Schriftsteller Otto Rahn fahndete nach dem Gralsschatz in Ruinen alter Katharerburgen; nach Lektüre von Rahns Buch "Kreuzzug gegen den Gral" (1933) holte Heinrich Himmler ihn 1936 zur Ketzerforschung in die SS, doch schon im März 1939 fand man Rahn erfroren am Bergmassiv Wilder Kaiser in Tirol - ein perfekter Tod für Verschwörungsgläubige;
* Louis Charpentier und sein Landsmann Gérard de Sède machten etwa seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs aus den Geheimnissen der angeblich weiter existierenden Templerbruderschaft eine Schatzsuche kreuz und quer durch Frankreich ("Die Templer sind unter uns oder das Rätsel von Gisors");
* der Franzose Pierre Plantard, ein vorbestrafter Sympathisant des Nazi-freundlichen Vichy-Regimes, der sich mit pseudohistorischen Verschwörungstheorien auskannte, fabrizierte mit Helfershelfern seit den fünfziger Jahren ein Dossier aus angeblichen Dokumenten, das belegen sollte, der Kreuzfahrer Gottfried von Bouillon sei Nachfahre der merowingischen Könige und zudem Gründer einer Bruderschaft namens "Prieuré de Sion" (Priorat von Zion) gewesen.
Großmeister der elitären Untergrundgemeinschaft sollten - hier wird die fröhliche Fiktion zur Geschichtsfälschung - Kulturleuchten wie der Renaissance-Maler Sandro Botticelli (1445 bis 1510), der Physiker Isaac Newton (1643 bis 1727), der Romancier Victor Hugo (1802 bis 1885) und sein Landsmann, der Komponist Claude Debussy (1862 bis 1918), gewesen sein. Auch der Universalgelehrte Leonardo da Vinci, so die Liste, habe neun Jahre lang an der Aus dem Gral und der Suche nach ihm hat sich jede Epoche neue, kraftvolle Dichtungen zurechtgezimmert, wie sie auf die Gegenwart passten - und so immer neue Gralsbilder geprägt.
Im riesigen, erst 1997 gedruckten "Parcival" (1831/32) des deutschen Romantikers Friedrich de la Motte Fouqué, einem Monstrum von über 500 Manuskriptseiten aus Lyrik, Drama und Erzählabschnitten, wird deutlich: Der Autor, ein utopischer Reaktionär im Dampfmaschinenzeitalter, hoffte allen Ernstes auf eine neue heile Ritterwelt.
In Karl Leberecht Immermanns Gralssage "Merlin", fast zur selben Zeit entstanden, scheitert dagegen der Plan, das magische Gefäß "heimzuführen auf der Bahn des Geistes": Die Ritterrunde der Gralssucher zerfällt, der Heilskelch entschwindet aus dem sündigen Europa nach Osten.
1882 dann bündelte Richard Wagner in seinem letzten Werk "Parsifal" den Gralsmythos radikal: Bis heute ist das Bayreuther "Bühnenweihfestspiel" für Fans ein Heiligtum - mit Orakelversen ("Zum Raum wird hier die Zeit"), kultisch verknappter Handlung und einer Tonsprache, in der Licht und Schatten, Gut und Böse wie in einem magischen Kristall zu funkeln scheinen.
Wagner hatte sich von neueren Verschwörungstheorien nicht beirren lassen und lieber in den alten Dichtungen nachgelesen. Auch bei ihm findet der junge ahnungslose Sünder die Gralsburg, wird als "reiner Tor" auf die Probe gestellt, stellt dem siechen König Amfortas nicht die erhoffte Frage und muss in Schande fortziehen.
Dass er dennoch der ersehnte Retter ist, beweist der Titelheld dann auf neue Art: Er überwindet den machtbesessenen Zauberer Klingsor, der mit teuflisch-schönen "Blumenmädchen" viele Gralsritter behext, ihnen dann sogar den heiligen Speer geraubt und Amfortas damit verwundet hatte.
Die von Klingsor als letzte Waffe eingesetzte Botin Kundry, eine ruhelose Welt- und Zeitenwanderin, die einst Christus am Kreuz verlacht hat, bringt den Helden mit
einem Kuss der Verführung vollends zur Einsicht, worin seine wahre Aufgabe liegt: Die Burg wiederzufinden und das Erlösungswerk zu vollbringen - was dann auch geschieht.
Raffiniert wie seine mittelalterlichen Vorbilder verwob Wagner so Erotik und Askese, christlichen und heidnischen Symbolzauber. "Die Wunde schließt der Speer nur, der sie schlug", verkündet Parsifal, erlöst damit den Gralskönig und wird sein Nachfolger. Kunstvoller hätte das alte Mysterium von Reinheit, Auserwählung und Lebensirrfahrt nicht erneuert werden können.
Natürlich war Wagners fulminantes Schlusswerk kein Schlusswort in Sachen Gral. Aber ein Wendepunkt: Niemand hat dem Pathos der Symbole seither noch so viel zugetraut wie der Bayreuther Klangmagier. Heilssuche und Ritterehre sanken zum Fundus ab wie das Alte Rom oder der Wilde Westen - zu einer Kostümkammer, aus der sich jeder nach Lust und Laune bedienen konnte.
Den Anfang machte der amerikanische Satiriker Mark Twain - und er legte gleich richtig deftig los. Sein Roman "Ein Yankee aus Connecticut an König Artus'' Hof", 1889 erschienen, führte die Ritter- und Gralsglorifizierung ad absurdum: Nach einem Schlag auf den Kopf findet sich ein Amerikaner im Kreise von König Artus wieder - Camelot sei "wahrscheinlich der Name einer Irrenanstalt". Dort entgeht er nur knapp dem Tod auf dem Scheiterhaufen, dann macht der Ami als Magier Karriere. "Inmitten der Geister und Schatten, des Staubs und Moders des grauen Altertums" (Twain) zaubert er zum Beispiel 500 Ritter zur Rettung des Königs herbei. Der Clou: Die Edelmänner kommen hoch zu Fahrrad.
Ohne Pferde müssen auch die verarmten Gralssucher in der großartigen Filmsatire "Monty Python and the Holy Grail" (1975) auskommen. "Die Ritter der Kokosnuss", so der deutsche Titel, gehen zu Fuß; doch immerhin imitieren ihre Knappen royales Pferdegetrappel, indem sie halbierte Kokosnüsse zusammenschlagen.
Monty Python, die legendäre britischamerikanische Komikertruppe um John Cleese, stellt König Artus, Sir Lancelot und Co. als eine Horde grenzdebiler Chaoten dar, die gegen ein Killer-Kaninchen, geile Jungfrauen und tückische Franzosen antreten müssen. Denn Gott höchstpersönlich - er hat hier erstaunliche Ähnlichkeit mit Karl Marx - erscheint am Himmel und beauftragt die Ritter, den heiligen Pott zu suchen. So viel vorweg: Sie finden ihn nicht.
Immerhin: Die Pythons suchten an einer vertrauten Stelle. Gedreht wurde die Gralslegenden-Parodie nämlich in Schottland, wo auch Dan Browns Spurensucher auf wichtige Hinweise stoßen. Die letzte Spur führt Artus (Graham Chapman) und Sir Bedevere (Terry Jones) zum Castle Stalker an der schottischen Westküste. Doch in der Burg wartet nicht der Heilige Gral, dort lauern fluchende Franzosen, die die Ritter als "britische Bettnässer" verhöhnen. Zudem nimmt die Polizei Artus und Bedevere bald fest - sie stehen unter Verdacht, einen Gralsforscher ermordet zu haben.
Doch Artus und seine Getreuen haben auch diesen Spott überstanden. Ein paar Jahre später waren sie, ungleich heldenhafter, wieder da - im Kino, auf der Bühne, in Romanen. John Boormans Film "Excalibur" (1981), Tankred Dorsts Drama "Merlin oder Das wüste Land" (1981) und Marion Zimmer Bradleys Fantasy-Schmöker "Die Nebel von Avalon" (1982) spannen den Gralshüter-Mythos weiter. Die Populärkultur des vermeintlich rationalen 20. Jahrhunderts, so zeigte sich, konnte aus der Gralslegende neue Erzählfunken schlagen.
So ließen bald auch die erfolgreichsten Filmemacher Hollywoods nach dem Gral fahnden. Steven Spielberg (Regie) und George Lucas (Produktion) schickten im Jahr 1989 zwei Stars auf Schatzsuche: Sean Connery und Harrison Ford spielen im Abenteuerspektakel "Indiana Jones und
der letzte Kreuzzug" Vater und Sohn - und sie spielen gekonnt mit dem Mythos vom Gral. "Archäologie ist die Suche nach Fakten", lehrt Jones junior (Ford) zu Beginn des Films seine Studenten, "nicht nach der Wahrheit. Wenn Sie an der Wahrheit interessiert sind - die Philosophievorlesung ist am Ende des Ganges".
Kurze Zeit später beugt sich Jones über eine alte Steintafel, die angeblich den Weg zum Gral weist. "Die Artuslegende. Wir alle haben uns schon an diesen Gute-Nacht-Geschichten erfreut", sagt er lässig. Und dann nimmt er die Suche auf. Der Film spielt 1938, deshalb sind auch böse Nazis und andere Dunkelmänner hinter dem Kelch her.
Am Ende der Verfolgungsjagd - nach einer Odyssee von Venedig über Berlin Richtung Orient und einer Reihe von beinahe tödlichen Prüfungen - findet Indiana Jones den Kelch in einer Grotte bei Alexandrette, dem heutigen Iskenderun nahe der türkisch-syrischen Grenze.
1938 war Alexandrette die Hauptstadt der Republik Hatay; dieser Zwergstaat, ein Konstrukt der französischen Kolonialherren, verschwand ein Jahr später von der Landkarte, was ihn zum perfekten Gralsversteck prädestiniert. Spielberg allerdings drehte diese Szenen nicht in der Türkei, sondern ein paar hundert Kilometer entfernt, in Petra, der Gräberstadt in Jordanien.
Im Film wacht ein altersschwacher Ritter über den Gral, der als "Becher eines Zimmermannes" (Jones) nur ein schmuckloses Tongefäß ist. Ein Schluck aus dem Pott, so verkündet der Ritter, verheiße "immerwährendes Leben". Auf eine Schusswunde gegossen, wirkt das heilige Gralswasser jedenfalls wie Toilettenreiniger: Es brodelt und zischt, dann ist das Blut verschwunden.
Komischer Zauber - das Kinopublikum jedenfalls liebte die ironische Legendenfortschreibung à la Hollywood: "Indiana Jones und der letzte Kreuzzug" ist heute ein moderner Klassiker.
Der Gral ließ auch andere Filmemacher nicht ruhen. Der ehemalige Monty-Python-Mann Terry Gilliam, einst Co-Regisseur bei den "Rittern der Kokosnuss", ließ 1991 in seinem komödiantischen Melodram mit dem bildungssatten Titel "König der Fischer" einen geistesgestörten New Yorker nach dem Gral suchen. Der verwirrte Kauz, ein selbsternannter Ritter, gespielt von Robin Williams, ortet das Gefäß - "so etwas Ähnliches wie Jesus'' Saftglas" - im Penthouse eines Milliardärs in Manhattan. Dort steht das gute Stück tatsächlich. Es erweist sich zwar nur als Sportpokal, wirkt aber trotzdem Wunder, indem es den Kranken von seinem Wahnsinn heilt.
Der neueste Kinofilm, der sich des Gralsmythos bedient, ist vor allem am schnöden Mammon interessiert: "Das Vermächtnis der Tempelritter", ausgeheckt von Hollywoods Chefpyromanen Jerry Bruckheimer, füllt eine ganze Schatzkammer.
Bruckheimer, ganz der gute Amerikaner, will den Zuschauern weismachen, der fabelhafte Goldschatz aus dem Nachlass der Tempelritter sei den US-Gründervätern in die Hände gefallen. Ohne sich um lästige Eigentumsfragen zu kümmern - im Original heißt der Film "National Treasure", Nationalschatz -, versteckten die Staatsgründer das Zeug. Zum Glück hinterließen sie genug Hinweise, um 230 Jahre später einige Schatzsucher neugierig zu machen. Produzent Bruckheimer legt Wert auf die Feststellung, sein Film sei schon vor der Veröffentlichung von Dan Browns Roman "Sakrileg" in Arbeit gewesen.
Dass der Gral die Menschen auch weiterhin in seinen Bann schlagen wird, dafür hat Brown mittlerweile selbst gesorgt. Nach monatelangem Poker verkaufte er die Filmrechte an "The Da Vinci Code" für sechs Millionen Dollar an Sony Pictures. Regisseur Ron Howard ("A Beautiful Mind") will im nächsten Jahr mit den Dreharbeiten beginnen; die Hauptrolle, den Harvard-Professor Robert Langdon, wird Tom Hanks spielen. Im Jahr 2006 soll der Film in die Kinos kommen.
Dass bis dahin ein Gral, am Ende gar der echte, gefunden wird, ist nicht zu befürchten. Das Geheimnis seines Erfolgs, quer durch die Kulturgeschichte der vergangenen 800 Jahre, ist ja gerade, dass das Rätselding auf ewig im Nebel von Vermutungen und Andeutungen, Tatsachen und Halbwahrheiten verborgen bleibt. Dan Brown hat, in einer ironischen Volte, diese Erkenntnis einer seiner Romanfiguren in den Mund gelegt: "Das Geheimnis des Grals, sein Rätsel und die Mythen, die sich um ihn ranken, dienen unseren Zielen besser, als seine Enthüllung es je könnte. Der Reiz des Grals liegt in seiner Unfassbarkeit."
Am Ende der Schnitzeljagd durch die Geschichte darf bei Brown jeder seine Version der Legende weiterglauben: "Für manche ist der Gral ein Kelch, der ewiges Leben verspricht. Für andere bedeutet er die Suche nach verlorenen Dokumenten und nach einem Geheimnis der Geschichte. Und für die meisten ist der Gral lediglich eine faszinierende Idee, wie ich vermute ... ein wundervoller, phantastischer, aber unerreichbarer Schatz, der uns sogar in der heutigen modernen, chaotischen Welt noch zu inspirieren vermag."
Das klingt versöhnlich, und vielleicht findet der Sucher der großen Thrillererschütterungen dorthin zurück, wo die wirklich erregenden Geheimnisse der Kultur liegen: auf die Insel der Kunst. Angesichts von Leonardos "Abendmahl" interessiert sich Brown vor allem für den fraulich gemalten Jesus-Lieblingsjünger Johannes, der mit seiner rötlichen Haarpracht Maria Magdalena darstellen könnte - der angebliche Großmeister und Geheimnisverwalter Leonardo habe so sein Geheimnis der Menschheit mitteilen wollen.
Aber Leonardo steht über seinem Entzauberer Brown. Der französische Kunsthistoriker Daniel Arasse erkannte in dem Gemälde vom Abendmahl nicht weniger als die Ankunft der Ewigkeit in der Zeit.
Und das ergäbe erst mal einen Thriller.
NIKOLAUS VON FESTENBERG,
JOHANNES SALTZWEDEL, MARTIN WOLF
* Illustration aus der Manessischen Handschrift (frühes 14. Jahrhundert). ** Dan Brown: "Sakrileg". Aus dem Amerikanischen von Piet van Proll. Lübbe Verlag, Bergisch Gladbach; 608 Seiten; 19,90 Euro. * Illustration in einer Handschrift des "Roman de l''estoire del Graal", 15. Jahrhundert. * Gemälde "Parzival entdeckt die Gralsburg" von Martin Wiegand (1934).
Von Nikolaus von Festenberg, Johannes Saltzwedel und Martin Wolf

DER SPIEGEL 52/2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 52/2004
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Die letzte Lebensglut“

  • Riesige Sturmwolke: Gleich geht die Welt unter...
  • "Mich hat das Auto immer fasziniert": Niki Lauda im Interview (1993)
  • Experiment: Was passiert mit Duschgel im Vakuum?
  • Hochwasseralarm: Tief "Axel" bringt Überschwemmungen