27.12.2004

AUSSENPOLITIKSchulter an Schulter

Gerhard Schröder und Russlands Präsident Wladimir Putin pflegen ihren eigenen, fast kindlichen Freundschaftskult. Die schnöde Wirklichkeit bleibt ausgesperrt.
Tapfer lächelt die Familienministerin. In ihren Armen hält sie einen stämmigen, mittelgroßen Herrn im dunklen Anzug, der nicht mehr weiß, wohin mit seinen Gefühlen. Renate Schmidt hat Verständnis für den Mann. Es ist schließlich der Kanzler, der ihr spontan um den Hals gefallen ist.
Renate Schmidt hat Gerhard Schröder die ganze Zeit beobachten können an diesem Montagabend im Kaisersaal des alten Hamburger Rathauses. Sie sah, wie er einen halben Schritt hinter Wladimir Putin stand und es trotzdem schaffte, mit seiner Schulter die Schulter des russischen Präsidenten zu berühren. Oder wie er keine Gelegenheit ausließ, seinem Gast auf den Arm zu klopfen, ihn zu knuffen, zu streicheln, zu tätscheln.
So als würde ständige Reibung auch zwischen Staats- und Regierungschefs irgendwann Wärme erzeugen. Die Wärme der Freundschaft.
Zwischendurch grinste der Kanzler seine Ministerin an und winkte ihr ausgelas-
sen zu. Stolz wie ein Zehnjähriger auf seinen großen Bruder. Seht her, signalisierte der Deutsche, das ist mein Kumpel, und wir gehören zusammen. Und Renate Schmidt hat voller Verständnis zurückgelächelt. Schließlich weiß sie, wie gern ihr Chef seinen Freundschaftskult mit dem russischen Präsidenten zelebriert.
Das wurde schon klar, als er am Nachmittag seinen Gast am Hamburger Flughafen Fuhlsbüttel an die Brust zog. Danach ließ er Putin, der mit einer gewaltigen Delegation und vier Flugzeugen zu den "7. deutsch-russischen Regierungskonsultationen" angereist war, kaum noch los.
Nicht, als er ihn lächelnd - die Hand auf dem Rücken seines Freundes - über den roten Teppich führte, und auch nicht, als ein Reporter den vergeblichen Versuch startete, die beiden auf die undurchsichtige Zerschlagung des Jukos-Konzerns anzusprechen. Was für eine Frage! Sie wurde ignoriert wie fast alle kritischen Bemerkungen in den kommenden 24 Stunden.
Als die Journalisten am nächsten Tag auf der großen Pressekonferenz im schleswigholsteinischen Schloss Gottorf die heiklen Themen ansprechen, werden sie ein über das andere Mal belächelt - oder angeraunzt. Der Krieg in Tschetschenien? "Es gibt seit drei Jahren keinen Krieg mehr in Tschetschenien", bellt Putin ungehalten auf Deutsch, "ist schon vorbei. Die Leute können ruhig nach Hause gehen, frohe Weihnachten!"
Die Zerschlagung und die teilweise Versteigerung des russischen Ölkonzerns Jukos? Alles laufe "in voller Übereinstimmung mit dem russischen Gesetz", versichert der hohe Gast, und der Kanzler nickt. Natürlich könne und wolle man nicht verhindern, sagt Schröder lapidar, "dass in einer freien Presse gelegentlich auch Kritisches über die Länder und über uns berichtet wird". Aber, fügt er dann hinzu, das werde "an den freundschaftlichen Beziehungen zwischen uns nichts ändern".
Nichts soll die Harmonie zwischen den beiden trüben. Die unschöne Wirklichkeit wird dabei systematisch ausgeblendet, und Putin dankt es dem Freund auf seine Art. Sooft er das Gefühl hat, dass die Kameras für einen kurzen Moment von ihm ablassen, lösen sich seine häufig vereisten Gesichtszüge. Dann tippt der Kreml-Herr seinen Gastgeber an, beugt sich zu ihm und plaudert lächelnd. Es ist nur eine kleine Geste, doch sie reicht, um den Kanzler glücklich zu machen.
Schließlich ist Gerhard Schröder nach Hamburg gereist, um vor aller Welt seine außergewöhnliche Freundschaft zu demonstrieren. Sorgfältig hat er die Räume ihrer Auftritte und ihres Zusammenseins auswählen lassen, wo er Putin ein kleines Paradies bereitet. Hamburg sei die schönste Stadt Deutschlands, revanchiert sich der Russe artig.
Umgeben von wilhelminischem Pomp tragen sich Präsident und Kanzler im Kaisersaal des Rathauses ins Goldene Buch der Freien und Hansestadt ein. Im holzgetäfelten Traditionsrestaurant "Deichgraf",
wo es gemütlich eng ist, essen sie zu Abend. Im Dreimaster "Rickmer Rickmers" hören sie sich die Lieder eines Shanty-Chors an.
Vor dem Kaminfeuer im Hotel Atlantic begrüßt Udo Lindenberg sie zu später Stunde mit einem Eierlikör. Im ICE von Hamburg nach Schleswig am nächsten Tag trinken Putin und Schröder in einem Abteil Tee, zwischen sich eine Schale mit Bonbons.
Im Hirschsaal von Schloss Gottorf schließlich nehmen sie, umstellt von Bildern mit friedlichen Waldtieren, ein verspätetes Mittagessen ein. Über Schloss, vereistem See und Schilf sinkt dabei die Wintersonne - schöner kann es nur noch in Hannover sein. Und so fährt Putin mit seinem Freund in dessen Reihenhaus, um Viktoria, des Kanzlers russischer Adoptivtochter, Christbaumkugeln zu überbringen.
Erst im vergangenen April hatte der Kreml-Chef in Hannover den 60. Geburtstag Schröders mitgefeiert - und ihm den Auftritt eines Kosaken-Chors als Geschenk mitgebracht.
Ihre Freundschaft habe Anfang 2001 begonnen, erzählt der Kanzler bereitwillig. Zusammen mit ihren Ehefrauen feierten sie da in Moskau orthodoxe Weihnachten und kutschierten mit dem Pferdeschlitten durch den Wald: "Wir haben ganz lange in der Nacht geredet. Daraus ist eine Beziehung über das Politische hinaus entstanden."
Und sie entdeckten wechselseitig ihre Vorliebe für Feste und Folklore. Man traf sich zum Bankett auf Restaurantschiffen, zur Dampferfahrt mit Balalaika- und Quetschkommodenklängen, in alten Kirchen und Kulturstätten zwischen Moskau, St. Petersburg, Weimar und Berlin.
Häufig wählten sie dabei Orte aus, die auch die Phantasie abenteuerlustiger Jugendlicher beflügeln würden. So verschwanden Kanzler und Präsident etwa in einer engen Hamburger Hafengasse und verkrochen sich in den Winkeln eines alten Restaurants.
Und so soll es auch weitergehen. In Schloss Gottorf kündigten die beiden Staatsmänner an, ihre künftigen Treffpunkte "geografisch auszudehnen". Das nächste Tête-à-Tête soll in Sibirien stattfinden.
Alle schwierigen und umstrittenen Themen - so scheint es - sollen dagegen auf anderer Ebene besprochen werden. Von Männern wie dem SPD-Fraktionsvize Gernot Erler zum Beispiel, den Schröder Mitte November in aller Stille zu Putin nach Moskau schickte. Unter vier Augen tauschte sich das ungleiche Paar über den Kaukasus, die Rechtsstaatlichkeit und den Umgang mit Terroristen aus. Ja, sein Land, bestätigte der Präsident auf Schloss Gottorf, sei bereit, über den Tschetschenien-Konflikt "mit Deutschland und Europa offen zu reden".
Und der Kanzler nickte zufrieden.
CHRISTOPH SCHMITZ
* Am 21. Dezember im ICE von Hamburg nach Schleswig.
Von Christoph Schmitz

DER SPIEGEL 53/2004
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