27.12.2004

FALSCHGELDEinzigartige Qualität

Erstmals seit Einführung des Euro ist in Deutschland eine professionelle Fälscherwerkstatt aufgeflogen - die Polizei hatte eigentlich nach Rauschgift gefahndet.
Im märkischen Caputh hat der Fortschritt Tradition. Bereits im Sozialismus blühten hier die Landschaften - vor allem in der örtlichen GPG "Aufstieg". Denn sie war die erste Gärtnerische Produktionsgenossenschaft der Deutschen Demokratischen Republik, die das Bedürfnis der Werktätigen nach Gurken und Nelken planmäßig befriedigte.
Rund 15 Jahre nach der Wende wuchern wilde Birken zwischen den maroden Treibhäusern. Der Geist der Progression weht jedoch noch immer durchs Gelände - wenn auch eher im kapitalistischen Sinn. Die neue Zeit, so mussten Potsdamer Polizisten des Kommissariats für besondere Delikte bei einer Razzia in den frühen Morgenstunden des 16. Dezember erkennen, treibt neue Blüten: Im Schatten von 376 sorgsam gehegten Rauschpflanzen der Gattung Cannabis sativa entdeckten die staunenden Fahnder eine Druckmaschine nebst halbfertigen 50-Euro-Noten - die gleichwohl "eine bislang einzigartige Qualität" aufweisen, wie ein Staatsanwalt erklärt. Auch die eilends eingeflogenen Falschgeldexperten der Bundesbank sprachen von einer "erstmaligen Feststellung dieser Art in Deutschland".
Zwar waren die Geldscheinbögen erst einseitig bedruckt, aber die Perfektion der Fertigung, mitsamt Wasserzeichen und Mikroschrift, so erste Analysen, öffnet ein neues Kapitel in der Geschichte der Geldfälschung: Knapp drei Jahre nach Einführung der vermeintlich fälschungssicheren Europa-Währung ist in der Bundesrepublik zum ersten Mal eine Fälscherwerkstatt aufgeflogen, die über höchst professionelle Ausstattung verfügte - und deren Betreiber offenbar den großen Reibach planten. In der alten GPG lagerte schon Spezialpapier für Scheine im Nennwert von geschätzt einer Million Euro.
"Außergewöhnlich", heißt es im Polizeibericht, sei der Fall, besonders die "Intensität der Vorbereitungshandlungen" sowie die "Organisation" unterscheide ihn von allen zuvor. Denn bisher, so das Landeskriminalamt, seien einheimische Fälscher über das schnöde Ablichten von Euro-Scheinen mit Hilfe von Farbkopierern kaum hinausgekommen. Auch die zumeist in Osteuropa gefertigten Scheine waren für Experten in der Regel schnell zu erkennen.
In Brandenburg hingegen tüftelte man sogar an der Fälschung der hauchdünnen, glänzenden Sicherheitshologramme und setzte beim Pressen der Noten professionell gefertigte Druckplatten ein, wovon eine mit der mysteriösen Kennung "Universität Berlin" versehen ist.
Nur eines verwundert die Ermittler: der Kontrast zwischen der Professionalität bei der Fälschung und dem Dilettantismus bei der Tarnung. Denn die mutmaßlichen Falschmünzer hatten ihre Werkstatt ausgerechnet hinter einer illegalen Haschplantage aufgebaut. Als Mieter der früheren Gewächshauswirtschaft fungierte die im Oktober 2002 gegründete Potsdamer Firma "Botanico", deren Inhaber Jens H., 34, sich offiziell auf die "Vermietung von Topfpflanzen" spezialisiert hat.
Doch um die konspirativen Fähigkeiten des Pflanzenfreundes, der wegen diverser Verkehrsdelikte polizeibekannt ist und Stromrechnungen für die Gartenbauanlage seit Monaten nicht mehr bezahlte, stand es offenbar nicht zum Besten: Aufmerksame Nachbarn in Caputh schöpften Verdacht und petzten die klandestine Plantage über die virtuelle "Internetwache" der Brandenburger Polizei.
Als sich die Ordnungsmacht dann in der Dämmerung an die alte GPG heranpirschte, stieß sie gegen 6.50 Uhr nicht nur auf ihr Zielobjekt "Gewächshaus", sondern zufällig auch auf die diskrete Druckerei und zwei ihrer mutmaßlichen Wächter, die sich - unweit eines mit leeren Getränkeflaschen gefüllten Containers - in tiefem Schlummer befanden. Sie hatten keine Gelegenheit mehr, ihre gefährlich frisierten Schreckschusspistolen zu ziehen.
Die erkennungsdienstliche Behandlung nach der Festnahme der Beschuldigten ergab, dass es sich bei Hasan Y., 42, um einen deutsch-iranischen Geschäftsmann mit Wohnsitz in Berlin handelt, während sein Kumpan Ulandzislau L., 32, aus Weißrussland stammt und sich angeblich illegal in Deutschland aufhält.
Jetzt müssen sich beide wegen des Verdachts bandenmäßiger Geldfälschung und des Verstoßes gegen das Betäubungsmittel- sowie das Waffengesetz verantworten. Jens H. muss sich fragen lassen, was er vom Treiben der beiden Männer gewusst hat.
Und für die Brandenburger Fahnder beginnt nun die Detailarbeit. Noch ist unklar, wer hinter dem Caputher Trio steckt. Die Ermittler vermuten die Auftraggeber der botanischen Falschgeld-Connection in einem benachbarten Biotop: in der Berliner Unterwelt. SVEN RÖBEL, JENS TODT
Von Sven Röbel und Jens Todt

DER SPIEGEL 53/2004
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