27.12.2004

TERRORISTEN„Ein verlorener Junge“

Der Jordanier Shadi Abdallah ist der Kronzeuge in deutschen Verfahren gegen Qaida-Angeklagte. Doch es mehren sich Zweifel an der Glaubwürdigkeit des angeblichen Bin-Laden-Leibwächters.
Er war Islamist und hat doch getrunken, sogar richtig viel: 20 Bier habe er kippen können, ohne aus dem Ruder zu laufen, rühmt sich Shadi Abdallah. Er hat auch geraucht, 40 Zigaretten am Tag, und Haschisch noch dazu. Gestrenge Glaubensbrüder sehen so etwas nicht gern. Er hätte sich wohl, nach ihren Regeln, auch sexuell zurückhalten sollen.
Shadi Abdallah, 28 Jahre alt, 1,90 Meter groß, 89 Kilogramm schwer, vollbärtig, ist ein Mann wie ein Bär, aber er benimmt sich oft wie ein Teenager. Und er hat nie etwas wirklich gut gemacht in seinem Leben.
Als Schüler war der Jordanier schon lausig. Als Auszubildender brach er zwei Lehren ab. Als Leibwächter des Terrorführers Osama Bin Laden quittierte er nach zwei Wochen den Dienst. Und als Terrorist steckte er 25 000 Euro seiner Komplizen in die eigene Tasche, statt gefälschte Pässe zu kaufen.
Seine neueste Rolle ist die des wichtigsten Zeugen, des einzigen Kronzeugen in allen prominenten Gerichtsverfahren gegen mutmaßliche Qaida-Terroristen in Deutschland: Er sagt gegen die 11.-September-Verdächtigen Mounir al-Motassadeq und Abdelghani Mzoudi aus, die er in afghanischen Terrorlagern gesehen haben will. Und die Bundesanwaltschaft braucht ihn derzeit im Prozess gegen vier angebliche Getreue des irakischen Top-Terroristen Abu Mussab al-Sarkawi in Düsseldorf.
Doch auch die Rolle des Kronzeugen spielt Abdallah mäßig. Er liefert seinen Kritikern immer mehr Anlässe, an seiner Glaubwürdigkeit zu zweifeln. Sein verworrener Lebensweg, Details eines psychiatrischen Gutachtens, nachträgliche Korrekturen früherer Aussagen und scheinbare Unstimmigkeiten machen es ihnen inzwischen leicht, ihn anzugreifen.
Dabei macht Abdallah gerade international Karriere, weil kaum jemand so umfassend über das Innenleben von al-Qaida zu sprechen weiß. Die US-Regierung nutzt ihn jetzt als Zeugen. Noch vergangene Woche arbeitete die Uno daran, ihn auf deutschen Antrag von ihrer Liste der Qaida-Verdächtigen zu streichen. Damit ist er der Erste, der von der Weltgemeinschaft rehabilitiert wird.
Umso mehr hofft die Bundesanwaltschaft, dass nicht neue Zweifel an ihrem besten Mann laut werden. Die Ankläger brauchen Abdallah - zugleich aber neigt der dazu, sich um Kopf und Kragen zu reden.
Im April 2002 hatten ihn deutsche Fahnder in Krefeld festgenommen, als Mitglied der Islamisten-Gruppe al-Tawhid. Sofort begann er zu plaudern. Derart abenteuerlich klangen manche seiner Geschichten, dass ihm ein Beamter des Bundeskriminalamts (BKA) anfänglich entgegenhielt: "Es fällt schwer, dies zu glauben."
Abdallah gestand, er und weitere Beschuldigte hätten Anschläge auf jüdische oder israelische Ziele in Deutschland geplant. Er wurde im November 2003 zu vier Jahren Freiheitsstrafe verurteilt, kam vor sechs Wochen aber vorzeitig frei. Seine vier mutmaßlichen Komplizen stehen zurzeit in Düsseldorf vor Gericht, wahrscheinlich müssen sie für viele Jahre hinter Gitter. Als ihr Anführer gilt Sarkawi, heute der Drahtzieher des Terrors im Irak. Fahnder hatten etliche Telefonate zwischen Sarkawi
und seinen deutschen Gefolgsleuten mitgeschnitten.
Das BKA begann, Shadi Abdallah zu trauen, als sich viele seiner phantastischen Berichte mit den Inhalten ihrer Abhörprotokolle deckten. Abdallah lieferte darüber hinaus Hinweise auf Qaida-Leute, er verriet ein Waffenversteck, er zeichnete Pläne von Terrorcamps. Er hat etliche wertvolle und auch richtige Hinweise gegeben, er ist für deutsche Fahnder ein Juwel.
Aber hat Abdallah, wie so viele Kronzeugen vor ihm, manches vielleicht aufgemotzt? "Es ist schon spannend, an wie vielen Punkten er beim Lügen erwischt wird", behauptet etwa der Anwalt Jürgen Schüttler, der einen der Düsseldorfer Angeklagten verteidigt. Gefährlich ist beispielsweise, dass Abdallah schon einmal, vor sechs Jahren, Kronzeuge in einem anderen Verfahren war. Es platzte, weil seine Aussagen nicht zu belegen waren. Eine Staatsanwältin sah damals bei ihm "durchaus Anhaltspunkte dafür, dass dieser eine bewusst unwahre Anzeige erstattet hat".
Auch eine weitere abenteuerliche Geschichte macht Abdallah zu schaffen: Etwa ab Ende 1999 will er mehr als eineinhalb Jahre in Afghanistan verbracht haben. In einem Terrorcamp habe er an einem Seil ein Flussbett überqueren wollen und sei zehn Meter in die Tiefe gestürzt. Er habe sich am Kopf schwer verletzt. Kaum genesen, so erzählt es Abdallah, habe Osama Bin Laden ihn für seine Leibgarde engagiert, weil sie beide so hochgewachsen seien. Aber schon nach zwei Wochen, so Abdallah, habe er den Job wegen der Schmerzen am Kopf aufgeben müssen.
Diese Geschichte soll er jedoch einem Freund ganz anders erzählt haben. Zwar habe Abdallah, so die Aussage des Freundes, einige Anekdoten aus Afghanistan aufgetischt. Der Unfall habe sich aber in einer Altkleiderfirma zugetragen, bei der Abdallah 1995 für kurze Zeit arbeitete; dort sei ihm eine Palette auf den Kopf gefallen.
Ein "ausgesprochen schwaches Kontraindiz" nennt Abdallahs Anwalt Rüdiger Deckers die Episode. Keinesfalls belege sie eine Lüge vor Gericht. Der Anwalt, und das ist sein stärkstes Argument, kann auf die Verdienste seines Mandanten als Zeuge verweisen. Zumindest dass Abdallah eine Verletzung erlitten hatte, so Deckers, sei sowieso nachgewiesen.
In der Tat ließ das Düsseldorfer Oberlandesgericht Abdallah wegen der Schädelfraktur begutachten: Die alte Verletzung mindere den Wert seiner Aussagen zwar nicht, so der Essener Psychiater Norbert Leygraf. Der Mediziner lässt in seinem Gutachten aber keinen Zweifel daran, dass Abdallahs Werdegang seelische Defekte hinterlassen haben dürfte - der geringste ist noch, dass Abdallah glaubt, sein Penis schrumpfe seit dem Unfall, wenn er erregt sei. Anderes wiegt schwerer: Seit er zehn oder zwölf war, erzählt Abdallah etwa, habe ihn ein Freund seines Onkels mit weiteren Männern immer wieder sexuell missbraucht. Und sein Vater sei ein Trinker und Schläger.
Auf jeden Fall bekam Abdallah nie einen Fuß auf die Erde. In seiner jordanischen Heimatstadt Irbid brach er eine Friseurlehre ab, dann eine Ausbildung zum Autoelektriker. Er jobbte als Kleiderhändler und schlug sich als Trommler einer Band durch.
Mit einem Musikerkollegen floh er 1995 - angeblich vor dem prügelnden Vater - nach Europa. Erst nach Belgien zu einem Onkel, dann nach Deutschland, als Asylsuchender. Auf dem Amt log Abdallah, er komme aus dem Irak, er erhielt 1996 eine Duldung.
Abdallah lebte danach von Sozialhilfe. Und er schnorrte im Lebensmittelladen einer Krefelder Moschee. Dafür musste er an Gebeten teilnehmen, und bald weckten sie sein Interesse am Islam. Er war damals, wie er sagt, "ein verlorener Junge".
Unreif, haltlos und bindungsschwach, so charakterisiert ihn Gutachter Leygraf.
Vielleicht wundert es nicht, dass so jemand den Halt sucht, den ein radikales Umfeld bietet. 1999 nahm Abdallah die Einladung zu einer Pilgerreise nach Mekka an. Von dort ging es ihmzufolge weiter nach Afghanistan und später in die Leibgarde Bin Ladens.
Selbst unter Bin Ladens Obhut verinnerlichte Abdallah offenbar nicht die strengen Regeln der Islamisten. 2001 wieder nach Deutschland zurückgekehrt, begann er ein Doppelleben. Er sei anschaffen gegangen, erzählte er BKA-Fahndern - zog die Aussage aber bald wieder zurück: Er habe mit der Geschichte nur eine Geldsumme erklären wollen, die aus Terrorquellen stammt. Aber heftig ge-
trunken habe er auf jeden Fall. Hätten seine Kumpane, die Tawhid-Verdächtigen, das geahnt, hätten sie ihn ermordet, sagt Abdallah. Jemand der trinkt, verstoße nicht nur gegen Allahs Gesetz, er könne ja im Suff auch Geheimnisse ausplaudern.
Nun plaudert er. Nüchtern, oft präzise und ganz sicher unangenehm für jene, die sich verraten fühlen. Er sei ein "phantastischer Märchenerzähler", tobt einer der in Düsseldorf Angeklagten. Dessen Anwalt Klaus Hindelang meint, Abdallah habe vermutlich tolle Terroristengeschichten gehört - aber dann so getan, als hätte er sie selbst erlebt, "wohlwissend, dass es das ist, was die Ermittler hören wollten".
Doch die Bundesregierung steht hinter dem Kronzeugen der Terrorankläger. Seit Abdallah am 10. November freigelassen wurde, ist er im Zeugenschutzprogramm. Der Staat sorgt für seine Sicherheit und sein Auskommen. Abdallah lebt mit neuer Identität, nur in den Prozessen tritt er unter seinem wahren Namen auf.
Der Aufwand sei heikel, hatten BKA-Juristen gewarnt, stand Abdallah doch seit 2003 auf der Terrorliste der Uno. Die Bundesregierung hätte ihm nicht helfen dürfen. Ein Vorstoß der Bundesregierung, ihn von der Liste streichen zu lassen, war zunächst an den USA gescheitert - die Amerikaner äußerten Zweifel an Abdallahs Aussagen, er habe die Deutschen in den vergangenen Monaten wohl nur mit wilden Märchen an der Nase herumgeführt.
Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) persönlich übernahm die Verhandlungen. Es kam zu einem Kompromiss, inzwischen durfte ein US-Staatsanwalt Abdallah befragen - und was der Jordanier erzählt, kann der Ankläger sehr gut gebrauchen.
Denn Abdallah soll in den USA gegen Zacarias Moussaoui aussagen, den sogenannten 20. Attentäter des 11. September, der zufällig vor den Angriffen auf New York und Washington festgenommen wurde. Abdallah will Moussaoui ebenso wie Mzoudi und Motassadeq in Afghanistan getroffen haben. Weil der Zeuge den US-Anklägern zupass kommt, gab Washington den Widerstand bei der Uno auf. Ein Kuhhandel.
Nun hoffen die deutschen Fahnder, dass Abdallah bei seinen Aussagen bleibt - und dass er nicht durchdreht und verschwindet. Vor fünf Wochen entwischte er seinen Bewachern schon einmal für wenige Tage und floh nach Belgien, zu einem Onkel. Von dort aus rief er offenbar seinen Vater in Jordanien an: Er wolle nach Hause. Der Vater, so Ermittler, soll ihn zurück nach Deutschland geschickt haben.
Ein weiser Rat: Im Nahen Osten würde Shadi Abdallah kaum lange überleben - ob alle seine Aussagen nun stimmen oder nicht. DOMINIK CZIESCHE, GEORG MASCOLO
* Mit zwei Bewachern in der Mitte vor dem Düsseldorfer Oberlandesgericht im März.
Von Dominik Cziesche und Georg Mascolo

DER SPIEGEL 53/2004
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