27.12.2004

VERBRAUCHERGefährliche Schnäppchen

Discounter und Baumärkte haben Hunderttausende gefälschter Rauchmelder verkauft - im Ernstfall funktionieren viele der Geräte nicht.
Gutes Marketing taucht selbst peinliche Pannen noch in angenehmes Licht: "Qualitätskontrollen" hätten ergeben - teilte der Discounter Aldi Süd Ende November auf seiner Internet-Seite mit -, dass der "Fotoelektronische Rauchmelder" für 3,99 Euro nicht "in jedem Fall einwandfrei" arbeite. Weil dies mit den hohen Ansprüchen des Konzerns nicht in Einklang stehe, sollten Kunden das Produkt in die Filialen zurückbringen.
Das ganze Ausmaß des Schadens offenbarte sich der Staatsanwaltschaft Gießen Anfang Dezember: Aldi Süd habe 371 000 Billig-Rauchmelder zum Kauf angeboten, so die Ermittler. Die Geräte seien Fälschungen, die so gut wie nie funktionieren - Geiz kann auch lebensgefährlich werden. Das Schwesterunternehmen Aldi Nord stoppte den geplanten Verkauf von 360 000 Feuerwarnern im letzten Moment.
Inzwischen befindet sich der Konzern in guter Gesellschaft. Auch die Baumärkte Praktiker und Hagebau starteten Rückrufaktionen, weil dort gefälschte und funktionsuntüchtige Warngeräte, teilweise gar mit Aufdruck der Stiftung Warentest, aufgetaucht waren. Die Plagiate stammen vermutlich aus Hongkong. China war bislang als Fälscherwerkstatt von Luxus-Produkten bekannt. Nun aber lohnt sich selbst das Abkupfern von Billigware.
Die Probleme kommen dabei nicht überraschend: Schon mal stand Aldi im Verdacht, gefälschte Rauchmelder von zweifelhafter Qualität verkauft zu haben - von denen etliche jetzt noch Kunden in falscher Sicherheit wiegen dürften. Unterlagen sowie Aussagen von Lieferanten legen nahe, dass es mit den angeblichen Qualitätsansprüchen nicht so weit her sein könnte. Aldi bestreitet die Vorwürfe. Weder habe das Unternehmen Hinweise auf Plagiate, noch gebe es Beschwerden von Kunden.
Erstmals verkaufte Aldi Süd 1999 rund 100 000 Rauchmelder - zum damals günstigen Preis von 29 Mark. Üblich waren in der Branche 50 bis 100 Mark für die batteriebetriebenen Geräte, die mit einer Fotodiode Rauch registrieren und mit einem schrillen Warnton melden (siehe Grafik).
Das Aldi-Gerät aus Fernost sei freilich eine "Kopie" des Markengeräts "PB" der Firma Firex gewesen, behauptet Bernd Luckey, Deutschland-Vertreter des amerikanischen Herstellers. Tatsächlich ließen sich das Firex-Gerät und das Aldi-Angebot optisch kaum auseinander halten. Nur sei das Aldi-Gerät "absolut funktionsuntüchtig" gewesen, behaupteten Firex-Experten.
Am 9. September 1999 warnten Firex und mehrere andere etablierte Rauchmelder-Hersteller Aldi in einem Einschreiben vertraulich vor Gefahren für die Kunden. Gegenüber dem SPIEGEL wollte sich Aldi Süd in der vergangenen Woche nicht an den Brief erinnern: "Von einem Plagiatvorwurf ist uns bis heute nichts bekannt."
Zudem, so schreibt Aldi, habe es sich um ein nach den "einschlägigen Normen geprüftes und zertifiziertes Gerät" gehandelt. Tatsächlich hatte der Melder zunächst ein TÜV-Zertifikat. Im November 1999 wurde das erst im Mai erteilte Siegel aber wieder entzogen. "Der Rauchmelder war eindeutig nicht in Ordnung", so Norbert Feitenhansl, damals Chef der Zentralstelle der Länder für Sicherheitstechnik in München, einer Art Ober-TÜV. Die dubiosen Schnäppchen waren längst verkauft.
Ärger gab es auch bei Aldi Nord mit womöglich nachgebauten Rauchmeldern: 2001 setzte das Unternehmen mehr als 100 000 der Geräte unter dem Namen "Novastar" ab. "Eine Kopie", behauptet Ulf Gustavsson, Chef der Hongkonger Firma Homewatch Limited. Im Jahr zuvor noch hatte er 140 000 Exemplare seines Original-"Novastars" an Aldi verkauft. Nun wurde ein Konkurrent bevorzugt.
Ein Funktionstest der Firma Homewatch an einigen der Aldi-Melder fiel unschön aus: Die Fotodiode habe nicht funktioniert, sagt Gustavsson - diese Geräte hätten keinen Rauch erkennen können. Per Anwalt teilte Homewatch die Erkenntnis am 14. April 2002 Aldi Nord mit. Der Konzern allerdings nahm erst die SPIEGEL-Anfrage in der vergangenen Woche zum Anlass, sich "intensiv um Aufklärung" zu bemühen. Die Prüfung eines der Melder habe ergeben, dass dieser vollständig sei und funktioniere, teilte Aldi wenig später mit. Dies stimme mit dem Ergebnis einer Qualitätskontrolle von 2001 überein.
Gleichwohl hätten die Aldi-Einkäufer nach Gustavssons Intervention misstrauisch sein können, als sie in diesem Jahr erneut Rauchmelder orderten - und denselben Zwischenhändler einschalteten, der schon vor drei Jahren die Geräte für Aldi Nord besorgte. Diesmal legte der Mann dem Konzern sogar zwei Sicherheitszertifikate für die Melder vor. Beide waren aber auf einen falschen Importeur ausgestellt, in einem der Papiere war die Herstelleradresse abgedeckt. Und nicht einmal die Artikelbezeichnung stimmte mit dem angebotenen Produkt überein.
Laut Aufdruck stammen die jetzt verkauften Detektoren von der seriösen Hongkonger Firma Eyston. Deren Preise sind schon kaum zu schlagen: Sieben Tage in der Woche löten Hunderte Frauen für das Unternehmen in Handarbeit für wenige Dollar Mindestlohn die Elektronikkomponenten zusammen. Die fertigen Rauchmelder werden für zwei bis drei Dollar je Stück nach Deutschland verschifft.
Geiz-Preise, so scheint es - aber offenbar immer noch zu hoch, um mit Aldi und den Baumärkten ins Geschäft zu kommen. Auf jeden Fall, so die Firma Eyston, stammten die angeblichen Eyston-Melder nicht von ihr. MICHAEL FRÖHLINGSDORF
Von Michael Fröhlingsdorf

DER SPIEGEL 53/2004
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