27.12.2004

GESUNDHEITSKOSTENSack voll Rechnungen

Urlaub in den USA kann teuer werden: Amerikanische Ärzte und Krankenhäuser zocken die ärmsten Bürger ab - und Reisende.
Es war ein warmer Sommerabend Anfang August in San Francisco, als sich Susanne Holzhausen auf ihr Fahrrad schwang. Sie kam nicht weit. Auf der Sacramento Street nahm ihr ein grüner VW Beetle die Vorfahrt. Die Kalifornien-Urlauberin legte eine Vollbremsung hin und flog mit einem Überschlag aufs Pflaster.
Die Blessuren hielten sich zunächst in Grenzen: ein blaues Auge und eine Platzwunde am Kopf. Vorsorglich wurde Holzhausen dennoch per Krankenwagen ins General Hospital gebracht. Eineinhalb Stunden wartete sie dort, bevor sie ganz kurz untersucht und mit einem Schmerzmittel nach Hause geschickt wurde.
"Kein Röntgen, kein nix", sagt die Lehrerin aus Düsseldorf. Als sie zwei Tage später über starke Nackenschmerzen klagte, bekam sie wieder nur "Pain-Killer" verschrieben.
Zurück in Deutschland, wurde dagegen eine starke Nackenprellung diagnostiziert. Susanne Holzhausen hätte unmittelbar nach dem Unfall keinesfalls mehr mit ihrem Rennrad durch die Straßen von San Francisco fahren dürfen.
Der eigentliche Schock folgte jedoch erst Wochen nach dem Sturz: Das Krankenhaus stellte über 7000 Dollar in Rechnung, verteilt auf ein gutes Dutzend undurchsichtiger Einzelrechnungen. Auch eine für "X-Ray", sprich Röntgen, war darunter, obwohl diese Leistung nie in Anspruch genommen wurde.
Auf die Beamtin kam eine Menge Ärger zu. Sowohl ihr Arbeitgeber als auch ihre private Krankenkasse in Deutschland, über die sie auch auslandsversichert ist, weigerten sich, derart wirre und offensichtlich falsche Rechnungen zu übernehmen. Bei ihrem in Kalifornien lebenden Freund liefen unterdessen die Mahnungen auf. "Es ist zum Verzweifeln", sagt die 36-Jährige. "Ich sitze auf einem Berg Rechnungen, die Kasse stellt sich stur, und beim Krankenhaus scheiterten alle Versuche, richtige und detaillierte Belege zu bekommen."
Im US-Gesundheitssystem ist ein solches Abrechnungschaos offenbar alltäglich. "Hospitäler und Ärzte berechnen systematisch zu viel, frustrieren Patienten mit kryptischen Rechnungen und mit falsch berechneten oder überhaupt nicht erbrachten Leistungen", sagt Pat Palmer von den Medical Billing Advocates of America. Mindestens acht von zehn Rechnungen sind gemäß ihrer Organisation fehlerhaft. "Zu Lasten der Patienten, versteht sich", so Palmer. "Schließlich will man bei aller administrativen Unfähigkeit Kasse machen."
Wendy Segal schlägt sich professionell mit diesen Problemen herum. Als "medical-claims assistant" hilft sie verzweifelten Patienten gegen 60 Dollar die Stunde mit deren Rechnungen. Sie gleicht diese haargenau mit Krankenakten ab, prüft Kleingedrucktes in Policen und feilscht um Behandlungskosten.
"Alles ist verhandelbar", weiß die 46-Jährige, "denn das US-Gesundheitssystem ist so komplex, unübersichtlich und profitgierig, dass keiner mehr richtig durchblickt." Selbst sie nicht, wie Segal sagt. Allerdings habe sie in den vergangenen 20 Jahren in der Branche gelernt, damit umzugehen.
Nicht selten kommen Kunden mit Plastiktüten voll ungeöffneter Korrespondenz in ihr Büro. "Ich sollte eigentlich per Pfund abrechnen", scherzt Segal. "Wer nicht genau aufpasst, bleibt auf Tausenden Dollar Behandlungskosten sitzen."
Besonders betroffen von der Misere sind die 45 Millionen Amerikaner ohne jede Krankenversicherung. Dem Center for Hospital Finance and Management an der Johns-Hopkins-Universität zufolge zahlen diese Patienten paradoxerweise bis zu viermal so viel für ärztliche Leistungen wie Versicherte.
Einem unversicherten Frührentner aus Greenbrae etwa wurden nach einem leichten Autounfall für die Behandlung eines gebrochenen Arms, Trauma-Evaluierung und eine Nacht im Hospital 72 000 Dollar berechnet. Und ein deutscher Journalist in Washington sollte für eine Blinddarmentfernung 19 600 Dollar bezahlen.
"Nichtversicherte bekommen keine Rabatte und haben auch keine Gesellschaften im Hintergrund, die massiv Kosten drücken", sagt Cyndee Weston von der American Medical Billing Association.
Besonders kräftig langen auch Zahnärzte zu, für eine Wurzelbehandlung mit Zahnkrone können 4000 Dollar anfallen. "Einige Kollegen wittern bei Ausländern einen regelrechten 'Jackpot'", sagt eine Zahnärztin aus Oakland.
Deutsche Verbraucherschützer warnen daher eindringlich davor, USA-Reisen ohne ausreichende Auslandsversicherung anzutreten - dem Verbraucherzentrale Bundesverband in Berlin zufolge gibt es beim Reiseschutz die größte Unterversicherung.
Für Susanne Holzhausen ist der Fall allerdings trotz Auslandsversicherung noch lange nicht ausgestanden. Nach wie vor hat sie weder berichtigte Rechnungen noch den vollen Betrag von ihrer Versicherung erhalten.
Leidtragender ist auch ihr Freund Ralf in Kalifornien: Ihm setzen jetzt aggressive Geldeintreiber zu, die im Auftrag des Krankenhauses die ausstehenden Forderungen kassieren sollen. JOCHEN SIEGLE
Von Jochen Siegle

DER SPIEGEL 53/2004
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