27.12.2004

BESCHÄFTIGUNGFür eine Hand voll Euro

Motor für den Arbeitsmarkt oder Jobkiller? Interessenvertreter und Politiker streiten über den Erfolg der Minijobs. Werden sie abgeschafft, steht der Republik eine neue Wutwelle ins Haus.
Wenn Michaela Heinbockl ihren Dienst in einem Hamburger Therapiezentrum antritt, hat sie den größten Teil ihres Arbeitstags schon hinter sich. Vormittags ist die gelernte Krankenschwester bei einem ambulanten Pflegedienst beschäftigt, nachmittags führt sie einmal die Woche Regie hinter dem Empfangstresen der "Hummel", einer kirchlichen Behandlungs- und Beratungsstelle für Suchtkranke: Patienten empfangen, Telefonate annehmen, Buch führen - ein Minijob für rund 150 Euro im Monat. "Ich bin heilfroh", sagt sie, "dass ich dieses zweite Standbein gefunden habe."
Ginge es nach DGB-Chef Michael Sommer, soll die Frau ihre Zusatzbeschäftigung bald wieder verlieren. Mit seiner Forderung, die sogenannten geringfügigen Beschäftigungsverhältnisse abzuschaffen, hat der Gewerkschafter kurz vor Weihnachten eine alte Debatte neu belebt: Führen die staatlich geförderten Teilzeitstellen dazu, dass "bestehende Stellen massenhaft aufgespalten werden", wie Sommer befürchtet? Oder sind die Minijobs in Wahrheit "eine der wenigen Erfolgsstorys" des deutschen Arbeitsmarkts, wie Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt glaubt?
Selbst die Regierung ist sich nicht mehr sicher. Zwar wies Wirtschaftsminister Wolfgang Clement den Sommer-Vorstoß kurzerhand als "voreilig" zurück. Doch in der SPD-Fraktion geben sich viele deutlich nachdenklicher. "Wenn sich die Befürchtungen der Gewerkschaften im Verlauf des nächsten Jahres bestätigen sollten", sagt der SPD-Arbeitsmarktexperte Klaus Brandner, "sind Änderungen nicht ausgeschlossen."
Auf dem Prüfstand steht die am meisten bejubelte Arbeitsmarktreform der vergangenen Jahre. Eine große Koalition aus SPD, Union, FDP und Grünen hatte vor zwei Jahren die Förderung der Kleinststellen deutlich ausgebaut: Die Parteien erhöhten den Monatsverdienst, bis zu dem pauschale Steuern und Sozialabgaben von lediglich 25 Prozent anfallen, von 325 auf 400 Euro. Zugleich wurden alle entlastet, die ihre Kleinststelle neben einer Hauptbeschäftigung ausüben. Musste der Zusatzverdienst bislang voll versteuert werden, dürfen Minijobber ihren Nebenverdienst nun brutto für netto behalten.
Die neuen Regeln bescherten der Beschäftigungsform einen Boom mit zweistelligen Zuwachsraten. Ob in der Landwirtschaft oder auf dem Bau, ob in Maklerbüros oder Sportvereinen: Allein bis zum vergangenen Sommer entstanden nach Schätzungen der Nürnberger Bundesagentur für Arbeit fast 1,7 Millionen neue Ministellen, ein Zuwachs von knapp 36 Prozent.
Doch was die Politiker anfangs parteiübergreifend als "gute Ergebnisse" oder "Wachstumsschub" feierten, geriet umso mehr in Verruf, je stärker eine weitere Entwicklung ins Blickfeld rückte: Die Zahl der regulären Vollzeitstellen nahm im selben Zeitraum ab, in dem die Minijobs zulegten.
Seither fürchten nicht wenige Ökonomen, dass zwischen beiden Zahlen ein Zusammenhang besteht. Vor einer Auszehrung regulärer Vollzeitjobs durch Minijobs warnten vor wenigen Wochen die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute in ihrem Herbstgutachten. Und der Wirtschaftsweise Peter Bofinger kritisierte die Minijobs als "Hauptbarriere für Arbeitslose mit geringer Qualifikation" (SPIEGEL 50/2004). Die Stellen gehörten "abgeschafft".
Ob die staatlich geförderten Geringverdienerstellen nun eher Segen oder Fluch sind, darüber streiten die Experten seit Monaten mit einer Flut von Gutachten und Gegengutachten. Und wie es häufig passiert in wirtschaftlichen Streitfragen, zeichnet sich als Ergebnis des Konflikts ein eher differenziertes Bild ab: Minijobs bringen dem Arbeitsmarkt zwar mehr Bewegung und Flexibilität, gehen jedoch in vielen Fällen auf Kosten regulärer Beschäftigung.
Wie sehr das viele normal versicherte Stellen trifft, müssen die Gewerkschafter derzeit
in zahlreichen Branchen erleben. Vom Lebensmittel-Discounter bis zur Putzkolonne, von der Pflegestation bis zum Öffentlichen Dienst: Zahlreiche Arbeitgeber ersetzen ihr Stammpersonal verstärkt durch Minijobber - mal direkt, indem sie reguläre Stellen in mehrere Kleinsttätigkeiten aufteilen. Mal indirekt, indem Aufgaben an Fremdfirmen mit Minijobbern verlagert werden. Die Arbeitnehmervertreter sind meist machtlos. Würden sie dem Beschäftigtentausch widersprechen, gingen noch mehr Feststellen verloren.
So erlebte es beispielsweise Martin Hellwig, Betriebsrat bei der Flughafen Hamburg GmbH. Um im Wettbewerb mit privaten Airport-Diensten mithalten zu können, gründete das Unternehmen zahlreiche Tochtergesellschaften wie die Groundstars GmbH & Co. KG, die im Auftrag der Mutterfirma Flugzeuge betankt oder Gepäck befördert.
Für die Stoßzeiten, morgens und abends sowie zur Hauptferiensaison im Sommer, stellt der Betrieb zusätzlich zu seinen 380 fest Beschäftigten regelmäßig bis zu 90 Minijobber ein, für einen Stundenlohn von knapp neun Euro. "Feste Vollzeitstellen wären natürlich besser", sagt Betriebsrat Hellwig. "Aber ohne die Aushilfen stünde hier alles auf der Kippe."
Ganz ähnlich läuft es in vielen Reinigungsbetrieben. In den Putzkolonnen der hannoverschen Peter Schneider Unternehmensgruppe etwa arbeiten bereits mehr als die Hälfte der Beschäftigten in einem Minijob, manche nicht länger als "15 Minuten pro Tag", sagt Personalchefin Ameli Lürs.
Im Gegenzug bauen die Auftraggeber Stellen für eigene Reinigungskräfte ab. Das Diakonie-Klinikum in Hamburg etwa entließ im September 30 Putzfrauen, für die der Betriebsrat nicht mehr herausholen konnte als "ordentliche Abfindungen", so Mitarbeitervertreterin Sabine Burke.
Dass die geringfügige Beschäftigung reguläre Stellen ersetzt, ist die fragwürdige Folge der Jobreform. Als positiv werten Ökonomen dagegen, dass die erweiterte Kleinstverdienerförderung nach Expertenschätzung den Anteil der Schattenwirtschaft hierzulande von 17 auf 16 Prozent des Bruttoinlandsprodukts gesenkt hat.
Und so blüht die Minijob-Ökonomie derzeit überall dort besonders, wo seit Jahren bekanntermaßen am Fiskus vorbei gearbeitet wird. Die Zahl geringfügiger Beschäftigungsverhältnisse ist in der Gastronomie sprunghaft gestiegen, in privaten Haushalten hat sie sich sogar mehr als verdoppelt. Die Neuregelung habe die Branche "ein Stück weit aus der Illegalität befreit", sagt der Hotelier Markus Hofherr, der seit 17 Jahren ein 100-Zimmer-Haus in der Stuttgarter Innenstadt betreibt.
Viele Minijobs sorgen zudem für Beschäftigung, die es zuvor gar nicht gab. Hofherr etwa musste früher selbst die Betten machen, wenn im Sommer oder zur Weihnachtszeit mehr Touristen als sonst in die Stadt kamen. Heute stellt er in solchen Zeiten 400-Euro-Kräfte ein.
Mitunter lassen die Minijobs sogar neue Vollzeitstellen entstehen. Wie etwa in der noch jungen Branche der Callcenter. Als die Firmen vor rund zehn Jahren damit begannen, im Auftrag anderer Unternehmen Kundentelefonate zu führen, stellten sie vor allem Minijobber ein. Die waren billig, flexibel und schnell wieder loszuwerden.
Seit die Callcenter aber immer kompliziertere Informations- und Beratungsaufträge erhalten, greifen sie wieder zunehmend auf Festkräfte zurück. Die Walter Telemedien Gruppe aus dem badischen Ettlingen etwa handelte vor einem Jahr mit der Gewerkschaft ver.di den ersten Rahmentarifvertrag der Branche aus: Die Beschäftigten sind fest angestellt, arbeiten aber nach einem flexiblen Arbeitszeitmodell im Sommer nur 20 Stunden die Woche, im Winter dagegen bis zu 50 Stunden.
Das rechnet sich. Was die Firma an zusätzlichen Lohnkosten einplanen muss, spart sie auf der anderen Seite an Schulungskosten ein. Statt eines Heers von Minijobbern bereitet die Firma nun eine deutlich überschaubarere Zahl von Festangestellten auf die Telefonberatung für ihre Kunden wie den Kaffeeröster Tchibo vor.
So fällt die Bilanz der Minijob-Reform höchst gemischt aus. Auf der einen Seite gehen reguläre Vollzeitjobs verloren, auf der anderen Seite werden mindestens genau so viele Beschäftigungsverhältnisse der Illegalität entrissen. Auf der einen Seite haben die Sozialkassen Verluste, weil für Minijobs weniger Abgaben fällig werden als für Vollzeitstellen. Auf der anderen Seite steigen die Einnahmen, weil auf viele ehemalige Schwarzjobs nun überhaupt erstmals Sozialbeiträge anfallen.
Wie der Saldo aussieht, lässt sich bislang nicht seriös beziffern. Sicher dagegen ist, dass ein Zurückdrehen der Minijob-Reform ähnliche Verwerfungen auslösen würde wie 1999. Damals hatten ganze Branchen und Berufsgruppen massiv dagegen protestiert, dass Ex-Arbeitsminister Walter Riester die geringfügigen Beschäftigungsverhältnisse beschneiden wollte.
Aus der Wutwelle, die damals durch das Land schwappte, konnten die Politiker vor allem eines lernen. Von den geförderten Teilzeitstellen profitieren nicht nur die Unternehmen, sondern vor allem die Beschäftigten. Die meisten Minijobber nämlich wollen gar keinen traditionellen Vollzeitjob.
"Ein paar Stunden für ein paar Euro zusätzlich", sagt etwa die Hamburger Sprechstundenhilfe Michaela Heinbockl: "Das ist genau das, was ich will."
KEVIN P. HOFFMANN, MICHAEL SAUGA
* Abeitgeberpräsident Dieter Hundt (r.), DGB-Chef Michael Sommer.
Von Kevin P. Hoffmann und Michael Sauga

DER SPIEGEL 53/2004
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