27.12.2004

BÖRSEBaisse im Boom

Eine Wirtschaft, die mit Rekordraten wächst, und Aktien, die ebenso kräftig fallen: Das gibt es nur in China. Dort hemmt ein Korsett bürokratischer Regeln den Handel mit Wertpapieren.
Diesem Moment fiebern die chinesischen Fernsehzuschauer täglich um sechs Uhr abends entgegen: Mit typisch-vertrauter Handbewegung wischt Moderator Zuo Anlong, 63, das wenig erfreuliche Börsengeschehen des Tages erst einmal vom Tisch und fragt: "Zenme kan?" - "Wie sehen wir die Sache?"
Genauso gut hätte Zuo auch sagen können: "Alles halb so schlimm." Denn weniger auf die Worte kommt es an, wenn der Veteran von Shanghai TV die populäre Sendung "Aktienmarkt heute" moderiert. Schon der Auftritt des Börsengurus - mit glänzender Halbglatze und grauem Anzug wirkt er wie ein Schuldirektor - weckt Vertrauen.
Und genau das ist es, was den chinesischen Aktienmärkten fehlt. Selbst einst hartgesottene chinesische Anleger verlieren zunehmend die Lust, ihr Vermögen an den beiden Börsen des Landes, in Shanghai und Shenzhen, aufs Spiel zu setzen.
Die Aktienmärkte leiden unter einem Paradox: Zwar wächst Chinas Wirtschaft mit Traumraten von rund neun Prozent, auch verdienen die rund 1300 börsennotierten Firmen kräftig - in den ersten neun Monaten des Jahres vor Steuern über 43 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Doch die Aktienkurse fallen - in Shanghai sanken die von Inländern gehandelten Aktien um 15 Prozent seit Jahresbeginn; im September stürzten sie zwischenzeitlich gar auf den tiefsten Punkt seit fünf Jahren.
Eine boomende Wirtschaft und eine Baisse an der Börse: Wie passt das zusammen? In freien funktionierenden Märkten gar nicht - doch davon ist China noch weit entfernt.
Einst wurde der Aktienmarkt als Symbol für die Öffnung des Landes zum Kapitalismus gefeiert. TV-Bilder führten Anfang der neunziger Jahre vor, wie Chinesen massenhaft Aktien kauften. Statt Mao schien das kommunistische Reich mit einem Mal kollektiv nur dem Mammon zu huldigen.
Der Reformer Deng Xiaoping höchstselbst hatte den Untertanen die Zukunft als Shareholder gewiesen. "Sind solche Dinge wie Wertpapiere und Aktienmärkte gut oder nicht, sind sie gefährlich?", fragte der Greis Anfang 1992 und lieferte sogleich die Antwort: "Es ist erlaubt, sie auszuprobieren, aber das muss auf entschiedene Weise geschehen."
Begeistert folgte das Volk Dengs Aufruf zum kollektiven Reichwerden. In Shenzhen stürmten Anfang August 1992 1,2 Millionen Chinesen 302 Verkaufsstellen, an denen die Regierung Lotteriescheine zum Erwerb von Aktien verkaufte. Der Andrang war so heftig, dass Menschen zu Tode gequetscht wurden.
Trotz des anfänglichen Chaos hielten die roten Planer an ihrem Ziel fest, das Land zum Aktienkapitalismus zu führen. Damit wollten sie vor allem die maroden Staatskonglomerate in wettbewerbsfähige Unternehmen aufsplitten.
Vor durchgreifender Privatisierung jedoch schreckte Peking zurück: Nur etwa 30 Prozent der Aktien der börsennotierten Firmen können an heimischen Börsen gehandelt werden, den Rest halten staatliche Institutionen. Dabei handelt es sich oft um kommunale Regierungen, nicht selten kontrolliert von korrupten Beamten und Parteibonzen. Vor allem die Ungewissheit darüber, wann auch die nichthandelbaren Aktien in den Markt gespeist werden und dann auf die Kurse drücken, nimmt heimischen Anlegern derzeit die Kauflust.
Aus Furcht vor sozialer Unruhe schnürte die Regierung den Aktienmarkt in ein Korsett bürokratischer Regeln und teilte die Aktionäre, weltweit einmalig, in eine Art Klassengesellschaft von Anlegern mit unterschiedlichen Rechten ein. Damit verhinderte sie allerdings zugleich, dass der Aktienmarkt seine Rolle als wichtiges Regulativ der Wirtschaft erfüllen kann.
Ausländischen Kleinanlegern ist der lokale chinesische Aktienmarkt größtenteils verschlossen. Das Börsenkapital wird überwiegend in Form sogenannter A-Aktien gehandelt, ausgewiesen in der Landeswährung Yuan und nur für Festlandschinesen und von Peking anerkannten Institutionen zugänglich.
Seit einiger Zeit können Einheimische auch B-Aktien kaufen, die in US-Dollar gehandelt werden und zunächst lediglich von Ausländern erworben werden konnten. Diese Papiere machen aber nur einen kleinen Teil des Börsenkapitals aus, und wie A-Aktien sind sie ebenfalls gefallen.
Für Ausländer weit attraktiver sind Papiere, zu denen wiederum Chinesen kaum Zugang haben: H-Shares, Aktien festlandschinesischer Firmen, die in Hongkong notiert sind, oder Redchips, Papiere chinesischer Firmen, die in Hongkong ansässig sind und dort gehandelt werden.
Der Wirrwarr um chinesische Aktien wird zusätzlich kompliziert durch Papiere,
die heimische Firmen an ausländische Börsen wie New York geben - auch N-Shares genannt. Ende 2003 entfachte China Life, der größte Lebensversicherer des Landes, mit einem Börsengang von 3,46 Milliarden Dollar ein Aktienfieber an der Wall Street. Dadurch ermutigt, begehren auch andere Branchen Kapital im Ausland: So wollen Autokonzerne wie Dongfeng und Shanghai Automotive ihre Expansion durch Milliardenemissionen an der Börse von Hongkong finanzieren.
Dagegen fristen die Börsen Shanghai und Shenzhen ein Schattendasein. Auf dem Parkett der Börse im Shanghaier Finanzviertel Pudong sind von 1600 Händlerplätzen nur 200 besetzt. Das liegt zwar daran, dass der Handel inzwischen elektronisch abläuft. Doch die fast verwaiste, viel zu große Halle wirkt wie ein Symbol enttäuschter Hoffnungen.
Wer die Stimmung an den lokalen Börsen erkunden will, braucht nur eine der rund 2500 Aktienverkaufsstellen im Land zu besuchen. Bei Dongfang Securities, einem der größten von 132 Wertpapierhäusern, an der Fuminstraße in Shanghai trudeln kurz vor Börsenbeginn um halb zehn die ersten Kleinaktionäre ein. Es ist eine bunte Versammlung von Rentnern und kleinen Geschäftsleuten. Auch Ehepaar Li - er 71, seine Frau 77 - und die Nachbarn nehmen Platz auf ihren angestammten blauen Plastiksitzen. Gebannt schauen sie auf die Leuchttafel mit den Kursen: Heute überwiegt grelles Grün - das heißt: Die Kurse fallen. Nur wenige Werte leuchten rot und weisen somit steigende Kurse auf.
Das Einzige, was in der Aktienhalle deutlich steigt, ist der Geräuschpegel. Auch die Lis gehen ihrer liebsten Beschäftigung nach: dem erregten Plausch über Anlagestrategien. Großvater Li gibt die Weisheit preis, mit deren Hilfe hier die meisten ihre kargen Renten aufbessern: "Sobald eine Aktie stark fällt, muss man beherzt kaufen, um dann bei Kursanstieg ebenso schnell den Gewinn einzustreichen."
Chinas Aktienmarkt gleicht einer riesigen Spielhölle. Aber was fehlt, damit die Kurse auf längere Sicht steigen, ist grundlegendes Vertrauen in den Markt. Viele Kleinanleger spekulieren darauf, als Trittbrettfahrer von kurzfristigen und oft sehr mysteriösen Kursschwankungen zu profitieren. Dann ahnen sie: Wieder mal bewegen ganz große Zocker den Markt.
Wegen des hohen Anteils nichthandelbarer Firmenaktien ist Chinas Aktienmarkt zwar klein. 2003 betrug der Börsenwert der handelbaren Aktien lediglich 17 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Aber die Aktien werden auffallend häufig umgeschlagen: So ging 2003 beispielsweise in Shenzhen an einem Tag fast ein Drittel der handelbaren Aktien von Chongqing Minfeng Agrochemical über den Tisch.
Kein Wunder, dass Chinas Börsianer das Risiko langfristiger Investments scheuen. Immer wieder schrecken Skandale den Handel auf. Während des Aktienbooms Ende der neunziger Jahre parkten viele Firmen ihr Geld bei Brokerhäusern, die ihnen regelwidrig hohe Aktiengewinne garantierten. Die Folgen werden langsam sichtbar: Anfang des Jahres rettete Peking das Wertpapierhaus China Southern Securities mit einem Kredit von acht Milliarden Yuan (970 Millionen Dollar) - etwa im gleichen Umfang waren Kundeneinlagen verschwunden.
Die amtlichen Wertpapier-Aufseher in Peking bemühen sich verstärkt, den lokalen Aktienmarkt zu reformieren - und setzen dabei vor allem auf westliches Knowhow. So öffnete die Regierung den Markt für A-Aktien unlängst für einige "qualifizierte ausländische institutionelle Investoren", darunter auch für die Deutsche und die Dresdner Bank. Die neuen Wettbewerber sollen heimische Aktiengesellschaften zu Transparenz zwingen. Shareholder-Value statt Schiebung heißt jetzt die offiziell beteuerte Linie.
Die Glaubwürdigkeit solcher Parolen wird jedoch immer wieder durch das Verhalten der Staatskonzerne erschüttert. In Singapur verursachte eine dort notierte China Aviation Oil (CAO) jetzt gar den größten Börsenskandal seit den Betrügereien des Aktienhändlers Nick Leeson. Das Unternehmen, für das Reich der Mitte der zentrale Importeur von Flugzeugbenzin, gab Verluste von 550 Millionen US-Dollar infolge spekulativer Finanzgeschäfte zu. Nun prüfen die Behörden in Singapur, ob die chinesische Muttergesellschaft der CAO, China Aviation Oil Holdings, sich des Insiderhandels schuldig gemacht hat: Die staatliche Holding verkaufte im Oktober einen Anteil von 15 Prozent an CAO, obwohl sie über die Verluste der Tochterfirma informiert war.
In China selbst haben geprellte Aktionäre selten Aussicht, Recht zu bekommen. Lokale Richter scheuen sich oft, Urteile gegen die Interessen von Unternehmen zu fällen, die meist im Besitz von Behörden, Städten und Provinzen sind.
Um den lokalen Aktienmarkt zu stabilisieren, fördert Chinas Regierung jetzt auch die Gründung von Aktienfonds. Damit will sie zugleich die Altersversorgung des Milliardenvolkes absichern. Zu den Finanzmanagern, die das Projekt bereits tatkräftig umsetzen, gehört Chiang Hsien. Der Chinese, der in Kiel Volkswirtschaft studiert hat, leitet in Shanghai ein Joint Venture der deutschen Allianz mit dem Wertpapierhaus Guotai Junan.
Von seinem eleganten Büro im 46. Stock des Jin Mao Tower, des höchsten chinesischen Wolkenkratzers, kontrolliert Chiang zwei erfolgreiche Wertpapierfonds. Sie wurden zu über 50 Prozent von Kleinanlegern gezeichnet - das wertet Chiang als wichtigen Schritt zu einer solideren Aktienkultur.
Gleichwohl kämpft auch Chiang mit der Zockermentalität vieler Landsleute. Oft stoßen Kleinanleger Fonds hektisch ab, sobald die Kurse mal kräftiger nach oben ausschlagen. "Chinesen müssen lernen, dass stete Wertsteigerung mehr zählt als schneller Gewinn", sagt Chiang und malt mit der Hand eine stabile Aufwärtskurve in die Luft. WIELAND WAGNER
Von Wieland Wagner

DER SPIEGEL 53/2004
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