27.12.2004

UNTERNEHMENDenkmal für Trittin

Die Allgäuer Zötler-Brauerei gilt als ältestes Familienunternehmen im Land. Sie hat Bauernaufstände überlebt, Fusionen abgewehrt und in Kriegen auf Dünnbier umgestellt.
Ihr Braumeister heißt Würz, und ihr Markenzeichen ist ein Adler. Sie züchten ihre Hefe selbst und würden nicht im Traum darauf kommen, ihr Bier zu pasteurisieren, wie es bei den bekannten Fernsehbieren üblich ist.
Doch in Rettenberg, dem südlichsten Bierbrauerdorf Deutschlands, reicht das nicht. Lange war die Zötler-Brauerei hier nur die Nummer zwei. Was nützt in dieser katholischen Hochebene ein Adler, wenn die Konkurrenz "Engel" heißt?
Das Engelbräu im unteren Dorf hatte zudem eine längere Geschichte - zumindest so lange, bis Pfarrer Manfred Gohl nach Rettenberg kam und alles auf den Kopf stellte.
Als Gohl 1979 sein Amt antrat, hatten die Zötlers gerade die 200-Jahr-Feier der Brauerei hinter sich. Das Datum, so Gohl leicht despektierlich, hätten die Brauer "von einem abgebrochenen Balken des Brauereigasthofs abgelesen" - für den Pfarrer keine brauchbare Quelle.
Gohl suchte in Archiven nach genaueren Belegen, denn außer der Kirche schien das Bier schließlich die einzige historische Konstante des Orts zu sein. Je länger er suchte, desto älter wurde die Brauerei. Erst fand er eine Quelle von 1663, dann eine von 1588 und schließlich einen Kaufvertrag zwischen dem Hochstift Augsburg und dem ersten "Wirt" in Rettenberg, der schon damals eine "Braustatt" betrieb. Die Urkunde ist von 1447.
Der alte Zötler, erinnert sich Gohl, sei von der Entdeckung zuerst nicht begeistert gewesen. "Jetzt muss Schluss sein, Herr Pfarrer", habe er gefordert. Ewig neue Jubiläen zu feiern werde zu teuer. Sein Sohn, Herbert Zötler, der heutige Geschäftsführer, spürte jedoch, dass Gohls Fund Gold wert war. Einer Privatbrauerei unter vielen hatte der Pfarrer das Zeug zur Legende gegeben: 557 Jahre und 20 Generationen - so lange hielt kein anderes bürgerliches Familienunternehmen durch.
Zwar übernahmen die Zötlers die Sudkessel in Rettenberg erst vor drei Generationen, doch das Brauerleid ihrer Vorgänger haben sie längst verinnerlicht: Im Juli 1605 verprügelten rebellierende Bauern den Wirt Hans Bach, der als Statthalter der geistlichen Obrigkeit verschrien war. Doch Bach überlebte und trotzte den Bauern sogar noch eine Entschädigung ab. Er schien so resistent wie die Brauerei, die in ihrer Geschichte drei Brände, die Pest, den Dreißigjährigen Krieg und zwei Weltkriege überstand.
Die Qualität des Bieres schien in diesen unruhigen Zeitläuften nicht immer gesichert: Im 17. Jahrhundert etwa hielten sich die Allgäuer lieber an den billigeren Wein, den die Pfarrer steuerfrei ausschenkten. Die murrenden Wirte forderte der Generalvikar auf: "Braut besseres Bier!"
Den Zweiten Weltkrieg überstanden die beiden Rettenberger Brauereien mit Dünnbier, einem schalen Gesöff mit nur 1,7 Prozent Stammwürze.
Es folgte das Wirtschaftswunder, und der heutige Seniorchef Herbert Zötler, 81, expandierte. Seine Bierlaster belieferten nicht mehr nur die Gemeinde, sondern das halbe Allgäu. Für die Reklame habe er sich "Experten angelacht", so Zötler. Ihnen fielen Sprüche ein wie "Sei gut zu dir, trink Zötler-Bier". Darüber schmunzelte man in den fünfziger Jahren, und die Zötlers aus dem oberen Dorf überholten das Engelbräu aus dem unteren Dorf - wobei jeder Dorfteil bis heute treu zu seinem Bier hält.
Für die Zötlers lief es bald so gut, dass sie ins Immobiliengeschäft einstiegen, um den Absatz anzukurbeln. Sie erwarben Gasthäuser, vergaben Darlehen für die Einrichtung und banden die Pächter mit einem Biervertrag an sich. 45 Objekte unterhielt Zötler zu Bestzeiten. Die Brauer wurden die Banker des Gastgewerbes, an dem die Kreditinstitute das Interesse verloren hatten.
Zötler junior, 51, Steuerberater von Beruf, zögerte lange, ins Geschäft des Vaters einzusteigen. Als dann aber erste Großbrauereien eine Übernahme sondierten, kam er doch. Und wie. Seinen überregionalen Einstand gab Zötler 1995 als "Dosenjäger vom Allgäu" ("Manager-Magazin"). Mit neun anderen Brauern hatte er die "Dosenfreie Zone Allgäu" ausgerufen und sich vor dem Bonner Umweltministerium Angela Merkels zum Anti-Dosen-Schwur versammelt.
"Die Dose war ein Kampfinstrument der Industriebrauer", sagt Zötler heute. Er sitzt in der aufgeräumten Essecke seines Allgäuer Hauses. Er trägt einen Allgäuer Filzjanker. Und spricht wie ein Greenpeace-Campaigner aus Hamburg: "Die haben ihre Überkapazitäten darin abgefüllt, um uns rauszudrängen." Und dann sagt der Bayer allen Ernstes: "Die mittelständischen Brauer werden Jürgen Trittin für das Dosenpfand irgendwann ein Denkmal setzen."
Statt Bierdosen stehen im Allgäuer Einzelhandel nun Flaschen mit Vollmondbieren in den Regalen. Auch Zötler hat so was im Sortiment - die Allgäuer seien sehr "mondangehaucht". Auf dem Gelände der Brauerei lässt Zötler gerade einen neuen Brauereiladen bauen, wo er Zötler-Hüte und -T-Shirts verkaufen will. Er beschäftigt 60 Leute, macht zehn Millionen Euro Umsatz: Das Geschäft läuft, auch weil er noch zu klein ist, um die Großen zu ärgern.
Das Allgäuer Brauhaus, das die Rettenberger einmal übernehmen wollte, ist vor kurzem selbst geschluckt worden - von Radeberger. Doch das, sagt der Pfarrer, sei ein Fernsehbier. "Und daran wird hier nicht mal genippt." NILS KLAWITTER
Von Nils Klawitter

DER SPIEGEL 53/2004
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