27.12.2004

POLITIK-THRILLERDer Kanzler mit der Maske

Der Alltag des Regierungsbetriebs wird jetzt zum Gegenstand fiktionaler Fernsehfilme. „Spiele der Macht - 11011 Berlin“ ist ein besonders gelungenes Stück.
Gut gebrüllt, Löwin: "Autorität ist ein Geschenk, das seine Macht nicht aus der Stärke seiner Machtmittel schöpft, sondern aus seiner erhöhten Verantwortlichkeit." Frau Professorin Sara Kardow, die Politologin, spricht die hehren Worte in einer Talkshow. Ihre dunklen Augen stechen. Das wächserne Mondgesicht des Kanzlers verrät es nicht, aber er könnte beeindruckt sein. Stefan Kronsberg, der Pressereferent des Regierungschefs und ein Ex-Freund der Professorin, ist es auf jeden Fall, allerdings nicht so, wie es sich die Wissenschaftlerin vielleicht erhofft hat. "Du hast verdammt gut ausgesehen", sagt er der Frau nach dem Fernsehauftritt.
Mit solchem schrillen Zusammenklang von Moral, Politik und Erotik beginnt "Spiele der Macht - 11011 Berlin", ein Fernsehfilm, der nächste Woche Mittwoch in der ARD gesendet wird. Ein hoffnungsvoll stimmender Auftakt, gut besetzt, intelligent geschrieben, plausibel inszeniert. Ihm folgt - vom 9. März an - die vom ZDF verantwortete, auf zwölf Teile angelegte Serie "Kanzleramt", mit den "Tatort"-Stars Klaus J. Behrendt und Robert Atzorn in den Hauptrollen und Hans-Christoph Blumenberg als einem der Autoren bestimmt auch alles andere als die leichte Artillerie der Fernsehkunst.
Die Macht wird fürs Fernsehen neu entdeckt. Nach den an realen Vorbildern ausgerichteten Doku-Dramen über den zerrissenen Kanzler Willy Brandt, seinen heroischen Nachfolger Helmut Schmidt im deutschen Terroristenherbst und den Instinktkanzler Helmut Kohl, der das Glück der Einheit beim Schopfe packte, soll nun die Fiktion zu ihrem Recht kommen.
Sie macht sich nicht über die Geschichtsbücher her, sondern benutzt die Flügel der Phantasie. Vor einem Dreivierteljahr gaben die Geschichtenerzähler die erste Kostprobe mit der Komödie "Küss mich, Kanzler!" ab. Der Regierungschef verliebt sich in eine Putzfrau und steht zu seiner Liebe - wie schlicht. Dunkle Befürchtung damals: Wenn das alles ist, was sich die TV-Märchenerzähler so ausdenken, dann doch lieber echte Geschichte.
"Spiele der Macht" widerlegt solche Ängste. Alles, was Rainer Berg in sein Stück geschrieben hat, ist Phantasie, aber alles ist auch Wahrheit, innere Wahrheit. Es ist die alte Geschichte, wie Macht und Moral nicht zueinander kommen können. Früher wurden aus solchem Stoff Dramen.
Ganz so schlimm wird es hier nicht. Wir sind schließlich nicht im mythologischen Griechenland (Antigone) oder am spanischen Hof (Don Carlos), sondern im neudeutschen Berlin. Die Hauptpersonen sind aus dem gleichen Geist erfunden wie die von Regisseur Markus Imboden inbrünstig abgefilmte Kanzleramtskulisse: eine Mischung aus Macht und erkalteter Begeisterung. Nur Martina Gedeck als Marquise Posa glüht noch vor Entschlossenheit - Idealismus, besonders der zornige, macht sie besonders schön.
Die Wahrheitssucherin ist hoffnungslos fixiert auf den Kanzler. Gegensätze ziehen sich an. Manfred Zapatka liefert ein darstellerisches Meisterstück ab. Er spielt den Kanzler mit der unsichtbaren Maske, niemand weiß, wann seine Regungen echt und wann sie gespielt sind. Der Mann hat sich im Griff, bis es zu einer Attacke kommt: Ein Aktionskünstler mit einer Kanzlermaske, der gegen die Arroganz der Macht protestiert, verbrennt sich vor den Augen des Regierungschefs - freilich nur zum Schein, tatsächlich bleibt der Mann unverletzt.
Finesse der Szene: Angesichts einer brennenden Maske entgleiten dem sonst so wohl maskierten Kanzler die Gesichtszüge. Es gibt Pressefotos vom Entsetzten, später eine Krankenakte über eine psychiatrische Behandlung des Regierungschefs.
Jemand treibt mit Hilfe der Presse ein Intrigenspiel gegen den ersten Mann der Regierung. Der Kanzler sucht trotz dieser Krise und Vorwürfen, in eine Spendenaffäre verwickelt zu sein, die Nähe zur Professorin. Die lernt die politische Wirklichkeit außerhalb des Hörsaals kennen: Moral und Wahrheit bedürfen nicht nur des Mutes und der Hartnäckigkeit, sie brauchen auch taktische Handhabe.
Auf ihrem Weg, Kanzlerberaterin zu werden, begegnet Sara ihrem Ex-Freund Stefan wieder und damit dem Erzeuger der zweiten schauspielerischen Meisterleistung dieses Films. Axel Milberg, die spitze Nase und die flinken Augen nach überall gerichtet, ist das inkarnierte Misstrauen. Der Feind lauert für den Pressechef überall. Er kann nicht anders, als rastlos Unheil zu wittern. Er zerlegt die Welt nicht nach gut und sinnvoll oder böse und schädlich. Er kennt nur die Kategorie Machtgewinn oder Machtverlust. Er lässt sich benutzen, so wie er andere Menschen benutzt. Er hat kein Verständnis dafür, dass der Kanzler einen moralischen Neubeginn sucht und seine Dienstgeschäfte unterbricht, um an der Ostsee nachzudenken.
Milbergs Stefan geht bis zur Selbstverleugnung in der politischen Maschine auf. Ihm ist nicht wichtig, warum sie läuft, sondern nur, dass sie es tut. Selbst wenn er Sara lieben dürfte, würde er sie für seine zwecklosen Zwecke benutzen. Milberg legt die erschütternde Studie eines deformierten Menschen hin.
Und Sara? Wird sie es schaffen, Moral in die Politik zu bringen? Man erfährt es nicht. Man erfährt lediglich, dass sie den Job einer Kanzlerberaterin nur dann übernehmen wird, wenn ihr potentieller Chef den Parteispendenskandal politisch unbeschadet überlebt.
Moral ist von Bedingungen abhängig, es gibt sie nicht umsonst. Das hat ihre Vertreterin Sara gelernt. So ist es, wenn man die "Spiele der Macht" mitspielt.
NIKOLAUS VON FESTENBERG
Von Nikolaus von Festenberg

DER SPIEGEL 53/2004
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