27.12.2004

Die Geisterjäger

Warum die Miskitos in Nicaragua ab und zu verrückt werden
Im Oktober vergangenen Jahres wird Carlos Fletes von seinem Minister zum ersten Mal die 200 Kilometer von Managua nach Raití geschickt, in das abgelegene Dorf der verrückten Indianer. Fletes setzt sich im Gemeindehaus an den langen Holztisch, höflich stellt er sich vor: "Guten Abend, mein Name ist Carlos Fletes, ich bin Psychiater und Direktor der Abteilung für Geisteskrankheiten im Gesundheitsministerium in Managua." Ein Mann der Wissenschaft.
"Guten Abend", antwortet freundlich die Frau, die ihm gegenübersitzt, "ich heiße Sol Fork und bin hier die Prophetin."
Das Dorf Raití liegt im Dschungel von Nord-Nicaragua am Rio Coco, der Grenze zu Honduras. Die Menschen hier sind Indianer, sie gehören zum Stamm der Miskitos, einem Volk von etwa 150 000 Männern und Frauen.
Vor ein paar Jahren hat der Hurrikan "Mitch" den Ort verwüstet, dank der Wiederaufbauhilfe der Organisation amerikanischer Staaten verfügt Raití jetzt über eine Trinkwasserpumpe und über vier schicke neue Steinhäuser. Die Miskitos sind keine Steinzeitmenschen, sie leben einfach nur arm und ziemlich abgelegen, und sie mögen es nicht, wenn sich die Weißen in ihre Angelegenheiten mischen. Normalerweise.
Aber jetzt räumen sie ein Steinhaus frei für Carlos Fletes, den Mann aus dem Ministerium. Sie haben den Psychiater herbeigerufen, denn sie brauchen Hilfe. Diesmal geht es um mehr als nur einen Hurrikan.
Es geht um eine furchterregende, geheimnisvolle Krankheit. Sie befällt ausschließlich Miskito-Indianer, sie lässt die Menschen verrückt werden, und es gibt keine Tabletten dagegen. Grisi Siknis, die Schreckenskrankheit, heißt sie in der Sprache der Miskitos.
139 Einwohner von Raití sind schon krank, und ihr Benehmen macht den Einwohnern Angst: Manche Kranke verfallen in Zuckungen, wie bei einem epileptischen Anfall. Dann wiederum scheinen sie nichts mehr wahrzunehmen und dämmern vor sich hin. Manchmal tauchen die Kranken auf der Straße auf, sie laufen ziellos umher, fühlen sich verfolgt, greifen sich Stöcke, Steine oder Macheten, sie wehren sich gegen imaginäre Feinde und bedrohen echte Nachbarn. In Raití herrscht kollektive Hysterie.
Der Wahnsinn tritt seit hundert Jahren immer wieder mal auf, niemand kann vorhersagen, welches Dorf es trifft, und das macht den Menschen Angst. Aus Namahka, dem Nachbardorf, wird die Geschichte von Isabel erzählt, einem 15jährigen Mädchen. Unsichtbare Mächte, Geister womöglich, hatten Isabel verfolgt, sie rannte davon, in wilder Panik aus dem Dorf hinaus, flüchtete über den Rio Coco nach Honduras. Dort, im Dschungel, fand man ihre Leiche. Das erste Todesopfer der Grisi Siknis.
Es ist ein Fluch, sagen die Indianer.
Ganz so ernst nehmen die Offiziellen im Gesundheitsministerium der Hauptstadt die Krankheit nicht: "Massenpsychose, Autosuggestion, ein kulturelles Phänomen", sagt ein Arzt dort. "Dumme Indios bilden sich kollektiv was ein", soll das heißen. Ein Virus jedenfalls schließt er als Ursache aus. Fletes hat Antidepressiva und krampflösende Mittel im Gepäck. Ein weiterer Psychiater, ein Arzt, eine Krankenschwester und ein Soziologe begleiten ihn nach Raití.
Aber Fletes wird seine Pillen nicht los. Die Patienten lassen den weißen Doktor gar nicht erst an sich heran, manche werden so aggressiv, dass die Psychiater Angst bekommen. Die Regierungskommission beschränkt sich aufs Beobachten.
Die Miskitos sind evangelische Christen, aber erst seit 150 Jahren. Doch dass es einen Christengott gibt, heißt für sie nicht, dass der Wald nicht trotzdem voller Dämonen wäre. Im Dschungel lauert zum Beispiel der Dar, ein Geist, der die Menschen bestraft, wenn sie mehr Fleisch jagen, als die Familie braucht, er macht sie auf ewig unsichtbar.
Das Übersinnliche hilft den Miskitos, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Sie beten zu Gott, doch sie fürchten die Geister, die Flüche und die bösen Magier.
Gegen Grisi Siknis, so glauben die Miskitos, hilft nur, den Fluch ins Nichts zu lenken. Wer an Geister glaubt, der braucht auch einen Zauberdoktor.
Sol Fork, die Miskito-Prophetin, ist eigens deshalb nach Raití gekommen. Eigentlich heißt sie Porcela Sandino. Aber vor ihrem Auftrag hat sie drei Tage in Meditation verbracht, dabei erschien ihr der Name Sol Fork. Sol, die Sonne, soll nun die guten Geister symbolisieren, Fork, die Gabel, für die bösen stehen. Sonnengabel, so glaubt sie, ist ein guter Name für den Kampf gegen Flüche und Zauber.
Sol Fork hat Kräuter und Blätter nach Raití mitgebracht, außerdem eine geheimnisvolle blaue Flüssigkeit und eine halbe Kokosnuss. Sol Fork verbrennt die Blätter und Kräuter, die Kranken müssen den Rauch inhalieren. Sie verhalten sich ruhig dabei. Am nächsten Morgen marschieren Sol Fork und zwei Gehilfen zum Friedhof, zum Fluss und an den Waldrand, dorthin, wo die Dämonen wohnen. Mit der Kokosnussschale verteilt sie die blaue Flüssigkeit auf dem Boden.
Nach ein paar Tagen sind die Kranken gesund. Sie können sich an nichts mehr erinnern.
"Ein interessanter Fall", sagt Carlos Fletes, "ich werde darüber auf dem nächsten Psychiatriekongress berichten." ANSBERT KNEIP
Von Ansbert Kneip

DER SPIEGEL 53/2004
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