27.12.2004

Ufo mit Solarantrieb

Ortstermin: In Berlin wurde das „Jahr der Innovation“ feierlich beendet.
Heinz Klinger ist mit der U-Bahn von Neukölln nach Mitte gefahren. Er trägt einen zu kurzen blauen Anzug aus den Siebzigern und eine Plastiktüte. Als die Sicherheitsleute ihn vor der Drehtür der Hauptstadtrepräsentanz der Telekom aufhalten, kramt er seine Einladung heraus. Darin steht, dass er "die Innovationsfähigkeit Berlin-Brandenburgs unter Beweis gestellt hat".
Klinger hat ein "Flugobjekt mit Solarantrieb" erfunden. Eine Art fliegende Untertasse mit Teleskopstandbeinen, mit einer Sichtkanzel und Solarkollektoren auf den Tragflächen. Geeignet zur Personenbeförderung, zum Warentransport, zur Spionage.
Klinger ist 70 Jahre alt, er war mal Maurer. Er ist klein und schmächtig und schaut nervös durch seine dicken Brillengläser. Im September hat er die Skizzen seiner Erfindung bei der "Gesellschaft für Hauptstadtmarketing" eingereicht. Die vergibt den "Innovationspreis 2004", im Auftrag des Berliner Wirtschaftssenators und des Brandenburger Wirtschaftsministers. Im Prospekt, den sie Klinger zugeschickt haben, heißt es, die Bundesregierung habe "im Jahr 2004 das Thema Innovation in das Zentrum ihrer Politik gestellt". Am Anfang des Jahres hat der Kanzler die Deutschen zum Erfinden aufgerufen, das Land müsse "international auf einen Spitzenplatz gesetzt werden", es müsse "Forscher aus der ganzen Welt" anziehen, es müsse "wissenschaftliche Erkenntnisse" in "innovative Produkte" umsetzen.
10 000 Euro kann Klinger mit nach Hause nehmen, wenn er einen der drei Preise gewinnt. "Ich denke nicht an das Geld", sagt Klinger. "Ich will dem Schröder helfen." Er mag den Kanzler, er mag Deutschland. "Ich habe Berlin mit blutenden Händen wiederaufgebaut." Er kam aus Danzig, 11. von 13 Kindern, Maurer in der dritten Generation.
Im Foyer des Gebäudes, das mal das Kaiserliche Haupttelegrafenamt war, drängen sich an diesem Dezember-Abend Männer in dunklen Anzügen und Frauen in pastellfarbenen Kostümen um die Stehtische. In der Pressemappe werden sie die "Pioniere des Denkens" genannt, sie sollen die "Türen öffnen zu zukünftigen gesellschaftlichen Entwicklungen". 166 Erfindungen haben sie eingereicht und warten nun auf das Urteil der Jury.
Klingers Flugobjekt hat die Registriernummer 128. Er setzt sich in die neunte Reihe, er wippt unruhig mit dem Fuß.
Klinger erfindet seit 1955. Damals starb ein Bekannter bei einem Autounfall, und weil sich das Lenkrad seines Lasters in seinen Bauch bohrte, entwickelte Klinger eine ineinander verschiebbare Lenksäule. Sein Vorbild ist Wernher von Braun, seine Frau hält ihn für einen Geldverschwender, und sein bester Freund sagt: "Vor lauter Denken kommt Klinger nicht zum Sterben." Klinger beginnt jeden Morgen nach dem Frühstück mit dem Zeichnen und bleibt in der Garage bis Mitternacht. Die halbe Rente geht für Material- und Kopierkosten drauf.
Die Moderatorin ruft Harald Wolf, den Berliner Wirtschaftssenator, und Ulrich Junghanns, den Wirtschaftsminister von Brandenburg, auf das Podium. Sie will wissen, was das sei, eine Innovation. Das sei ein "Kraftakt nach vorn", antwortet Junghanns, "der auf eine Struktur stößt, die damit nicht umgehen kann". Die Moderatorin guckt ratlos. "Wir müssen es fühlen, wenn einer voran will", legt Junghanns nach, "wir müssen unsere Innovatoren feiern. Sie brauchen Respekt. Sie müssen unsere Superstars sein."
Klinger klatscht. Schöner hätte es der Kanzler auch nicht sagen können.
Klinger holt aus seiner Plastiktüte einen Stapel Skizzen. Zehn Modelle für ein Perpetuum mobile, den Klinger-Magnetaufzug, die Klinger-Windkanal-Energiemaschine, ein Trockensand-Ausbohrverfahren zur Rettung des Schiefen Turms von Pisa. Er hat seine Innovationen überall hingeschickt, zur Regierung nach Rom, zu Siemens, zu Jürgen Trittin. Und auch an den Kanzler. Der hat ihm einen netten Brief zurückschreiben lassen, immerhin.
Auf die Bühne treten die Preisträger des Abends, es sind die Erfinder der "UV-Photodiode auf TiO2-Sol-Gel-Basis", des "Piezoelektrisch gesteuerten Dispensiersystems sciFLEXARRAYER" und der "Thermostabilen fotostrukturierbaren Polymere für Löt- stoppmasken bei der Chipherstellung". Die Minister stehen daneben und gucken überfordert. Sie überreichen drei ein Meter große 10 000-Euro-Schecks.
Klinger nickt anerkennend, er klatscht kollegial.
Die Jury prämiere die Bewerber, deren Produkte "marktfähig sind" und über "ausreichend Innovationshöhe" verfügten, sagt Jörgen Golz, einer der Veranstalter des Innovationswettbewerbs. Klinger sei ein genialer Querdenker. "Seine Entwürfe haben professionelle Qualität. Er scheitert allein an der physikalischen Umsetzung." Das lässt sich auch über den Kanzler sagen.
Es ist kurz nach Mitternacht, das "Jahr der Innovation" ist bald vorbei. Ein Jahr wie jedes andere. Das Wort des Jahres war nicht "Innovation", sondern "Hartz IV".
Klinger sitzt jetzt allein im Saal, die Band spielt leise vor sich hin. Über den Großbildschirm flimmern noch einmal alle Bewerber. Dann der Schriftzug "Nr. 128, Heinz Klinger, Flugobjekt mit Solarunterstützung". Klinger holt seine Kamera heraus und fotografiert den Bildschirm. ANITA BLASBERG
Von Anita Blasberg

DER SPIEGEL 53/2004
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