27.12.2004

IRAKDie Stunde der Mullahs

Der Wahlkampf in Bagdad reißt alte Gräben auf: Den Sieg der Schiiten vor Augen, legen sich die Sunniten des Irak mit den religiösen Ultras in Teheran an. Sie halten den Schiitenführer Hakim für einen Statthalter des verhassten Nachbarstaats.
Abd al-Asis al-Hakim muss schon früh geahnt haben, dass die Last der Verantwortung eines Tages auf seinen Schultern liegen würde.
Sechs seiner Brüder hat Saddam Hussein umbringen lassen. Nur einer lebte noch, als der Irak vom Tyrannen befreit war und der Rest der Familie aus dem iranischen Exil zurückkehrte: Mohammed Bakir al-Hakim, der Ajatollah, der sich 20 Jahre lang in Teheran darauf vorbereitet hatte, das Haus Hakim zu rehabilitieren und die Schiiten im Irak an die Macht zu bringen.
Drei Monate später fiel auch dieser siebte Bruder einem politischen Mord zum Opfer. Er starb zusammen mit fast hundert seiner Anhänger am 29. August 2003 vor den Toren der Imam-Ali-Moschee in Nadschaf. Es war der bis heute folgenreichste Anschlag im Nachkriegs-Irak. Abd al-Asis, der immer im Schatten Mohammed Bakirs gestanden hatte, rückte an seiner statt zum Führer der mächtigsten Schiitenpartei im Irak auf, des "Obersten Islamischen Revolutionsrates".
Nur selten war seitdem von ihm zu hören. Hakim saß im Regierungsrat, den noch US-Zivilverwalter Paul Bremer eingerichtet hatte, er schickte Gefolgsleute in die Übergangsregierung, er knüpfte Verbindungen und baute die Badr-Brigade aus, die stärkste Miliz im Lande - doch stets agierte er aus dem Hintergrund und mied den öffentlichen Auftritt.
Das wird sich nun ändern. Hakims Name steht auf Listenplatz eins der "Vereinigten Irakischen Allianz", des mächtigsten, von Großajatollah Ali al-Sistani geschmiedeten Parteienbündnisses für die Wahl am 30. Januar. Und Hakim steht im Zentrum des Streits, der den Wahlkampf beherrscht: Kann ein Sieg der Schiiten den Irak befrieden - oder übernehmen mit einem Präsidenten oder Ministerpräsidenten Hakim die Mullahs aus Teheran die Macht in Bagdad?
Die gute Nachricht der vergangenen Woche - am Dienstag kamen die zwei im August verschleppten französischen Journalisten aus der Geiselhaft frei - wurde von einer ganzen Serie düsterer Meldungen überschattet: Mehr als 90 Menschen verloren bis zum vorigen Mittwoch ihr Leben, 22 bei einem Angriff auf eine US-Kantine in der nordirakischen Stadt Mossul, 66 bei einem Doppelanschlag auf die Schiitenschreine in Nadschaf und Kerbela.
Das Ziel der Terroristen sei es, so Premierminister Ijad Alawi, "ethnische und religiöse Konflikte zu schaffen". Ihr Handlungsmuster sei das von Osama Bin Laden, und die Zahl der Attacken werde in den Wochen vor der Wahl noch zunehmen.
Beunruhigend ist, dass selbst Gefolgsleute Alawis die Spannungen mit anheizen. Sie schüren einen Hass, den bislang nur extreme Randgruppen predigten. Po-
litiker bis tief in gemäßigte Kreise unterstützen sie dabei.
Als "iranische Liste" dämonisierte Alawis Verteidigungsminister Hasim Schaalan das Wahlbündnis, dem Abd al-Asis al-Hakim vorsteht. "Iran ist der gefährlichste Feind des Irak und der Araber", erklärte Schaalan vor einer Versammlung amerikanischer und anderer Nato-Offiziere in Bagdad. "Wir müssen alle Anstrengungen bündeln, um diese kriechenden schwarzen Horden zu stoppen." Mancher seiner Zuhörer mochte sich bis in den Wortlaut an Saddams antipersische Propaganda während des Irak/Iran-Krieges erinnert fühlen. Doch Schaalans Wahlkampfthese - die schiitischen Mullahs mit ihren schwarzen Turbanen wollten im Irak "die Diktatur des Islam" errichten - ist in Washington seit langem ein Standardargument außenpolitischer Falken.
Eine Einmischung Irans in den irakischen Wahlkampf sei unakzeptabel, so US-Präsident George W. Bush vergangene Woche (siehe auch Seite 106). Einen handfesten Anlass für die Warnung bot ihm der irakische Übergangspräsident Ghasi al-Jawir in einem BBC-Interview: Teheran unterstütze schiitische Parteien im Zweistromland mit Geld, Hunderttausende hätten sich an der mehr als 1400 Kilometer langen Grenze gruppiert, um Einfluss auf das Wahlergebnis zu nehmen.
Dass Abd al-Asis al-Hakim anbot, die Wahlbüros am 30. Januar von den 100 000
Milizionären seiner Badr-Brigade bewachen zu lassen, hat die Ängste der Sunniten erst recht vertieft. Die Brigade, in den achtziger Jahren in Teheran gegründet und von Chomeinis Revolutionswächtern ausgebildet, kämpfte im ersten Golfkrieg auf iranischer Seite, ihre Mitglieder werden von vielen Irakern einfach "die Iraner" genannt.
Hakim selbst hat über 20 Jahre im iranischen Exil verbracht; sein gestutzter Vollbart, das kragenlose Hemd, der braune Umhang und der schwarze Turban, der ihn als Nachfahren des Propheten ausweist, entsprechen exakt dem Erscheinungsbild eines iranischen Klerikers. Dass er als Mitglied des Regierungsrats im Herbst 2003 erst Iran und dann ausgerechnet Irans neuen Verbündeten, den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad, besuchte, hat Argwohn erweckt.
Sunniten, Christen und selbst säkulare Schiiten brüskierte er zusätzlich, als er im Dezember 2003 als Präsident des Regierungsrats das irakische Familien- und Scheidungsrecht auf den Boden der Scharia stellen wollte. Der Plan scheiterte am Widerstand einer breiten Koalition der Säkularen - und an Paul Bremer.
Das Problem von Bremers Nachfolgern in Bagdad ist, dass es trotz aller Zweifel am Kandidaten der Schia wohl keinen besseren gibt. Dem Bündnis von Ijad Alawi, den Washington im Juni als Übergangspremier durchsetzte, werden nur geringe Chancen auf einen Wahlsieg eingeräumt. Er gilt als Marionette der Amerikaner; der von ihm autorisierte Sturm auf Falludscha und seine wiederholten Dankadressen an die US-Armee haben ihn zusätzlich diskreditiert.
Hakim hingegen scheint erreicht zu haben, was keinem anderen der irakischen Nachkriegsführer gelang: Er hat sich hinreichend von den Amerikanern distanziert, um für breite Schichten wählbar zu sein, und er hielt gleichzeitig jenen kalten Frieden mit Washington, den er auch brauchen wird, falls ihn das erste frei gewählte Parlament des Irak zum Präsidenten oder Ministerpräsidenten ernennen sollte.
Hakim hat sich vor dem Krieg mit US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld und Vizepräsident Dick Cheney getroffen. Wie sich die Dinge im Irak seitdem entwickelt haben, wiegen Hakims Vorzüge aus amerikanischer Sicht seine Nachteile inzwischen wohl auf. Er ist moderater als der junge Schiitenprediger Muktada al-Sadr, und er ist glaubwürdiger als Ahmed Tschalabi, der längst fallen gelassene Protegé des Pentagon, der sich nach langem Streit nun demselben Wahlbündnis angeschlossen hat. Und Hakim hat den Segen jenes Mannes, der den Ausgang der Wahl vermutlich entscheiden wird: Großajatollah Ali al-Sistani, die führende geistliche Autorität der irakischen Schiiten.
Sistani, anders als Hakim, ist gebürtiger Perser. Er könnte sich gar nicht zur Wahl stellen, weil er keinen irakischen Pass hat. Und er würde es gewiss auch nicht tun, da er, im Gegensatz zu den Ajatollahs in Teheran, der "quietistischen" Schule der Schia angehört, die ein politisches Mandat für Kleriker ablehnt.
Hakims Hauptquartier in der Tigris-Villa von Saddams ehemaligem Außenminister Tarik Asis, so berichtet ein Vertrauter, sei in den vergangenen Wochen zu einer Art Politbüro des zurückgezogen in Nadschaf lebenden Sistani geworden: "Sajjid Hakim hat fast täglich Kontakt zu ihm und holt sich geistlichen Rat."
Die Arbeitsteilung ist sinnvoll, denn anders als Sistani oder sein ermordeter Bruder Mohammed Bakir hat es Abd al-Asis al-Hakim in der geistlichen Ausbildung nur bis zum Hodschatolislam gebracht. Zum Ajatollah fehlen ihm mindestens zehn Jahre Studium.
Fraglich ist, welche Arbeitsteilung dem Politiker Hakim für den Fall eines Wahlsieges vorschwebt. Als Ministerpräsidenten, so heißt es, habe er den Mann auf Platz sieben seiner Wahlliste im Auge, den Atomwissenschaftler Hussein al-Schahristani.
"Sajjid Hakim ist ehrgeizig", sagt jedoch der Vertraute. "Ich glaube, er will Präsident werden." BERNHARD ZAND
* Links: am vergangenen Dienstag in Mossul; rechts: am 4. Dezember in Teheran.
Von Bernhard Zand

DER SPIEGEL 53/2004
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