27.12.2004

SAMBIAWo Engel staunen

Weiße Farmer verlassen Simbabwe, Namibia und Südafrika - nördlich des Sambesi sind sie willkommen. Viele wagen einen Neuanfang und sorgen für Rekordernten.
Chris Aston kann mit sich zufrieden sein, die Geschäfte laufen gut. Auf 40 Hektar baut er schon Tabak der Sorte Virginia an und auf weiteren 130 Hektar Weizen, dazu noch scharfe Chili für den amerikanischen Gewürzriesen Tabasco. Grün wogt sein Weizen selbst in der Trockenzeit, in der die Sonne Sambias unbarmherzig brennt und überall sonst die Felder verdorren.
Das Wasser kommt vom nahen, blaugrün schimmernden Sambesi, der ruhig dahinfließt, ehe er 20 Kilometer weiter die Victoria-Fälle hinabstürzen wird.
Aston kam erst vor zwei Jahren nach Sambia. Deshalb ist er noch kein gemachter Mann, aber er ist auf einem guten Weg: 200 Saisonarbeitern gibt er mittlerweile Arbeit.
Die Welt, die Aston hinter sich ließ, hat er täglich vor Augen, sie liegt gleich auf der anderen Seite des Flusses, keine 150 Meter von seiner jetzigen Unterkunft entfernt. Dort drüben verbrachte er seine gesamte Kindheit; dort heiratete er und zeugte Kinder; dort drüben wurde er Tabakfarmer: in Simbabwe, das noch Rhodesien hieß, als Aston geboren wurde. Doch inzwischen hat sich der Farmer geschworen, nie wieder dorthin zurückzukehren, denn in Simbabwe hat er alles verloren.
Astons Farm wurde beschlagnahmt und enteignet, ohne dass er auch nur einen Simbabwe-Dollar Entschädigung dafür erhalten hätte. Die meisten seiner Freunde haben das Land verlassen, einige wurden verhaftet und zusammengeschlagen, andere sogar von einem aufgehetzten Mob gelyncht. Doch inzwischen müssen die Menschen dort drüben hungern.
Simbabwe hat sich in das Horrorkabinett des roten Rassisten Robert Mugabe verwandelt, der mit einem Führer-Schnauzbart durch die Gegend stolziert, Wahlen fälschen und Zeitungen zensieren lässt. Mugabe prahlt, er habe "einen akademischen Abschluss in Gewalt" und sei der "Hitler dieser Zeit" - ein Alptraum, selbst für afrikanische Verhältnisse. Mittlerweile ist Aston froh, dass er dem Terror entkommen ist: "Sie haben uns dort wie die Kinder des Satans behandelt."
Und so wie Aston sehen sich viele vom weißen Stamm Afrikas wieder einmal auf dem Treck, seit auch in Namibia Farmarbeiter aufgehetzt werden und die Gewalt gegen die
"Blankes" in der Republik Südafrika zunimmt. Seit dem Ende der Apartheid wurden im Kap-Staat mehr als 1500 weiße Farmer ermordet.
Doch während sie in Simbabwe oder manchmal auch in Namibia als Rassisten und Kolonialisten gebrandmarkt werden, sind die weißen Farmer in anderen Ländern Afrikas hochwillkommen. Nigerias Präsident Olusegun Obasanjo würde sie ebenso gern in seinem Land ansiedeln, wie das die Machthaber Mosambiks oder Malawis tun würden. Selbst Ugandas Präsident Yoweri Museveni umwirbt die von Mugabe Verstoßenen.
"Afrika heißt Simbabwes Weiße willkommen", titelte das Monatsmagazin "African Business" und registriert einen "warmen Empfang" in vielen afrikanischen Ländern: "Die Simbabwer können dort den landwirtschaftlichen Sektor wieder aufbauen."
Eine neue Heimat scheint ein beträchtlicher Teil dieses versprengten Volks vom Südzipfel Afrikas nun, zumindest vorerst, in Sambia gefunden zu haben. Rund 300 simbabwische Farmer haben sich im ehemaligen Nordrhodesien niedergelassen und bewirtschaften 150 Farmen - mit prächtigen Erfolgen.
Seit die ersten Siedler vor einigen Jahren von Mugabes Schlägertrupps verjagt wurden und in Sambia neu begannen, boomt dort die Wirtschaft in ungekanntem Ausmaß: "Sambia ist die afrikanische Erfolgsgeschichte", freut sich der Präsident der sambischen Großbauernvereinigung, Guy Robinson.
Zum ersten Mal seit 1978 wird Sambia, das noch vor zwei Jahren eine Hungersnot erlebte, 2004 mehr Mais exportieren als importieren. 50 000 Tonnen wurden bereits nach Angola geliefert, 70 000 werden nach Malawi verkauft - ein Erfolg, für den auch die schwarzen sambischen Kleinbauern verantwortlich sind, denen die liberale Wirtschaftspolitik der Regierung von Präsident Levy Mwanawasa zugute kommt.
Allerdings gehört zu den Nutznießern der sambischen Rekordernte auch Robert Mugabes gescheitertes Regime. 19 000 Tonnen Mais-Saatgut werden in das Nachbarland exportiert.
Nur wenige hundert Kilometer von den brach liegenden Tabakfeldern Simbabwes entfernt melden auch die sambischen Tabakfarmer "astronomische Steigerungsraten": 15 000 Tonnen produzierten sie in diesem Jahr, Tendenz steigend. Im Jahr 2000 waren es nur 4000 Tonnen gewesen. In Simbabwe hingegen dürfte die Tabakindustrie bald völlig heruntergewirtschaftet sein.
Als im Jahr 2000 der von der Regierung befohlene Landraub begann, produzierte Simbabwe noch 237 000 Tonnen Tabak. Dieses Jahr sollen es nach Regierungsangaben aus Harare lediglich 64 000 Tonnen sein. Experten halten selbst diese Zahl für maßlos übertrieben.
"Sims Verlust - Sams Gewinn", weiß der Londoner "Economist" in britischer Knappheit den Unterschied zwischen beiden Staaten auf den Punkt zu bringen. Kein Wunder, dass Sambias Landwirtschaftsminister Mundia Sikatana bereits jubelt: "Der Himmel ist die Grenze unseres Wachstums."
Auch die sambische Tourismusindustrie profitiert vom Chaos im Nachbarland. 1855 hatte der schottische Missionar David Livingstone über die gewaltigen Victoria-Fälle geschwärmt, sie böten einen "Anblick, so herrlich, dass selbst Engel in ihrem Flug staunend darauf schauen".
Doch jahrelang beherbergte hauptsächlich die simbabwische Touristenstadt Victoria Falls die Reiselustigen. Das hat sich nun geändert. Während auf der simbabwischen Seite der Wasserfälle die Hotels reihenweise schließen müssen, blüht die kleine Schwester Livingstone auf sambischer Seite auf. Sowohl Luxushotels als auch Absteigen für Rucksacktouristen schießen aus der roten Erde.
In Sambia mag Farmer-Chef Robinson manchmal selbst noch nicht recht glauben, welch positive Entwicklung die Wirtschaft seiner Heimat nimmt. Vergangene Woche waren zwei südafrikanische Zuckerfarmer bei ihm, die in Sambia investieren wollen. Und auch frustrierte Namibier hätten sich schon nach dem Investitionsklima in Sambia erkundigt.
Denn auch in Namibia droht ein Einbruch nach simbabwischem Muster. Während sich Investoren bereits verängstigt und abgestoßen durch Enteignungsparolen des designierten Präsidenten und bisherigen Ministers für Landfragen, Hifikepunye Lucas Pohamba, abwenden, schlägt auch Namibias Tourismusindustrie Alarm: Bis zu 30 Prozent betragen die Einbußen in bestimmten Bereichen der namibischen Fremdenverkehrsindustrie schon heute.
"Verkauft, solange ihr in Namibia eine Entschädigung für euer Eigentum bekommt, und investiert woanders", rät der Sambier Robinson den Opfern von Pohambas Weißenhass. "Irgendwann werdet ihr sowieso aus dem Land geschmissen."
Und Sambia kann sich bereits als erfolgreiche Alternative ausweisen, das Land ist auf dem besten Weg, eine Kornkammer Schwarzafrikas zu werden. Während die Böden in Namibia zum Teil knochentrocken sind, verfügt Sambia nicht nur über große Süßwasservorkommen, sondern auch über eine Regierung mit dem nötigen Pragmatismus in Wirtschaftsfragen. Verständlich, dass immer mehr weiße Farmer hier ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten sehen.
Auch Tom Hinmers, 40, hat den Verfall Simbabwes mitansehen müssen. Schon seine Eltern und Großeltern, einst aus Schottland und England in die britische Kolonie ausgewandert, waren Farmer in Afrika. Er sah, "wie alles aus dem Ruder lief", doch seine Heimat Afrika wollte er nie verlassen. Darum nahm er, als es keine Hoffnung mehr zu geben schien, seine Frau, die drei Kinder, packte den Wagen und fuhr einfach über die Grenze nach Sambia.
Eine Million US-Dollar hat er in seine neue Tabakfarm investieren müssen - das meiste davon kreditfinanziert. Die Bedingungen in Sambia, schwärmt er, seien phantastisch, die Böden exzellent, zudem müsse er fünf Jahre lang keine Steuern zahlen.
Hinmers steht noch ganz am Anfang eines Lebens in der neuen Heimat. Er wohnt in einer Blockhütte, die er sich provisorisch errichtet hat. Mühsam unterweist er die einheimischen Arbeiter, denn der Tabakanbau ist für Sambier ein eher ungewohntes Geschäft.
Doch schon jetzt beschäftigt er 230 Menschen, hat gerade 295 Tonnen Tabak geerntet und will in fünf Jahren den Kredit zurückgezahlt haben. "Was wir hier in anderthalb Jahren geschafft haben", schwärmt Hinmers, "hätte in Simbabwe 15 Jahre gedauert." THILO THIELKE
Von Thilo Thielke

DER SPIEGEL 53/2004
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