27.12.2004

NORDIRLANDZerschreddertes Papier

Den größten Bargeldraub der Geschichte haben offenbar Veteranen aus den Zeiten der blutigen Unruhen verübt. Doch die fette Beute ist nur schwer zu waschen.
Es war ein Verbrechen, das auch den Augen etwas bot. Den ganzen Tag über konnten die Räuber Montag vergangener Woche beobachten, wie ihre Beute fetter und fetter wurde: Belfaster Geschäftsleute lieferten in der Zentrale der Northern Bank gleich neben dem Rathaus ihre Bargeldeinnahmen aus dem Weihnachtsgeschäft ab. Darüber hinaus hatte das Institut druckfrische Scheine in kleinen Notenwerten erhalten, um rechtzeitig zu Weihnachten alle Bankautomaten und seine 95 Filialen zu versorgen.
Den Raub selbst, den größten illegalen Bargeldtransfer der Geschichte, konnten anschließend Tausende Passanten beobachten - ohne auch nur zu ahnen, was da vor sich ging: Um ihre Säcke voller Geld in den Containerlaster zu werfen, der unmittelbar bei der Bank geparkt war, brauchten die in Uniformen eines Entsorgungsunternehmens gekleideten Gangster mehr als zwei volle Stunden. Den Sicherheitsbeamten, Zuschauer auch sie, war gesagt worden, dass die angeblichen Müllmänner zerschredderte Dokumente abholen sollten.
Dann aber hatte sich die Schwerstarbeit gelohnt: Als die Diebe um 20.30 Uhr türmten und in ihrem behäbigen Fluchtwagen Richtung Autobahn verschwanden, hatten sie 28,8 Millionen Pfund erbeutet, umgerechnet 41,5 Millionen Euro. Der Coup der Müllmänner markiert damit einen weiteren Meilenstein in der Reihe jener fein ausgetüftelten Millionendiebstähle, die offenbar eine typisch britische Spezialität geworden sind. Begonnen hatten sie 1963 mit dem großen Postzug-Raub, der damals 2 631 784 Pfund einbrachte, nach heutigem Wert etwa 40 Millionen Pfund.
Doch anders als damals waren in Belfast keine Gentleman-Räuber am Werk, welche den Lohn ihrer Arbeit nun womöglich wie ihre Vorgänger an Rio de Janeiros Copacabana verfeiern könnten. Ohne - jedenfalls bis zum Donnerstagmorgen - auch nur einen einzigen der etwa 20 Täter identifiziert zu haben, waren sich die Belfaster Ermittler sicher, es mit Terroristen zu tun zu haben - mit einstigen Kombattanten des Nordirland-Konflikts, deren paramilitärische Banden sich nach gut sechs Jahren Waffenstillstand längst zu profitablen Verbrechersyndikaten entwickelt haben.
Niemand sonst als die katholischen oder protestantischen Milizen verfügen über die nötige Anzahl von Sympathisanten, die garantiert, dass auch unter den Angestellten der Bank eigene Leute zu finden sind. Allzu offensichtlich war, dass Insider die Täter mit Details über die Sicherheitsvorkehrungen versorgt haben mussten. Und ein Insider muss seinen Auftraggebern auch verraten haben, wer jene beiden leitenden Angestellten waren, von denen jeder nur einen Teil des Codes für den Zugang zu den Tresorräumen kannte.
Republikanische IRA-Kämpfer beispielsweise verfügen ebenso wie ihre Gegenspieler aus dem unionstreuen Untergrund zudem über jene Art von Manpower und Erfahrung, die offenbar wurde, als die Täter schon am Sonntag um 22 Uhr - als Polizisten verkleidet - die Häuser der beiden Bankangehörigen überfielen und deren Familien als Geiseln nahmen. Sie zwangen die beiden Angestellten anderntags zur Arbeit zu gehen, als ob nichts geschehen wäre.
Nachdem die Zentrale der Northern Bank um 16.30 Uhr für den Publikumsverkehr geschlossen wurde, mussten die beiden Männer für die Gangster wieder öffnen. Die gaben am Abend schließlich ihre Geiseln frei, unversehrt.
Erst vor wenigen Monaten hat eine gemeinsame irisch-nordirische Untersuchungskommission festgestellt, dass der weitaus größte Teil der 235 nordirischen Gangs seine Wurzeln in jenem blutigen Konflikt hat, der das Land nun seit Jahrzehnten schon beschäftigt und einst die Streitfrage betraf, ob die unterdrückte katholische Minderheit in der protestantischbritischen Provinz gleiche Rechte erhalten sollte. Inzwischen hat die katholische IRA längst auf Benzin-, Diesel- und Zigarettenschmuggel umgesattelt. Die etwa acht Millionen Pfund, die sie jährlich an Finanzmitteln aufbringt, stammen aber auch aus Raubüberfällen und Kidnappings.
Die einstigen protestantischen Milizen engagieren sich heute eher im Drogenhandel, was allerdings nicht nur die Behörden auf ihre Spuren lenkt. Auch die IRA, die fürchtet, ihren eigenen Nachwuchs zu verlieren, kämpft heftig gegen die heimischen Drogenpusher und hat in den vergangenen zehn Jahren viele Dealer - die passenderweise von der protestantischen Konkurrenz stammten - hingerichtet.
Inoffiziell gaben die nordirischen Ermittler vergangene Woche zu, dass sie den Megacoup von Belfast eher der IRA zutrauen.
Sie allein verfügt über eine Anzahl legitimer Geschäfte, Taxiunternehmen oder etwa Pubs, mit deren Hilfe das große Geld gewaschen werden könnte.
Denn einen schwerwiegenden Nachteil hat der dreiste Raub bei der Northern Bank: Der größte Teil der Beute besteht aus nordirischen Pfund-Noten, die sich von den üblichen britischen Geldscheinen unterscheiden. In großen Mengen weltweit unter die Leute gebracht, würden sie nur Verdacht erregen. HANS HOYNG
Von Hans Hoyng

DER SPIEGEL 53/2004
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