27.12.2004

BIOTECHNIKGoldrausch im Labor

Ein Volksentscheid zwingt den kalifornischen Staat, die Stammzellforschung jährlich mit 300 Millionen Dollar zu fördern. Jetzt wollen andere US-Staaten dem Vorbild nacheifern. Das weltweit einmalige Förderprogramm ist das Werk eines reichen Bauunternehmers.
An den Gestaden des Pazifiks erstreckt sich ein Fleckchen Erde, auf dem Dinge möglich sind, die nirgendwo sonst eine Chance hätten. Hier werden Schauspieler zu Gouverneuren, und Teenager verwandeln sich in Gründer von Weltfirmen. Für Leute mit Wagemut und großen Ideen ist Kalifornien von jeher das gelobte Land.
Jetzt hat der bevölkerungsreichste US-Bundesstaat erneut unter Beweis gestellt, zu welchen Großtaten er fähig ist. Mit einer 59-Prozent-Mehrheit haben die Wähler in einem Volksentscheid "Proposition 71" gebilligt. Dahinter verbirgt sich ein kühner Coup, die ebenso vielversprechende wie umstrittene Forschung an humanen embryonalen Stammzellen machtvoll wie nirgendwo sonst voranzutreiben - gegen allen Widerstand christlicher Eiferer.
Kalifornien rüstet sich seither für den Beginn eines Goldrausches in den Labors. Hunderte Experten werden herziehen, Tausende Arbeitsplätze entstehen, viele junge Firmen aus dem Boden sprießen. Zehn Jahre lang, so haben es die Wähler beschlossen, wird das noch zu gründende "California Institute for Regenerative Medicine" fast 300 Millionen Dollar jährlich in die Stammzellforschung investieren.
Gefördert werden einzelne Forscher an kalifornischen Universitäten, aber auch kalifornische Biotech-Firmen. Nach Herzenslust werden die Forscher hier neue Stammzelllinien kreieren dürfen. Niemand im Sonnenstaat interessiert sich noch für die Entscheidung von US-Präsident George W. Bush, Bundesmittel nur für wenige, längst bestehende Linien humaner embryonaler Stammzellen zuzulassen.
Ob auf Kongressen oder im Internet - wo immer sich Bioforscher derzeit treffen, gibt es nur ein Thema. Stanford-Mediziner Irv Weissman etwa verbringt dieser Tage viel Zeit am Telefon. Er erzählt Stammzellforschern aus der ganzen Welt, wie schön der Weststaat ist, wie prachtvoll die Stanford University und wie angenehm die Arbeit an einem Ort, wo es genügend Dollars und politische Unterstützung gibt.
All dies geht zurück vor allem auf die Initiative eines Mannes: Robert Klein, 59, aus dem Silicon Valley. Er ist schon jetzt eine der schillerndsten und mächtigsten Figuren der Stammzellszene - dabei ist er weder Arzt noch Forscher, sondern in erster Linie Vater und Aktivist. Sein jüngster Sohn Jordan, 14, ist schwer an juveniler Diabetes erkrankt. Fünf Insulin-Spritzen braucht der Junge pro Tag. Ihm droht die Erblindung, möglicherweise die Amputation eines oder beider Beine. "Mach dir keine Sorgen, Papi", hat Jordan gesagt. "Jeder stirbt, und ich sterbe eben etwas schneller."
Klein wollte sich damit nicht abfinden. Vor etwa zwei Jahren schloss er sich einer
weltanschaulich bunten Gruppe an, deren Mitglieder zwei Sachen gemeinsam hatten: Sie waren reich und hatten ein diabeteskrankes Kind. Aus dem Aktivistenclub wurde dank ihrer Verbindungen, ihres Geldes und Einsatzes rasch eine Bewegung, die immer lauter forderte, jene Forschung zu fördern, die zumindest das Potential hat, Krankheiten wie Diabetes, Alzheimer und Parkinson aus der Welt zu schaffen.
Stammzellen sind hochflexible Wundergebilde, die sich in jeden Zelltypus des Körpers verwandeln können. Den Theorien zufolge, untermauert von Tierexperimenten, könnten sie für Kranke ein Quell von Ersatzmaterial werden, etwa für eine generalüberholte Bauchspeicheldrüse.
Unaufhaltsam wuchs die Unterstützung für "Proposition 71". Kranke, ihre Eltern und Partner, Patientenvereinigungen und medizinische Fachgesellschaften stellten sich dahinter. 46 Nobelpreisträger sprachen sich ebenso dafür aus wie Microsoft-Gründer Bill Gates, der an Parkinson leidende Schauspieler Michael J. Fox sowie der im Oktober verstorbene Superman-Darsteller Christopher Reeve. Am Ende pries selbst Gouverneur und Republikaner Arnold Schwarzenegger die Verheißungen der Stammzellen - und wich damit noch im Präsidentschaftswahlkampf von der Parteilinie ab.
Aktivist Klein, ein Demokrat, Bauunternehmer und promovierter Jurist, hat mehr als drei Millionen Dollar eigenen Geldes in die Kampagne für "Proposition 71" gesteckt. Es hat sich gelohnt für ihn. Den Text der Initiative hat er größtenteils selbst verfasst - und weil die Wähler ihm zustimmten, so ist das im basisdemokratisch inspirierten Kalifornien, haben seine Worte jetzt Gesetzeskraft. Neun Seiten eng bedrucktes Juristengebrabbel hat Klein den Wählern vorgesetzt und darin trickreiche Paragrafen versteckt.
Wegen "Proposition 71" muss Kalifornien nun an seine Verfassung ran und darin sogar ein Recht auf Stammzellforschung verankern. Drei Jahre lang darf Kaliforniens Parlament das Gesetz nicht ändern, und danach nur mit einer Mehrheit von mindestens 70 Prozent. Zudem ist der Staat verpflichtet, zwar Milliarden an das neue Institut zu überweisen - sich aber ansonsten rauszuhalten, wie die Staatsknete verteilt werden soll. Darüber darf allein das 29-köpfige "Independent Citizens Oversight Committee" (ICOC) befinden. Diesem Gremium gehören Universitätsforscher, Vertreter der Biotech-Branche und Repräsentanten von Patientengruppen an. Alle zusammen haben vorige Woche einen Vorsitzenden gewählt: Robert Klein.
Sein ICOC muss sich nun rasch Regeln zur Vergabe der vielen Millionen zulegen, denn schon im Mai will Klein das erste Geld fließen lassen. Noch ist aber ungewiss, ob die Forscher in diesem frühen Stadium der Stammzellforschung so viel Geld überhaupt sinnvoll ausgeben können. Viele Universitäten werden zunächst neue Gebäude bauen und Labore einrichten. Sie wollen sichergehen, dass kein Stammzellforscher im Land auch nur eine Glühbirne benutzt, die mit Bundesmitteln bezahlt wurde. Mit Bushs restriktiver Stammzellpolitik wollen sie nichts mehr zu tun haben.
Der Rest der USA blickt nun mit Neid nach Westen - oder mit Verachtung. In vielen Bundesstaaten sind Parlamentarier dabei, die Forschung an humanen embryonalen Stammzellen sogar zu kriminalisieren. Solche Gesetze gibt es bereits in Michigan, Virginia und Arkansas. Andere Staaten hingegen mühen sich, ihre Forscher mit viel Geld an der Abwanderung nach Kalifornien zu hindern. Die USA bleiben ein geteiltes Land.
Illinois macht Furore mit dem Vorschlag, Fettabsaugungen und Botox-Injektionen mit einer Sondersteuer zu belegen und vom Ertrag Stammzellforschung zu bezahlen. Wisconsin will ein 750 Millionen Dollar schweres Stammzellinstitut gründen. Ähnliche Initiativen sind im Gange in New Jersey, Connecticut und Massachusetts. Selbst in Texas sieht sich der republikanische Gouverneur bedrängt, einen Plan zu entwickeln, die Forscher im Lande zu halten.
Die in Stammzellen aktive Biotech-Firma "Advanced Cell Technologies" (ACT) aus Massachusetts sucht unterdes nach einem Standort für einen kalifornischen Ableger. "Da sind die Umstände sehr günstig", sagt ACT-Forschungschef Robert Lanza. "Das sollte für den Rest des Landes ein Weckruf sein."
Auch für Deutschland? Hier ist nur die Arbeit an importierten Zelllinien erlaubt - und auch nur dann, wenn sie vor dem 1. Januar 2002 hergestellt wurden. Nur wenige Länder in Europa verhalten sich in dieser Frage derart restriktiv.
"Wenn Sie ein ehrgeiziger Forscher sind", lockt daher Larry Goldstein, Stammzellforscher in San Diego, "dann kommen Sie doch einfach zu uns." MARCO EVERS
Von Marco Evers

DER SPIEGEL 53/2004
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