27.12.2004

RAUMFAHRTEisfelder am Feuerberg

Neue Fotos der europäischen Sonde „Mars Express“ zeigen Gletscher und Wassereis. Gibt es auf dem Wüstenplaneten vielleicht sogar noch aktive Vulkane?
Der Mars lebt - zumindest im geologischen Sinne. Die letzten Vulkanausbrüche auf dem Nachbarplaneten der Erde liegen gerade mal zwei Millionen Jahre zurück - nur ein Wimpernschlag in der Geschichte des mehrere Milliarden Jahre alten Himmelskörpers.
Mit dieser Neuigkeit sorgte das Team um den Berliner Planetenforscher Gerhard Neukum vorigen Donnerstag im Wissenschaftsmagazin "Nature" für Aufsehen. "Es wäre sogar denkbar", sagt Neukum, "dass einige Vulkane auf dem Mars noch heute aktiv sind - und früher oder später erneut Lava, Rauch und Asche speien."
Bislang hieß die Lehrmeinung: Die Vulkantätigkeit des Wüstenplaneten ist längst erloschen. Spätestens vor rund hundert Millionen Jahren gingen die letzten Feuerberge endgültig in den Ruhestand. Neukums Fotos dagegen belegen, dass viele Vulkane noch bis vor kurzem aktiv gewesen sein müssen - und vielleicht jederzeit wieder zum Leben erwachen können.
Die Datierung gelang dem Berliner Professor und seinem Team durch eine elegante statistische Methode namens "Einschlagskraterchronologie", die Neukum in den siebziger Jahren mitentwickelt hat: Dabei wird einfach gezählt, wie viele Meteoritenkrater welcher Größe es auf einer Planetenoberfläche gibt; daraus lässt sich das Alter einer geologischen Formation bestimmen. Denn alle Himmelskörper im Sonnensystem sind einem Dauerbombardement aus kosmischen Steinbrocken ausgesetzt. Viele Narben bedeuten ein hohes Alter - ähnlich wie im Gesicht eines Boxers.
Diese Kraterzählerei funktioniert umso besser, je detaillierter die verwendeten Fotos sind. Und genau darin sind die neuen Bilder vom Mars unschlagbar: Nie zuvor gab es derart präzise Aufnahmen vom Nachbarplaneten. Der Mars-Atlas, den die Berliner Forscher erstellen, ist fast so detailliert wie eine Wanderkarte. Rund 15 Prozent der Mars-Oberfläche wurden bereits aus 250 Gigabyte Rohdaten kartiert.
Möglich wird diese Präzision durch die von Neukum entwickelte Superkamera HRSC. Wie ein fliegendes Auge kreist sie an Bord der "Mars Express"-Sonde wieder und wieder in leicht versetzten Bahnen um den Planeten - bis heute rund 1200-mal. Die dabei aufgenommenen Farbbilder zeigen Felsbrocken bis zur Größe eines Kleinwagens - und das auch noch in 3D. Sie wirken so plastisch, als blickte man beim Landeanflug aus einem Flugzeugfenster.
Besonders Olympus Mons, der mit 22 Kilometern höchste Vulkan des Sonnensystems, wird durch die Bilder in ein neues Licht gerückt. An den steilen Klippen der Westflanke entdeckten die Forscher Ablagerungen, die erst vor rund vier Millionen Jahren von Gletschereis geformt wurden. Etwas höher am Berg fanden sie sogar Schneefelder, durch Staub vor der Sonnenhitze geschützt.
Zuvor hatten sie Wassereis an den Polkappen gesichtet: Der sommerliche Eispanzer wird anhand der neuen Bilddaten auf teilweise über einen Kilometer Dicke geschätzt. Der Riesenvulkan dagegen liegt nah am relativ warmen Äquator. Wie das Wassereis dorthin gelangte, ist bislang rätselhaft.
"Möglicherweise wurde das Wasser durch Hitze aus dem Mars-Boden gepresst wie bei einem Geysir", spekuliert Neukum. Er hält auch für möglich, dass der Wasserkreislauf auf dem Mars heute weniger durch Verdunstung, Wolkenbildung und Niederschlag funktioniert; vielmehr könnte er sich im Untergrund abspielen - in einer Art vulkanischen Dampfmaschine: durch Einsickern, Einfrieren und erneutes Herausschleudern.
Während die beiden amerikanischen Roboterfahrzeuge "Spirit" und "Opportunity" noch in ausgetrockneten Gewässern nach Spuren von Leben fahnden, schlägt Neukum für zukünftige Missionen eine andere Strategie vor: "Wer auf dem Mars nach Wasser sucht, sollte sich in der Nähe von Vulkanen umschauen." HILMAR SCHMUNDT
Von Hilmar Schmundt

DER SPIEGEL 53/2004
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