27.12.2004

GESCHICHTERomantiker unter Waffen

Als genialen Feldherrn, der Abend- und Morgenland verschmolz, verklären Geschichtsbücher Alexander den Großen. Neue Forschungen zeichnen ein düsteres Bild: Der Mann war ein jähzorniger Komatrinker, der Menschenopfer zelebrierte und in Indien einen Genozid beging.
Es war Frühsommer, brütend stand die Luft über Babylon. Im Königspalast, am Euphrat, umwölkt von Weihrauch und Duftsalben, standen die Eunuchen bereit. Das Bad dampfte. Spät am Abend kam der Hausherr heim. Er war beschwipst.
Knapp 1,60 Meter maß der König, er hielt den Kopf etwas schief. Sein Gesicht war rötlich, das Haar gelockt. Bei offiziellen Anlässen trug er einen weißen Mantel und das erbeutete Diadem des persischen Großkönigs.
In jener Nacht zum 30. Mai 323 vor Christus stand Alexander auf dem Gipfel seiner Macht. Er hatte ein Weltreich erobert, das vom Nil bis zum Indus reichte. Seine Soldaten hatten das Kaspische Meer erkundet. Er selbst nannte sich Pharao oder sogar "Gott". Am anderen Tag sollte der Feldzug gegen Arabien beginnen - das hatte vor ihm noch keiner gewagt.
Der Mann hätte also glücklich sein können. Ehefrau Roxane, damals 16 Jahre alt, ein mandeläugiges Mädchen, das er aus einer schier uneinnehmbaren Felsenfestung im heutigen Afghanistan entführt hatte, war schwanger.
Doch Alexander fand keine Ruhe in jener Nacht. Er hatte Durst, unstillbaren Durst. Er war schon entkleidet, als ein Bote des Flotten-Kapitäns Medeios kam und ihn zu einem späten Umtrunk lud. Der König zog sich wieder an und ging zum Hafen runter ins Quartier der Seeleute. 20 Zecher erwarteten ihn. Es waren raue Kerle, die in pechverschmierten Schiffen von Indien nach Hause gesegelt waren.
Was dann passierte, hat der Düsseldorfer Althistoriker Konrad Vössing in einem soeben erschienenen Buch beschrieben*.
Demnach kam es bei dem Gelage zu einem typisch makedonischen Saufduell.
Zuerst nahm Alexander ein "Zwei-Kannen-Gefäß" (umgerechnet: 6,5 Liter), trank kräftig davon und reichte es einem gewissen Proteas. Der hielt den schweren Humpen an die Lippen - und schaffte es, ihn mit einem Zug zu leeren. Nun aber ließ Proteas den Riesenbecher mit Rotwein füllen, trank ihn nur an und reichte ihn dem Herrscher.
Es war vielleicht fünf Uhr, vielleicht sechs Uhr morgens. Dämmer lag über den Hängenden Weltwunder-Gärten von Babylon. Alles drehte sich, Alexander sah die Nacht und die Sterne. Er war todmüde.
Gleichwohl, berichtet der Geschichtsschreiber Ephippos, "nahm er das Gefäß, tat einen kräftigen Schluck, bewältigte es aber nicht, sondern sank auf das Kissen zurück und ließ es aus den Händen gleiten".
Da fuhr ein jäher Schmerz in den Oberbauch des Makedonen. Getreue trugen ihn
heim; er fieberte, fühlte sich schlapp, erbrach. Zehn Tag ging das so. Dann war er tot - mit 32 Jahren.
Hunderte von Werken haben Alexander den Großen als "guten Imperialisten" verklärt, der den Orient in die Schranken wies und den alten Flusskulturen an Euphrat, Nil und Indus für immer die Macht entriss. Cäsar, Caligula, Napoleon - sie alle eiferten ihm nach. Zuletzt besuchte der römische Kaiser Caracalla (211 bis 217 nach Christus) das Grab dieses Übermenschen im ägyptischen Alexandria, ehe die Mumie spurlos verschwand. Und noch Adolf Hitler lobte im Juni 1942 in der Wolfschanze die Versorgungstechnik des Makedonen, die ihm in Stalingrad helfen sollte.
Doch nun fällt Schatten auf den antiken Gröfaz, der den Grundstein für die Suprematie Europas legte. Historiker werfen dem Mann einen "psychotischen" Charakter und eine krankhafte Todessehnsucht vor. Auch von "autoaggressiven Trinkgewohnheiten" (Vössing) ist die Rede.
Vier und mehr Liter Wein scheinen das Quantum gewesen zu sein, mit dem sich der Stratege auf Banketten berauschte.
Auch der in New York lehrende Altgeschichtler John Maxwell O''Brien hat frisches Material vorgelegt, das den König als devianten Schluckspecht enttarnt. Er stützt sich dabei auf die (in Bruchstücken erhaltenen) "Ephemerides": die königlichen Tagebücher, die eine Art Heeresbericht darstellen. Dort heißt es etwa:
Am fünften Tag des Monat Dios trank er bei Medeios, am sechsten Tag schlief er seinen Rausch aus und stand nur auf, um mit seinen Offizieren den Marsch des nächsten Tages zu beraten ... am siebten Tag war er bei Perdikkas eingeladen und trank wieder und am achten schlief er.
Auch der Tod des Herrschers steht offenbar mit dem Alkohol in Verbindung. Vieles spricht dafür, dass er an einer Entzündung der Bauchspeicheldrüse starb - ein typisches Trinkersymptom. Eine Gruppe von US-Ärzten vermutete im "New England Journal of Medicine" kürzlich eine Methanolvergiftung. Der Stoff entsteht bei der Gärung von Rotwein.
War Alexander ein Komatrinker? Diese Diagnose verdüstert das traditionelle Bild vom edel gesinnten "Weltverbrüderer", der griechische Lebensart bis ins Land der Brahmanen gebracht habe und der am Ende tragisch an Malaria oder einem Giftanschlag verschieden sei.
Im weißen Schlabber-Hemd reitet im aktuellen Film von Oliver Stone ein schwuler Griechen-Siegfried durch staubige Steppen und bekämpft knechtisch gesinnte Zauselbärte aus Persien. Als "Rockstar" der Antike verklärt der US-Regisseur seinen Helden.
Die Wahrheit ist weit weniger erbaulich. Schätzungen zufolge starben bei dem Angriff aufs Morgenland, den der Stratege 334 vor Christus als "Rachefeldzug" startete, etwa 750 000 Menschen. Zerschlagen wurde dabei ein tolerantes Vielvölkerreich, das Religionsfreiheit, erträgliche Steuerlasten und Chancengleichheit ohne Ansehen der Rasse bot.
In dieses "Paradies" (von persisch: Pardes) schlug Alexander mit nie gekannter Brutalität hinein: Er
* ließ Gefangene kreuzigen,
* hielt an der atavistischen Sitte der Steinigung von politischen Gegnern fest und
* betrieb beim Einfall in Indien ein Völkerschlachten, das der Australier Albert Bosworth als "Genozid" einstuft.
Ein ums andere Mal entpuppte sich der Makedone als Zerstörer jener sittlichen und kulturellen Ideale, die das klassische Griechenland unter schwerem Ringen entwickelt hatte - kein Grund eigentlich, ihn jetzt mit teuren Filmprojekten zu verherrlichen.
Es ist dieser Dämon, der das alte politische System der griechischen Polis zerschlug und eine auf unbegrenzte Machtfülle ausgerichtete flächenstaatliche Diktatur neuen Zuschnitts schuf.
Vielen angelsächsischen Forschern scheint all das verzeihlich. Sie betrachten die Taten des Makedonen gern durch die Brille britischer und amerikanischer Hegemonialpolitik - als wäre er der Urvater des Commonwealth. Auch sei Alexander ein sittliches Vorbild gewesen, galant zu den Damen und überhaupt "außerordentlich schön und anmutig", schrieb der Brite Robert Payne in seinem Standardwerk "Der Triumph der Griechen".
Barer Unsinn! Erst in jüngster Zeit versuchen kritische Historiker die wahre Gestalt Alexanders zu erfassen. Immer klarer tritt hervor, dass der Makedone (356 bis 323 vor Christus) von Schmeichlern und Schönschreibern ins Mythische und Übermenschliche entrückt wurde.
Schon unmittelbar nach dessen Tod begann die Verklärung. Der Kammerdiener Chares schrieb einen Bericht über seinen Herrn. Auch der General Ptolemaios, der Flottenchef Nearchos und der Militärberater Aristobolus griffen zur Feder. Ihnen zufolge war sogar Alexanders Schweiß "wohlriechend".
Aus diesen Schilderungen bedienten sich im ersten nachchristlichen Jahrhundert
der Schriftsteller Plutarch und der Offizier Arrian (95 bis 175 nach Christus), deren Texte auf die Nachwelt kamen.
Die Schmähungen der Stoiker und der Aristoteles-Schüler dagegen, die dem Mann "Hybris" vorwarfen, wurden nicht überliefert. Sie verfielen zu Staub. Nur von Ephippos sind einige Bruchstücke erhalten: Er nennt den König "mordlustig und unerträglich".
An diese Skepsis knüpfen die modernen Analysen an. Von einer "zerstörerischen Persönlichkeitsveränderung", ausgelöst durch den Alkohol, spricht O''Brien.
Zehn Jahre lebte der Makedone im psychischen Ausnahmezustand - todesverachtend, fast todesverliebt. Mal traf ihn ein Hieb im Schenkel, mal ein Geschoss nahe der Lunge. In Nordindien trug er Wunden an Schulter und Füßen davon.
Auch charakterlich veränderte sich der Herrscher. Sein ohnehin "aufbrausendes Wesen" (Plutarch) steigerte sich zur "Raserei" (Ephippos). Unberechenbar wie eine Figur aus einem David-Lynch-Film, erstach er altgediente Generäle, ließ Menschen vierteilen und sich die Füße küssen. Im Jahr 324 vor Christus zwang er die Staaten des Korinthischen Bundes dazu, ihn als "Gott" anzuerkennen.
War Alexander übergeschnappt? Schon die Antike wusste keine rechte Erklärung für seinen Drang, zu immer neuen Ufern vorzustoßen. "Sehnsucht", hieß es , würde ihn treiben. Der Feldherr habe alles ins "ganz und gar Maßlose gesteigert", befand der Altgeschichtler Franz Hampl.
35 000 Kilometer hetzte der Abenteurer durchs Achämenidenreich. Nur wozu? Was er vorn eroberte, brach ihm hinten durch Aufstände, korrupte Satrapen und schlechte bürokratische Strukturen wieder ab. "Die Beherrschung der zentralindischen Gebiete von Susa oder gar Babylon aus kam unter damaligen Verhältnissen ernsthaft nicht in Frage", urteilt Hampl.
Im Frühjahr 323 vor Christus schiebt der König sein letztes Projekt an: Er will allen Ernstes Arabien angreifen. Einen Flusshafen für 1000 Schiffe hat er bereits bauen lassen. Fußsoldaten stehen zum Abmarsch
bereit. Ihr Ziel: die Eroberung jener heißen, kaum bewohnten Sandwüste. Doch dazu kommt es nicht mehr.
Mit diesem wirren Plan endete ein Leben, das 32 Jahre zuvor die Götter angeblich mit Blitzschlägen und Träumen angekündigt hatten.
356 vor Christus kam das Knäblein im makedonischen Königspalast von Pella zur Welt. Aus Sicht der Athener, wo Platon lehrte, war die Gegend hoch im Norden halbes Barbarenland. Die Leute dort tranken unverdünnten Wein, steinigten ihre Feinde und frönten der institutionalisierten Päderastie. Junge Offiziere pflegten, bevor sie heirateten, intimen Umgang mit Knaben. Nur der Analverkehr war verboten.
Die Königsmutter Olympias, gebürtig aus Epiros (nahe Albanien), war Mystikerin im Gefolge des Dionysos, berüchtigt für ihre rauschhaften Tänze mit Schlangen im Haar. Der Trierer Historiker Michael Pfrommer stuft sie als "explosiven Charakter" ein. Als Greisin habe man sie gesteinigt, "um ihrer Ränke ein Ende zu setzen".
Ihren Spross aber liebt die Mama. Sie steckt ihm beim Reitunterricht Leckerbissen zu. Der Junge ist weich, er lernt das Leierspiel. Später, auf dem Perserzug, wird er ihr fast täglich Briefe schreiben.
Die Beziehung zum Vater Philipp II. ist kühl. Siebenmal war dieser Machtmensch
verheiratet. Schon er unterwarf ganz Griechenland (wobei er ein Auge verlor). Sein Skelett wurde in den siebziger Jahren unter einem Grabhügel in einem Kästlein aus purem Gold entdeckt.
Als Alexander 16 Jahre alt ist, heiratet der Vater erneut, diesmal eine junge Makedonin namens Kleopatra. Aus der Ehe geht ein "reinrassiger" Thronfolger hervor. Mit dessen Geburt ist Alexanders Stellung aufs Höchste gefährdet.
Auf einem Bankett bricht offener Streit aus. "Bin ich ein Bastard?", brüllt der Sohn. Der Vater zieht das Schwert gegen ihn. Alexander muss ins Exil fliehen. Wenig später wird der Vater im Theater von einem Leibgardisten erstochen. Umgehend reißt Alexander die Macht an sich und richtet unter den Verwandten der Nebenbuhlerin ein Blutbad an. Kleopatra, auf einem glühenden Rost gefoltert, begeht Selbstmord.
Es sind diese frühen Gräuel, die Alexander den Großen in den Ruch eines ödipalen Vatermörders rücken. Später, in der ägyptischen Oase Siwa, sucht er sich einen himmlischen Ersatzpapa. Er nennt sich fortan "Pharao", Sohn des großen Gottes Amun.
Zunächst aber sorgt der junge Heißsporn für Ordnung im eigenen Land. Zuerst stößt er nach Norden zur Donau vor. Dann sichert er seine Macht in Griechenland, dem er bald als Bundesfeldherr vorsteht. Als Theben ausschert, lässt er alle Häuser niederreißen. 30 000 Menschen werden versklavt.
Doch der 22-Jährige giert nach mehr. Alexander will das persische Weltreich zerschlagen, dessen Grenzen im Osten bis zum subtropischen Pakistan reichen. Im Frühling 334 vor Christus geht es los. 32 000 Fußsoldaten und 5500 getreue ("Hetairen"-)Reiter brechen zu den Dardanellen auf. Ein Tross aus Marketendern, Huren, Pfandleihern folgt. Bei windiger See opfert Alexander einen Stier.
Zuerst zieht das Heer nach Troja. Alexander liebt die Homerischen Epen. Sein Erzieher Aristoteles hat sie ihn gelehrt. Während des Krieges schläft er mit der "Ilias" unterm Kopfkissen. Er brennt darauf, das Grab des Achill zu besuchen. Alexander - der erste Romantiker unter Waffen.
Was dann folgt, ist wenig appetitlich. Neun Jahre lang dringen Schwerter in aufplatzende Bäuche, eisenbestückte Pfeile durchschlagen Helme. Auf den Schlachtfeldern liegen verrenkte Tote, verzerrt vom Wundstarrkrampf. Wer Glück hat, überlebt die Knochenmühle der Lazarett-Ärzte, die mit Stöcken schienen und Heilkräuter auf die Wunden legen.
Mit vier siegreichen Schlachten sowie Dutzenden von Scharmützeln hat Alexander der Große den Nimbus seiner Unbesiegbarkeit begründet. Er gilt als "genialer Taktiker", der stets an vorderster Front tollkühn in den Kampf ritt.
In Wahrheit aber wurde der Triumph im Orient von der makedonischen Phalanx erstritten. Es ist diese Schlachtreihe, bestehend aus Fußsoldaten mit langen Stoßlanzen, die stur wie Roboter voranschritten und alles niederstachen.
Als Befreier konnte sich der Europäer nicht aufspielen. Die griechischen Kolonien an der Westküste Kleinasiens hatten sich gut mit den persischen Besatzern arrangiert.
Zudem rüstete Perserkönig Dareios III. zum Gegenschlag. Im Herbst 333 schob er dem Eindringling aus Europa bei Issos erneut ein Heer entgegen. Diesmal war die Schlachtreihe vier Kilometer lang. Doch der Perser verlor erneut. In höchster Not kletterte Dareios von seinem "von Leichenhaufen eingekeilten" Wagen (Plutarch), sprang auf eine Stute und galoppierte davon.
Mit dem Sieg von Issos war der Weg nach Osten frei. Ein blinkendes, märchenhaft reiches Ali-Baba-Reich breitete sich vor Alexander aus. Er aß mit silbernem Beutebesteck und badete in Goldwannen. In Damaskus fielen ihm 2600 Talente* in die Hände. Zur Finanzierung des Kriegszuges, zum Vergleich, hatte er eine Anleihe von 800 Talenten aufgenommen.
Nun kam das Geld wieder rein. In der Ebene von Gaugamela erfolgte die dritte große Schlacht. Noch einmal standen über 100 000 Perser zur Abwehr bereit, unterstützt von Kampfelefanten und Sichelwagen - was von den ungeheuren Ressourcen des Landes zeugt. Doch es nützte nichts. Im Januar 330 vor Christus erreichten die Trup-
pen das geistliche Zentrum Persepolis, wo die ewigen Feuer des zoroastrischen Kults brannten.
Es ist dieser laut Alexander "hassenswerteste Ort auf Erden", der noch heute eine Ahnung von der Pracht des Alten Orients gibt. Am Fuß des "Kuh-e Rahmat", dem Berg des Erbarmens, stand auf einer 450 mal 300 Meter große Terrasse die Audienzhalle des persischen Großkönigs. Über 50 iranische Restauratoren versuchen derzeit, den Verfall des von der Islamischen Republik Iran vernachlässigten Kulturerbes zu stoppen.
Im Mai 330 vor Christus stieg in dem Empfangsraum ein Siegerfest. Unter Decken aus Goldstuck und Lapislazuli floß der Wein in Strömen. Dann schlugen Flammen hoch. Plutarch schreibt, Alexander habe volltrunken den Brand legen lassen.
Roh und ungeschlacht war der Makedone, ein schrecklicher Heide. In Babylon ließ er einen Diener mit entzündlichem Rohöl übergießen und verbrennen.
Gern würden die Historiker mehr über den privaten Tagesablauf wissen. Alexander jagte gern Löwen. Morgens nahm er ein leichtes Frühstück; abends, nach dem Bad, speiste und trank er.
Aber was war mit dem Sex? An der Vergewaltigung weiblicher Gefangener, sonst üblich, fand er keinen Geschmack. Der neue Hollywood-Film zeigt ihn als Männerfreund - was in Griechenland für große Empörung sorgte.
Richtig ist, dass der Feldherr zwei Kinder hatte, aber extrem schüchtern war. Als man ihm den schönen Eunuchen Bagoas schenkte, blieb er zuweilen länger im Bett. Andere Quellen wiederum nennen ihn "frigide".
Derweil wuchsen die Spannungen im Heer. Warum, fragte sich der Generalstab, irrlichterte man hier überhaupt herum? Zur aufgehenden Sonne hin lag der riesige Ostiran und dahinter die drei äußersten Satrapien Sogdiane, Baktrien und Arachosien. Es waren dünnbesiedelte Länder mit Wüsten und schneebedeckten Bergen. Und überall regte sich Widerstand.
Wozu sollten diese fernen Mondlandschaften alle bezwungen werden? In einem brutalen Fußmarsch scheuchte Alexander seine Lanzenträger 2000 Kilometer weit bis nach Kandahar. Damit ließ sich der König auf einen schmutzigen Partisanenkampf ein.
Zugleich stieg der Hass gegen ihn. Es kam zu mehrere Attentaten.
Volle zwei Jahre (330 und 329 vor Christus) brauchte der Stratege, um die Partisanen in Ostiran niederzukämpfen. Es folgten
328/327 vor Christus verbissene Kämpfe gegen Guerilleros in Afghanistan und Pakistan. Der König peitschte sein Heer über die Pässe des 7000 Meter hohen Hindukusch und eroberte die Wehrburgen der Sogdier, erbaut wie Felsennester.
Wer ihm widersprach, musste sterben. Im Sommer 328, auf einem Bankett in Marakanda (Samarkand), erstach Alexander mit eigener Hand den altgedienten General Kleitos.
Besonders diese Bluttat macht auch den historischen Schönschreibern schwer zu schaffen: Kleitos hatte gewagt, Alexanders pharaonenhaftes Getue anzuprangern. Sich als Sohn des Gottes Amun aufzuspielen und nicht als Spross des großen Philipp, donnerte der Alte, sei doch lächerlich.
Da geriet der König in Rage. Erst warf er einen Apfel nach dem General. Als der sich nicht einschüchtern ließ, schrie er nach Waffen und verteilte Faustschläge an die Leibgarde, die nicht gehorchen wollte. Schließlich entriss er einem Soldaten eine Lanze und rammte sie Kleitos in den Leib.
Hernach brach Alexander reuig zusammen. Eindringlich beschreiben die Chronisten, wie er jammerte. Drei Tage lang aß er nichts. Schließlich konnten ihn seine Berater überzeugen, dass der Mord von den Göttern gewollt gewesen sei - was seinen frevelhaften Übermut nur weiter schürte.
Erst am "Okeanos", dem (von Aristoteles in seiner Geografie vorhergesagten) östlichen Ende der Welt, wollte Alexander Halt machen. Von 327 bis 325 vor Christus erfolgte der Angriff auf Indien. Es war ein einziges Schlachten.
Alexander löschte ganze Städte aus. Seine Phalanx stach Kampf-Elefanten ab und spießte die schlecht gerüsteten Verbände der Ur-Maharadschas auf. Doch dann meuterten die Makedonen.
Der Rastlose hielt inne. 120 000 Soldaten standen ausgepowert im subtropischen Sumpf, 4300 Kilometer Luftlinie von der Heimat entfernt. Sie wollten nicht weiter.
Am Wendepunkt wurden zwölf große Altäre errichtet. Dann fuhr Alexander den Indus hinunter und schaukelte mit einem Schiffchen auf den Ozean hinaus. Er blickte auf die Wellen, auf den Himmel, in die Weite - ins Nichts.
Der Feldherr war jetzt 31 Jahre alt. Er hatte einen Steckschuss in der Brust knapp überlebt. Er war jahrelang durch Blut gewatet. Und nun? Was macht ein Welteroberer, wenn er die Welt fast gänzlich erobert hat?
Beim Rückmarsch trat das Todverfallene des vermeintlichen Super-Taktikers immer deutlicher hervor. "In seiner Sucht, stets etwas Unerhörtes und Unglaubliches zu vollbringen", so sein Kampfgefährte Ptolemaios, habe er versucht, die Gedrosische Wüste zu durchqueren, woran angeblich schon Semiramis und Kyros gescheitert waren. Zuletzt marschierten die Truppen nur noch nachts, das Wasser versiegte, sie schlachteten das Vieh, verbrannten die Wagen.
Nur wenige schleppten sich durch - und feierten die Errettung aus der Wüste mit einem nicht enden wollenden Dauergelage. Alexander schlüpfte in sein letztes großes Alter Ego. Er spielte nun den Dionysos: den Gott des Weines und des Leidens.
Noch in Karmanien, unweit der Wüste, veranstaltete er eine Jubelparade. Sieben Tage lang zog er auf einem geschmückten Wagen mit goldener Plattform durchs Land. Oben saßen becherschwenkend seine Getreuen, alle bekränzt und "Tag und Nacht fröhlich zechend", so Plutarch.
So ging es fort im finalen Alkoholrausch. Tänzer, indische Fakire, barbusige Hetären unterhielten die Soldateska, die, auf silbernen Speisesofas liegend, geharzten Rebensaft aus Holzfässern nachfüllte. Als Partyraum diente das Festzelt des Dareios, das mit 10,50 Meter hohen kostbaren Säulen abgestützt war.
Der Verwaltungskram blieb derweil unerledigt liegen. Alexander hielt Standgerichte ab, er exekutierte Satrapen und Dutzende von hohen Offizieren. Inflation, Geldverkehr, Bürokratie - nichts klappte in diesem zusammengeraubten Riesenreich. Der US-Historiker Ernst Badian nennt das letzte Kapitel die "Herrschaft des Terrors".
Im Frühling des Jahres 324 vor Christus veranstaltete der Stratege einen Trinkwettkampf. Wohl Tausende Soldaten machten bei dem antiken Stiefelsaufen mit. 41 von ihnen starben, denn "während sie im Rausch lagen, setzte schwerer Frost ein", wie es in den Quellen heißt. Der Sieger Promachos schaffte vier Kannen - umgerechnet etwa 13 Liter. Er ging vier Tage später zugrunde.
In diese Sausen hinein erkrankte auch Hephaistion: Alexanders Geliebter und Vertrauter. Der Chronist Arrian erzählt, dass der Mann nach tagelangen Fieberschüben am Mittag aufstand, einen gekochten Hahn verspeiste und dazu - gegen den Rat des Arztes - eine Kanne Wein runterschüttete. Abends war er tot.
Tagelang wachte Alexander bei der Leiche. Er scherte sich die Haare, verweigerte die Nahrungsaufnahme. Dann schlug die Trauer in Wut um: Er rüstete zu einer "Menschenjagd" (Plutarch) auf den angrenzenden Bergstamm der Kossäer. Die Männer wurden hingeschlachtet. Der König sprach von einem "Totenopfer für Hephaistion".
Beim letzten Marsch, nach Babylon im Januar 323 vor Christus, war der Armeeführer vollends ausgebrannt. Aus jedem Vogelflug, jeder Wolke las er böse Omen heraus.
Am 10. Juni 323 vor Christus starb der "schwere Trinker" (Ephippos). Fast eine Woche, heißt es, habe der Korpus im Palast gelegen, ohne zu stinken. Womöglich war es das Formaldehyd, ein metabolisches Abbauprodukt des Methanols, das die Verwesung verzögerte.
Alexanders Reich zerfiel. Rund 70 Städte hat dieser Dämon gegründet - keine davon ist heute griechisch. MATTHIAS SCHULZ
* Konrad Vössing: "Mensa Regia". Saur Verlag, München; 628 Seiten; 110 Euro. * Mosaik aus Pompeji; am linken Bildrand Alexander, der auf Daraios in seinem Wagen zustürmt. * Links: Colin Farrell im Film von Oliver Stone; rechts: Rekonstruktion auf der Basis von Skelettfunden. * Edelmetallgewicht: Ein attisches Talent entspricht 26,196 Kilogramm.
Von Matthias Schulz

DER SPIEGEL 53/2004
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GESCHICHTE:
Romantiker unter Waffen

  • Putin, der Eismann: Geschenk für Xi Jinping
  • Protest gegen Bienensterben: Imkerin macht sich selbst zum Bienenstock
  • Politisches Statement: Riesen-Kunstwerk unter dem Eiffelturm
  • Filmstarts: "Ich tippe auf... Zombies!"