27.12.2004

VERLAGESeltsame Scheidung

Die von Hans Magnus Enzensberger betreute „Andere Bibliothek“ soll abgeschlossen werden - ihr Erfinder hat neue Pläne.
Eine schöne Bescherung war das, so kurz vor Weihnachten. "Wir haben hier wirklich gestaunt", sagt Wolfgang Hörner vom Eichborn-Verlag. "Das war ein seltsames Geschenk. Das tut weder uns noch der Sache gut." Die Sache hat einen Namen, einen guten Namen: "Die Andere Bibliothek", seit fast zwanzig Jahren als edle Buchreihe etabliert, vielbewundert und kaum je gescholten. Dahinter steckt schließlich ein vom deutschen Feuilleton hochgeachteter intellektueller Wirbelwind, der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger, 75 - Erfinder der Reihe, Herausgeber und Anreger, Gesprächspartner vieler Autoren, bester Promoter und Propagandist, alles in einer Person.
Nun mag er nicht mehr. Und das tat er ausgerechnet wenige Tage vor dem Fest in einer kargen E-Mail den Redaktionen des Landes kund. Wenn es nach Enzensberger ginge, soll im Sommer mit Band Nummer 249 Schluss sein mit seinem eigenwilligen Vorhaben, für Leser, Sammler und Bibliophile Monat für Monat ein Buch auszuwählen, quer durch die Moden und Zeiten, unabhängig von der Frage, ob Sachbuch oder Belletristik, ob wiederentdeckt oder frisch vom Schreibtisch. Ein Roman von Christoph Ransmayr ("Die letzte Welt") steht in einer Reihe mit den wunderbaren Erzählessays von W. G. Sebald, dem erfolgreichen "Manieren"-Buch von Asfa-Wossen Asserate oder dem posthumen Bestseller einer Anonyma ("Eine Frau in Berlin").
Über die Gründe für die gewünschte Trennung hüllt Enzensberger sich in Schweigen. "Niemand reicht grundlos eine Scheidung ein", erklärt er dem SPIEGEL. "Und wie bei einer Scheidung sollte man die Gründe dafür nicht in der Öffentlichkeit breittreten."
Bei Eichborn, wo die anspruchsvoll edierte, ökonomisch aber immer mal wieder schlingernde Bibliothek vor 15 Jahren Unterschlupf fand, gibt man sich überrascht, bei einem Verlag, der selbst ins Schlingern geraten ist. Recht überzeugen kann das nicht: Seit Monaten werden hinter den Kulissen Gespräche darüber geführt, wie die "Andere Bibliothek" zu beenden oder aus dem Verlag herauszulösen wäre.
Schon deswegen will Matthias Kierzek, einer der beiden Gründer von Eichborn (der andere, Vito von Eichborn, schied Mitte der neunziger Jahre aus dem Verlag aus), das Renommierstück auf keinen Fall ziehen lassen, am liebsten auch Enzensberger und dessen Partner nicht, den Drucker Franz Greno.
Die Auseinandersetzung um die Bibliothek kommt im denkbar schlechtesten Moment für Kierzek, der derzeit noch ganz andere Sorgen hat. Er streitet sich mit einer Investorengruppe, die mittlerweile den größ-
ten Anteil der Aktien der Eichborn AG hält. Der Verlag, der im Mai 2000 den Börsengang gewagt hat, ist spätestens seit der letzten Hauptversammlung im vergangenen November zum Objekt eines undurchsichtigen Wirtschaftskrimis geworden - wohl auch ein Grund für Enzensbergers Fluchtimpuls.
Die Aktie, einst für zwölf Euro ausgegeben, wird seit längerem für rund einen Euro gehandelt. Einen Investor, nämlich Ludwig Fresenius, durch den Verkauf seines Chemie-Forschungsinstituts zu viel Geld gekommen, hat die unsichere Situation des Verlags (Jahresfehlbetrag 2003: 3,7 Millionen Euro) keineswegs davon abhalten können, ordentlich zuzugreifen.
Mitte Dezember nun hat er, zusammen mit seiner Frau Margarete und einem Partner, eine eigene Gesellschaft gegründet, in der allein mehr als 40 Prozent der Eichborn-Aktien gebündelt sind. Er zielt damit auf "eine unmittelbare Kontrolle über die Eichborn AG" (so ein Sprecher der Fresenius-Gruppe). Ein vom Aktienrecht vorgeschriebenes Pflichtangebot zur Übernahme der restlichen Aktien ist angekündigt, eine Anfechtungsklage gegen die Beschlüsse der letzten Hauptversammlung - dort wurden die Fresenius-Leute vom Stimmrecht ausgeschlossen - eingereicht. Der derzeit amtierende Vorstand Kierzek wird sich also auf manch juristische Turbulenz im neuen Jahr einstellen müssen.
Das Duo Enzensberger/Greno ("Wir sind unzertrennliche Partner") hat die eigentlich bis 2007 laufenden Verträge für die "Andere Bibliothek" schon im Oktober einseitig gekündigt, später die Kündigung mit Hinblick auf die vorliegenden neuen Manuskripte modifiziert und als Schlusstermin nun den September 2005 vorgeschlagen (am liebsten hätten die beiden die Reihe schon im März enden lassen).
"Wir kämpfen um die Bibliothek, und wir kämpfen um Enzensberger", sagt Kierzek, schließt aber den Gang vor den Kadi nicht aus. Er möchte seinen Noch-Herausgeber dazu bringen, bis 2007 im Boot zu bleiben. Die Rechte an der "Anderen Bibliothek" liegen beim Verlag, Enzensberger dagegen hat ein "Vetorecht", wenn ein anderer Herausgeber bestellt werden sollte - eine Pattsituation.
Der Schriftsteller selbst strebt womöglich längst zu neuen Ufern: Er wird in der Branche als Galionsfigur einer neuen Edition gehandelt, die wohl schon im Frühjahr von der "Frankfurter Allgemeinen" ("FAZ") nach dem Vorbild der Münchner Konkurrenz (Bibliothek der "Süddeutschen Zeitung") gestartet werden soll - und die "FAZ" hätte den bewährten Herausgeber Hans Magnus Enzensberger gern exklusiv. VOLKER HAGE
* Bei der Vorstellung ihrer Buchpläne um Alexander von Humboldt im Juni in Berlin.
Von Volker Hage

DER SPIEGEL 53/2004
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