27.12.2004

LITERATURDas Leben ein Rausch

Amos Oz berichtet in seinem Mammutwerk „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“ von seiner Familie und der Gründungszeit Israels - und verplaudert sich.
In seinen Tübinger Poetikvorlesungen, vor fast drei Jahren, erzählte der Schriftsteller Amos Oz, wie er Schriftsteller wurde: Er lebte mit seinen Eltern in einer Souterrainwohnung in Jerusalem; es war dort kühl, feucht und dunkel, vor allem aber war es entsetzlich eng. Das Schlafzimmer seiner Eltern war zugleich Wohn-, Ess- und Spielzimmer, und das Gelass, das er sein Eigen nennen durfte, wurde zur Hälfte von einem Schrank eingenommen. Wenn seine Eltern Freunde treffen wollten, gingen sie oft ins Café, und sie versprachen ihrem Sohn, wenn er geduldig und manierlich bei ihnen säße, gäbe es schließlich ein Eis.
"Ich sehnte mich nach der Eiscreme, aber meine Eltern hatten die Angewohnheit, mit ihren Freunden sieben Tage und sieben Nächte am Stück zusammenzusitzen und miteinander zu reden, zumindest hatte ich diesen Eindruck. Und so musste ich mit mir selbst irgendetwas anfangen, um nicht loszuschreien oder verrückt zu werden. So saß ich dann immer wie ein kleiner Detektiv da und beobachtete das Spektakel im Café - Leute kommen herein, gehen wieder hinaus ... Wie ein kleiner Sherlock Holmes schaute ich mir immer wieder ihre Kleider an, ihre Gesichter, ihre Gesten, studierte ihre Schuhe, dachte über ihre Handtaschen nach und verbrachte meine Zeit damit, kleine Geschichten über diese Menschen zu erfinden."
In seinem nun in deutscher Übersetzung erschienenen Werk "Eine Geschichte von Liebe und Finsternis" verzich-
tet Amos Oz, so wie es scheint, auf Erfindungen aller Art*.
Er berichtet von seiner Kindheit, von der Herkunft und von dem Leben seiner Eltern, von der Gesellschaft Israels, als es noch Palästina hieß.
Der Verlag nennt das mehr als 750 Seiten zählende Buch auf dem Schutzumschlag einen Roman, enthält sich aber schon auf dem Innentitel jeder Gattungsbezeichnung, als hätte ihn auf diesem kurzen Weg bereits der Mut dazu verlassen. Und diese Enthaltung ist weise.
Amos Oz, 65, kann erzählen, argumentieren und faszinieren. Er ist ein politisch engagierter Zeitgenosse und ein im besten Sinne heller Kopf - klarsichtig und neugierig, entschieden und zugleich mitfühlend, kompromissfähig und an Ergebnissen interessiert.
Seine kürzlich veröffentlichten Tübinger Vorlesungen (SPIEGEL 30/2004) zeigen ihn in diesen Eigenschaften - und zugleich als einen Autor, dem es, bei aller Liebe zum Common Sense, nie an Prägnanz fehlt, um das Vernünftige auf seine Weise zu sagen.
Nur eines wollte der Autor Oz wohl nicht, als er im Dezember 2001 das Manuskript beendete, das nun gedruckt vorliegt: eine Entscheidung treffen, was für ein Buch es denn werden solle.
So enthält es mindestens Stücker vier: eine Familiengeschichte (der farbigste Teil), eine autobiografische Kindheitsbeschreibung (der bewegendste Teil), einen Essay über das junge Israel (der reflektierteste Teil), ein Buch über den jungen und begabten, geradezu aufdringlich bescheidenen Schriftsteller Amos Oz (der rührend verunglückte Teil). Und es enthält alle diese Bücher mindestens zweimal.
Denn Amos Oz ist ein so unermüdlicher Redner, ein so genauer Beobachter, ein so rauschhaft in seine Worte verliebter Autor, er hat ein so furchtbar gutes Gedächtnis und einen so geduldigen oder vergesslichen Lektor (wenn er denn überhaupt einen hat), dass er nicht nur jede Episode mit fast allen nur möglichen Worten erzählt, sondern zur Sicherheit (oder weil er es inzwischen auch wieder vergessen hat) am liebsten wiederholt.
Das Stofftier Stach, "Großmutter Schlomits trübseliger alter Hund mit den melancholischen Knopfaugen, in den sie Mottenkugeln stopften, aus Angst vor Ungeziefer, und den sie grausam schlugen, um den Staub auszuklopfen", führt in diesem Werk das Leben eines Untoten ("bis sie eines Tages seiner überdrüssig waren, ihn in ein Stück alte Zeitung wickelten und in den Mülleimer warfen") und ist damit in bester Gesellschaft.
Auch Onkel und Tanten, Großeltern und Freunde der Familie gehören zum festen Personal dieser Zeit-, Lebens- und Nationalgeschichte, treten durch die eine Tür ab und durch eine andere wieder auf, um dasselbe noch einmal zu sagen.
Und all die Personen, an die Oz sich erinnert, all die temperamentvollen Exilanten aus Osteuropa, die liebenswerten Fanatiker, die Weltverbesserer und Eigenbrötler, die Traumatisierten und Entwurzelten, die überflüssigen Gelehrten - all diese Figuren wachsen dem Leser so ans Herz, dass er sich freut, wenn er sie wieder und wieder trifft, mit derselben Frische der ersten Begegnung. Wenn man sich schließlich nicht mehr freut, blättert man schneller; das Interessante geht Oz nicht aus.
Aber das Mitgeteilte selbst, auch die lebendige Sprache der Übersetzung, kann durchaus dafür sorgen, dass man vergisst, was auf dem Weg vom Manuskript zum Buch eigentlich passieren soll - Amos Oz vergaß es ja offenbar auch.
ELKE SCHMITTER
* Amos Oz: "Eine Geschichte von Liebe und Finsternis". Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main; 768 Seiten; 26,80 Euro.
Von Elke Schmitter

DER SPIEGEL 53/2004
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