03.01.2005

FUSSBALLDribbling auf dem Äquator

Ausgerechnet ein Engländer hat den Versuch unternommen, die Magie der brasilianischen Ballartisten zu enträtseln.
Große Nationen leiden an großen Traumata. Die Deutschen hadern immer noch mit dem Wembley-Tor von 1966, und Brasiliens schwarzer Tag datiert gar aus dem Jahr 1950. Alcides Ghiggia, ein schnurrbärtiger Señor aus Uruguay, entriss an jenem 16. Juli dem Gastgeberland den sicher geglaubten WM-Titel.
Letztes Spiel der Endrunde in Rio, Brasilien reicht ein Unentschieden, die 79. Minute: Aus dem Hintergrund fummelt sich Ghiggia in den Strafraum, Ghiggia müsste eigentlich flanken wie 13 Minuten zuvor, als er den Ausgleich der "Urus" vorbereitete, doch diesmal trifft er selbst, aus spitzem Winkel - vor 199 854 Zuschauern. "Nur drei Menschen haben mit einer einzigen Bewegung das Maracanã-Stadion zum Schweigen gebracht", sagt der Schütze später, "Frank Sinatra, Papst Johannes Paul II. und ich."
Sein Treffer zum 1:2 markiert eine Zeitenwende. Brasilien verfällt in endlose Staatstrauer. Torwart Moacyr Barbosa, der den Ball nicht hielt, wird lebenslang geächtet. Die weißen Unglückstrikots mit den blauen Kragen landen in der Mottenkiste. Der damals 19-jährige Illustrator Aldyr Garcia Schlee gewinnt den Wettbewerb für einen neuen Dress der Eliteauswahl.
Fortan tritt die "Seleção" in Gelb und Grün und Kobaltblau an. Nach Schweden 1958 und nach Chile 1962 reist das Team mit jeweils neun Angreifern - und gewinnt in elegantestem Hurra-Stil. Heute ist Brasilien fünffacher Weltmeister, dank eines Pelé, eines Rivelino, Romário oder des genialen Einfaltspinsels Garrincha, der bei taktischen Besprechungen lieber in Disney-Heften blätterte und während des Spiels seine ballverliebten Dribblings gelegentlich jenseits der Auslinie fortsetzte.
Keine andere Nation betreibt den Fußballsport, der 1894 von dem Schotten Charles Miller nach Santos gebracht wurde, mit solch quasireligiöser Inbrunst. Keine Nationalmannschaft verkörpert einen derart harmonischen Völker- und Rassenmix. Keine berauschte in ihren Glanzzeiten mit einem solchen Maß an kreativer Improvisation - und wurde dafür so geliebt.
Nur Brasilianer sind verrückt genug, "Autoball" zu erfinden, bei dem schrottreife Wagen mit waghalsigen Manövern ein übergroßes Spielgerät ins Tor bugsieren. Nur in Brasilien ist es möglich, dass eine 17jährige blonde Schönheit namens Milene Domingues einen Weltrekord im Ballhochhalten aufstellt (55 187 Kontakte in 9 Stunden und 6 Minuten) und auch noch einen wie Ronaldo heiratet. Ricardo Neves, der beste männliche Jongleur, zirkelt ein Leder im Februar 2002 in einem Einkaufszentrum in Brasilia sogar 210 000-mal in 27 Stunden durch die Luft. Zum Essen und während Pinkelpausen parkte er den Ball im Nacken.
Die Zahl brasilianischer Fußball-Legionäre
übertrifft bei weitem die der Diplomaten. Rund 5000 Spieler verdienen ihr Geld derzeit in der Ferne. Selbst die Färöer verpflichteten ein halbes Dutzend (minder begabter) Akteure, um technische Finesse und Samba-Laune zu importieren.
Ausgerechnet ein Engländer namens Alex Bellos hat während seiner vier Jahre als Südamerika-Korrespondent für den "Guardian" und den "Observer" die Geschichte des brasilianischen "Futebol" rekonstruiert und dessen Faszination anekdotenreich geschildert. Bellos, 34, recherchierte für sein jetzt auf Deutsch erschienenes Buch mit der Emphase des wahren, kritischen Fans, und er ging weite Wege*.
Der Fußballnarr reiste zu Fischfabriken, in denen manche Exil-Brasileiros nebenher jobben, er besuchte Indioreservate, wo eine Art Kopfballtennis gepflegt wird, und fuhr nach Uruguay ins Feindesland. Allein auf Inlandsflügen legte er in einem Jahr etwa 40 000 Kilometer zurück. Und Bellos hat sie alle interviewt: den Veteranen Ghiggia, den bohemienhaften Schlee, eine Tochter Garrinchas und nicht zuletzt Sócrates, die Inkarnation des "schönen Spiels" der frühen achtziger Jahre.
Sócrates hat Platon und Machiavelli gelesen und den Fußball während der Militärdiktatur wie kein anderer politisiert. Als Kapitän der Seleção spielte er vermöge seiner legendären Hackentricks selbst "rückwärts besser als die meisten vorwärts" (Pelé). Heute kommt der Sportmediziner dem Autor zwar vor "wie ein alternder Rocker oder Ex-Häftling", dennoch vermittelte Bellos im November einen vierwöchigen Auftritt des 50-Jährigen beim englischen Neuntligisten Garforth Town.
"Wir sind nun ein urbanisiertes Land", sinniert der eloquente Doktor, eine "gewisse Standardisierung" des Spektakels sei unvermeidlich. Die Seleção werde zum "Schaufenster" für allerlei Talente, die fremden Spähern auffallen sollen. Der kampfbetonten Gangart in Übersee passe man sich deshalb schon zu Hause an. Es werde dreimal mehr gerannt als früher - "Fußball ist hässlicher geworden".
Das gilt wohl nicht für die Darbietungen in der sicher außergewöhnlichsten Spielstätte, die Bellos in Brasilien aufgesucht hat. In Macapá, der verschlafenen Hauptstadt des Bundesstaats Amapá, bildet der Äquator die Mittellinie des örtlichen Stadions. Der Gewinner einer Seitenwahl kann sich für die nördliche oder die südliche Erdhalbkugel entscheiden. RÜDIGER FALKSOHN
* Alex Bellos: "Futebol. Fußball - die brasilianische Kunst des Lebens". Edition Tiamat, Berlin; 400 Seiten; 18 Euro.
Von Rüdiger Falksohn

DER SPIEGEL 1/2005
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