10.01.2005

Leben mit dem Tsunami

Mitleid global: Nach der Katastrophe an den Küsten Asiens unternimmt die Weltgemeinschaft große Anstrengungen, die Folgen zu lindern. Spenden fließen in ungeahntem Ausmaß. Ein neues Verantwortungsgefühl lässt alte Gegensätze schrumpfen.
Sobald er von dem Seebeben vor Sumatra erfuhr, ließ Vasily Titov zu Hause alles stehen und liegen und stürmte in sein Büro. Es war sieben Uhr abends. Aus Neugier und in der Hoffnung, hilfreich zu sein, ging Titov daran auszurechnen, was geschehen würde.
Titov ist ein 42-jähriger Forscher, der ursprünglich aus dem russischen Nowosibirsk stammt. Er arbeitet im "Pacific Marine Environmental Laboratory" in Seattle an der Vorhersage der Todeswellen im Pazifik. Sein Vorhersagemodell gilt als eines der besten weltweit. Bislang hat er sich ausschließlich auf den Pazifik konzentriert.
An jenem zweiten Weihnachtstag übertrug Titov sein Modell erstmals auf den Indischen Ozean. Noch hatte niemand auf der Welt eine Ahnung von der Katastrophe, die sich anbahnte. Titov im fernen Seattle war wohl der erste Mensch auf Erden, dem dämmerte, was passieren würde.
Er fütterte seinen Rechner mit den wichtigsten Rahmendaten: Art und Stärke des Seebebens; eine Karte der Wassertiefen im umliegenden Ozean, denn die Unterwasserlandschaft entscheidet, in welche Richtung und mit welcher Geschwindigkeit sich die Energie eines Tsunami entfalten wird; Karten der Küstengebiete, um einzuschätzen, welche Regionen wie stark überschwemmt werden. Als er alles beisammen hatte, drückte er die "Return"-Taste am Computer.
Über zwei Stunden rechnete die Maschine, während am Indischen Ozean schon Zehntausende starben. Um 4.28 Uhr morgens Ortszeit, lange vor CNN, wusste Titov, dass sich gerade eine Katastrophe von globalen Ausmaßen ereignet hatte.
Die Katastrophe führt den Menschen vor, wie verletzlich doch diese Erde ist, die sie sicher tragen soll. Die Katastrophe führt vor Augen, wie ohnmächtig die Menschen sind, wenn sich die ungeheuren Naturkräfte, die sich nicht beherrschen lassen, urplötzlich entfesseln. Und die Katastrophe macht klar, dass diese Welt, so groß und so geteilt sie uns auch vorkommen mag, am Ende doch dies ist: eins und klein.
74,1 Millionen Quadratkilometer, ein Siebtel der Erde, bedeckt der Indische Ozean, 7500 Kilometer beträgt die Entfernung zwischen Jakarta in Indonesien und Mombasa in Kenia, 8200 Kilometer zwischen Karatschi in Pakistan und Perth in Australien. 21 Staaten mit 2,08 Milliarden Einwohnern liegen an seinen Küsten, der hochentwickelte fünfte Kontinent Australien
ebenso wie der Elendsstaat Somalia in Afrika.
Aus dem Seebeben in dieser Wasserwüste wurde schnell ein Weltbeben, eine Katastrophe, welche die ganze Menschheit zu erschüttern vermochte, weil die ganze Welt zu Besuch am Indischen Ozean war. Die Flughäfen von Bangkok und Colombo, von Jakarta und Kuala Lumpur sind Knotenpunkte der Tourismusströme. Gut 13 Millionen Touristen suchten im vergangenen Jahr Erholung an den Traumstränden Sri Lankas, der Malediven und Thailands, darunter mehr als 500 000 Deutsche, aber auch 211 000 Schweden, 314 000 Australier.
Globalisierung ist nicht nur ein ökonomisches Phänomen. Globalisierung heißt eben nicht nur, dass VW in Mexiko und China produzieren lässt, oder dass die Hemden der Europäer in Indien genäht werden. Der internationale Tourismus ist einer der wirksamsten Motoren der Globalisierung, er verbindet Menschen und Kontinente.
Viele Deutsche lagen schon an den Stränden von Phuket oder den Malediven. Viele von ihnen kennen wohl jemanden, der diesen Winter in Khao Lak war oder zur Ayurveda-Kur auf Sri Lanka. Altkanzler Helmut Kohl war, als der Tsunami losbrach, in dieser Weltgegend, aber eben auch sein ehemaliger Chauffeur, und ein Leibwächter Michael Schumachers starb in den Wahnsinnswellen. Die Strände Asiens, für die Urlauber dieser Welt ein Fluchtort vor den kleinen und großen Schrecken des Lebens, verwandelte die Schockwelle in einen Ort des Schreckens.
Auf über 200 000 Tote, fürchtet die Uno, wird die Gesamtzahl der Opfer steigen. Anders als die Hunderttausende Toten, die das Erdbeben 1976 im abgeriegelten China gekostet hatte - das unglückliche Geheimnis einer verbarrikadierten Welt -, fand dieser Massentod im hellsten Sonnenlicht statt, und viele private Camcorder liefen mit. Deren Bilder schafften es tatsächlich, eine Welt, die dachte, dass sie schon alles gesehen hätte, zu schockieren.
Die Verwüstungen in Indonesien, die Verheerungen in Sri Lanka und Thailand erinnern an die Höllenvisionen von Hieronymus Bosch, an die Delirien des Dreißigjährigen Krieges. Tote Kinder hängen in den Bäumen, Alte sind unter Trümmern begraben, Hunde laufen über diese Schlachtfelder der Natur und zerren an den Leichenteilen. Welches Bild aber könnte dramatischer sein als das der Inderin vor der angeschwemmten Leiche ihres
Mannes? Sie liegt auf dem Strand, die Handflächen nach oben und jammert zu Gott, und in diesem Jammer ist die biblische Klage des Hiob und der ganzen Menschheit enthalten.
Die meisten Toten hatten die Anrainerstaaten zu beklagen: Indonesien meldete am Freitag 101 300, Sri Lanka 30 700, Somalia, 5000 Kilometer vom Epizentrum des Bebens entfernt, musste 300 Opfer beerdigen, das von der Inselmasse Sumatras geschützte Malaysia immerhin noch 68.
Dass aber mindestens 52 Schweden in den Fluten umgekommen und 637 ihrer Landsleute weiterhin vermisst werden, ist das Neue an der globalen Katastrophe. 46 oft weit entfernte Länder hatten Opfer zu beklagen: Belgien meldete 6 Tote und 73 Vermisste, Russland 2 Tote und 2 Vermisste, Argentinier, Brasilianer und Mexikaner klagen genauso um tote Urlauber wie die Deutschen, die bisher 60 identifizierte Tote melden und noch über 700 vermissen.
Und so global wie die Katastrophe sind auch die Anteilnahme und das Mitleid mit den Opfern. Am vergangenen Mittwoch um zwölf Uhr mittags stand Europa für drei Minuten still. Auch viele dieser Bilder werden sich ins Gedächtnis eingraben: Halbmast über dem britischen Parlament, der Rathausmarkt in Hamburg, die Champs-Elysées in Paris, Orte der Andacht, an denen Vertreter aller Weltreligionen nebeneinander beten, als wäre das selbstverständlich. Oder: das kleine Thai-Mädchen im weißen Kleid, das im Stadion von Phuket in einem Feld aus Totenlichtern steht, mit ernstem Gesicht und wissenden Augen - Inbegriff der Unschuld, Inbegriff der Trauer.
In der globalen Welt ist das Ferne nah, den verreisenden Deutschen ist Asien heute so vertraut, wie ihren Eltern Italien oder Spanien waren. Das Seebeben verfolgten sie mit derselben Intensität wie die Oderflut, mit angespannter Anteilnahme und enormer Großzügigkeit. So war es fast überall auf den Kontinenten, denn wenn die Naturgewalten den Menschen so viel Unglück zufügen, verwandelt sich die zum Dorf gewordene Welt in eine einzige Gemeinde.
In solchen Katastrophen löst sich die Illusion der Allmacht, der sich die Menschheit
vorzugsweise hingibt, in nichts auf. Die Erde im kalten All ist eben ein instabiler Planet, erschaffen von physikalischen und chemischen Kräften und nicht von einem Gott oder irgendeiner ordnenden Hand. Aber wer will das schon so genau wissen, was einem die Wissenschaftler jederzeit sagen könnten? Die Reisen zum Mond und zum Mars haben ja das Omnipotenz-Gefühl der Menschen gestärkt, anstatt Hilflosigkeit angesichts dieses winzigen Klumpens im All, genannt Erde, aufkommen zu lassen.
Dabei hat die sprunghafte Entwicklung der Technik die mittlerweile gut sechs Milliarden Menschen zuerst zusammengerückt. 1957 schoss die Sowjetunion eine kleine Stahlkugel, "Sputnik 1", ins All - Auftakt für ein kosmisches Datenfeuer.
Heute kreisen dort über 700 Spionage-, Fernseh-, Handy- und Beobachtungssatelliten im Orbit, viele davon hochgehievt von europäischen und russischen Wegwerfraketen. Vergleichbar den knubbeligen Linsen eines Libellenauges umlagern die Satelliten den Planeten Erde. Der Superspäher Envisat (Gewicht: 8,2 Tonnen) kann sogar das Algenwachstum in den Weltmeeren erkennen.
Dank der Technik wissen die Menschen viel über die Erde und glauben oft genug, über alles aufgeklärt zu sein. Doch die Aufnahmen aus dem Orbit geben immer nur Kenntnis von der Oberfläche. Das Wesen der Dinge aber, das ist die Botschaft der großen Welle, sind der Feuerkern und diese tektonischen Platten, die sich gegeneinander verschieben und ein Inferno auf dem Planeten entfachen können.
Die folgenreichste Aufnahme des vergangenen Jahrhunderts war eine, die der Astronaut Harrison Schmitt von der letzten "Apollo"-Mission im Dezember 1972 zurückbrachte. Sie zeigt die Erde, unseren kostbaren Blauen Planeten, diese wunderschöne zartblauweiße Kugel im schwarzen Nichts. Bisher schauten wir auf zu den Sternen, wo wir Gott vermuteten. Nun, zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit, sahen wir uns selbst von außen, gleichsam aus der Perspektive eines Gottes. Und es war ein erhabenes Gefühl und ein schreckliches, und es erschütterte uns bis in die Grundfesten. Der Philosoph Wilhelm Schmidt sagt dazu, damals
sei das Gefühl gewachsen, der Blaue Planet sei "unsere Heimat, die wir als Erdenmenschen hüten und schützen müssen".
In den Folgejahren ging das planetarische Bewusstsein jedoch wieder verloren. Globalisierung war grenzenloser Warenverkehr und Rohstoffverzehr und der Planet nur noch das Symbol einer Kreditkartenfirma.
Der Tsunami rückt die Ikone der Gemeinsamkeit jetzt wieder ins Bewusstsein: One World. Der Boden zu unseren Füßen schwankt, buchstäblich, und ein Großteil der Menschheit in den gefährdeten Küstenregionen könnte künftig auch solchen Katastrophen ausgesetzt sein.
In der einen Welt spielen Kontinente und Zeitzonen keine große Rolle mehr. Die Menschen überspringen sie auf der Suche nach Abwechslung vom Alltag in ihrer eigenen Lebenswelt. Sie setzen sich in Flugzeuge und verlassen sie in einem anderen Land der Erde. Der Tourismus ist der große Gleichmacher, auch wenn die Urlauber in Hotels oder Resorts unterschiedlicher Güte nächtigen. Und er bleibt die große Boom-Branche trotz anhaltender wirtschaftlicher Stagnation in Europa. Innerhalb eines Jahres wuchs das Geschäft mit den Urlaubern weltweit von 396 Milliarden Euro auf etwa 429 Milliarden.
Etwa ein Zehntel der Weltbevölkerung arbeitet derzeit in diesem Wirtschaftszweig, mit ebenfalls steigender Tendenz. Besondere Bedeutung hat der Reisesektor für Regionen wie den Indischen Ozean: Der Welttourismusorganisation WTO zufolge stellt er in jedem dritten Entwicklungsland inzwischen die Hauptdevisenquelle dar. Zwischen 1990 und 2002 konnte der asiatisch-pazifische Raum seine Tourismuseinnahmen von 41,2 Milliarden Dollar auf 94,7 Milliarden mehr als verdoppeln.
Asien und der pazifische Raum waren mit einem 37-prozentigen Besucherplus die Gewinner des Jahres 2004. Auch deshalb ereignete sich die Katastrophe aus deutscher Sicht wie vor der eigenen Haustür: Das Volk der Reiseweltmeister würzt mit genauen Ortskenntnissen von Bentota, Penang oder Phuket schon lange jeden Party-Small-Talk - die vom Fernsehen nonstop gelieferten Katastrophenbilder erwiesen sich schon deshalb für viele Zuschauer als erschütternd konkret.
Katastrophen-Reportagen aus der Ferne weckten so viel Nachbarschaftsgefühl wie selten: Genormte Resorts wie jene in der Tsunami-Zone kennen Millionen aus eigener Anschauung. Die Fernsehzuschauer hatten präzise Vorstellungen davon, über welche Bungalow-Anlagen die Wasserwand hinweggerauscht sein musste.
Auch das Internet und das Handy überbrücken Zeit und Raum mühelos. Die Fotos der vermissten Menschen tauchten auf den Websites auf, die Blogger beschrieben ihre Erlebnisse im Internet und beeinflussten die Wahrnehmung des Ereignisses fast genauso stark wie CNN mit seinem weitverzweigten Korrespondentennetz.
Jetzt werden die Toten von Indonesien und Sri Lanka und Thailand geborgen und beweint und auch die aus Schweden und Deutschland und England und Amerika. Bald aber werden Menschen hier und dort in ihren Alltag zurückgekehrt sein. Was wird dann aus dem planetarischen Bewusstsein, dem Verantwortungsgefühl für eine verwundbare Welt? Verblasst die Anteilnahme über Grenzen und Kontinente hinweg? Werden sich der Irak-Krieg, der Palästinenser-Konflikt, die Rivalität zwischen Amerika und Europa nachhaltig in den Vordergrund drängen? Oder relativiert das große Beben am Ende sogar die menschengemachten Probleme?
Da hat sich eine neue Weltordnung formiert im Schock und im Mitleid mit den Opfern, formiert vor Fernsehgeräten und Computerterminals und in der Solidarität der Radioshows und Chatrooms. Sie denkt global, leidet global, betet global. Der Fischer im indischen Nagapattinam empfand das Grauen ebenso wie der sprachlose Fernsehzuschauer in Göteborg. Eine neue Gemeinschaft bildete sich da spontan.
Die Erste und Dritte Welt vereinten sich als Opfer, sie teilten sich die Massengräber. Die Gesichter der Toten sahen aus wie die von Freunden, von Angehörigen, und die Vermisstenseiten im Internet erlaubten, jedem Einzelnen von ihnen in die Augen zu schauen.
"Ich bin der erste deutsche Außenminister, der es mit einem Tsunami zu tun hat", seufzte Joschka Fischer am Mittwoch vergangener Woche. Wenn er Fukuyama hie-
ße und Japaner wäre, okay; da hätte er auf alles vorbereitet sein müssen. Aber als Deutscher namens Fischer musste er damit eigentlich nicht rechnen - eher mit Sturmfluten an der Nordsee oder Überschwemmungen irgendwo.
Jetzt stellte der Außenminister fest, dass eine Naturkatastrophe 9000 Kilometer entfernt in Zeiten der Globalisierung zu einem "massiven europäischen Problem" werden könnte - mit Zehntausenden europäischen Touristen vor Ort und direkter Kommunikation über Satellit, Internet und Fernsehen.
Der Druck, wegen der globalen Verteilung seiner urlaubenden Landsleute "in Echtzeit" zu handeln, hat für Fischer und seine Mitarbeiter direkte Folgen. Urlaub in fremden Ländern könne er sich eigentlich nicht mehr leisten, meint er: Denn wenn die Krise sich zuspitzt, müsse er vor Ort sein und die zentralen Entscheidungen treffen. In der Silvesternacht um halb eins besuchte er sein Krisenzentrum, um den Beamten an der Telefon-Hotline für ihren Einsatz rund um die Uhr zu danken.
Fischer und Kanzler Gerhard Schröder treten in diesen Tagen den Beweis an, dass sie bei einer verheerenden Springflut in Asien Geborgenheit und Sicherheit in die deutschen Wohnzimmer projizieren können. "Im gemeinsamen Leid spüren wir die Unteilbarkeit unserer Welt", sagte der Kanzler, und er klang ein wenig wie Bischof Wolfgang Huber und all die anderen Tröster in diesen Tagen. Das "Zusammenrücken der Welt" angesichts der Katastrophe eröffne auch für die Lösung globaler Konflikte eine neue "Chance".
Fürs Zusammenrücken sorgten die Medien. Sie sind die Mittler zwischen nah und fern. Im Fernsehen war die Welt-Katastrophe dabei einmal mehr die Stunde der großen, global agierenden Nachrichtenorganisationen wie CNN und BBC World, die ihre Programmschemata innerhalb kürzester Zeit auf "Breaking News" umstellten und ihre Korrespondentennetze seither im Dauereinsatz über die Krisengebiete ziehen.
So hat etwa CNN, das in den betroffenen Regionen ohnehin über vier Büros verfügt, inzwischen mehr als 80 Mitarbeiter in die Gebiete entsandt - auch wenn Managing Director Chris Cramer, obwohl aus zwei Irak-Kriegen erfahren in der Krisenberichterstattung, die Flutkatastrophe wegen
ihres Ausmaßes als "eigentlich zu groß für TV-Bildschirme" beschreibt. Noch mehr personellen Aufwand betreibt die britische BBC World, die 100 Kräfte an insgesamt zehn Schauplätzen der Krisenregion einsetzt.
In den USA, wo die Auslandsberichterstattung außer den Nachrichten von eigenen Kriegsschauplätzen traditionell eine eher untergeordnete Rolle spielt, schaffte das Beben, was in den letzten Monaten keinem anderen Ereignis gelungen war: Auf CNN verdrängte es mehr als eine Stunde lang jegliche Neuigkeiten aus dem Irak, wie ein Moderator ungläubig feststellte. Insgesamt haben der Kanal mit Hauptsitz in Atlanta und seine internationalen Ableger bis Ende voriger Woche mehr als 600 Stunden Programm über die Flutkatastrophe gesendet.
Auch deutsche Sender reagierten prompt: RTL entsandte noch am zweiten Weihnachtsfeiertag, wenige Stunden nach den ersten Meldungen aus der Krisenregion, zwei Reporterteams nach Südostasien. Inzwischen hat der Sender seine Teams in Thailand auf vier aufgestockt, zwei Korrespondenten berichten aus Sri Lanka, und zwei Teams werden aus Indonesien senden, wohin RTL künftig sein Hauptaugenmerk lenken will. Mehr als vier Stunden täglich widmet der Privatsender dem Naturereignis auf der anderen Seite der Erdkugel.
Die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten mobilisierten ihre Korrespondenten wie selten zuvor. Das ZDF beispielsweise entsandte zusätzlich zu den ohnehin feststationierten Korrespondenten in Südostasien insgesamt rund 30 Mitarbeiter aus Redaktionen und Technik ins Krisengebiet.
Der Einsatz von Menschen und Material scheint gerechtfertigt: Jedenfalls war die Nachfrage nach Bildern und Nachrichten aus den Katastrophengebieten riesengroß. CNN registrierte seit den ersten Stunden um bis zu 50 Prozent höhere Einschaltquoten. Die Nachrichten und Sondersendungen
von ARD und ZDF zogen die Zuschauer in ihren Bann.
Die Berichterstattung über die Katastrophe bleibt derweil ein Balanceakt - in zahllosen Redaktionen rund um den Globus wird seit dem zweiten Weihnachtstag diskutiert. Welche Bilder können und wollen wir unseren Zuschauern zumuten? Mindestens ebenso brisant ist inzwischen die Frage: Wie authentisch ist das Material? Denn dank der Verbreitung der Digital-Foto- und Videografie liegen von der Flut so viele Amateuraufnahmen vor wie wohl von keiner anderen Katastrophe zuvor - jeder Tourist mit einer Videokamera wurde zum potentiellen Katastrophenreporter.
Früh haben große internationale Medienunternehmen deshalb auf ihren Webseiten die Möglichkeit eingerichtet, die eigenen Katastrophenbilder einem internationalen Massenpublikum zugänglich zu machen.
Nicht nur die Internet-Seiten etablierter Medien quellen seither über von Flutinformationen, Fotos und Filmen. Auch die sogenannten Web-Logs - Internet-Tagebücher von jedermann für jedermann - erleben mit der Naturkatastrophe wohl endgültig ihren Durchbruch als feste Größe im Medienalltag (siehe Seite 82).
Doch die digitale Bilderflut hat ihre Tücken - zunehmend tauchen auch Fälschungen oder falsch klassifizierte Fotos und Filme auf. So druckte die Münchner "tz" etwa am Mittwoch das Foto einer Monsterwelle auf ihrer Titelseite, die über einer Menschengruppe zu brechen droht, allerdings ohne erklärende Bildzeile, dass die Fotos schon Jahre alt sind. Der "Bild"- Zeitung war die Aufnahme zuvor ebenfalls für 1000 Euro angeboten worden. Inzwischen ist klar: Das Bild ist mehr als zwei Jahre alt und zeigt eine Überflutung am chinesischen Fluss Qiantangjiang.
Längst sind Medienunternehmen unterdessen weltweit dazu übergegangen, nicht mehr nur über die Katastrophe zu berichten, sondern sich auch aktiv an Hilfsmaßnahmen
zu beteiligen. Viele internationale Nachrichten-Organisationen richteten auf ihren Web-Seiten etwa Datenbanken zur Suche nach Vermissten ein, riefen zu Spenden auf oder spendeten selbst. ZDF und "Bild" sammelten gut 40 Millionen Euro bei einer Spendengala ein.
Zu anderen Zeiten wären solche Grenzüberschreitungen anstößig. Zu anderen Zeiten brächen Debatten aus über die Rolle der Medien und das Geschäft mit dem Grauen. Aber unter dem Zeichen globaler Katastrophen gelten andere Maßstäbe.
Dabei sind Naturkatastrophen unparteiisch, rücksichtslos, blind, sie unterscheiden nicht zwischen Guten und Bösen, gehorchen überhaupt keiner Strategie. Sie sind wie Strafgerichte, denen selbst christliche oder muslimische Fundamentalisten keinen Sinn abgewinnen können.
Der Tsunami räumte die Familienstrände in Khao Lak ab, ließ aber die Puffmeile auf Phuket intakt. Er richtete Arme und Reiche, tötete Muslime, Buddhisten, Shintoisten, Christen, Atheisten. In Velankanni, einer für indische Christen heiligen Stadt, wurden vor einer Kirche Gläubige vom Meer verschlungen.
Es sind die Kinder, die am meisten an den Folgen der Riesenwelle leiden. Die Vereinten Nationen sprechen bereits von einer "Generation Tsunami" - Kinder und Jugendliche, die im Wasser alles verloren haben: Eltern, Geschwister, Freunde, ein Zuhause und oft auch die physische und psychische Gesundheit. Wie soll die elfjährige Sylvia jemals vergessen, dass sie 24 Stunden lang, an einen Holzblock geklammert, vor der Küste Sri Lankas in der See trieb, bevor Rettung kam? Wie soll die vierjährige Mimani jemals damit klarkommen, dass man sie für tot hielt und in der Leichenhalle ablud, bis ihr Opa sie fand?
"Posttraumatisches Stress-Syndrom" nennen es Psychiater, wenn Menschen wie Gamini Liyanage ihren Kopf immer wieder gegen die Wand schlagen, bis sie bluten. Die Riesenwelle hat ihm seine dreijährige Tochter aus den Armen gerissen. Sie fanden ihren Körper Stunden später.
Bis zu 500 Flut-Waisen sind allein in dem Auffanglager bei Galle auf Sri Lanka untergebracht. 20 Flüchtlingscamps nur für Kinder wurden im Katastrophengebiet von Banda Aceh auf Sumatra eingerichtet. Bürgerrechtsgruppen berichten von ersten Vergewaltigungsfällen. Menschenhändler versuchen sich an die verzweifelten Kinder heranzumachen.
In Thailand, in Indonesien und auf Sri Lanka warnen Hilfsorganisationen vor Schlepperbanden, vor kriminellen Adoptionen, vor dem Rekrutieren der Kinder als Soldaten oder Prostituierte.
Die Katastrophe, die die Welt auf den Kopf stellte, bringt nicht nur das Beste hervor, sondern auch das Schlechteste. Auf Phuket verkauften Händler Videos und CD-Roms mit schnell zusammengestellten Bildern der Katastrophe - the Best of Horror. Überlebende berichten von Gangstern, die sich auf eine ganz besondere Form der Erpressung spezialisiert haben: Sie suchen Leichen und verkaufen sie verzweifelten
Angehörigen. Bei 50 bis 100 Dollar für einen erwachsenen Toten stand der Kurs vergangene Woche.
Der seelische Schaden, den Menschen in Katastrophen erleiden, ist unmessbar. Der materielle Schaden, so viel weiß man schon jetzt, ist planetarisch. Wochen wird es dauern, bis die Trümmer beseitigt sind. Jahre, bis die am schwersten beschädigten Gebiete wieder auf den Stand vom 25. Dezember 2004 zurückkehren. Darauf kann es eigentlich nur eine planetarische Antwort geben, eine utopische, so etwas wie die Nothilfe einer Weltregierung. Nur, wie sollte die aussehen?
Sie müsste, so sah es zunächst das Weiße Haus, von den USA gestellt werden, gemeinsam mit einer ad hoc gefundenen Koalition der Willigen, zu der Australien, Japan und Indien gehören sollten. Frankreich fühlte sich umgehend provoziert, als aus Washington abschätzige Kommentare zu den Hilfeleistungen der Grande Nation zu hören waren. Kaum zurück aus dem Urlaub aus Marokko, schimpfte Jacques Chirac wieder mal auf den US-Präsidenten: George W. Bush kalkuliere "schnöde" und mache mit seinen Hilfsleistungen für das muslimische Indonesien lediglich "Propaganda".
Prompt stockte Amerika seinen Hilfsfonds auf 350 Millionen Dollar auf. Der Präsident entsandte seinen Bruder Jeb, den Gouverneur Floridas, ins Katastrophengebiet, gemeinsam mit Außenminister Colin Powell, der "amerikanische Werte in Aktion" vorzuführen versprach, ohne allerdings im Einzelnen zu erklären, inwieweit die sich etwa von norwegischen, indischen oder englischen unterschieden.
Größere Teile der Präsidenten-Familie sind für die gute Sache im Einsatz. Nach der Rekrutierung seines Bruders schickte der US-Präsident seinen Vater gemeinsam mit Vorgänger Clinton mit der Sammelbüchse hinaus ins Land. Auch als Spender will sich Amerika die Weltführerschaft nicht streitig machen lassen.
Japan meldete sich mit 500 Millionen Dollar zur Stelle, und die Deutschen, zunächst in der Länderwertung der Spender mit 20 Millionen Euro abgeschlagen im Mittelfeld, katapultierten sich mit dem Versprechen auf eine halbe Milliarde Euro nahe an die Australier, die 765 Millionen Dollar avisierten und dann auf 810 Millionen erhöhten.
Das sei natürlich eine "gegriffene Summe", kommentierte Kanzler Schröder den deutschen Beitrag. "Aber", so setzte er schnell nach, "das sind keine Kredite, das ist Geld." Es bleibt allerdings sogar den Kanzler-Adlaten rätselhaft, wo die halbe Milliarde herkommen soll. Mehr als 100 Millionen werden dieses Jahr wohl auf keinen Fall bereitgestellt.
Plötzlich schien weltweit ein Ausweg aus der Ohnmacht gefunden zu sein - man würde die planetarische Katastrophe mit astronomischen Zahlen zurück in die Schranken weisen. Ein Spenden-Tsunami - vier Milliarden Dollar insgesamt allein an staatlichen Geldern, dazu noch eine Milliarde aus Privatspenden -, drückte zunächst einmal Mitgefühl aus, aber auch politisches Kalkül. Gleichzeitig war diese Spendenflut aber auch ein Beschwörungsritual der Großmächte, nach dem Motto: Alles ist machbar, alles ist heilbar, wenn wir gemeinsam spenden, gemeinsam trauern und gemeinsam innehalten.
Die Welt rückte zusammen. Coca-Cola spendet und Michael Schumacher oder Sandra Bullock und viele Hollywood-Stars. Ungeahnte Ausmaße nahmen aber auch die Spenden der vielen tausend Unbekannten ein. Die deutschen Privatspender lagen auch hier mit 250 Millionen Euro weltweit ziemlich weit vorn. Geiz war angesichts dieser Katastrophe überhaupt nicht mehr geil, mehr als die Hälfte der Deutschen hatte gespendet.
Der Weg zu einer gemeinsamen Weltpolitik ist allerdings dornig. Das Instrument dafür steht - theoretisch - bereit: Das ist die Weltorganisation Uno, die den Globus im Wappen führt.
Nichts könnten Kofi Annan und seine Administration jetzt besser brauchen als einen strahlenden Erfolg. Eine weltweite Rettungsaktion, bei der die New Yorker Zentrale Führungsstärke und Managementfähigkeiten beweist und die alle Fehler vergessen macht, das wäre es. Das würde selbst die USA zum Schweigen bringen, die wenig von der Weltorganisation und noch weniger von ihrem Generalsekretär halten.
Am Donnerstag vergangener Woche traten die Spenderländer in Jakarta zusammen.
Tatsächlich könnte diese Konferenz Geschichte machen als Geburtsort einer neuen Stufe in den internationalen Beziehungen. Als sie am Donnerstagmorgen begann, waren seit der offiziellen Einladung kaum 100 Stunden vergangen - und doch saßen Staats- und Regierungschefs aus aller Welt pünktlich am Tisch, dazu Generalsekretäre, Minister, Exzellenzen und Botschafter wie der Deutsche Joachim Broudré-Gröger, der Außenminister Fischer vertreten durfte. Drumherum rumorten 900 hektisch akkreditierte Journalisten.
Selten zuvor hat eine Konferenz so sichtbar die globale Beschleunigung und Vernetzung bezeugt. Und selten zuvor verlief eine Konferenz so emotional. Die Sprecher im Saal bekannten sich weniger routiniert als gewöhnlich zu Trauer und Bestürzung, Weltbank-Delegierte sprachen auf den Fluren nicht über Geld, sondern über Gefühle, und Generalsekretär Annan beschrieb die Stimmung treffend, als er in seiner Rede sagte: "Dieses Desaster war so brutal, so schnell, und es ist so folgenschwer, dass wir noch immer um Fassung ringen."
Als hätte die Katastrophe die Hierarchie des Weltpolitikbetriebs außer Kraft gesetzt, saßen die Delegationen aus den USA und Westeuropa, die sich gerade noch mit Sottisen
überzogen hatten, wie bescheidene Zuhörer im großen Rechteck des blau bespannten Konferenztischs von Jakarta. Das Wort führten die Asiaten - und sie taten es nicht wie Bittsteller, sondern von gleich zu gleich.
Es war aussichtslos, in dieser Situation eine Führungsrolle der USA beim Wiederaufbau der zerstörten Gebiete beanspruchen zu wollen, wie dies die Amerikaner in den Tagen zuvor immer wieder getan hatten. In Jakarta verkündete US-Außenminister Powell eine Wende, die niemand seinem fernen Präsidenten zugetraut hätte: Er bekannte sich für die USA zur Führungsrolle der Uno bei allen anstehenden Aktionen und brachte damit beide, die Supermacht und die Weltorganisation, einander so nah wie seit Jahren nicht.
Es war indes Kofi Annan selbst, der die Konferenz aus den Wolken des Wohlwollens zurückholte auf den Boden harter Tatsachen. Indonesiens Präsident Susilo Bambang Yudhoyono hatte schon gesprochen, ebenso der Regierungschef von Laos und der aus Singapur, als Annan ungeachtet aller bisherigen Hilfszusagen in Milliardenhöhe trocken sagte: "In den nächsten sechs Monaten werden wir 977 Millionen Dollar brauchen."
Ein Satz, der nur auf den ersten Blick rätselhaft wirkt. Er meint im Klartext: Kündigt mir nicht Milliarden an, sondern zahlt Millionen. Schwelgt nicht in verbaler Hilfsbereitschaft, sondern überweist uns Cash. Ein Appell auch an die Ölscheichs und Emire des Nahen Ostens, die sich beim Spenden bislang erstaunlich zurückgehalten hatten - so als verharrten sie noch immer in ihren Wüstenparadiesen, von denen aus sie die Welt allenfalls als Bittsteller, selten als Partner betrachten.
Doch für die Perspektiven der globalisierten Einen Welt wird viel davon abhängen, dass schnell - und in bar - geholfen wird. Dass nicht, wie vergangenes Jahr nach dem Erdbeben im iranischen Bam, 1,1 Milliarden Dollar zugesagt werden, von denen nach Angaben Teherans nur 17,5 Millionen ankommen. Dass nicht, wie 1988 nach den Verwüstungen des Hurrikans "Mitch" in Zentralamerika, von versprochenen 8,7 Milliarden Dollar kaum ein Drittel wirklich fließen. Dass nicht, wie in Afghanistan, von 700 Millionen nur 350 Millionen Dollar gespendet werden.
Aber Annans kühler Satz meint noch mehr: Er wünsche sich, so hatte er am Vortag der Jakarta-Konferenz im CNN-Interview gesagt, "frisches Geld". Also keine Mittel, die aus anderen Engagements, im Kosovo etwa, in Sierra Leone oder in Darfur, umgeschichtet werden. Oder Geld, mit dem vorrangig die Militäroperationen überall im Katastrophengebiet bezahlt werden. Die Opfer brauchen direkte Hilfe, um wieder ein Leben zu haben, oder wenigstens eine Perspektive.
Noch sind die staatlichen und nichtstaatlichen Hilfsaktionen für die verwüsteten Küsten Asiens, die rund zehn Tage nach der Katastrophe auf Hochtouren kamen, eher improvisiert als organisiert und damit eine ungeduldige Selbsttröstung: Die internationale Gemeinschaft will die neue Solidarität beweisen, will aber auch so schnell wie möglich zur alten Tagesordnung zurück: die große Verunsicherung vergessen, diese Kränkung, die der Erde zugefügt wurde.
Erstaunliches tut sich da zuweilen. Alte mörderische Konflikte ruhen nach dem Tsunami. Selbst in Sri Lanka, wo der Bürgerkrieg zwischen Singhalesen und Tamilen jederzeit wieder ausbrechen kann, sorgten die verfeindeten Volksgruppen dafür, dass die Hilfe dahin kam, wo sie am dringendsten benötigt wurde.
Hier, wo sich Terroristen der Befreiungstiger auch mit Selbstmordanschlägen die Unabhängigkeit von der singhalesischen Mehrheit erkämpfen wollten, gehen sie nun gemeinsam mit den Offiziellen daran, Kinder zu bergen und Tote zu betrauern.
In Mullaittivu, einem einst 7000-Einwohner-Ort, wo viele Kampfschiffe der "Sea Tigers" vom Tsunami zerstört wurden, und in Kilinochchi arbeiten unter der
Führung der Sezessionisten gemischte Krisenstäbe mit beispielhafter Disziplin. "Es herrschen große Ruhe und Würde", sagt der norwegische Friedens- und Konfliktforscher Johan Galtung, der vieles in seinem langen Leben gesehen hat. "So eine Effizienz, die für die Opfer nicht demütigend ist, habe ich noch nicht erlebt."
Doch bei allem guten Willen gibt es jene absurden Augenblicke, wo nichts mehr geht. Dann steht der hochtechnisierten Hilfsmaschinerie ein Wasserbüffel im Weg und legt sie lahm. In der Nacht war er auf dem Flughafen von Banda Aceh, der Hauptstadt der Provinz Aceh auf der indonesischen Insel Sumatra, zur Landebahn getrottet und mit einer Passagiermaschine, die gerade aufgesetzt hatte, kollidiert.
Einen ganzen Tag lang blockierte die Bruchmaschine vom Typ Boeing 737 die wichtigen Hilfsaktionen aus der Luft. Endlich wurde sie aus dem Weg geräumt. Danach konnten wieder neue Helfertrupps auf die Insel kommen, die mit mehr als 100 000 Toten das Leichenschauhaus Asiens ist.
Der weltweite Drang, den Überlebenden zu helfen, provoziert natürlich auch Chaos, einen Wirrwarr aus Militärs, gemeinnützigen Organisationen und privaten humanitären Stoßkommandos. Neben der Rollbahn zeigt der deutsche Oberstarzt Jürgen Canders auf eine britische Hercules-Maschine, die sicher landen konnte, und schnaubt: "Die kommen mit einer so großen Maschine, aber wir dürfen keine Fracht-Iljuschin reinbringen."
Schon seit Tagen kämpften zwei Helfer des Technischen Hilfswerks um die Erlaubnis, mit fünf gecharterten russischen Iljuschin-Maschinen zehn Wasseraufbereitungslagen, Unimogs und Geländewagen nach Aceh zu transportieren. All das bräuchten die Notleidenden in oft noch unzugänglichen Inselteilen sofort und dringend. Die Landebahn sei für diesen Flugzeugtyp zu kurz, behaupteten die Indonesier hartnäckig.
Allerdings: Während australische Militärs in einem Krankenhaus schon schwärende Wunden behandelten, Malaysier Leichen fortschafften, Amerikaner und Singapurer verwüstete Ortschaften per Hubschrauber mit Hilfsgütern versorgten, war vorige Woche noch nicht endgültig klar, wo das deutsche Versorgungsschiff "Berlin" anlegen wird. Das größte Schiff der Bundesmarine, eine Art schwimmendes Kreiskrankenhaus, ist erst einmal vor der südindischen Stadt Cochin vor Anker gegangen, um einen Maschinenschaden zu reparieren. Drei Tage später sollte es Richtung Banda Aceh weiterstampfen, um dort vermutlich das General Hospital zu unterstützen.
Ein Helfer des Roten Kreuzes warnte allerdings bereits vor Überkapazitäten: "Wir haben sehr viele Tote und im Verhältnis dazu wenige Verletzte."
In Banda Aceh schlagen Dutzende von Hilfsorganisationen ihr Lager auf: von der Deutschen Welthungerhilfe bis zu den Feuerwehrleuten ohne Grenzen, von mexikanischen Erdbebenexperten, chinesischen Sanitätern bis zu südafrikanischen Ärzten und Krankenschwestern. Wer in der internationalen Gemeinde der Nothelfer Rang und Namen hat, ist mittlerweile hier eingetroffen.
Auch US-Außenminister Powell lässt es sich nicht nehmen, den Helfern aus aller Welt Respekt zu bekunden. Doch sein Besuch gerät zur Farce. Weil seine Maschine die Landebahn blockiert und überdies der Luftraum wegen des Ministertrips gesperrt ist, können keine Schwerverwundeten ausgeflogen werden. Während die in brütender Hitze stundenlang auf ihren Abtransport warten, mühen sich die Ärzte, sie mit Infusionen vor einem Zusammenbruch zu retten. Zu guter Letzt lässt sich Powell noch mit den Halbtoten fotografieren.
Die Soldaten seines Landes sind dagegen wesentlich effizienter. Ununterbrochen steigen die Seahawks-Helikopter der "Abraham Lincoln" auf. Das ist der berühmte US-Flugzeugträger, auf dem Präsident Bush am 1. Mai 2003 leicht voreilig die Kampfhandlungen im Irak für beendet erklärt hatte. Blau gekleidete Marinesoldaten traben über das Flugfeld. Ein bulliger Lieutenant Commander mit roter Sonnenbrille weist die Helikopter mit Handzeichen ein.
Leutnant Gabriel Bullaro nimmt Kurs auf Kreung Raya im Nordosten von Banda Aceh. Nur die weiße Moschee scheint hier stehen geblieben zu sein. Er setzt seine Maschine mit der Aufschrift "HC-11" und den vier Spielkarten als Kennzeichen zwischen den Trümmern auf.
Drei indonesische Soldaten halten die Menschen davon ab, die Tür aufzureißen, um schneller an die kostbare Fracht heranzukommen.
Amerikanische Marinesoldaten werfen in Windeseile Kisten mit Wasser, Keksen, Nudeln und anderen Lebensmitteln hinaus, die bis unter die Decke des Drehflüglers gestapelt sind. Es dauert kaum zehn Minuten, dann liegen zwei Tonnen Hilfsgüter auf dem Boden.
Die GIs, die von der Kriegsfront im Irak abgezogen wurden, genießen diesen Einsatz. Hubschrauberpilotin Rachel Brainard sagt in einer Mischung aus Stolz und Rührung: "Hierher kommen wir, um zu helfen, und nicht, um zu kämpfen. Es tut so gut, in lachende Gesichter zu schauen."
Die Helden des internationalen Rettungswerks sind aber nicht nur unter den Soldaten oder in den herbeigeeilten humanitären Organisationen zu finden. Es gibt andere, die haben vom großen Chillout auf die große Hilfe umgeschaltet, als sei es die größte Selbstverständlichkeit. Sie greifen zu, wo sie benötigt werden.
So hält es zum Beispiel der Amerikaner Seth Thornborrow, 27 Jahre alt und IT-Consultant aus Idaho. Er sitzt im Schatten unter den Bäumen am Pier auf der thailändischen Insel Phi Phi und löffelt das Reisgericht in sich hinein, das Einheimische in einer improvisierten Küche zubereitet haben. Neben ihm schlafen drei erschöpfte Thais, der würzige Essensduft vermischt sich mit dem süßlichen Geruch der Leichen, die noch vor wenigen Tagen an dieser Stelle zum Abtransport gesammelt wurden.
"Der Trick", sagt Seth, "ist, möglichst viel Tigerbalm auf der Schutzmaske und möglichst wenig durch die Nase einatmen." Er ist lang und schlaksig, trägt eine rote Helfer-Weste über seinem bunten Surfer-Shirt, der Schweiß rinnt ihm über die gerötete Stirn. Das mit dem Helfen habe sich so ergeben, sagt Seth, zwei der Traveller in seinem Hotel hätten angefangen von der kaputten Insel zu reden, und irgendwann hätten sie eben alle mitgemacht. "Es ist zwar nicht viel, was wir tun können, aber die Thais sind uns sehr dankbar."
Gemeinsam mit den anderen wohnt er in einem Low-Budget-Hotel in der Küstenstadt Krabi, von wo aus sie jeden Morgen mit dem Boot zur Insel aufbrechen. Wenn sie abends zurückkommen, betrinken sie sich mit Whisky.
Keiner aus ihrer Gruppe hat Erfahrung als Rettungshelfer, sie arbeiten in der IT-Branche, sind Studenten oder Angestellte. Jetzt bergen sie Leichen. Klar sei die Arbeit hart, sagt Seth, "aber wenn du das hier überlebt hast und die siehst, die nicht so viel Glück hatten, was sind dann schon ein paar Körper in Plastiksäcken".
Er versuche, die Leichen abstrakt zu sehen, sagt Seth, nur bei dem Körper eines kleinen Mädchens ist ihm das nicht gelungen, da ist er zusammengebrochen und konnte die Tränen nicht mehr bändigen. "Nicht nachdenken", sagt Seth mit leiser Stimme, "du musst versuchen, nicht nachzudenken."
Die Insel, die nun aussieht wie zerbombt, war 20 Jahre lang das Woodstock aller Leute, die vom perfekten Strand träumen und von einem Leben, das so leicht ist wie eine Brise am Sommerabend. Weil von diesem Leben und dieser Insel zu viele Leute in aller Welt träumten, ist sie immer mehr zu einer Hohnkulisse dieses Traumes geworden, voll gestopft mit Hüttenhotels, mit Cafés, mit Tauchshops.
Der Kultfilm "The Beach", auf der unbewohnten Nachbarinsel Phi Phee mit Leonardo DiCaprio gedreht, ließ die letzten freien Strandflächen der Insel zu einer Beute des Tourismus werden, und nun hat sich das Meer mit Monsterwellen, die gleichzeitig von Norden und Süden das Menschenwerk und die Menschen attackierten, die Strände zurückgeholt.
Zwischen den verwesenden Überresten ihres großen Traums stapfen Seth und die anderen Touristen herum, auf der Suche nach Sinn, nach Ablenkung, nach Erfüllung, nach Menschlichkeit. Seine Freundin schickt ihm flehende E-Mails aus Idaho, aber irgendetwas hält den guten Amerikaner an diesem Ort der Vernichtung, vielleicht ist es so etwas wie Buße.
Noch immer schwemmt das Meer Leichen an die Strände Thailands, Sri Lankas und Indiens. Noch immer sehen die Städte aus wie ausgelöscht von einer Atombombe. Der Tsunami übte mit seiner unfassbaren Gewalt einen Anschlag auf die Küstenlandschaften des Indischen Ozeans aus, neben dem der menschengemachte auf das World Trade Center in New York und das Pentagon in Washington am 11. September 2001 verblassen muss.
Dieser Anschlag nun war kein Anschlag auf irgendein System, sondern auf unterschiedslos alle. Ein kränkender Anschlag, weil er keine Drahtzieher hatte, die man bekämpfen könnte. Ein Anschlag, der für den Moment die üblichen ideologischen Frontverläufe auslöschte und seine Aufrüstungen lächerlich zu machen schien.
Gibt es Schutz gegen solche Willkür der Natur? Hätte das Flutwellenmodell, mit dem der russische Forscher aus Seattle die Katastrophe zu berechnen suchte, Zehntausende Menschenleben retten können? Muss der Gemeinsamkeit der humanitären Hilfe nun eine gemeinsame Anstrengung folgen, mit der Wissenschaftler die
eine verletzliche Welt ein bisschen weniger verletzlich machen?
Am Dienstag kommender Woche treffen sich Delegierte aus vielen Nationen im japanischen Kobe auf Einladung der Vereinten Nationen, um über Katastrophenschutz zu beraten. Sie sollen im Indischen Ozean das Fundament für ein internationales Warnsystem legen, das in Jakarta beschlossen wurde und das auch die Europäische Union nun unterstützen will, wie ihre Außenminister festlegten.
Bislang stand die reine Schnelligkeit der Notfallwarnungen im Vordergrund des öffentlichen Interesses: Der thailändische Chef-Meteorologe musste zurücktreten, weil er angeblich zu lange gezögert hatte, eine dringende Katastrophenwarnung herauszugeben. Der Chef des pazifischen Tsunami-Warnzentrums bei Honolulu auf Hawaii (PTWC) wurde scharf gerügt, weil er angeblich zu lange gewartet hatte, bis er Alarm für den Indischen Ozean schlug.
Dass die beiden Experten nicht rechtzeitig erkannten, was tief unten im Indischen Ozean rumorte, ist sogar verständlich. Auf den ersten Blick wirken Tsunami-Wellen trügerisch einfach, wie die ringförmigen Kreise, die sich bilden, wenn man einen Stein ins Wasser wirft. Doch das Modell des Seattler Forschers Titov zeigt auch, dass sich die Wellen des Tsunami im Indischen Ozean eben nicht gleichmäßig ausbreiteten, sondern zielgerichtet wie durch ein Brennglas.
Thailand, Indonesien und Sri Lanka lagen im Fokus, andere Länder nicht. Inseln wie Diego Garcia im Süden blieben weitgehend verschont. Auch die flachen Malediven im Westen befanden sich außerhalb der konzentrierten Hauptwelle. Und Bangladesch lag weitgehend geschützt hinter dem Sedimentfächer des Ganges-Deltas.
Die Präzision der Vorhersage durch aufwendige Modelle wie das von Titov ist nicht etwa das Steckenpferd eines verbohrten Perfektionisten. Tsunami-Forscher wissen: Nicht der schnellste Warnruf rettet Leben, sondern der zuverlässigste. Bis vor wenigen Jahren war die statistische Treffsicherheit miserabel. Die Flutwellen sind tückisch und lassen sich nicht direkt aus der Stärke eines Erdbebens ableiten.
Die Erfahrungen mit dem Tsunami-Institut auf Hawaii, zuständig für die Warnung von 26 Anrainerstaaten im Pazifik, sind deshalb auch ernüchternd: Drei von vier Evakuierungsanordnungen erwiesen sich als Fehlalarme, mit jeweils Kosten in Höhe von vielen Millionen Dollar. Die Menschen auf den Inseln Hawaiis stumpften ab und ignorierten sie einfach. Erst seitdem genaue Karten angelegt werden, sind die Prognosen verlässlicher. Seitdem werden auch die Warnungen wieder ernst genommen. Das ist die wichtigste Lehre aus 50 Jahren Tsunami-Warnungen im Pazifik. Sie gilt auch für den Indischen Ozean.
Die Tragödie am 26. Dezember konnte derart gigantische Ausmaße annehmen, weil es an präzisen Messungen mangelte. "Manche Leute glauben, dass ein paar Messbojen im Indischen Ozean schon ausreichen würden, um die Gefahr in Zukunft zu bannen, aber das ist Unsinn", sagt Stanley Goosby, der auf der sonnigen Surferinsel Maui, der zweitgrößten von Hawaii, forscht. Tagaus, tagein errechnet er die finstersten Szenarien für den Pazifik: Was genau passiert, wenn eine Welle wie vorhergesagt die Küste erreicht? Mit welcher Genauigkeit lässt sich überhaupt eine Naturkatastrophe irgendwo auf dem Blauen Planeten prognostizieren?
"Tsunamis sind die Massenvernichtungswaffen der Natur", sagt Goosby, "wir können sie nicht verhindern, wir können uns nur auf sie einstellen."
RALF BESTE, ANITA BLASBERG, MARCO EVERS,
RÜDIGER FALKSOHN, ULLRICH FICHTNER, MARIO KAISER, SUSANNE KOELBL, ANDREAS LORENZ, GEORG MASCOLO, MATTHIAS MATUSSEK, PADMA RAO, MATTHIEU VON ROHR, MARCEL ROSENBACH, HILMAR SCHMUNDT, CORDT SCHNIBBEN, MATTHIAS SCHULZ, JANKO TIETZ, ANDREAS ULRICH
* Oben: von einem malaysischen Schiff auf See geborgener Indonesier; Mitte: vor TV-Kameras und einer Pinnwand mit Vermisstenfotos; unten: im Verwaltungszentrum von Phuket Town, Thailand.
Von Ralf Beste, Anita Blasberg, Marco Evers, Rüdiger Falksohn, Ullrich Fichtner, Mario Kaiser, Susanne Koelbl, Andreas Lorenz, Georg Mascolo, Matthias Matussek, Padma Rao, Matthieu von Rohr, Marcel Rosenbach, Hilmar Schmundt, Cordt Schnibben, Matthias Schulz, Janko Tietz und Andreas Ulrich

DER SPIEGEL 2/2005
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