10.01.2005

„Ein verlorenes Volk“

In Aceh traf die Flutkatastrophe vom jahrzehntelangen Bürgerkrieg zermürbte Einwohner.
Als der Dorfjunge Nasruddin, den seine Freunde Annas nennen, zehn Jahre alt war, drangen indonesische Soldaten in seine Schule ein. "Sie hielten meinem Lehrer den Gewehrlauf an die Stirn und zwangen ihn niederzuknien", erinnert er sich. "Sie haben ihn vor uns gedemütigt." Die Militärs hatten den Erzieher verdächtigt, mit den Guerilleros der "Bewegung Freies Aceh" (Gam) zu sympathisieren. Ironischerweise hat erst dieser Vorfall Nasruddin und viele Klassenkameraden zu Gegnern des Regimes gemacht. "Seitdem verachte ich die Indonesier", sagt er.
Vor den Schikanen des Militärs in den Dörfern von Aceh floh Nasruddin wenige Jahre später in die Provinzhauptstadt Banda Aceh, wo er sich sicher wähnte. Dort traf ihn am vorvergangenen Sonntag die Naturkatastrophe; seine Frau Asmawati, 27, und sein Sohn Aris Mumandar sind seither verschwunden.
Jetzt streift Nasruddin, 30, durch den verwüsteten Stadtteil Kampung Jawa und schaut auf die Stelle, an der einst sein Heim stand. Von seinem Holzhäuschen ist nichts geblieben. Auch sein Verkaufswagen, mit dem er am Zentralmarkt Zigaretten feilbot, ging verloren.
Nasruddins Schicksal spiegelt die doppelte Tragödie der Acehnesen wider: Die Katastrophe traf ein Volk, das durch einen schmutzigen Krieg zwischen dem Militär und der Unabhängigkeitsbewegung längst zermürbt ist. 28 Jahre halten die Unruhen schon an, mehr als 12 000 Menschen starben. "Erst der Konflikt und nun der Tsunami", klagt in Banda Aceh ein Geschäftsmann, der im Schlamm vor seinem Laden steht. "Wir sind ein verlorenes Volk."
Seit 1976 kämpft die Gam in der Region am nordwestlichen Ende Sumatras für einen eigenen Staat. Die Rebellen und ihre Anhänger fühlen sich von der korrupten Lokalverwaltung vernachlässigt und von Jakarta um Bodenschätze geprellt - 1971 hatte der Konzern Mobil Oil Indonesia große Gasfelder vor der Küste entdeckt.
Seither fließt jährlich rund eine Milliarde Dollar in die Kassen der Zentralregierung; für die 4,3 Millionen Bewohner der Provinz blieb wenig übrig. Die Enttäuschung entzündete die Rebellion der Acehnesen. Gam-Guerilleros griffen Militärstützpunkte an, die Armee schlug brutal zurück.
Nach dem Sturz des Diktators Suharto 1998 schien endlich Frieden in Sicht. Beide Seiten einigten sich 2002 auf weitgehende Autonomie; die Region sollte fortan 70 Prozent der Energieeinnahmen erhalten. Als Gegenleistung verlangten die Indonesier von den Rebellen, die Waffen abzuliefern.
Doch die Hoffnung auf ein Ende des Tötens trog: Hardliner bei den Rebellen wie auf Seiten der Regierung boykottierten das Abkommen. In den Dörfern der Provinz herrscht seither wieder die Angst. Viele Familien schicken ihre Söhne in die Städte, weil sie nicht wollen, dass sie ins Visier der Armee geraten. "Wen die Soldaten verdächtigen, für die Gam zu sein, der ist schon so gut wie tot", sagt ein Pädagoge einer islamischen Schule in Banda Aceh. Die Gam wiederum presst den Bürgern hohe Steuern ab.
Noch wenige Stunden vor dem Tsunami hatten sich die Bürgerkriegsparteien erneut Scharmützel geliefert - dann rissen Erdbeben und Flutwellen Tausende von Soldaten und Rebellen in den Tod. Doch der Konflikt geht weiter - trotz des Desasters. Die rund 40 000 Soldaten werden bei der Notversorgung gebraucht, die Führung der Aufständischen im schwedischen Exil rief einen Waffenstillstand aus.
"Die Armee hat nun die einmalige Chance, Herz und Verstand der Acehnesen zu erobern", sagt ein deutscher Katastrophenhelfer. Doch womöglich hat Jakarta die Gelegenheit schon verspielt: In vielen Siedlungen und Flüchtlingslagern warteten die traumatisierten Bewohner der Region bisweilen tagelang vergebens auf Hilfe. "Wenn die Leute nicht schnell Nahrungsmittel bekommen, laufen sie zur Gam über", warnte vergangene Woche ein lokaler Beamter im Lagezentrum hinter dem Gouverneurspalast - und bekam sofort ein paar Säcke Reis zugeteilt.
Selbst die Tatsache, dass die Küste der Bürgerkriegsprovinz zerstört ist, hat an der Haltung der Streitkräfte wenig geändert. Panzerwagen patrouillieren auch durch die ausradierten Straßen von Banda Aceh. Die Soldaten legen ihr Gewehr selbst dann nicht ab, wenn sie Leichen bergen. Polizisten regeln mit umgehängter Waffe den Verkehr.
Nasruddin glaubt nicht, dass die Bürgerkriegsparteien nach der Sintflut zur Vernunft kommen werden. Er hat sich entschlossen, Banda Aceh zu verlassen, er will nach Medan oder Jakarta ziehen: "Hier halte ich es nicht mehr aus. Hier habe ich keine Zukunft mehr." ANDREAS LORENZ
Von Andreas Lorenz

DER SPIEGEL 2/2005
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