10.01.2005

Konvoi im Dschungel

Deutsche Rotkreuz-Experten helfen an der abgelegenen Ostküste Sri Lankas.
Die Sonne versinkt hinter der Lagune von Komari auf Sri Lanka, als Marcus Sting, 31, und Hubert Hoping, 48, den Saugschlauch aus dem Brunnen ziehen und die Wasserpumpe auf der Ladefläche ihres Wagens verstauen. Gerade noch geschafft - sie haben verseuchtes Wasser aus dem Schacht gepumpt, was jetzt nachfließt, müsste wieder trinkbar sein.
Schnell bricht am vergangenen Mittwoch die Nacht herein, und dann wird es stockdunkel in dem Ort, der einst ein Paradies unter Palmen war und der jetzt um Hunderte Tote trauert. Bunte Häuser aus Stein fügten sich zwischen Strand und Lagune um einen Hindu-Tempel und zwei christliche Kirchen. Vorher. Die Gotteshäuser Komaris stehen noch, der Rest ist weggespült. Der mörderische Tsunami hat das ganze Dorf einfach in die Lagune geschoben.
Fast hätten die beiden Experten des Deutschen Roten Kreuzes die Hoffnung aufgegeben, ihren Einsatzort an der Ostküste Sri Lankas zu erreichen. Das Team um Einsatzleiter Dieter Mathes, 53, vier Männer und eine Frau, war schon eine Woche zuvor vom Flughafen Köln-Bonn aufgebrochen, um im Katastrophengebiet von Sri Lanka aus verdrecktem Wasser Trinkwasser zu machen. Sauberes Trinkwasser ist hier das Wichtigste. Ohne das kommen die Seuchen, kommt die Katastrophe nach der Katastrophe.
Komari liegt an der Ostküste der Insel. Die Region ist am stärksten betroffen von der tödlichen Welle. Doch gleichzeitig ist die Hilfe hier am schwierigsten. Der Osten ist abgelegen, schwer zu erreichen und außerdem Tamilen-Gebiet, ehemalige Kampfzone während des Bürgerkriegs also. Es herrscht ein brüchiger Waffenstillstand. Und der Einsatz zeigt, wie schwierig es ist, Hilfe zu leisten im Chaos.
Eigentlich hätten die Deutschen schon viel früher hier sein sollen. Als sogenanntes Field Assessment and Coordination Team im internationalen Verbund des Roten Kreuzes sind sie immer innerhalb von zwölf Stunden abflugbereit. Die Alarmierung kam aber erst zwei Tage nach der Katastrophe. Am dritten Tag ging es endlich los. Mit einer gecharterten Iljuschin 76 flogen sie Richtung Colombo. Schon bei der Zwischenlandung in Libyen kam die erste schlechte Nachricht. "Problem am Triebwerk", sagte der Pilot, "ist in drei Stunden repariert." Es dauerte drei Tage. Das Team stieg um und flog mit norwegischen Helfern nach Fudscheira in den Vereinigten Arabischen Emiraten und erst 36 Stunden später nach Colombo.
Als das Frachtflugzeug endlich am vergangenen Montag, fast eine Woche nach der Alarmierung, ankommt, ist Mathes erleichtert. An Bord: zwei Geländewagen und ein geländetauglicher Laster. Dazu zwei Wasseraufbereitungsanlagen samt Chemikalien für vier Wochen, zehn schwere Wasserpumpen sowie ein Überlebenspaket mit Zelten und Nahrung für das Team für einen Monat. Abfahrt am nächsten Morgen mit den eigenen Autos und drei vollbeladenen gemieteten Lastwagen indischer Produktion mit Holzaufbau. 360 Kilometer geht es vorbei an Reisfeldern, Teeplantagen und dann mitten durch den Dschungel.
Je weiter der Konvoi nach Osten kommt, desto schwieriger wird die Fahrt. Die Straße wird schmal. Der Dauerregen hat die Piste ausgewaschen. Sie fahren vorbei an Lastwagen, die Hilfsgüter geladen hatten, aber in Gräben abgerutscht sind. In der Dämmerung blockieren Elefanten die Straße.
Am Mittag des folgenden Tages sind sie am Ziel. Sie bauen ihre Maschinen nahe der Lagune auf. Die Generatoren springen an, die Maschinen saugen dreckiges Wasser an, und bald fließt sauberes aus den Schläuchen. Menschen strömen herbei, mit Kanistern, Flaschen, Eimern.
Ein klimatisierter Bus kommt die überschwemmte Hauptstraße entlang. Drinnen sitzen zwei amerikanische Ärzte, zwei Krankenschwestern und zwei Journalisten. Sie suchen nach Verletzten. Aber die sind längst in die Krankenhäuser geflogen worden.
Es gebe meist ein Chaos, wenn die Helfer kommen, sagt Mathes. Er kennt sich aus, ist seit 25 Jahren immer wieder im Einsatz, in Indien, im Sudan, im Tschad, überall. Er hat oft erlebt, dass falsche Hilfsgüter geschickt wurden - und Helfer, die nicht wussten, was sie eigentlich tun sollten.
So wie eine Gruppe von Rettungssanitätern der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft aus Frankfurt (Oder). Die Männer waren zwar schnell da, mussten aber bei der deutschen Botschaft in Colombo übernachten, weil niemand etwas mit ihnen anzufangen wusste.
Mathes und seine Kollegen hingegen wissen, was zu tun ist. Für Habarakada Perera, 51, ist ihr Einsatz das erste Zeichen der Hoffnung. Er sitzt auf den Trümmern seines Hauses an der zerstörten Brücke, die über die Lagune nach Komari führt. Einst der schönste Platz im Ort. Aus den alten Ziegeln will Perera ein neues Haus bauen. Dank der Hilfe ist sein Brunnen wieder sauber. Und sauberes Wasser ist Leben. ANDREAS ULRICH
Von Andreas Ulrich

DER SPIEGEL 2/2005
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