10.01.2005

Warnendes Brummen

Auffallend wenige Wildtiere ertranken - schützte sie ihr Instinkt vor der Killerwelle?
Sie waren wegen der Tiere gekommen. Im Yala-Nationalpark wimmelt es nur so von ihnen. Ein Leopard pro Quadratkilometer, heißt es in Reiseführern über diesen malerischen Landstrich im Südosten Sri Lankas.
Doch der 26. Dezember 2004 war für die Touristen eine Enttäuschung: Von den wilden Tieren war morgens seltsamerweise nur wenig zu sehen. "Kein einziger Leopard hatte sich gezeigt", erinnert sich Uditha Hettige, einer der Tierkundler und Führer. "Nicht einmal die Wildschweine kamen an die Lodges, um nach Abfällen zu stöbern."
Dafür eilten drei Elefanten angeblich schnellen Schrittes landeinwärts - eine Stunde bevor der unbeschwerte Urlaubstag zum Desaster wurde.
Hettige ließ sich zum Frühstück nieder, und sein Blick schweifte über eine langgezogene Lagune, die sich hinter dem Strand am Indischen Ozean erstreckt. Plötzlich schossen die Wildvögel in riesigen Schwärmen empor. "Ich dachte mir noch, die kann doch kein Raubtier aufgeschreckt haben", erinnert sich Hettige, "da sah ich am Horizont die Welle."
In Panik flohen die Menschen vor den Wassermassen. Einige der Parkwächter retteten sich auf Bäume, von ihnen hört man nun ebenfalls Wunderliches: "Kein einziger Affe war dort zu sehen."
Die Opferbilanz im Nationalpark: Rund 60 Menschen sterben, davon viele Touristen. "Nur Tierkadaver finden sich kaum", berichtet Hettige, der sich aus den Fluten retten konnte.
Kann es sein, dass die Tiere einen sechsten Sinn für das aufziehende Unheil hatten - während der Mensch, selbsternannte Krone der Schöpfung, ahnungslos ins Verderben stolperte? Für Wildschützer Hettige jedenfalls ist der Fall klar: "Die Tiere sind einem Instinkt gefolgt und haben rechtzeitig die Flucht in sichere Gebiete angetreten."
Ähnliche Berichte treffen aus anderen Katastrophengegenden ein:
* In Thailand sollen Minuten vor der Katastrophe Elefanten, teils mit Touristen auf dem Rücken, von einer panischen Unruhe befallen worden sein. Sie rissen sich von ihrem Führer los und zogen weg vom Meer.
* Im indischen Naturschutzgebiet Point Calimere brachten sich Flamingos, die zu dieser Jahreszeit dort brüten, ebenfalls rechtzeitig in Sicherheit.
* Noch vor dem Auftreffen der Welle im sri-lankischen Dikwella sollen Fledertiere aufgeflogen sein.
Viele Zoologen reagieren skeptisch auf solche Anekdoten. Vermutlich seien nur deshalb weniger Wildtiere umgekommen, weil sie nicht direkt an der Küste leben.
Weniger Zweifel bestehen, dass sich zumindest einige Tiere vor einem Erdbeben auffällig verhalten können. "Vor allem Schlangen und Frösche verfügen über ein außergewöhnlich empfindliches Gespür für Erschütterungen", sagt Andreas Elepfandt, Sinnesbiologe von der Humboldt-Universität in Berlin.
Auch elektrisch geladene Teilchen in der Luft werden als Alarmzeichen für Tiere diskutiert. Diese Teilchen werden freigesetzt, wenn Gestein gequetscht wird und ein elektrischer Fluss entsteht - ein Phänomen, das der deutschstämmige Nasa-Forscher Friedemann Freund für die Erdbebenvorhersage nutzen will. "Für die Tiere ist der sechste Sinn in Wahrheit der erste", vermutet Freund.
Wegen der Entfernung vom Epizentrum des Seebebens dürften die Reaktionen der Tiere in Asien jedoch eher etwas mit der Flutwelle selbst zu tun gehabt haben. Chemiker Helmut Tributsch von der Freien Universität Berlin hat Vibrationen im Verdacht, die entstehen, wenn der Tsunami über den Meeresboden rollt. "Das Gestein überträgt die Erschütterung schneller, als die Welle selbst vorankommt", sagt Tributsch, der ein Grundlagenwerk über das Verhalten von Tieren vor Erdbeben geschrieben
hat. "Es wäre durchaus denkbar, dass die Tiere das spüren."
Eine andere Theorie konzentriert sich auf den Schall oberhalb der Wasseroberfläche. Das Getöse der entfesselten Elemente, so die Vermutung, produziert Infraschall - besonders langwelligen Schall -, der sich schneller ausbreitet als der Tsunami. Auf dieser tiefen Frequenz kommunizieren beispielsweise Elefanten. "Ihr Gehör ist wie geschaffen für dieses Brummen", erklärt Biologe Elepfandt.
Das menschliche Ohr kann diese Töne nicht wahrnehmen; und doch gibt es Hinweise, dass diese Schwingungen in irgendeiner Weise auch auf den Menschen wirken. Bei Versuchen mit einer Orgelpfeife, die an bestimmten Stellen eines Konzerts Infraschallwellen erzeugte, gaben Besucher später an, Angst verspürt zu haben. Mit diesem unterschwelligen Gefühl lässt sich im Katastrophenfall nichts anfangen.
"Die Warnzeichen aus dem Strom von Wahrnehmungen herauszufiltern, die ständig auf uns einprasseln, haben wir im Laufe unserer Entwicklung verlernt", sagt Biologe Elepfandt.
Ob die Vierbeiner wirklich sensibler sind, wird sich vielleicht bald nachweisen lassen: Einige der Elefanten im Yala-Nationalpark waren mit Satelliten-Ortungsgeräten ausgestattet. In welche Richtung sich die Dickhäuter kurz vor der Katastrophe bewegt haben, ist in den Computern der Naturschützer gespeichert. GERALD TRAUFETTER
Von Gerald Traufetter

DER SPIEGEL 2/2005
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