10.01.2005

„Narben der Erinnerung“

Die Dresdner Psychologin Clivia Langer über seelische Traumata und den richtigen Umgang mit den Opfern
Langer, 43, ist Notfallpsychologin beim Mal- teser Hilfsdienst und Leiterin der Fachgruppe Notfallpsychologie im Berufsverband Deutscher Psychologen (BDP). -------------------------------------------------------------------
SPIEGEL: Sie haben etliche Heimkehrer aus dem Flutgebiet getroffen. In welcher Verfassung waren die Menschen?
Langer: Alle hatten Schreckliches erlebt, dazu die eigene Todesangst - zu vergleichen am ehesten mit dem Erlebnis von Kriegszerstörungen oder Anschlägen.
SPIEGEL: Wie wirkt sich das aus?
Langer: Bei vielen steigen die Schreckensbilder immer wieder unkontrollierbar hoch. Eine Rückkehrerin hörte bloß, wie eine andere Urlauberin von der Flutwelle in Phuket berichtete. Als diese das Wort "Wasserwand" aussprach, kamen ihr die Tränen, ihre Atmung fing an zu fliegen. Traumatisierte, die von ihren Erlebnissen berichten, können dadurch eine Retraumatisierung erleiden. Das ist keine normale Erinnerung, sondern sie sind dann wieder in der Situation, sehen das Wasser kommen, haben die Gerüche in der Nase, hören das Grollen, die schrecklichen Schreie. Irgendein Reiz kann dieses Wiedererleben auslösen. Ein Heimkehrer aus Phuket bekam zu Hause beim Geräusch der Klospülung plötzlich panische Angst.
SPIEGEL: Wie wehren sich die Traumatisierten gegen diese Reaktionen?
Langer: Manche vermeiden alles, was sie an die Situation erinnern könnte. Das kann damit anfangen, dass man im Fernsehen schnell wegschaltet. Es kann damit enden, dass man nicht mehr vor die Tür geht. Das Gedächtnis kann Sequenzen des erlebten Horrorfilms ausblenden: Eine Frau erzählte mir, wie eine Welle sie durch einen Wald ins Meer zog. Sie erinnerte sich nicht daran, wie sie überhaupt dorthin gelangt war. Die Schnipsel sind aber nicht weg, nur falsch abgelegt. Ungefragt kommen sie wieder empor.
SPIEGEL: Wie entstehen solche Filmrisse?
Langer: Wenn die Seele nicht ertragen kann, was dem Körper geschieht, kann die Seele sich wegbeamen aus diesem Szenario. Man scheint nicht mehr mitzukriegen, was um einen herum geschieht. Eine Frau, die vom Balkon ihres Hotels in Sri Lanka alles mitangesehen hatte, sagte etwa, sie habe seither ein Gefühl wie Watte im Kopf. Bei anderen ist das ganze Nervensystem ständig auf Alarm geschaltet, obwohl sie längst wieder in Sicherheit sind. Urlauber aus Phuket erzählten, dass sie nicht schlafen können, ihr Herz rast, sie sind sehr gereizt.
SPIEGEL: Ist solch ein Verhalten normal?
Langer: Für den Psychologen schon. Laien können aber oft nicht deuten, warum sie ihre Frau anschreien oder in der Toilette anfangen zu zittern, warum ihnen Erinnerungen fehlen oder sie sich schuldig fühlen, weil sie überlebt haben.
SPIEGEL: Ab wann geht eine Reaktion über das Normale hinaus?
Langer: Wenn ich nach zwei, drei Wochen zum Beispiel nur noch unstillbar weine, nicht mehr sprechen kann oder plötzlich viel Alkohol trinke, sollte ich mir sofort psychologische Hilfe suchen.
SPIEGEL: Würden die Störungen nicht irgendwann von selbst verschwinden?
Langer: Das Risiko besteht, dass sich das körpereigene Alarmsystem im Gehirn verselbständigt. Die Ausschüttung von Stresshormonen, die jemanden in Khao Lak in die Lage versetzt hat, barfuß über
Scherben zu rennen oder sich mit übermenschlicher Kraft an eine Palme zu klammern, wiederholt sich unnötig. Das kann zu dauerhaften Veränderungen im Nervensystem führen, so dass man chronisch erkranken und vielleicht seinen Beruf nicht mehr ausüben kann.
SPIEGEL: Sind Menschen früher mit solchen Erlebnissen nicht auch ohne psychologische Hilfe fertig geworden?
Langer: Nein, was wir heute "Posttraumatische Belastungsstörung" nennen, gab es immer. Bei den Soldaten aus den Schützengräben des Ersten Weltkriegs hieß es "Kriegszittern". Manche Überlebende der Zerstörung von Dresden 1945 können noch heute nicht über bestimmte Plätze gehen.
SPIEGEL: Wie hilft eine Therapie?
Langer: Die Traumatisierten lernen, so mit dem Erlebten umzugehen, dass es sie nicht mehr belastet. Das Alarmsystem regelt sich wieder auf Normal herunter. Die Erinnerungen bleiben für immer - wie Narben, die nicht mehr schmerzen.
SPIEGEL: Wie viele Rückkehrer werden Hilfe brauchen, um mit den Ereignissen fertig zu werden?
Langer: Nach anderen großen Katastrophen waren es etwa ein Drittel - besonders auf die betroffenen Kinder müssen wir achten. Sie können das Geschehene schwer einordnen. Zu sehen, wie der Papa weint und fast ertrinkt, bringt ihre Sicherheit ins Wanken, sie werden ängstlich. Am meisten hilft ihnen jetzt, so viel wie möglich mit den Eltern zusammen zu sein.
SPIEGEL: Was raten Sie Angehörigen und Freunden von Rückkehrern?
Langer: Natürlich sind sie überbesorgt und tief verunsichert. Das zeigen die vielen Anrufe bei der psychologischen Hotline des BDP*. Das Beste ist, den Alltag wieder zu leben. Dinge zu tun, die einem immer gut getan haben. Und Ruhe.
SPIEGEL: Müssen sich die Menschen nicht ihre Erlebnisse von der Seele reden?
Langer: Nur dann, wenn sie selber das Bedürfnis danach haben. Wenn einer im Sportverein 20-mal erzählen muss, wie es war, kann er unversehens wieder in diesen Abgrund stürzen. Wenn das geschieht, sollte man auf keinen Fall weiter auf seine Gefühle eingehen, sondern lieber darüber sprechen, wie glücklich man ist, ihn wieder daheim zu haben.
INTERVIEW: BEATE LAKOTTA
* Hotline des BDP: 0800-777 22 44, täglich von 8- 22 Uhr.
Von Beate Lakotta

DER SPIEGEL 2/2005
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