10.01.2005

Ende der Zeit am Ende der Welt

Die Andamanen und Nikobaren waren abgeschnitten vom Lauf der Welt und sind nun abgeschnitten von internationaler Solidarität. Hilfe kommt langsam in Gang - aber die indische Regierung blockiert die ausländischen Katastrophenexperten.
Es gibt Ideen, die findet einer witzig, aber alle anderen finden sie seltsam. Widerlich sogar. Wie, zum Beispiel, kann jemandem so ein Name einfallen?
Tsunami. Für ein Neugeborenes. Im Katastrophengebiet der Andamanen.
Muss ein Kind mit dem Namen "Hafenwelle" groß werden? Oder "Killerwelle"?
Tsunamis Mutter sitzt auf einer dünnen Decke auf dem steinernen Boden der Mittelschule mit dem Namen Rabindra Bangla Vidyalaga. Die Mittelschule ist noch immer ein Flüchtlingslager, 20 Meter über dem Meer, sicher also, hier auf South Andaman. Die Mutter stillt ihr Baby in diesem schmalen Klassenzimmer, sie hat es in ein Handtuch gewickelt. Ein Frühchen ist es, zart und schwarzhaarig. Das Haus seiner Eltern, unten im Süden auf Little Andaman, wurde am zweiten Weihnachtstag um 7.58 Uhr durch das Erdbeben erschüttert und eine halbe Stunde später von der Welle weggewischt. Die werdende Mutter wurde ohnmächtig, der werdende Vater und die Nachbarn trugen sie in den Dschungel.
Das Baby, es ist ein Junge, kam am 27. Dezember um 4.20 Uhr im Dschungel zur Welt. Elefanten sahen zu. Es dauerte zwei Tage, bis die junge Familie gerettet wurde und ausgeflogen nach South Andaman.
Der Arzt im Flüchtlingslager gab dem Jungen den Namen Tsunami. Witzig? "Ich habe mich nicht gewehrt, ich hatte andere Sorgen", sagt die Mutter.
Die Insel South Andaman gehört zu den Andamanen und Nikobaren, dieser seltsamen Sammlung tropischer Paradiese, über die vor der Welle kaum jemand etwas wusste und niemand in den Stunden danach. Es gab keinen Funkkontakt, keine Zahlen, es gab nur Gerüchte: Einige Stämme der Ureinwohner seien wohl ausgerottet; die Überlebenden attackierten Rettungshubschrauber mit Pfeil und Bogen; Journalisten dürften nicht in die Katastrophengebiete hinein, weil Indien auf den Andamanen und Nikobaren militärische Geheimnisse hüte.
Wie es eben so geht mit Nachrichten in Zeiten der Katastrophe, in denen die Faktenlage zunächst einmal trübe ist. Deshalb eine Gegendarstellung: Die Ureinwohner haben überlebt, vermutlich nicht jeder Einzelne, aber alle sechs Stämme; nur ein Pfeil wurde in Richtung Rettungshubschrauber geschossen, er traf nicht; Journalisten können von Insel zu Insel reisen.
Es sind weite Strecken, es dauert, und rostige Schiffe wie die "Pilomillow" stampfen träge durch die Nacht. Nur die Militärbasis auf Car Nicobar, die Indien zur Überwachung der Malakka-Straße nutzte, ist Sperrgebiet.
Die ehemalige Militärbasis. Auch sie gibt es nicht mehr. Alles ist anders geworden, wie überall am Indischen Ozean.
Vor dem 26. Dezember waren die Andamanen und Nikobaren, 700 Kilometer lang von der Nordspitze der nördlichsten bis zum Südende der südlichsten Insel, eine Welt der Sandstrände, der Hügel, der Wälder und Plantagen, der Pinien, Kokospalmen und Mangroven; eine Welt, die 1947, mit der Unabhängigkeit Indiens von Großbritannien, aus einer ehemaligen Strafkolonie entsprang, eine Welt der Christen, Muslime, Hindus und Sikhs. Vor dem 26. Dezember fuhren die Leute hier mit Motorrollern, Fahrrädern und ihren dreirädrigen Automobilen, Tuktuk genannt, zwischen Schlaglöchern, Ochsen und Ziegen hindurch. Häuser mit Betonfundamenten und Holzwänden bauten die Leute, und niemand dachte, dass die Häuser nicht halten würden.
Korakhal Umar, Bankkaufmann aus Great Nicobar, Bankkaufmann ohne Bank
und Kollegen, sagt: "Der Tsunami hat unsere Welt zerstört und die Gegenwart beendet, in der wir lebten."
Vor dem Tsunami gab es hier, zwischen Indien und Thailand, in der Bucht von Bengalen, exakt 572 Inseln. Es gab ziemlich große Inseln, das waren oben im Norden North Andaman, Middle Andaman und South Andaman und unten im Süden, jenseits jenes "Zehnter-Grad-Kanals", der die Andamanen von den Nikobaren trennt, war es Great Nicobar, nur 400 Kilometer vom Epizentrum des Bebens entfernt. Es gab auch einige mittlere Inseln, und dann gab es noch eine Menge Sandhaufen, die gerade so aus dem Wasser guckten. 38 der 572 Inseln waren bewohnt.
Und jetzt sind rund 1000 Menschen tot und 6000 vermisst, und viele Inseln sind versunken und einige geteilt. Niemand hat sie gezählt, und das ist für indische Verhältnisse einigermaßen erstaunlich.
In Indien wird alles abgezählt. Abgezeichnet. Abgeheftet. Noch einmal abgezählt. Und dann ist Teepause.
Auf den Andamanen und Nikobaren wirkt sich die indische Bürokratie so aus, dass nur Soldaten oder private Helfer zu den Opfern durchkommen und Wasser und Sandalen und Reis verteilen. Die ersten Leute vom Flüchtlingshilfswerk UNHCR oder von den Ärzten ohne Grenzen sind zwar hier, aber sie trinken australisches Bier im Bay Island Hotel, weil sie niemanden retten dürfen.
Die Genehmigungen fehlen. Bis zum Mittwoch der ersten Januarwoche mussten die Hilfsorganisationen schriftliche Anträge eingereicht und darin erklärt haben, wie sie zu helfen gedächten. Und logisch, erst als die Anträge vorlagen, konnte entschieden werden. Nach Rücksprache. Dann kam aber leider das Wochenende.
Angeblich sitzen 10 000 Menschen auf Car Nicobar fest. Es fehlen Wasser, Nahrung, Nachrichten. "Und wir stehen rum und warten", sagt einer der internationalen Helfer, "cheers, auf Neu-Delhi!"
Die Inselgruppe teilt mehr als der 10. Breitengrad. Im Norden sind Brücken verschwunden und Straßen zerrissen. Hafenanlagen, Docks, Uferstraßen und das Peerless Resort sind fort, und viele Häuser stehen schief und wackeln bei jedem Nachbeben, am Donnerstag bei Stärke 6,0. Aber hier geht es steil hinauf in die Hügel, es gab keine Wasserwand, sondern nur Überschwemmungen, es gab diese Urgewalt nicht. Es lag auch daran, dass die südlichen Inseln wie ein Schild vor den nördlichen lagen.
Unten im Süden, auf den Nikobaren, hat der Tsunami gewütet, nichts stoppte ihn dort. Die Welle konnte sich aufbauen. 500 Meter breit ist der Todesstreifen, den er hinterlassen hat. Der zieht sich nun von Bucht zu Bucht, überall sieht er gleich aus: zerfetzte Häuser, Fundamente, Schiffe an Land, Autos im Wasser. Und Leichen. Der Dampfer "Katchal", der die im 20-Minuten-Takt kommenden Wellen vor Great Nicobar auf offener See abritt, musste zwischen Toten hindurchmanövrieren.
Oben auf den Andamanen siedelten die Andamaner und die Onges, die ungefähr 1,50 Meter groß werden. Unten auf den Nikobaren leben die meisten Ureinwohner. Die bis vor zwei Wochen 32 000 Nikobarer sind der größte der sechs Stämme.
Vor mindestens 2200 Jahren, vielleicht auch vor über 35 000 Jahren, kamen die ersten Menschen her, und Stämme wie die Sentinelesen verweigern auch nach dem 26. Dezember jeden Kontakt zum nach eigener Einschätzung zivilisierten Teil der Menschheit. 100 Sentinelesen lebten vor dem 26. Dezember hier, es werden nun weniger sein, aber das Letzte, was die Sentinelesen interessiert, dürften Zahlen und Bürokratie sein.
Die Sentinelesen und die anderen Stämme sprechen eigene Sprachen, und sie kennen keine Mengenangaben, nur "eins" und "mehr als eins"; sie sind keine Kannibalen, jedoch: Früher zerschnitten sie ihre Feinde und warfen die Brocken ins Feuer. Sie pflegen auch heute noch Bräuche wie die "Cavaude", die besagt, dass sich ein werdender Vater und eine werdende Mutter einen Monat vor der Geburt in eine Hütte zurückziehen dürfen und nicht mehr arbeiten müssen. Und dann haben sie noch die ganz und gar gestrige Sitte, nach der Witwen sich die stärksten Jünglinge aussuchen dürfen - das schützt natürlich die Witwen, aber es schwächt wohl die Stämme.
Vermutlich würde die Welt in Wochen wie diesen den Menschen nur zu gern helfen. Doch die Welt darf nicht.
Denn alles auf den Inseln liegt in der Hand weniger Männer, und die verraten wenig, sie herrschen durch exklusives Wissen. Aber sie haben keine Ahnung davon, wie effektiv, wie schnell professionelle Hilfsaktionen sein können. Oder sie haben Angst - vor Erfolgen anderer?
Evakuierungen etwa. Ja nun. Samir Kohli, Chef über den Hafen von Port Blair, hatte 74 Schiffe, vor dem 26. Dezember. Jetzt hat er noch 70, andere Schiffe dürfen nicht hinein in die Gewässer der Andamanen und Nikobaren. Nein, 10 000 Wartende gibt es nicht auf Car Nicobar. "Es läuft alles gut, wir haben alles unter Kontrolle", sagt Kohli.
Und in der Sagritaca-Grundschule von Port Blair, nun natürlich ein Flüchtlingslager, steht Clement Kulla, 50, auf grüner Plastikplane unter blauem Zeltdach. "Ich habe gehört, dass es ein bisschen internationale Unterstützung geben soll", sagt Kulla, "aber wir merken es nicht."
Ein paar Meter weiter steht Korakhal Umar, 38. "Unten in Great Nicobar", sagt Umar, "kamen Kisten mit Wasser an, Pakete mit Keksen und Medikamenten, und niemand durfte sie öffnen. Niemand war dazu berechtigt. Ich schwöre es, vier Tage lang wurden die Sachen nicht verteilt, weil niemand gegen die Vorschrift verstoßen wollte." Korakhal Umar ist einer der vielen hier, die bald fortgehen werden, nach Chennai vermutlich, dem ehemaligen Madras, jedenfalls Richtung Festland. "Ich habe Angst vor meiner Heimat bekommen", sagt er.
Namita, 26, die Mutter des neugeborenen Jungen namens Tsunami, will zurück in ihr Dorf auf Car Nicobar, irgendwann, aber dort will sie ihrem Sohn einen zweiten Vornamen geben: Shankar. Und nur so will sie ihn künftig rufen.
Shankar, Gott Shiva, hat drei Augen. Denn Shankar tötet nicht, er passt auf. KLAUS BRINKBÄUMER
Von Klaus Brinkbäumer

DER SPIEGEL 2/2005
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