10.01.2005

„Der letzte Dienst“

Es ist der zurzeit wohl härteste Job der Welt: BKA-Spezialisten und Rechtsmediziner identifizieren in Thailand Opfer der Katastrophe.
Es sind so viele Tote, dass es für die Lebenden, die sich ihrer annehmen wollen, keinen Platz mehr gibt. Und draußen bringen Sattelschlepper immer noch mehr Särge, und Pick-up-Trucks bringen immer noch mehr Leichen.
Vermummt, mit Masken, Schutzanzügen und Gummistiefeln, gehen die Rechtsmediziner und Fahnder aus Deutschland durch das Tor des Ban-Muang-Tempels nördlich von Khao Lak in Thailand. Im Garten des Tempels müssen sie aufpassen, nicht auf die Toten zu treten. Weiße Schwaden steigen von manchen Körpern auf - Trockeneis, das die Leichen kühlen soll.
Auf langen Plastikplanen liegen sie, dunkel verfärbt. Über manche haben Helfer Folien gezogen, andere liegen offen in der Hitze. In Reihen von 70 Metern liegen sie da, Körper an Körper, Einheimische und Ausländer. Durch die Reihen streunen Hunde.
"Ob so der Jüngste Tag aussieht?", murmelt einer der Ermittler.
Es ist, am Sonntag vor einer Woche, für die meisten der erste Blick in die Hölle, in einen jener vier Tempel, in denen thailändische Polizisten Opfer des Tsunamis lagern. Mindestens 2400 sind es in den Tempeln nach thailändischen Angaben. Es können auch doppelt so viele sein.
Ein Einheimischer führt den Einsatzleiter Jürgen Peter, 41, ernster Blick aus hellen Augen, unter eine Akazie hinten links auf dem Tempelgelände. Hier, so bedeutet er dem deutschen Fahnder, sollen die 41 Leute der Identifizierungskommission des Bundeskriminalamts (BKA), unter ihnen fünf externe Rechtsmediziner, ihre Arbeit tun. Peter schaut sich um, rammt den Absatz eines Stiefels in den Boden, zieht Linien in den Staub.
Helfer stellen innerhalb dieses Rechtecks dann jeweils vier Särge zu provisorischen Obduktionstischen zusammen. Rechts daneben der Tisch für die Protokollanten, links der Tisch für Skalpelle, Scheren und Zangen. Sicherheitshalber schaut Rechtsmediziner Oliver Peschel in die Särge, die ihm als Tisch dienen sollen. In einem liegt eine Kinderleiche, die Träger hatten den Sarg für leer gehalten.
Die Rechtsmediziner und Spezialisten des BKA sind Teil eines Teams von Experten aus 20 Nationen, das derzeit unter Führung der thailändischen Polizei die Opfer der Welle identifizieren soll. Wenn es deutliche Hinweise auf Deutsche gibt, gehen sie denen nach. Nirgendwo sind wohl mehr Deutsche verschwunden als in der Region Khao Lak.
Es ist das größte Identifizierungsvorhaben aller Zeiten, und es ist wohl der härteste Job der Welt. Es ist die Hölle. Und das Einzige, was hilft, ist ein genaues Protokoll, nach dem die Gerichtsmediziner jede Leiche untersuchen.
Mit penibler Arbeit, so hoffen die Forensiker, lässt sich vielleicht feststellen, wer die Menschen waren, die vor ihnen liegen. Sie tun es, weil es gemacht werden muss. Und weil es, so glauben sie, die Angehörigen tröstet, wenigstens Gewissheit zu haben. "Das ist der letzte Dienst", sagt Michael Tsokos, 37, zum BKA-Trupp entsandter Rechtsmediziner von der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf.
Tsokos hat schon viel gesehen. Er hat Leichen aus Massengräbern in Bosnien und im Kosovo obduziert, auch Opfer von Serienmördern. Doch so etwas wie hier hat selbst er noch nie erlebt. Wenn er arbeite, habe er einen Schalter, den er umlegen könne, sagt der Familienvater. Anders gehe es nicht, hier auf gar keinen Fall.
Träger wuchten die erste Leiche auf den Obduktionstisch.
"Leiche Nummer eins, Tisch eins", ruft ein Assistent einem Protokollbeamten zu. "Bergungsnummer?"
"K-0190."
Ein BKA-Fotograf steigt auf eine Klappleiter, macht Bilder von oben. Tsokos und ein Assistent legen ein Maßband an. 1,60 Meter war dieser Mensch groß. Konzentriert wandern Tsokos' Blicke über den Körper auf der Suche nach Tattoos oder Operationsnarben. Tsokos nimmt das Seziermesser, seine Bewegungen sind schnell.
Dann entfernen die Obduzenten Ober- und Unterkiefer, nur so können sie den Zustand der Zähne richtig erfassen, und der ist fast so wichtig wie die DNA. Das Geschlecht dieser Leiche kann Tsokos erst durch die Untersuchung bestimmen. "K-0190" war eine Frau. Jede Spur zählt, also ziehen sich die Fachleute Fingerhaut der
Toten über die Latexhandschuhe und drücken sie auf das Stempelkissen.
Am Nebentisch beginnt Gerichtsmediziner Peschel, 40, der sonst an der Ludwig-Maximilians-Universität in München arbeitet, mit der zweiten Leiche. Insgesamt können hier von allen Teams vielleicht 100 Tote pro Tag obduziert werden.
"Haarlänge?"
"Mittel."
"Haardichte?"
"Dicht."
"Bart?"
"Kein Bart."
"Rasse?"
"Nicht beurteilbar", antwortet Peschel, wie so oft.
Ein Kollege trägt ein Klemmbord an einem Bindfaden vor der Brust und notiert jedes Detail auf rosafarbenen Interpol-Formularen. "Der Ablauf muss optimal sein, dann sind wir superschnell", sagt Peschel. Und das wollen sie sein, denn jeden Tag sind die Opfer schwieriger zu identifizieren. Peter geht davon aus, dass die Arbeit der Kommission noch Monate dauern dürfte.
Der Vergleich von Gebiss und Zahndaten kann endgültig Klarheit bringen. Claus Grundmann, forensischer Zahnarzt, säubert mit einer Nagelbürste Gebiss um Gebiss. "Karies 3.7, Karies 3.8, Wurzelriss bei 4.8", diktiert er. Es ist schon spätnachmittags, den Fachleuten läuft der Schweiß herunter. An den Geruch, der anderen Menschen die Kehle zuschnürt, haben sie sich gewöhnt. Am Abend werden sie die Ergebnisse in Datenbanken eingeben.
Unterdessen nehmen Polizisten in Deutschland Kontakt auf zu den Angehörigen von Menschen, die in Thailand verschwunden sind. Die Beamten fragen nach dem behandelnden Zahnarzt, sie tun das so behutsam, wie es geht. Es geht nur nicht sehr behutsam. Sie können um Haare aus Bürsten oder Rasierapparaten bitten. Was die Opfer am Tag ihres Verschwindens trugen, fragen sie, eine Halskette kann ein Hinweis sein, ein Ehering wäre ein sicheres Indiz. Große Hoffnungen, die Opfer anhand des Schmucks zu erkennen, machen sich die Ermittler allerdings nicht. Fast alle Leichen sind beraubt worden.
Immerhin aber bessern sich die Arbeitsbedingungen in den nächsten Tagen für die Spezialisten etwas. Kühlcontainer kommen, dann gibt es ein Dekontaminierungssystem. Vieles verbessert sich, aber auch die Fehler im Chaos der ersten Tage werden deutlicher. "Unsere Probleme hier sind endlos", klagt ein Kollege des internationalen Teams. Er spricht davon, dass thailändische Polizisten zwar am Anfang, als das noch halbwegs möglich war, zwischen Einheimischen und Touristen unterschieden hätten. Ausländer bekamen ein gelbes Band. Diese Unterscheidung sei aber nicht zuverlässig gewesen. Also müssten nun 300 Leichen beispielsweise aus einem Massengrab exhumiert werden.
Das Schicksal vieler Vermisster wird sich vermutlich nie klären lassen.
Vorn an der Tür des Tempels steht jetzt Martin Bauer aus Süddeutschland. Er sucht seinen Freund Günther, der in Khao Lak mit seiner Freundin Urlaub machte. Bauer flog los, als er von der Katastrophe hörte. Er hat gehofft, Günther lebend zu finden. Aber "als ich das Hotel gesehen habe, habe ich gedacht, es ist schon ein Wunder, dass seine Freundin überlebt hat. Und zwei Wunder sind unwahrscheinlich".
Zwei Tage lang hat er sich in Suchstellen der thailändischen Behörden per Computer durch Bildserien von Toten geklickt. Irgendwann, so glaubt er, hat er das rote T-Shirt und die Sportuhr seines Freundes erkannt. Der Tote soll irgendwo hier in diesem Tempel liegen.
Claus Grundmann redet mit Bauer, schaut sich die Leichen an und verspricht zu helfen, obwohl er weiß: Es ist dieser Kontakt zu Angehörigen, der den Forensikern mehr als alles andere an die Nieren geht. Wenn die Körper vor ihnen einen Namen bekommen, eine Lebensgeschichte, wird es unerträglich. "Ich will den Leuten helfen, aber ich darf das nicht an mich ranlassen", sagt ein Ermittler, "sonst kann ich morgen nicht mehr arbeiten."
Teamchef Jürgen Peter sitzt auf einem Sarg, raucht eine Marlboro nach der anderen und telefoniert abwechselnd mit zwei Handys. Er weiß, dass das Ausmaß der Katastrophe selbst die Profis an den Rand der Belastbarkeit bringt. Michael Tsokos sieht nachts "Spiderman"-Filme, "um runterzukommen". Andere gehen nach einem 18-Stunden-Tag noch an die Bar.
Viele junge Leute sind in Peters Team. Etwa ein Mann, der seine braune Mähne unter einem Piratentuch versteckt und auch perfekt in jede Surfschule passen würde. Warum er den Job macht? Er sagt etwas von "Helfersyndrom" und dass diese Arbeit gemacht werden müsse. Und dass er ein anderes Verständnis davon gewonnen habe, was eigentlich ein Problem sei und was nicht.
Tsokos und Peschel ruhen sich neben Stellwänden an der Tempelmauer aus. Vermisstenfotos hängen dort. "Schrecklich ist, dass die Kinder auf den Fotos so fröhlich sind", sagt Tsokos. Unter das Foto einer lachenden blonden Frau aus Deutschland hat jemand geschrieben: "Ich liebe diese Frau, bitte helfen Sie." Peschel sagt: "Und dann ist das in zehn Minuten ausgelöscht."
Abends setzen sich die beiden an einen Tisch im Restaurant des nicht zerstörten Marriott-Hotels von Phuket, in dem sie einquartiert wurden. Da rümpft eine Touristin aus München am Tisch neben ihnen, türkisfarbener Body und Brillantenkette, die Nase. "Auf einmal riecht es hier so merkwürdig", klagt sie gut hörbar.
Tsokos erzählt, dass sich schon Hotelgäste beschwert hätten. Der Leichengeruch haftet in jeder Pore, an jeder Faser. Die Frau sagt, dass sie so etwas störe in ihrem Urlaub.
Jetzt sieht Michael Tsokos zum ersten Mal so aus, als würde er gleich die Fassung verlieren.
CORDULA MEYER
Von Cordula Meyer

DER SPIEGEL 2/2005
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