10.01.2005

UMWELTSpargel am Horizont

Auf der Insel Sylt hat sich eine einzigartige Bürgerinitiative gegen Offshore-Windmühlen gegründet: Sie kämpft für den freien Blick auf das Meer.
Im reetgedeckten Gemeindezentrum auf der Nordseeinsel Sylt packt Bürgermeister Harro Johannsen einen dicken Ordner auf den Tisch. Aus seinem Arbeitszimmer im sogenannten Kaamp-Hüs blickt der Vorsitzende der Wählervereinigung über die einzigartige Dünenlandschaft rund um den noblen Ferienort Kampen. Dahinter liegt die Nordsee, dann der Horizont - und um den geht es in den Schriftsätzen der Akte.
Zusammengestellt hat den Ordner der neugegründete Verein "Gegenwind - Für eine industriefreie Nordsee". In der Satzung heißt es, Vereinszweck sei die "Bewahrung des freien Horizonts". Und politischer Unterstützung können sich die Mitglieder auf Sylt sicher sein: Johannsen hatte den großen Saal im Kaamp-Hüs für die Gründungssitzung Anfang Dezember freigegeben, 400 Windkraftgegner mit Erst-
oder Zweitwohnsitz auf dem Eiland erschienen. Von diversen Prominenten, die im Sommer etwa am legendären Nacktbadestrand Buhne 16 bei Kampen aufs Meer schauen wollen, kamen zudem schriftliche Beitrittserklärungen. "Wir Sylter erheben uns", sagt Johannsen.
Denn Ungemach braut sich gut 34 Kilometer westwärts auf der Nordsee zusammen. Das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie hat dort den Offshore-Windpark "Butendiek" - Plattdeutsch für "vor dem Deich" - mit 80 Rotoren des Typs Vestas V90 genehmigt. Und die Bürgerinitiative meint, die Spargel am Horizont würden den Ausblick aufs Meer verschandeln.
Noch im Frühjahr will die Investorengruppe "Offshore-Bürger-Windpark Butendiek" freilich mit dem Bau des 420 Millionen Euro teuren Projekts beginnen. Insgesamt 41 Offshore-Parks mit 700 Windrädern sollen in den nächsten Jahren vor deutschen Küsten errichtet werden (siehe Karte). "Wir sind hier der Pilotfall für eine naturzerstörende Planung", sagt Johannsen.
Die windreichen Standorte auf hoher See sind für die Investoren besonders attraktiv. Zwar greift das Seewasser die empfindliche Technik an, ist die Wartung teurer. Auch bringen die längeren Stromkabel für die Einspeisung ins Netz größere Verluste, und die Baukosten sind weitaus höher als an Land. Trotzdem hält der grüne Bundesumweltminister Jürgen Trittin die Offshore-Standorte für "äußerst chancenreich".
Eine unveröffentlichte Studie, erstellt unter Leitung des Energiewirtschaftlichen Instituts der Universität Köln, die Mitte dieses Monats vorgelegt werden soll, bestätigt: Der Neubau von Windrädern an Land werde bis 2012 "zum Erliegen" kommen, deshalb werde es die Unternehmer verstärkt auf die hohe See ziehen. Bis 2010 sollen dort Windanlagen mit einer Gesamtleistung von 3000 Megawatt errichtet werden.
Allerdings seien, sagen die Kölner Windexperten, noch "technische und wirtschaftliche Fragen" zu klären. Insbesondere bei der Einspeisung des Offshore-Stroms in den renovierungsbedürftigen Kraftwerkspark, erklärt Studienleiter Axel Ockenfels, gebe es "kritische Anmerkungen": Das Stromnetz, überwiegend auf die
Leistungsprofile von Kohlekraftwerken oder Nuklearmeilern ausgelegt, bedürfe einer umfangreichen Anpassung an die Windenergie.
Auch die Hoffnung, dass die weitab gelegenen Mühlen weniger Konflikte um Lärmbelästigung, Vogelschutz oder Landschaftsverspargelung verursachen würden, könnte trügen. So bekommen die Sylter Horizontschützer Unterstützung vom Naturschutzbund Deutschland (Nabu). "Bei der Auswahl dieses Offshore-Parks hat man einen Hot Spot des Naturschutzes ausgesucht", so Nabu-Präsident Olaf Tschimpke.
Denn mit dem Seegebiet Butendiek ist auch ein bei der Europäischen Union angemeldetes "Natura 2000"-Gebiet betroffen: Hier finden sich Schweinswale, Kegelrobben und Seehunde, die, so unken manche Naturschützer, durch Baulärm und Geräusche der Windmühlen vertrieben werden könnten. Zudem überwintert in dem Seegebiet schützenswertes Gefieder wie der Sterntaucher, der Prachttaucher, die Flussseeschwalbe.
Den "massiven Verstoß" gegen die Vogelschutzrichtlinie der EU wollte der Nabu juristisch stoppen. Das Hamburger Verwaltungsgericht wies die Klage im Jahr 2003 mangels Klagerecht jedoch ab, denn Butendiek liegt außerhalb der Zwölf-Meilen-Zone in der sogenannten Ausschließlichen Wirtschaftszone.
"Das sehen wir anders", sagt Nabu-Experte Jörg-Andreas Krüger: Nach ei- nem Spruch des Londoner High Court of Justice hätten Öko-Verbände beim Vogelschutz und bei der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie der EU Klagerechte auch auf hoher See. Eine entsprechende Beschwerde der Nabu-Leute ging jetzt an die EU nach Brüssel, sie könnte irgendwann den Europäischen Gerichtshof beschäftigen.
Bis dahin, so fürchten die Sylter - wohl zu Recht -, werden sich die Räder am Horizont aber schon drehen. Nach einer von der Bürgerinitiative in Auftrag gegebenen Ingenieursstudie werden die in 125 Meter Höhe rotierenden Spitzen der Flügel auch vom Sylter Strand aus zu sehen sein. Steht man auf der mit 52 Meter höchsten Erhebung der Insel, der Uwe-Düne, wird fast das ganze Windrad erkennbar.
"Das ist ein Schmarrn", sagt dagegen Christian Dahlke, Justitiar des Bundesamts für Seeschifffahrt und Hydrographie. Zwar könne "die Erdkrümmung kaum verändert werden", aber das sei reine Theorie: Aufgrund der Wetterbedingungen seien die Windräder höchstens an 10 bis 20 Tagen pro Jahr erkennbar. Zudem würden die Dreiflügler mit einer speziellen Farbe "Lichtgrau" gestrichen.
Auch sei Butendiek, so Dahlke, ein besonders geeigneter Standort, da das Gebiet abseits der Hauptschifffahrtslinien liege und kaum Kollisionen zu befürchten seien. Doch eine solche Katastrophe fürchten die Sylter. "Wenn da draußen ein Supertanker hängen bleibt, können wir den Tourismus hier vergessen", so Bürgermeister Johannsen.
Im Kampf gegen die Windinvestoren haben die Sylter einen Etappensieg erreicht. Für die geplante Trasse des Stromkabels quer über die Urlaubsinsel hätten die Investoren die Genehmigung des Grundstückseigners gebraucht. Das ist der inseleigene Flughafenzweckverband - und der hat jetzt abgelehnt. Auch will die Deutsche Bahn aus Sicherheitsgründen das dicke Kabel nicht den Hindenburg-Damm entlang zum Festland führen.
"Die müssen jetzt durch den Nationalpark Wattenmeer", freut sich "Gegenwind"-Vorsitzender Hans-Joachim Zielinski - und gegen eine Kabelführung dort können die Naturschützer klagen.
Der Westerland-Einwanderer, CDU-Mann und Arzt Zielinski zieht häufig mit seiner Angel an den Sylter Strand, um Schollen oder Makrelen nach Hause zu bringen. "Wir haben nichts gegen erneuerbare Energien", sagt Zielinski, "aber den Horizont haben wir nur einmal."
SEBASTIAN KNAUER
* Beim dänischen Esbjerg.
Von Sebastian Knauer

DER SPIEGEL 2/2005
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