10.01.2005

JUGENDDer Tod der Königin

Im Herbst 2000 begleitete der SPIEGEL die Ausreißerinnen Anja, damals 15, und Jane, 17. Sie waren nach Berlin geflüchtet, in die Hauptstadt der Straßenkinder. Beide wurden heroinabhängig. Jane entkam dem Milieu, Anja starb an einer Überdosis. War sie nicht zu retten? Von Carsten Holm
Berlin, Alexanderplatz. Vor dem Kaufhof lungern Penner herum, die nach Schnaps stinken. Ein paar Meter neben ihnen kauern Straßenkinder im Punker-Look. Ihre Gesichter sind von Alkohol und Drogen gezeichnet, niemand ist älter als 17 Jahre. Mit heiseren Stimmen schreien sich Penner und Punker an, im Suff ist ihnen Unterhaltung anders nicht möglich. Hunde bellen, es riecht nach Schweiß und Urin. Angewidert schlagen Passanten einen Bogen um die Schar der Gescheiterten.
Hier ist ganz unten. Tiefer geht es nicht in Deutschland.
Punkerin Doro, 17, schmiegt sich an ihren Hund Fufo, zärtlich gleiten ihre Finger mit den schwarzlackierten Nägeln durch das Fell. Mühsam hält sie die Augen offen. "''Braun'' habe ich überlebt", sagt Doro. "Braun" ist Heroin. Ihr Elend betäubt sie nur noch mit Bier und Lambrusco, aber vom Fixen blieb ihr eine akute Hepatitis C. In zwei Jahren werde ihre Leber streiken, dann müsse sie sterben, hat ein Arzt prognostiziert. "Das ist dann auch egal. Zwei Jahre noch. Und dann bin ich dort, wo Anja ist", sagt Doro.
Die Geschichte der Anja Schatz ist unvergessen in der Szene der Berliner Straßenkinder. Sie fiel auf in den Pulks der Ungewaschenen, die Körperpflege "un-
cool" finden. Geduscht, frisiert und stets mit sauberen Jeans und T-Shirts machte sie Rast, wenn sie sich am Alexanderplatz, an der Gedächtniskirche, im Mauerpark auf dem Prenzlauer Berg oder am Kottbusser Tor erholen wollte vom Schnorren, vom Babystrich und von all den anderen Anstrengungen des Lebens auf der Straße.
Mädchen wie Doro sprechen respektvoll von Anja. "Sie hat nie jemanden beklaut, bei dem sie pennte", sagt sie. Männer wie Andy, 28, der "mal kurz was mit ihr hatte", schwärmen von ihrer "irren Ausstrahlung" - von ihrem Lächeln, ihrem Charme, ihrem Witz.
Anja war heroinabhängig. Für die Junkies war sie eine Lichtgestalt. Denn auch sie hatte "Braun" überlebt, fünf Jahre lang.
"Man sah, dass es geht", sagt Doro.
Das Leben der Anja Schatz endete mit einem Nadelstich. Besucher einer Discothek fanden sie in der Nacht zum 31. Oktober 2003, einem Freitag, kurz nach Mitternacht in einem sogenannten City-Klo an der Dircksenstraße in Berlin-Mitte. Sie lag regungslos am Boden. Als die Polizei
um 0.15 Uhr eintraf, war sie tot. Sie hatte sich den goldenen Schuss gesetzt, eine Überdosis aus einem Mix harter Drogen.
Anja Schatz wurde 18 Jahre alt.
Es hat ein Jahr gedauert, bis Birgit Schatz, 51, mit einem Fremden sprechen konnte über den langen Weg ihrer Tochter in den Tod. Jetzt sitzt sie in ihrer Wohnung in einer badischen Stadt. "Es war furchtbar, sie nicht aufhalten zu können", sagt die Mutter. Sie presst ihre Hände gegeneinander, regungslos, leer, wie steinern wirkt ihr Gesicht. Sie hat keine Tränen mehr.
"Man kann so etwas nicht aushalten. Man versucht, irgendwie weiterzuleben", sagt Birgit Schatz.
Anja war am 29. April 1998, einem Mittwoch, ausgerissen. Sie war das jüngste von vier Kindern, die drei älteren Geschwister waren aus dem Haus. Die Familie stammte aus Halle an der Saale, nach mehreren Ortswechseln lebte Anja damals mit ihrer Mutter in Michelstadt im Odenwald. "Mama, morgen muss ich gehen", hatte sie tags zuvor angekündigt, als sie aus der Realschule nach Hause kam. Ernst genommen hat Birgit Schatz diese Worte nicht: "Wir haben uns immer gut verstanden. Streit gab es nur darum, wann Anja am Abend zu Hause sein sollte."
Als Anja verschwunden war, erstattete ihre Mutter Vermisstenanzeige. Bald spürten Polizisten die Tochter in Berlin auf, sie
wurde zu ihrer Mutter zurückgebracht. So ging es mehr als 30-mal. Dann riet ihr das Jugendamt, hinzunehmen, dass Anja in Berlin leben wolle. Auch mit Hilfe der Polizei werde sie es nicht verhindern können.
Anja wurde ein Straßenkind, eines von Hunderten, die aus Elternhäusern oder Kinderheimen nach Berlin flüchten - in die Hauptstadt der Straßenkinder.
Da war sie 13 Jahre alt.
Schnell lernte sie die legalen und die illegalen Überlebenstechniken der Kids: Schnorren in der U-Bahn, Klauen in Kaufhäusern. Und sie genoss es am Abend, dabei zu sein, wenn die Punks sich mit ihren Hunden und mit Dosenbier vor die Gedächtniskirche setzten wie auf eine Bühne. Zärtlich küssten sie ihre Ratten, andächtig schauten sie den Breakdancern zu.
"Eine geile Stadt, du triffst immer geile Leute. Und dann im Sommer acht Wochen Urlaub am Wannsee mit 15 Punks und 20 Hunden, einfach geil", sagte Anja im Herbst 2000. Da begleitete der SPIEGEL eine Zeit lang einige Ausreißer in Berlin. Zweieinhalb Jahre war sie da schon auf der Straße, zweieinhalb Jahre hatte sie mit ihrem Freund Stöpsel, 16, einem Punk aus dem brandenburgischen Spremberg, "die totale Party, 365 Tage im Jahr", erlebt.
Anja war clean, ein paar Monate schon schien sie ihre Heroinsucht überwunden zu haben. Sie wolle nach jahrelanger Schulschwänzerei den Realschulabschluss machen, kündigte sie an. "Und mit Stöpsel will ich alt werden."
Da war sie gerade 15 Jahre.
"Ich habe mir den Kopf darüber zermartert, wovor Anja geflüchtet ist", sagt Birgit Schatz heute. Drei Kinder hatte sie schon großgezogen, "oft zu streng". Mit Anja wollte sie großzügiger sein. "Aber dass ich eine 13-Jährige nach acht Uhr abends nicht aus dem Haus lasse, ist doch nicht zu streng, oder?", fragt die Mutter.
Sie weiß nicht mehr, was richtig und was falsch war in ihrer Erziehung.
Zu DDR-Zeiten, in Halle an der Saale, hatte die sechsköpfige Familie Schatz ihr Auskommen. Die Frau arbeitete als Verkäuferin, ihr Mann war Kraftfahrer. 1989 wurde zum Schicksalsjahr der Familie. Anjas Vater starb binnen drei Monaten an Magenkrebs. Wenig später ging es mit dem Großvater zu Ende.
"Anja war fünf, als ihr Vater starb. Sie liebte ihn über alles. Sie hat seinen Tod nie verkraftet", sagt Birgit Schatz.
Vielleicht wäre das Leben der Familie weiter in geordneten Bahnen verlaufen, wenn nicht im selben Jahr die DDR zusammengebrochen wäre. Denn von den Segnungen des Kapitalismus hat Anjas Mutter nicht profitiert. Sie wurde arbeitslos und hatte Mühe, ihre Kinder durchzubringen. Nach Jahren vergeblicher Arbeitssuche im Osten siedelte sie 1993 mit ihren beiden jüngsten Kindern in den Westen über. Sie bekam eine Stelle als Verkäuferin in Frankfurt am Main. Mehrfach wechselte sie die Arbeitsstelle, mehrfach
zog sie um. Inzwischen ist sie Managerin eines Fast-Food-Restaurants.
"Anja ist nirgendwo heimisch geworden. Aber was hätte ich anders machen sollen? Ich habe die Arbeit genommen, die ich bekam", sagt Birgit Schatz.
Ihr Leben schien leichter zu werden, als sie sich 1995 in einen hessischen Arbeiter verliebte und Anja, die nun allein bei ihr wohnte, sich scheinbar gut mit ihm verstand. Nach der Heirat zogen die drei nach Michelstadt im Odenwald. Die Ehe zerbrach, als Birgit Schatz 2000 ohne ihren Mann nach Berlin zog. "Ich musste da leben, wo Anja lebte. Ich habe so gehofft, dass sie ihr Leben auf der Straße aufgibt, zu mir zieht und wieder zur Schule geht", sagt sie.
Anja war sieben Monate auf der Straße, als sie im Dezember 1998 im Fernsehen, bei "Vera am Mittag", die Vorzüge ihrer Obdachlosigkeit pries. "Man hat mehr Freiheit, wenn man auf der Straße ist", schwadronierte die pausbäckige 13-Jährige mit heller, kindlicher Stimme. Wenn "kein Aufpasser" da sei, könne sie sich "frei entscheiden".
Birgit Schatz hatte sich von den Fernsehleuten überreden lassen, ebenfalls in der Sendung aufzutreten. Sie ertrug, was Teilnehmer solcher Runden ertragen müssen: oberlehrerhafte Erziehungstipps, platte Anklagen wegen ihres angeblichen Versagens.
Vor ein paar Tagen erst fand die Mutter Hinweise auf ein weiteres Motiv für Anjas Flucht. Als sie Kartons öffnete, in denen Berliner Sozialarbeiter die letzte Habe ihrer Tochter aufbewahrt hatten, stieß sie auf ein Foto von ihrer Hochzeit mit dem Arbeiter aus Hessen. Es zeigt ein glückliches Brautpaar. Birgit Schatz strahlt in weißem Schleier, vor dem Paar steht eine riesige Hochzeitstorte.
Im Gesicht ihres Bräutigams aber klafft ein kreisrundes Loch. Anja hat es mit einer glühenden Zigarette herausgebrannt. Sie muss den Mann, den ihre Mutter liebte, gehasst haben. "Ich habe das nicht geahnt. Sie hat immer so getan, als ob sie gut mit ihm klarkäme", sagt Birgit Schatz.
Auf ihrer Flucht nach Berlin war Anja am Bahnhof Zoo ausgestiegen, der Endstation der Ausreißer. Drei Gruppen von Menschen kreisen dort wie Greifvögel auf der Suche nach Beute: schwule Päderasten und heterosexuelle Freier, für die 18-Jährige schon zum alten Eisen gehören, sowie Dealer, die nach neuen Kunden gieren. Die Verhältnisse sind geregelt. Die Dealer sorgen dafür, dass die Kinder von Heroin abhängig werden, die Freier freuen sich darüber, weil die Opfer ihr Geld brauchen.
Es dauerte nur ein paar Tage, bis Anja im Frühling 1998 in Berlin ins Taumeln geriet. Während ihre Michelstädter Schulfreunde in jenem Jahr "Harry Potter und der Stein der Weisen" lasen, erste scheue Schminkversuche wagten und am Wochenende brav Ausflüge mit ihren Eltern machten, streunte Anja mit Punks durch Berlin. Sie war obdachlos, sie übernachtete mal hier und mal dort. Ihre Drogenkarriere verlief musterhaft: erst Haschisch, dann Heroin und Kokain.
"Es ist cool, was der Körper so aushält", sagte Anja im Herbst 2000 zum SPIEGEL, nach zweieinhalb Jahren Heroin.
Im Nachlass ihrer Tochter hat Birgit Schatz Aufzeichnungen über Anjas Einstieg in die Welt des Heroins gefunden. Es habe sie, schrieb sie, "einfach gereizt zu spritzen. Dieses Gefühl, Heroin im Blut zu haben, war entspannend, ruhig, aber trotzdem auf eine Art aggressiv. Seit meinem ersten Druck war für mich nur noch das Heroin im Vordergrund".
"Es ging ziemlich schnell bei Anja. Sie war bald drauf auf den harten Sachen",
sagt Jane, die an jenem April-Tag, als Anja nach Berlin kam, mit etlichen Punks am Zoo stand. "Sie mischte sich unter uns, und wir mochten sie", sagt Jane, damals 15. Später, als sie sich eingelebt hatte, habe Anja sich mitunter "aufgeführt wie die Königin der Straßenkinder. Aber irgendwie war sie es auch".
Gemeinsam zogen die Mädchen durch die Parks, Anja mit ihren Mischlingen Joint und Oi, Jane mit Babi und Fuchur. Die Freundinnen besuchten "Konzis", Konzerte von Punkgruppen wie "Daily Terror", sie schnorrten auf Straßen und in U-Bahnen. "Du kannst den reinsten Luxus haben, du darfst nur kein Problem damit haben, dass du ein Schmarotzer bist. Ich bin schon im Schleim ersoffen beim Schnorren, aber in drei Stunden hab ich 70 Mark zusammen", berichtete Anja damals über ihr Leben.
Jane war aus einem Dorf in Brandenburg nach Berlin geflohen, ein paar Monate vor Anja. Oft schlief sie allein im Tiergarten, und wenn sie sich einsam fühlte und fror in der Nacht, presste sie sich an das Fell ihrer Hunde, um sich zu wärmen.
Anja und Jane liebten ihren Dealer, einen Libanesen, weil er das Glück eines Augenblicks in kleinen Kugeln in seiner Tasche trug. Und sie hassten ihn, weil sie wussten, dass sie in einem dieser Augenblicke sterben könnten.
Die Mädchen hatten manches gemeinsam. Sie störten sich an dem Dreck der Szene, an den schmutzigen Zimmern, in denen sie übernachteten, am Schweißgeruch der Punks. Es ekelte sie, dass viele ihre "Schleppe", eine ansteckende Hauterkrankung, die durch mangelnde Hygiene entsteht, lieber am Arztmobil der Caritas behandeln ließen, anstatt sich zu waschen.
Immer mal wieder hielten Jane und Anja Tage, sogar Wochen ohne "Braun" aus. "Stolperclean" nennen Streetworker diese Phasen von Drogenabhängigen, stolperclean waren beide Mädchen, als die Berliner Sozialarbeiterin Bärbel Beck, 42, sie im Herbst 1998 auflas.
"Sie hatten beide eine gute Chance zu überleben", sagt Beck.
Die Mädchen fassten Vertrauen zu der burschikosen Streetworkerin mit keckem Nasenpiercing, die für die Treberhilfe arbeitet. Die Hilfsorganisation zählt zu den sogenannten niedrigschwelligen Hilfsprojekten, sie nimmt das Leben auf der Straße, wie es ist - und die Drogensucht der Kinder erst einmal hin.
Für Anja und Jane stellte Beck, wie üblich, bei den Jugendämtern der Kommunen, aus denen die Mädchen stammten,
einen Antrag auf Übernahme der Betreuungskosten. Das hessische Amt etwa, das für Anja zuständig war, erhielt einen sogenannten Hilfeplan. Beck beschrieb darin, was sie mit der Ausreißerin vorhatte. "Sesshaft werden" war das erste Ziel ihrer Betreuung. Die Treberhilfe mietete Wohnungen für Anja und Jane. Dann sollten sie einen Entzug, danach eine Therapie machen.
Der Staat gab viel Geld aus, um das Leben der Mädchen zu retten. Knapp 6000 Mark zahlte das zuständige Amt allein für die 80 Stunden pro Monat, die sich Beck im Auftrag der Treberhilfe um Anja kümmerte, dazu rund 700 Mark Wohnungsmiete. Anja und Jane wurden wöchentlich knapp 150 Mark Hilfe zum Lebensunterhalt und eine Kleiderpauschale von monatlich rund 70 Mark ausbezahlt. "Die Kunst ist zu verhindern, dass die Kinder die Hilfen nur kassieren, um ihre Drogen zu bezahlen", erklärt Beck.
Jane gelang der Ausstieg. "Sie war so stabil geworden, dass sie es aus eigener Kraft geschafft und durchgehalten hat", sagt ihre frühere Betreuerin.
Mit pink- und rotgefärbten Haaren, mit ein paar Piercings an der Nase und am Kinn sitzt Jane heute fröhlich in einem Kreuzberger Straßencafé. Sie hat Friseurin gelernt, wegen einer Allergie muss sie sich jetzt aber einen anderen Beruf suchen.
Jane glaubt, das Geheimnis der wenigen zu kennen, die den Ausstieg schaffen. "Wer Freunde hat, die harte Drogen nehmen, hat keine Chance. Wenn ich einen Mann kennen lerne, der noch in die Drogenszene verstrickt ist, mache ich sofort dicht", sagt sie.
Anja hat so einen Bruch mit der Szene nie vollziehen können. Jahrelang war sie mit Stöpsel zusammen, der ebenfalls 13 Jahre alt war, als er nach Berlin türmte. Auch er nahm Heroin.
Anja bäumte sich auf gegen ihre Sucht, das schon. Sie träumte davon, Lehrerin zu werden. Als sie im Jahr 2000 eine Weile clean war, versuchte sie beim Berliner Schulprojekt "Nachschlag" zunächst den Hauptschulabschluss. Nach ein paar Tagen gab sie auf.
Anfangs hatte Bärbel Beck geglaubt, dass Anja eine größere Chance als Jane haben würde, heil herauszukommen aus dem Leben mit den Drogen, weil sie eine enge Beziehung zu ihrer Mutter pflegte. Oft schrieb das Mädchen nach Michelstadt.
"Ich würde gern zurückkommen, aber ich kann es nicht mehr. Ich sitze hier in einer Ecke in Berlin und weine und möchte gerne bei Dir sein. Aber ich kann nicht. Und ich weiß genau, dass Du jetzt auch weinst", heißt es in einem seiner Briefe.
Fünfmal versuchte Anja einen Entzug, jedes Mal scheiterte sie. Mehrfach war sie in einer brandenburgischen Drogenklinik untergebracht, aber nicht einmal Schneestürme und Temperaturen von minus zehn Grad hielten sie davon ab zu flüchten. Reumütig stand sie dann vor ihrer Betreuerin: "Nicht schimpfen, Bärbel."
Beck hat sich oft gefragt, warum Jane dem Milieu entkam und Anja nicht. "Vielleicht hat Jane es gepackt, weil sie 15 war, als sie auf die Straße ging, zwei Jahre älter als Anja. Da sind die Kids gefestigter. Jane hatte aber auch einen stärkeren Willen", sagt die Streetworkerin.
Hätte Anja eine größere Strenge besser getan? Hätte Bärbel Beck ihr etwa mit dem Rauswurf aus ihrer Wohnung drohen sollen, als sie dort bei einem überraschenden Hausbesuch verkohltes Stanniolpapier entdeckte - ein untrügliches Indiz für das Aufkochen von Heroin? "Vielleicht war ich zu weich, vielleicht wäre Härte für Anja die bessere Methode gewesen", sagt Beck. "Ich weiß es nicht.
Aber wer diese Arbeit macht, gerät oft an seine Grenzen."
Es war Anjas 16. Geburtstag, als Birgit Schatz ihre Tochter besuchte und sie in einer der fürchterlichsten Stunden erlebte. Die Mutter hatte Lebensmittel und Süßigkeiten im Gepäck, verweint öffnete Stöpsel die Wohnungstür. "Anja lag auf der Couch, vollkommen high und hilflos wie ein schwerbehindertes Kind. Sie hat mich nicht erkannt", erinnert sich die Mutter.
"Man kann nur warten", sagte Stöpsel.
Anja hatte genässt, Speichel lief aus ihrem Mund. Die Wohnung stank nach Müll, nach Urin, nach Erbrochenem. Birgit Schatz nahm ihre Tochter in die Arme und versuchte, sie zu waschen. Eine Woche später rief Anja an und bat um Verzeihung. "Es tut mir leid, dass ich dich schon wieder enttäuscht habe", hatte sie ihr zuvor geschrieben. "Ich war gerührt", sagt Birgit Schatz.
Sie wusste, dass ihre Tochter auf dem sogenannten Babystrich an der Kurfürstenstraße anschaffen ging, um ihre Drogen bezahlen zu können. "Es ist das Schrecklichste für eine Mutter, sich das vorstellen zu müssen", sagt Birgit Schatz. "Die sind alle pervers da", erzählte Anja ihr. "Aber soll ich verhungern, Mama?", fragte sie.
Im Frühjahr 2002 hatte die Punkerin noch eineinhalb Jahre zu leben - aber da war sie wohl schon verloren. "Nach jedem Entzug stürzte sie schneller ab", sagt Bärbel Beck. Es klang düster, aber es war realistisch, als die Treberhilfe dem zuständigen Jugendamt am 25. April 2002 schrieb, "Zweck der Betreuung" sei nur noch, "Anja eine Überlebenshilfe zu geben".
Sie schaffte es nicht, eine Behandlung mit Methadon durchzuhalten. Nur zweimal holte sie sich die Ersatzdroge von einem Arzt ab. Nun lief den Streetworkern die Zeit davon: Anjas 18. Geburtstag stand bevor, der 12. Dezember 2002 sollte ein Schicksalstag für das Mädchen werden. Wenn drogenabhängige Jugendliche zu Erwachsenen werden und Hilfsangebote boykottieren, entzieht der Staat ihnen die Betreuung und bezahlt auch ihre Miete nicht mehr. Kurz bevor Anja volljährig wurde, versuchte die Treberhilfe deswegen noch eine Zwangseinweisung zum Entzug. Es klappte nicht, weil Anja ihre Hündin nicht mitbringen durfte und ein Leben ohne das Tier ihr nicht lebenswert erschien. "Das kann man nicht begreifen, wenn man nicht weiß, dass die Kids ihre Hunde für die besseren Menschen halten", sagt Beck.
Nun wurde der Drogenfall Schatz, den Vorschriften entsprechend, abgewickelt. "Anja war nicht bereit, sich mit ihrer
Suchterkrankung auseinander zu setzen. Sämtliche Unterstützungsangebote lehnte sie ab. Sie ist ihrer Mitwirkungspflicht bezüglich der Hilfeplanerzielung nicht nachgekommen", schrieb die Treberhilfe an das Jugendamt. Und: "An dieser Stelle möchten wir ausdrücklich betonen, dass wir zu der Einschätzung gekommen waren, dass Anja ihr Leben in hohem Maß selbst gefährdet. Anja wurde am 11. Dezember in die Obdachlosigkeit entlassen."
Ihre Wohnung wurde gekündigt. Sie suchte sich wieder, wie in ihren Anfangstagen in Berlin, irgendwo eine Bleibe, fast immer in der Drogenszene.
Dass die Kündigung einem Todesurteil gleichkam, hält auch Bärbel Beck für möglich. "So furchtbar das war: Wir hatten keine Wahl", sagt sie. Verweigere ein drogenabhängiger Jugendlicher, der volljährig wird, alle Hilfe, verlangten die Vorschriften, seine Wohnung zu kündigen und ihn aus der Betreuung zu entlassen. Das klingt nicht herzlos, es klingt nicht einmal verzweifelt - es spricht die Erfahrung von acht Jahren Drogenarbeit aus ihr, in denen sie den Tod von elf jungen Menschen miterlebt hat. "Wir haben alles getan, um Anja zu retten. Aber es gibt hoffnungslose Fälle. Vielleicht haben wir ihr ein paar Jahre geschenkt", sagt Beck.
Anja trennte sich von Stöpsel. Sie verliebte sich in ihren Cousin Martin H. Er war zehn Jahre älter als sie. Er lebte ebenfalls auf der Straße - und war gewiss niemand, der ihr helfen konnte.
Vielleicht gab es noch einmal eine kleine Überlebenschance für sie. Martin saß, bis zum Frühjahr 2003, wegen diverser Delikte eine mehrmonatige Gefängnisstrafe ab. Tagsüber verkaufte Anja auf der Potsdamer Straße Obdachlosenzeitungen und am Abend, in der nahen Kurfürstenstraße, ihren Körper.
Der Berliner Künstler Frank Wohlgemuth**, 45, ein Avantgardist, der sich in Nischen des Kunstbetriebs durchschlägt, kaufte Zeitungen bei ihr. Er kam mit ihr ins Gespräch, und zwischen den beiden entstand eine ungewöhnliche Freundschaft.
"Es war eine tiefe Begegnung, die zu meinen beeindruckendsten Erfahrungen gehört", sagt Wohlgemuth. Der schlaksige Bohemien mit schütterem Haar, 27 Jahre älter als Anja, war "in einer depressiven Phase und offen für so jemanden". Er hatte weder eine Freundin noch Hoffnung für seine Zukunft. Er interessierte sich für die junge Frau, er war fasziniert von ihren lebhaften Schilderungen des Milieus: "Sie war eine meisterhafte Erzählerin. Ich hab sie animiert, ein Buch zu schreiben."
Anja gab preis, wie sehr sie litt auf dem Strich. Verzweifelt rief sie ihn an, als ein Freier sie im Auto verprügelt hatte.
"Der Strich hat sie fertiggemacht", sagt Wohlgemuth.
An Anjas besseren Tagen machte er in Parks Fotoserien von ihr, an ihren schlechtesten, als sie etwa im Januar 2003 mit einer Lungenembolie wochenlang in der Charité lag, war er der einzige Besucher. Der Künstler und das Mädchen vom Drogenstrich waren, für ein paar Monate, die wichtigsten Menschen füreinander.
Als Anja aus der Charité entlassen wurde, zog sie in Wohlgemuths Wohnung. Sie erlebten das kleine Glück der Einsamen, die sich Aufmerksamkeit schenken, ohne viel zu erwarten: Wohlgemuth bereitete in der Küche Palatschinken mit Marmelade zu, Anja saß auf der Couch vor dem Fernseher. Ihre Habseligkeiten, nicht mehr als eine kleine Tasche, das Spritzbesteck und die Drogen, lagen auf einem halbwegs geordneten Haufen am Boden.
Anja versteckte die dunklen Seiten ihrer Welt nicht vor Wohlgemuth. Sie ließ ihn zusehen, wenn sie ihre Cocktails aus Heroin und Kokain mixte, braun die eine Substanz, weiß die andere. Und er war zur Stelle, als sie sich einmal mit der Dosis vertat, vom Sofa des Künstlers fiel und wie tot liegen blieb. Wohlgemuth bespritzte sie mit Wasser und klopfte sie behutsam wach.
Wohlgemuth versuchte, Anja an seine Welt heranzuführen. Er nahm sie mit auf eine Vernissage. Aber dieses Milieu blieb ihr fremd. Anja störte sich daran, "dass da nur Spießer rumstehen". Der Mann gab nicht auf. Er legte ihr Bücher hin. Sie verschlang Michel Houellebecqs "Plattform". Es ist die Geschichte eines frustrierten Beamten im Pariser Kulturministerium, der
eine Pauschalreise nach Thailand bucht, um sich mit käuflichem Sex abzulenken. Der Beamte lernt eine Mitreisende kennen, und beide entwickeln eine Theorie über das Glück: Jeder muss einbringen, was er besitzt - die einen Geld, die anderen ihren Körper.
"Es war keine Liebe, wir hatten nichts miteinander. Aber es war eine große Nähe da, trotz des Altersunterschieds", sagt der Künstler, und man mag es ihm glauben. Er fragt sich heute, ob es richtig war, ein solches Vertrauensverhältnis aufzubauen mit einem Mädchen aus dem Milieu - und ob es richtig war, Anjas Drogensucht zu finanzieren. Er gab ihr 25 bis 50 Euro am Tag, "damit sie nicht auf den Strich musste". Immerhin spritzte sie in den vier Wochen, die sie bei ihm lebte, ein Drittel weniger. "Ich hoffte, dass ihr Leben eine andere Wendung nehmen würde", sagt Wohlgemuth.
Aber dann, im Frühjahr 2003, kam ihr Cousin Martin aus dem Gefängnis. "Du hast dich ein paar Monate um Anja gekümmert, jetzt kümmere ich mich wieder", kündigte Martin mit warnendem Unterton an.
"Der war ein harter Typ", erinnert sich Wohlgemuth. Anja bat ihn, ihrem obdachlosen Cousin ebenfalls Unterschlupf zu gewähren. Wohlgemuth, der Anja nie Grenzen gesetzt hatte, sagte nein. Sie bestrafte ihn mit einer monatelangen Kontaktsperre. "Für sie war ich nun auch Spießer", sagt Wohlgemuth.
Ende Oktober, kurz vor ihrem Tod auf dem City-Klo, besuchte Anja ihren Künstlerfreund noch einmal. Sie bettelte um Geld. Er gab ihr nichts. Sie flehte ihn an. Er blieb hart. Was sie denn täte, wenn jemand sie um Geld für Drogen bitten würde, fragte er. "Ich würde nein, nein, nein sagen", antwortete Anja. Da gab Wohlgemuth ihr zehn Euro.
Martin H. ertrug das Leben ohne Anja nur wenige Wochen. Am Vormittag des 26. Januars 2004 fanden Bewohner eines Mehrfamilienhauses im Stadtteil Lichtenberg seinen Leichnam in einem selten betretenen Müllschluckerraum. Er lag dort "in fäulnisverändertem und mumifiziertem Zustand neben einem ebenfalls teilverwesten Kampfhund", wie die Staatsanwaltschaft im Todesermittlungsverfahren festhielt.
H. hatte sich zum Sterben neben einen Müllschlucker gelegt. Mit einer Überdosis Kokain setzte er sich den goldenen Schuss. Neben der Leiche lagen eine Spritze, eine Kanüle und ein Abschiedsbrief. Martin H. bat darin, an der Seite seiner "Cousine, besten Freundin und vor allem Verlobten Anja Schatz beerdigt zu werden".
Als Anja starb, war sie im fünften Monat schwanger von ihm.
* Im Februar 2001 im Drogenrausch auf dem City-Klo an der Dircksenstraße in Berlin-Mitte, wo sie am 31. Oktober 2003 starb. * Im Herbst 2003 am sowjetischen Ehrenmal in Berlin-Treptow. * Aus dem Hochzeitsfoto hat Anja das Gesicht des Stiefvaters mit einer glühenden Zigarette herausgebrannt. * Mit seinen Hunden im Berliner Tiergarten. * Im Herbst 2000 in ihrer von der Berliner Treberhilfe angemieteten Wohnung. ** Name von der Redaktion geändert.
Von Carsten Holm

DER SPIEGEL 2/2005
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