10.01.2005

TV-KONSUM„Fernsehen macht müde“

Buchkritikerin und TV-Moderatorin Elke Heidenreich, 61, über Fernsehkonsum und Leselust
SPIEGEL: 2004 erreichte der tägliche TV-Konsum mit dreieinhalb Stunden einen neuen Rekord. Der Buchhandel klagt über Umsatzrückgänge. Können die Menschen nur noch über TV-Sendungen wie Ihre zum Lesen bewegt werden?
Heidenreich: Meine Sendung ist eine Mittlerin zwischen Fernsehzuschauern und Lesern. Auch das Fernsehen will kluge Zuschauer haben und nicht nur Deppen, die jeden Mist fressen. Insofern arbeiten wir da zusammen, das Fernsehen und ich.
SPIEGEL: In der Zeit, in der die Leute Ihre Sendung "Lesen!" sehen, hängen sie eben auch vor der Kiste.
Heidenreich: Sechsmal eine halbe Stunde im Jahr. Damit kann ich leben.
SPIEGEL: Auf alles Übrige im Programm könnten Sie verzichten?
Heidenreich: Ich schaue die Nachrichten und ab und zu mal einen Film. Es gibt auch bei mir Abende, an denen ich durchzappe. Aber süchtig bin ich nicht. Mich verführt das Fernsehen nicht.
SPIEGEL: Warum nicht?
Heidenreich: Fernsehen macht müde. Diese Flut von Bildern im Kopf ist schlimm, weil sie die eigenen Gedanken verwirrt. Beim Buch habe ich die Möglichkeit, mir selbst Bilder im Kopf zu schaffen. Allerdings ist das Fernsehen ein großes Medium, mit dem wir unser Leben verbringen. Deswegen hat es die Aufgabe, sich unserer Kultur anzunehmen und nicht immer mehr Geld zu sparen an Sendungen, die mit Kultur zu tun haben. Literatur muss auch im Fernsehen stattfinden.
SPIEGEL: Freut es Sie, wenn die Quote Ihrer Sendung fällt? Das könnte doch bedeuten, dass mehr Leute lesen.
Heidenreich: Die Quote interessiert mich überhaupt nicht. Man kann den Apparat wunderbar ausschalten und ein Buch aufklappen. Das ist nur eine Handbewegung.

DER SPIEGEL 2/2005
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