10.01.2005

ZEITSCHRIFTENGlotze aus

Das Jugendmagazin „Spiesser“ läuft Blättern wie „Bravo“ im Osten den Rang ab. Das Konzept des früheren Amateurblatts: ernste Themen statt Sex-Geschichten.
Die "Fantastischen Vier" sind im Heft, die "Ärzte" waren schon drin, und auch Schauspielerin Franka Potente hat ein Interview zugesagt.
"Früher, da kamen von Musikfirmen wie BMG oder Universal überhaupt keine Antworten auf Interview-Anfragen mit Popstars. Heute reicht ein Anruf", sagt Musikredakteurin Nicole Kirchner, 22. Früher, da hatte die Jugendzeitschrift "Spiesser" aus Dresden auch noch eine Auflage von 5000 Exemplaren. Mittlerweile sind es stolze 200 000 Exemplare pro Ausgabe, die in Ostdeutschland verteilt werden.
Den "Spiesser" gibt es an 4400 Stellen wie Schulen, Jugendclubs, Bibliotheken und sogar in einigen McDonald's-Filialen, er finanziert sich über Anzeigen. Der Vertrieb wurde zunächst auf ganz Sachsen ausgedehnt, später kamen Thüringen und Sachsen-Anhalt hinzu. Nun sollen Brandenburg, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern folgen.
Der Erfolg des "Spiesser", der schwarze Zahlen schreibt, zeigt, was im Ostmarkt funktioniert, in dem sich die etablierten Westverlage meist schwer tun: Billige Blätter können gehen - der "Spiesser" kostet nichts. Ostidentität zieht - die "Spiesser"-Macher wollen ihr Blatt gar nicht erst im Westen vertreiben. Und: Ostleser sind besonders an Servicethemen interessiert.
Frank Haring, 27, ist der Erfinder der "größten Jugendzeitschrift Ostdeutschlands" (Eigenwerbung). Vor zehn Jahren gründete er das Magazin mit zwei Schulkameraden. Ein Name musste her, da fand einer im Duden die Erklärung für das Wort "Spießer" - das sei jemand, der Vorurteile gegenüber anderen habe. Harings Mission, so sagt er: verhindern, dass Menschen zu Spießern werden. Knatterte er anfangs noch mit seinem Mofa zu Anzeigenkunden, so steuert er das rund 40 Seiten starke Heft inzwischen über seinen Planlos-Verlag und beschäftigt 15 Angestellte.
"Das Besondere am 'Spiesser' ist der aktivierende Anspruch", sagt Chefredakteur Peter Stawowy, mit 33 Jahren ältester Mitarbeiter. Seine Zeitschrift wolle die Jugendlichen in Ostdeutschland ermuntern, die Glotze auszuschalten und ihr Leben anzupacken. "Die Generation hier hat übelste Angst vor der Zukunft", sagt er. Eingeschüchtert von Arbeitslosenzahlen, fragten sich schon Achtklässler, was aus ihnen werden solle. Deshalb schickt Stawowy seine Reporter zum Probestudieren oder lässt sie Ausbildungsberufe mit Zukunft beschreiben.
Stawowy und Co-Chefredakteurin Berit Tolke wollen Glitzerblättern aus dem Westen den Rang ablaufen - und ihnen auch die Werbekunden abjagen. Langjährigen Kunden der "Bravo" flatterten schon Briefe ins Haus: Eine Anzeige in der "Bravo" koste so viel wie Werbung in acht "Spiesser"-Ausgaben des Jahres 2004, rund 34 000 Euro pro Seite.
Auch die Inhalte seines Blatts sollen sich stark von denen der Westjugendblätter unterscheiden. Die "Spiesser"-Macher wollen keine Reports über das Glamourleben von Popstars, keine Interviews mit Fragen wie "Bist du aufgeregt vor deinen Auftritten?" - und auch keine Berichte darüber, wie man eine Erektion im Schwimmbad wieder los wird.
Auf Reizthemen wie Sex oder Drogen verzichtet das Ostblatt vielmehr. Wenn schon über Liebe geschrieben werde, dann bitte lyrisch, sagt Peter Stawowy. "Da bin ich selber spießig." VOLKER TER HASEBORG
Von Volker ter Haseborg

DER SPIEGEL 2/2005
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