10.01.2005

ÖKONOMENRamponiertes Erbe

Allzweckberater Bert Rürup krönt sein professorales Lebenswerk: Endlich darf er Chef der fünf Wirtschaftsweisen der Bundesregierung werden.
Als Bert Rürup, 61, am vergangenen Sonntag aus dem Weihnachtsurlaub im thailändischen Phuket heimkehrte, wurde er von der Polizei bereits erwartet. Ein besorgter Verwandter hatte den Wirtschaftswissenschaftler und dessen Gattin nach der Flutkatastrophe voreilig als vermisst gemeldet. So war die Erleichterung groß, als sich die Rürups - in ihrem an einer Lagune gelegenen Ferienhotel hatte es lediglich kleine Sachschäden gegeben - unverletzt und "sogar etwas erholt" (Rürup) bei den Behörden in Darmstadt zurückmeldeten.
Dem Himmel sei Dank: Selten wurde die Tatkraft des gelehrten Professors, des Entdeckers des demografischen Faktors, des Begründers der Kopfpauschale, des Erfinders der Rürup-Rente, so dringend in seiner Heimat gebraucht wie just in diesen Tagen.
Am 20. Januar trifft sich der "Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Lage" in Wiesbaden. Und es gilt als sicher, dass jetzt nur noch ein Einziger geeignet ist, das Gremium der sogenannten fünf Wirtschaftsweisen aus seiner jüngsten Krise herauszuführen: Prof. Dr. Dr. h. c. Bert Rürup. Das findet er übrigens auch selbst.
Der derzeit noch amtierende Chef des erlesenen Grübelzirkels, Professor Wolfgang Wiegard aus Regensburg, hat nach eigenem Bekunden jedenfalls die "Schnauze voll". Im Interview mit dem "Rheinischen Merkur" hatte der Finanzwissenschaftler zum Jahreswechsel kundgetan, seinen Posten aufgeben zu wollen - vor allem aus Verdruss über seinen Ratskollegen Professor Peter Bofinger. Obwohl dieser "erwiesenermaßen überhaupt nichts davon versteht", habe sich Bofinger ständig in Wiegards Spezialthema eingemischt und seine Meinung zu steuerpolitischen Fragen geäußert.
Prompt ging unter den Professoren ein Hauen und Stechen los, wie man es in Akademikerkreisen bislang allenfalls von Studentenparlamenten kannte. Nachdem Wiegard den Anfang gemacht hatte, drängte es auch andere Wirtschaftsweise, ob ehemalig, amtierend oder noch in Erwartung einer irgendwann möglichen Berufung, ihre Kollegen zu beurteilen: "Nicht teamfähig" (Professor Wolfgang Franz über Professor Bofinger), "rufschädigend" (Professor Rudolf Hickel über Professor Wiegard), "muss zurücktreten" (Professor Rüdiger Pohl über Professor Bofinger), "hätte besser Urlaub gemacht" (Professor Bofinger über Professor Wiegard), "Selbstdarstellungsforum" (Professor Klaus Zimmermann über alle).
Dabei geht es bei dem Streit weniger um wissenschaftliche Fragen als um verletzte Eitelkeit. Bereits im vergangenen Sommer - die fünf Weisen brüteten in Wiesbaden gerade über der Frage, ob Unternehmen in
Deutschland zu viel Steuern zahlen - waren sich Wiegard ("Ja") und Bofinger ("Nein") in die Haare geraten. So könne es nicht weitergehen, blaffte ein in seiner Ehre gekränkter Wiegard damals seinen Kollegen an. Für Steuerpolitik sei nun einmal er zuständig.
Das stimmt, hielt Bofinger aber nicht von einem beherzten Gegenangriff ab. So machte er klar, dass er Wiegard, sollte der - wie zunächst angedeutet - eine zweite Amtsperiode als Chef des Sachverständigenrats anpeilen, ganz gewiss nicht noch einmal wählen werde.
Die drei anderen Professoren wiederum verhielten sich salomonisch - was die Sache nicht besser machte. Für Bofingers Minderheitenmeinung in der Steuerpolitik rührten sie zu dessen Enttäuschung keine Hand. Für Wiegards Karrierepläne allerdings auch nicht, was diesem zu der bitteren Erkenntnis verhalf, dass es keinen Sinn mache, erneut für den Vorsitz zu kandidieren.
Schon im Herbst lief dann alles auf Rürup zu, der es nun richten soll. Zwar hat sich der Vielgelehrte vorgenommen, seine Ansprüche derzeit noch nicht öffentlich anzumelden. Nach der Schlammschlacht der vergangenen Tage scheint es ihm geboten, den Streit nicht durch weitere öffentliche Äußerungen zu befeuern.
In einer Telefonrunde am vergangenen Montag machte er jedoch allen Kollegen Wirtschaftsweisen klar, dass er nun den Vorsitz übernehmen muss. Franz und Bofinger fielen aus, weil sie mit Unterstützung von Arbeitgebern und Gewerkschaften in das Gremium berufen wurden und deshalb traditionell kein Spitzenamt bekleiden könnten. Die erst kürzlich nachgerückte Bankenexpertin Beatrice Weder di Mauro wiederum sei noch zu jung und unerfahren. Und Titelverteidiger Wiegard habe, nun ja, leider bereits seinen Verzicht erklärt.
Nun also ist der Weg frei für wegweisende, große Reformen - auch und gerade im Zirkel des ökonomischen Quintetts. Eine dürfte schon im Herbst zu besichtigen sein: Das Jahresgutachten soll keine 750 Seiten mehr haben, sondern deutlich schlanker ausfallen und sich auf einige wenige Themen, Stichwort Hartz-Reformen, konzentrieren. Liest ja sonst eh kein Mensch mehr.
Dass Rürup die Aufräumarbeiten im "zugegebenermaßen etwas ramponierten" (Rürup) Erbhof zeitlich überfordern könnten, fürchtet der Vorsitzende in spe nicht. Die von ihm angetriebene Rentenreform sei abgeschlossen, die von ihm geleitete Kommission zu Gesundheit und Pflege abgewickelt.
Bereits im Weihnachtsurlaub sei ihm deshalb klar geworden, dass er durchaus Kapazitäten frei hätte. Neben den Wirtschaftsweisen, so Rürup, habe er doch "sonst nix mehr". ALEXANDER NEUBACHER
* Bei der Vorstellung ihres Jahresgutachtens am 17. November 2004 in Berlin.
Von Alexander Neubacher

DER SPIEGEL 2/2005
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