10.01.2005

BALKANParadies für Investoren

Mit Rückendeckung Washingtons sichern sich US-Konzerne lukrative Industrieobjekte - nicht immer nach den Regeln des freien Wettbewerbs.
Es war fürwahr ein tolles Kompliment, das John Surma an Belgrad sandte. Die Regierung von Premier Vojislav Kostunica sei "offen und kooperativ", lobte Surma, Serbien ein "guter Platz für Geschäfte".
Einen besseren Lobbyisten für ihre marode Wirtschaft können sich die Serben kaum denken: Schließlich ist der Mann nicht irgendein Wirtschaftsboss, sondern Chef von U. S. Steel, mit einem Jahresumsatz von rund 9,5 Milliarden Dollar einer der mächtigsten Stahlgiganten der Welt.
Serbien also ein Paradies für Investoren? Ausgerechnet der ewige Unruhestifter vom Balkan, das Land, in dem der damalige Premier Zoran Djindjic von einer kriminellen Bande hinterrücks erschossen wurde, nur weil er angekündigt hatte, mit dem Haager Kriegsverbrecher-Tribunal zusammenzuarbeiten?
U. S. Steel jedenfalls hat Gefallen gefunden an den Geschäften mit Belgrad. Um auch anderen amerikanischen Firmen das Balkangeschäft schmackhaft zu machen, startete der Stahlkonzern jüngst eine ungewöhnliche Promotiontour. In New York, Cleveland und Chicago priesen Topmanager vor Vertretern zahlreicher US-Unternehmen die Vorzüge des serbischen Standortes. Die Arbeitskräfte? Bestens ausgebildet. Die Lage? Geografisch hervorragend.
Was Surma nicht erwähnt - was aber wohl weitaus schwerer wiegt als alle anderen Investitionskriterien -, ist Belgrads Bereitschaft, stets die richtigen Entscheidungen zu treffen.
Denn die Regierung Kostunica, so scheint es, ist geneigt, amerikanischen Firmen in geschäftlichen Dingen den Vorzug zu geben. Schon jetzt sind die Amerikaner der größte Investor an der Save. So kaufte allein der Tabakriese Philip Morris für über 430 Millionen Euro den serbischen Tabakkonzern DIN. Im Fall des Stahlwerks Sartid erwiesen sich serbische Behörden als derart kooperativ, dass inzwischen die Belgrader Staatsanwaltschaft ermittelt.
Der Zuschlag für das Sahnestück der serbischen Schwerindustrie ging trotz anderslautender Absichtserklärungen gegenüber deutschen Investoren an die U. S. Steel Corporation - für lumpige 23 Millionen Dollar, ein ausgesprochener Schnäppchenpreis. Sofort machten Korruptionsgerüchte die Runde, und sie wollen partout nicht verstummen.
Der ermordete Serbenpremier Djindjic, heißt es in Diplomatenkreisen, sei noch zu Lebzeiten nahezu wöchentlich vom damaligen US-Botschafter William Montgomery einbestellt worden, um den Deal abzuschließen. "Die Entscheidung ist eindeutig auf politischer Ebene gefallen, unter Druck Washingtons", urteilt der Wirtschaftsanalytiker Nebojsa Medojevic, Direktor des Zentrums für Wandel im montenegrinischen Podgorica.
Auch Deutsche beteiligen sich an der Belgrad-Schelte: Berlins Botschafter Kurt Leonberger warnte die serbische Regierung vor einer weiteren Verschlechterung der Wirtschaftsbeziehungen mit Deutschland. Lukrative Investitionsobjekte, ließ der Diplomat in ungewöhnlicher Schärfe durchblicken, gingen offenbar aufgrund einer politischen Strategie an die USA.
Vor allem die europäische Konkurrenz hat bei dem großen Gemauschel das Nachsehen. Geprellt fühlt sich neben dem ThyssenKrupp-Konzern
auch ein internationales Bankenkonsortium, an dem die Düsseldorfer WestLB beteiligt ist.
Ursprünglich schuldete Sartid den Banken etwa 110 Millionen Dollar, doch der Verkauf an die Amerikaner wurde ohne jegliche Auflagen abgesegnet, die Gläubiger sollten leer ausgehen.
Dennoch wollen sie sich nicht geschlagen geben. "Unser Ziel ist es, das Geschäft wieder rückgängig zu machen", sagt Hans Albers, Firmensprecher der WestLB. "So wie das bisher gelaufen ist, hat das mit Rechtsstaatlichkeit jedenfalls nichts zu tun."
Schützenhilfe erhalten die Deutschen von einem serbischen Anti-KorruptionsRat, dem der Fall Sartid längst als "größter Skandal der serbischen Privatisierung" gilt. Provisionen in Millionenhöhe, lautet der Vorwurf, hätten den Deal erst möglich gemacht. Immerhin: Beim Obersten Belgrader Gericht wurde inzwischen Klage gegen den umstrittenen Verkauf erhoben, in einigen Wochen soll der Fall nun juristisch überprüft werden.
Auch in anderen Ländern Südosteuropas buhlen US-Firmen erfolgreich um lukrative Großaufträge. Doch der gerade in Amerika stets beschworene freie Wettbewerb kommt dabei häufig zu kurz. Den Zuschlag für den Bau eines 37 Kilometer langen Abschnitts der kroatischen Adria-Autobahn von Split bis Dubrovnik erhielt der US-Bauriese Bechtel, ohne dass es eine öffentliche Ausschreibung gegeben hätte. Die heimischen Straßenbauer, noch zu Titos Zeiten europaweit für ihre gute Arbeit bekannt, gingen weitgehend leer aus.
Wieder einmal entschied offenbar nicht das beste Angebot über den Zuschlag, sondern der bessere Kontakt. Und den hat Bechtel (Firmenslogan: "To build a better world") ohne Zweifel. Der Bauriese ist für seine exzellenten Drähte ins Weiße Haus bekannt. Doch dass es in Zagreb Schmu gegeben hatte, war allzu offensichtlich. Die kroatische Opposition unterstellte Korruption, Transparency International klagte, das Geschäft lasse "Raum für Spekulationen". Notgedrungen ließ die Regierung daher den bereits geschlossenen Deal platzen.
Wie viele andere Länder der Region steckt auch Kroatien in der Klemme. Einerseits will Zagreb seinen prowestlichen Kurs durch eine Mitgliedschaft in der Europäischen Union krönen, andererseits aber auf keinen Fall die westliche Vormacht verprellen. Dass man sich überhaupt auf die Kungeleien mit den Amerikanern einlässt, hat einen triftigen Grund. Nicht Brüssel, sondern Washington gilt, wenn es um langfristige Strategien geht, immer noch als wichtigster Verbündeter. Indem die Regierungen sich "als Juniorpartner der USA profilieren", sagt Dusan Reljic, Balkanexperte bei der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik, erhoffen sie sich "einen beträchtlichen Prestigegewinn".
Und wirtschaftliche Vorteile: Aufgrund jahrzehntelanger Erfahrungen im Export von Militärgütern rechnet Belgrad mit lukrativen Aufträgen für den Fall einer Stationierung von US-Truppen im östlichen Europa. Und ohne Gegenleistungen, das haben die Entscheidungsträger im Südosten Europas erkannt, geht nur wenig im Spiel mit Washington.
Die Amerikaner, beobachtet ein deutscher Wirtschaftsexperte in Bukarest, verstehen es ihrerseits, "auf clevere Weise bestimmte Druckhebel" einzusetzen. Den Auftrag für die geplante 415 Kilometer lange rumänische Transsylvanien-Autobahn erhielt Bechtel ebenfalls in bewährter Manier - ohne Ausschreibung. Rumänien ist derzeit Spitzenreiter im Wettbewerb um künftige amerikanische Militärstützpunkte.
Solche Vertraulichkeiten wecken wiederum den Missmut der EU, die ihre Beitrittsverhandlungen mit Rumänien soeben offiziell abgeschlossen hat. Doch für den Auftrag an Bechtel setzte die Bukarester Regierung das bereits eingeführte europäische Wettbewerbsrecht kurzzeitig wieder außer Kraft.
Dass ein Gemauschel mit den USA allerdings nicht immer die gewünschten Erträge einfährt, musste zuletzt die Regierung in Warschau erfahren. Für die beflissene Unterstützung der US-Truppen im Irak und den Milliardenauftrag für 48 F-16-Kampfjets beim amerikanischen Flugzeugbauer Lockheed Martin erhofften sich die Polen ein Ende der lästigen Visumpflicht für die USA sowie stimulierende Investitionen des Rüstungsproduzenten. Doch dessen Engagement blieb hinter den Erwartungen zurück. Immer wieder, heißt es in Warschau säuerlich, verschiebe der Konzern bereits fest vereinbarte Projekte. Die lapidare Ausrede ist immer dieselbe - die Marktbedingungen hätten sich geändert. Und ein Einreisevisum brauchen die Polen auch weiterhin. MARION KRASKE
Von Marion Kraske

DER SPIEGEL 2/2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


Video 00:50

Größer geht nicht Kreuzfahrtschiff im Kanal von Korinth

  • Video "Stillgelegtes Kraftwerk: Vier Kühltürme gleichzeitig gesprengt" Video 00:56
    Stillgelegtes Kraftwerk: Vier Kühltürme gleichzeitig gesprengt
  • Video "Brexit-Angst auf Rügen: Kein Deal, kein Fisch" Video 05:57
    Brexit-Angst auf Rügen: Kein Deal, kein Fisch
  • Video "Hightech-Mode für Gehörlose: Musik fühlen statt hören" Video 01:23
    Hightech-Mode für Gehörlose: Musik fühlen statt hören
  • Video "Umstrittenes Staudammprojekt: Historische Stadt in der Türkei versinkt" Video 04:00
    Umstrittenes Staudammprojekt: Historische Stadt in der Türkei versinkt
  • Video "Wir drehen eine Runde: Elektrisch surfen" Video 07:46
    Wir drehen eine Runde: Elektrisch surfen
  • Video "Lady Liberty: Demokratie-Aktivisten errichten Statue in Hongkong" Video 01:13
    "Lady Liberty": Demokratie-Aktivisten errichten Statue in Hongkong
  • Video "Filmstarts: Man kriegt, was man verdient hat." Video 07:02
    Filmstarts: "Man kriegt, was man verdient hat."
  • Video "Webvideos der Woche: Kajakfahrer entgehen Felssturz knapp" Video 03:31
    Webvideos der Woche: Kajakfahrer entgehen Felssturz knapp
  • Video "Abenteurer-Hotspot: Mysteriöser Autofriedhof in walisischer Höhle" Video 01:54
    Abenteurer-Hotspot: Mysteriöser Autofriedhof in walisischer Höhle
  • Video "Türkische Offensive in Syrien: Die Menschen wissen nicht, wohin sie fliehen könnten" Video 02:10
    Türkische Offensive in Syrien: "Die Menschen wissen nicht, wohin sie fliehen könnten"
  • Video "Extreme Regenmengen erwartet: Japan rüstet sich für den Supertaifun" Video 00:51
    Extreme Regenmengen erwartet: Japan rüstet sich für den Supertaifun
  • Video "Neuer Rover: Auf Spinnenbeinen über den Mond" Video 01:47
    Neuer Rover: Auf Spinnenbeinen über den Mond
  • Video "Trump über Biden: Er hat es verstanden, Obama den Arsch zu küssen" Video 01:55
    Trump über Biden: "Er hat es verstanden, Obama den Arsch zu küssen"
  • Video "Halle am Tag danach: Ihr Leben ist leider in Gefahr" Video 02:33
    Halle am Tag danach: "Ihr Leben ist leider in Gefahr"
  • Video "Nach dem antisemitischen Attentat in Halle: Die Gefahr des rechten Terrors" Video 03:05
    Nach dem antisemitischen Attentat in Halle: Die Gefahr des rechten Terrors
  • Video "Größer geht nicht: Kreuzfahrtschiff im Kanal von Korinth" Video 00:50
    Größer geht nicht: Kreuzfahrtschiff im Kanal von Korinth