10.01.2005

FUSSBALL„Alle träumen von Europa“

Der ehemalige Bundesligaprofi Dietmar Demuth über seine Erfahrungen als Trainer in Ghana, afrikanische Ballfertigkeit und Voodoo in der Umkleidekabine
Demuth, 49, spielte zwischen 1977 und 1984 als Profi 141-mal in der Bundesliga, als Trainer führte er den FC St. Pauli 2001 in die höchste Spielklasse.
SPIEGEL: Herr Demuth, nach einer Saison als Trainer von AshantiGold in der Stadt Obuasi im ghanaischen Regenwald sind Sie wohlbehalten wieder in Deutschland. Ist Ihnen der Abschied schwer gefallen?
Demuth: Es war eine aufregende Saison, es hat Spaß gemacht, und ich habe tolle Erfahrungen sammeln dürfen, aber jetzt bin ich auch froh, wieder in Hamburg zu sein. Monatelang habe ich nur Huhn mit Reis gegessen, unter der unerträglichen Hitze gelitten, Malaria bekommen und Durchfall. Es reicht fürs Erste.
SPIEGEL: Manch deutscher Fußball-Lehrer - vor allem wenn es mit der Jobvermittlung in den hiesigen Profiligen nicht so recht klappt - wird zum Trainernomaden in der Dritten Welt. Kommt das für Sie in Frage?
Demuth: Generell ja, aber man muss sich sehr genau ansehen, wohin man geht. Deutsche Trainer werden angeworben, weil sie deutsche Tugenden vermitteln sollen. Mancherorts sind die jedoch nicht umsetzbar. In einem Land wie Ghana kommt man gegen die Willkür und die Korruption einfach nicht an. Die Macht der Vereinsbosse ist nahezu unbegrenzt. AshantiGold ist wahrscheinlich der einzige Club, bei dem die Gehälter pünktlich gezahlt werden ...
SPIEGEL: ... weil in Obuasi Gold abgebaut wird und die Fördergesellschaft die Fußballer sponsert?
Demuth: Genau. Aber um uns herum herrscht heilloses Chaos. Spieltage werden kurzfristig einfach abgesetzt; Spiele fangen an, wenn es den Funktionären passt. Ich konnte kaum ein Training systematisch durchziehen, nur selten die vorgesehene Mannschaft aufstellen, weil plötzlich die Nationalspieler abberufen wurden. Zum Teil lagen Wochen zwischen den einzelnen Ligaspielen. In den meisten Stadien fehlen sogar Umkleidekabinen, wir mussten uns dann im Bus umziehen. Da braucht man als Preuße eiserne Nerven. Und der Aberglaube hilft gegen solche Widrigkeiten auch nicht immer.
SPIEGEL: Hexerei ist weit verbreitet im afrikanischen Fußball?
Demuth: Sie nennen das Juju. Einmal haben Spieler einen Hahn geschlachtet und das Blut in der Kabine verspritzt, einmal eine weiße Katze in die Umkleide geschickt. Als das Spiel verloren wurde, haben sie dem armen Tier den Hals umgedreht. Die glauben ganz stark an diesen Voodoo-Kult.
SPIEGEL: Welche Erkenntnisse haben Sie mitgebracht für künftige Trainerjobs?
Demuth: Dass sich die deutschen Proficlubs mehr um die Spieler kümmern müssen, die sie aus Afrika holen. Kaum ein Bundesligatrainer kann sich vorstellen, wie unterschiedlich die Welten sind. Erst mit den Monaten in Ghana habe ich begriffen, wie Afrikaner unter der Isolation in Deutschland leiden müssen. Diese jungen Burschen vermissen ihre Familien, die Wärme, ihren Fufu - einen Brei aus Kochbananen und Maniok. Was habe ich damals beim FC St. Pauli manchmal geschimpft, wenn ein Spieler wie der Kongolese Jean-Clotaire Tsoumou-Madza viel zu spät vom Heimatbesuch zurückkam. Heute weiß ich, wie schwierig das Reisen auf diesem Kontinent ist. Nur, dass Jean-Clotaire glaubte, als Häuptlingssohn nicht immer trainieren zu müssen, verzeihe ich ihm nicht so leicht.
SPIEGEL: Deutsche Vereine argumentieren gern, die Afrikaner müssten sich eben den Spielregeln des Profigeschäfts anpassen.
Demuth: Das ist doch absurd: Die geben manchmal Millionen für diese hochtalentierten Spieler aus, verfrachten sie auf ei-
nen anderen Kontinent und überlassen sie dann sich selbst. Diese Spieler leiden unter der Fremdheit, aber sie verlieren nie ein Wort darüber, weil sie zu schüchtern sind. Wer unglücklich ist, kann auch nicht selbstbewusst auf dem Fußballrasen stehen. Da muss von den Clubs mehr Betreuung geleistet werden, ein Trainer allein kann das nicht. Ich hatte in Deutschland manchmal Spieler aus zehn Ländern und Kulturkreisen um mich versammelt.
SPIEGEL: Was unterscheidet die Fußballer in Ghana sportlich von den Deutschen?
Demuth: Die sind technisch eigentlich alle besser, richtige Straßenfußballer eben. Nur schießen können sie nicht, weil sie barfuß spielen und sich eine falsche Schusstechnik angewöhnen. Die Armut bestimmt hier das ganze Leben. Meine Jungs haben im Schnitt 60 bis 90 Euro im Monat verdient, davon ernähren sie eine ganze Familie. Viele verzichten deshalb sogar auf ihr Frühstück, rennen in abgewetzten Tretern herum.
SPIEGEL: Und alle hoffen, eines Tages in einer europäischen Liga zu spielen?
Demuth: Ich kenne keinen, der nicht davon träumt. Ich könnte sofort eine ganze Hand voll talentierter Spieler nennen, die auch für die Bundesliga interessant wären.
SPIEGEL: Früher spielten ghanaische Topkräfte wie Abédi Pelé und Anthony Yeboah in Europa, heute gelten Senegal, Nigeria und Kamerun als Afrikas Fußballnationen. Warum hat Ghana seine Stärke eingebüßt?
Demuth: Leider leben die Funktionäre die nötigen Tugenden wie Disziplin und Pünktlichkeit nicht vor. Und von den Ablösegeldern aus Europa, so hört man, ist einiges in dunkle Kanäle statt in den Sport geflossen. Dennoch gibt es ein riesiges Potential großartiger Spieler. Und die Euphorie ist ungebrochen. Nachdem wir den Favoriten Kotoko Kumasi mit 4:1 besiegt hatten, wurde ich 20 Minuten über den Platz getragen. Doch als wir danach zu Hause nur 1:1 spielten, hätten sie mich am liebsten gelyncht. INTERVIEW: THILO THIELKE
* Der Angolaner Nando Rafael (Hertha BSC) im Zweikampf mit dem Namibier Razundara Tjikuzu (Hansa Rostock) am 20. November 2004 in Berlin.
Von Thilo Thielke

DER SPIEGEL 2/2005
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