10.01.2005

ÄRZTEHausarzt im Hinterland

Dem deutschen Osten gehen die Allgemeinmediziner aus. Die alten Ärzte schließen ihre Praxen, die jungen meiden die strukturschwache Region. Wasser, Wind und Weite locken die wenigsten. Einigen Gegenden droht eine Unterversorgung.
Manche Worte wirken wie eine Landplage. Wie Feuer, Dürre oder Dschungelcamp. "Vorpommern" ist so ein Wort. Wenn Wolfgang Eckert "Vorpommern" sagt, nehmen seine Kollegen Reißaus.
17358 Torgelow, 17328 Penkun, 17379 Ferdinandshof. Auf Eckerts Liste stehen viele Orte, deren Postleitzahl mit eins sieben drei beginnt. Eins sieben drei wie Vorpommern.
"Zu viel Osten.""Zu weit weg." "Zu ländlich." Hundertfach hat Eckert die Einwände gehört, hundertfach haben die Kollegen den Kopf geschüttelt. Dabei hat der Funktionär ein knappes Gut im Angebot. Arbeit. Solide Arbeit, prestigeträchtige Arbeit, Arbeit mit Zukunft, ja, gar mit Sinn.
Eckert, Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) in Schwerin, sucht Hausärzte für sein Land. "Einigen Gegenden droht der medizinische Notstand", sagt er und klingt müde, als glaube er selbst nicht mehr, es könne junge Ärzte in Orte ziehen, deren Postleitzahl mit eins sieben drei beginnt.
Noch praktizieren 1200 Allgemeinmediziner in Mecklenburg-Vorpommern, doch jeder zweite ist älter als 50, jeder dritte wird in fünf Jahren älter als 62 sein. Sie lächeln morgens um sieben die ersten Kranken an, wünschen 14 Stunden später den letzten eine ruhige Nacht, begleiten Leben, begleiten Sterben und finden keine Nachfolger.
"In der DDR wurden wir gelenkt", sagt Eckert, "dorthin, wo Bedarf war." Die alte Sprache ist geblieben; die alten Mediziner, zwangsangesiedelt einst, können nicht mehr. Fast jeden Tag erreichen Eckert Briefe - wütende, klagende, enttäuschte Arztberichte, adressiert an die Standesvertretung am Stadtrand von Schwerin. Mit 800 arbeitslosen Kollegen habe sie Kontakt gehabt, schreibt eine Frau. Sie habe Internet, Telefon und Briefpapier bemüht, und doch wolle keiner ihre Praxis übernehmen. Selbst Rügen oder Hiddensee meiden die Jungen. Zu ländlich. Zu weit weg. Zu viel Osten.
Brigitte Reinhold wurde gelenkt. 1983 kam sie nach Ferdinandshof, ins größte Dorf der DDR; 15 Kilometer sind es bis zum Kleinen Haff, wo die Ostsee beginnt und Polen nur ein paar Schwimmzüge entfernt liegt. Noch immer klingt Reinholds Stimme nach Thüringen. In den Norden, ins Vorpommersche, zu den wortkargen Fischköppen mit ihrer Vorliebe für Schnaps wollte sie nie. Sie ist trotzdem geblieben. "Irgendwann war das hier unser Leben."
In manchen Nächten schläft die Ärztin ohne Ruhe. Von ihren acht Kollegen im Nachbarort haben sechs den 60. Geburtstag längst gefeiert. "Was, wenn die keine Nachfolger finden?"
Was, wenn die Kranken aus Torgelow dann in Ferdinandshof Hilfe suchen? "Wir versorgen 2000 Patienten im Quartal,
macht 120 Stunden Arbeit in der Woche", rechnet Klaus Reinhold vor. "Mehr ist nicht drin. Wir sind ja keine 18 mehr." 57 wird er in diesem Jahr, 58 seine Frau. Die Kranken zurückweisen? "Das geht ja nicht", sagt sie.
Eine Million Mark haben Brigitte und Klaus Reinhold aufgenommen, "damals, nach der Wende"; da standen sie mit einem Mal nicht länger im Dienst der Deutschen Demokratischen Republik. Die staatliche Praxis schloss, Brigitte Reinhold machte sich selbständig. Sie ließ ein Backsteinhaus erbauen, ihr Mann stieg mit ein. "Ja", sagt der Medizinalrat, den alten Titel trägt er noch, "und dann hatten wir unsere eigene Praxis." Bahnhofstraße 32, 17379 Ferdinandshof, wo Fahrräder und Trecker über Kopfsteinpflaster holpern, der Nachbar zur Linken einen Stall im Garten unterhält und der Ladenbesitzer gegenüber Generalist ist: "Antiquitäten reparieren. Restaurieren. Tischlerei. Bestattungen."
Auf der Luftaufnahme im Praxisflur verbleicht das alte Leben. Ein Betonhaus, "eine Liege, ein winziges Labor; wir haben den Mangel verwaltet", erzählt die Ärztin, "und manche Medikamente ließen sich nur schwer beschaffen". Heute sitzt sie im weißen Kasack umgeben von Zimmerpflanzen, hellem Holz und einem Stoffdinosaurier. Heute verwaltet die Landärztin ihre Zeit.
Das Wartezimmer ist immer voll. "Es ist noch voller, seit die Kollegin im Ort aufgehört hat", sagt die Ärztin. 238 Patienten saßen bei Reinholds mal an einem Tag. Es ist so voll, dass ein Patient frühmorgens seinen Klappstuhl vor der Praxis aufschlug, um der Erste zu sein. Nur der Tisch, klein, mit Buntstiften und Papierblock, verwaist. Kinder fehlen in Ferdinandshof. Im Wartezimmer drängeln sich Rentner, schimmern Blusen gestärkt, bauschen sich Silbersträhnen im Haarnetz. Die Frauen, viele, empören sich. Mit Termin warte man, ohne Termin warte man. Die Männer, wenige, drehen ihre Kappen in den Händen. An manchen Tagen stundenlang.
"Wer reden möchte, geht zu ihr", sagt ihr Mann grinsend, "ich bin zuständig fürs Grobe. Husten, Schnupfen, Heiserkeit. Ab und an mal ein Abszess." Warten müssen alle. Auch die Pharmareferenten - Störenfriede und doch willkommen. "Wenn die keine Medikamente dalassen würden, kämen einige Patienten schlecht über die Runden."
Bis 2012 wollen Reinholds arbeiten. Dann sind die Schulden abbezahlt, dann sind beide Mitte 60. Manchmal malen sie sich aus, wie sie einen jungen Kollegen einarbeiten - ihren künftigen Nachfolger.
Doch wer sie beerben sollte in Ferdinandshof mit seiner Lotto-Annahmestelle-Quelle-Filiale, wer sich niederlassen sollte in der Bahnhofstraße ohne die Erinnerung an alte, schlechtere Zeiten, das können sie sich nicht vorstellen. Einst gehörte zum größten Dorf der DDR eine Freilichtbühne. Geblieben sind die Straße der Freundschaft und die des Friedens, ein paar landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften, die nun Biohöfe heißen, und die üblichen Geschichten: Wer irgend konnte, ging fort. Zurück blieben die Alten, die Unvermittelbaren, ein paar Unverdrossene. Und eine neugierige Distanz zu allen Fremden.
"Anfangs haben sie mehr über mich als mit mir geredet", erzählt der Arzt. Dass er aus Sachsen stamme, haben sich die Dörfler berichtet, dass er gern rauche und esse, dass er mal Facharbeiter für Rinderzucht war, vierschrötig wie er wirke, und bei der Volksarmee,
Oberst immerhin, ein hohes Tier. Und damals, als er mit der Schwägerin durch den Ort spazierte, der Abend war lau, tuschelten sie, er habe eine Neue. Reinhold grient. "Sie waren skeptisch, bis ich den Unfall hatte."
Knapp einen Kilometer vor dem Dorf rutschte das Auto aus; die Leute radelten herbei, "da liegt er, der Doktor"; zwei Jahre lang konnte er nicht sprechen, und als ihm dann manches Wort nicht einfiel, halfen sie ihm vertrauensvoll: "Das weiße Ding, das man sich in den Po steckt? Na, Doktorchen, das ist doch ein Zäpfchen."
Seither verwaltet Medizinalrat Reinhold die Finanzen des Männerchors. Er probt Gefangenenchöre, besingt Goldhochzeiten und behandelt die Hunde seiner Sangesbrüder. Seither laufen ihm auf dem Weg zur Praxis die Schulkinder vorneweg. "Da ist der Doktor", rufen sie. "Das muss man mögen", sagt der Arzt. Er mag es.
Zu Hause fressen tropische Pflanzen die Insekten, und sommers duften Zitronenbäumchen am überdachten Gartenpool. An manchen Tagen, wenn Brigitte Reinhold ihre Bahnen zieht, kreisen die Gedanken: Es reicht ganz gut zum Leben, der letzte Marsch zu einem abgelegenen Krankenquartier liegt lange zurück, die Schwestern in der Praxis arbeiten gut, der Notdienst ist geregelt. Nur viermal im Monat müssen sich die Reinholds nachts bereithalten.
Sie sind trotzdem müde. "Es ist die Angst, es irgendwann nicht mehr zu schaffen", sagt sie. "Wäre ich 20 Jahre jünger, ich wäre längst in Norwegen."
Norwegen. Dorthin zieht es deutsche Jungmediziner mit Hang zur Natur: angestellt beim Staat, geregelte Arbeitszeit, Haus und Heimatflüge gratis. Oder sie siedeln in Großbritannien. Oder sie brechen auf, zum Forschen nach Amerika.
Die Zahl der Medizinstudenten sinkt. Von den 12 000, die jedes Jahr das Studium beginnen, brechen 2400 ab. Weitere 2400 entscheiden sich nach dem Examen gegen weiße Kittel. Sie beraten Unternehmen, managen Produkte. Der Rest spezialisiert sich: Neurologen, Radiologen, Urologen. Die wenigsten machen den Facharzt für Allgemeinmedizin.
Dabei ist alles geregelt. Laut "Bedarfsplanungsrichtlinie der Kassenärztlichen Bundesvereinigung" brauchen jeweils 1474 Einwohner im "ländlich dünnbesiedelten Raum" einen Hausarzt. Rückt keiner nach in Mecklenburg-Vorpommern, werden 2010 9 von 13 "Planungsbereichen" "unterversorgt" sein; jeder Arzt müsste sich dann um 1840 Patienten kümmern. Für eine "Vollversorgung" brauchte das Land 335 neue Allgemeinmediziner bis 2010 - etwa 60 pro Jahr.
Fünf Jahre lang dauert die Ausbildung zum Allgemeinmediziner; acht Ärzte haben sie im vorvergangenen Jahr an den Universitäten Mecklenburg-Vorpommerns beendet. Einer ist schon weg, ab nach Baden-Württemberg.
Wer wollte sich niederlassen in einer Gegend, in der ein Viertel der Bewohner ohne Arbeit ist und ein weiteres in "Arbeitsbeschaffung" steckt; in der Kindergärten und Grundschulen schließen? Wer wollte sich einlassen auf die Ostvergütung, 80 Prozent dessen, was die Kollegen in Bremen, Trier oder Köln bekommen? Privatpatienten, denen sich hohe Rechnungen schicken ließen, leben wenige in Vorpommern, Thüringen, Sachsen oder Brandenburg. Auch dort suchen Gemeinden Hausärzte. Zu einer Stellenbörse in Berlin kamen 550 arbeitslose Mediziner. Vermitteln ließen sich 2.
Den Osten lähmt schon heute, was dem deutschen Westen erst bevorsteht: "Überalterung" und "Multimorbidität" - ein Haufen alter Frauen und Männer mit vielfachen Gebrechen und Leiden.
In Heinrichsruh hebt Bauer Voigt die Krücke zum Gruß. Dreimal bekam der Rinderzuchtmeister eine neue Hüfte, nun drückt den 69-Jährigen die Bürokratie. "Wie geht das mit dem Pflegegeld?", fragt er schon im Vorgarten; die Ärztin erklärt, nimmt Blut ab, streichelt den Kater, redet mit der Bäuerin, bewundert die Gartenzwerge, kindshoch sind sie. "Muss ich meine Medikamente jetzt allein zahlen?", fragt Bauer Voigt. "Nee", beruhigt sie, "da sorgen Sie sich mal nicht."
Kaum einer verstehe die Reformen aus Berlin. Brigitte Reinhold sagt es missbilligend. Gebühren, Wirtschaftlichkeit, zuzahlungsfähige Medikamente: "Die Leute sind verunsichert." Ein Blick auf die Uhr, "ich muss, Herr Voigt". Seit dem Unfall macht ihr Mann keine Hausbesuche mehr, also fährt sie, steuert den roten Lupo durch die Alleen, auf denen sich sommertags die Reisenden stauen, holpert über Feldwege, die Büsche kratzen in den Lack. Sie fährt oft. Die Busse verkehren selten, und die Alten haben kein Auto.
Rein in den Lupo, vorbei an verlassenen Häusern, durch Kiefernwälder, im Nachbarort wartet eine 50-Jährige, die weiß, dass sie bald nicht mehr atmen können wird. Rein in den Lupo, vorbei an der verfallenden Lagerhalle, wo die Preise für Viehfutter noch auf der Tafel angeschlagen stehen, in Ferdinandshof ist eine Greisin von der Trittleiter gefallen.
Rund 1200 Rentner behandeln Reinholds im Quartal. "Dann die Arbeitslosen", zählt er auf, "und die Alkoholiker. Viele chronisch Kranke, mit allem, was dazu gehört: Herz lädiert, Gefäße kaputt, Demenz, Depression, Diabetes." Es sind teure Patienten. "Fast alle brauchen mehr Therapien, als wir eigentlich verordnen dürfen. Wir müssen jede Ausnahme begründen."
Regress heißt das Wort, das Reinholds fürchten. Ein Regress, bangen sie, könne das Ende bedeuten: Wenn die Prüfkommission der Kassenärztlichen Vereinigung entschiede, sie hätten zu viel verordnet und müssten dafür aufkommen. "Sicher müssen Mediziner wirtschaftlich arbeiten", sagt sie. "Aber wir im Osten haben nun mal die alten und chronisch Kranken."
Ein, zwei Stunden am Tag begründet Brigitte Reinhold, schreibt Gutachten und Anträge. Alle vier Monate opfert das Ehepaar den Stapeln unerledigter Schriftsätze zwei Wochen Urlaub. "Bürokratie" nennen sie die Schreibarbeit, und sie ist ihnen mehr als lästig. "Früher hatte unser Wort Gewicht." Es klingt bitter.
"Heute müssen wir unsere Arbeit immerzu rechtfertigen."
Manchmal helfen alle schönen Worte nichts. Dann erstattet die Krankenkasse dem Querschnittsgelähmten teure Antibiotika gegen Harnwegsinfekte, nicht aber die vorbeugenden Tabletten. Dann landet die Oma zum Aufpäppeln im Krankenhaus, weil keiner den Zivi zu Hause bezahlt. In solchen Momenten bleiben der Ärztin die alten Sprüche aus der DDR: "Wir sparen jeden Pfennig. Koste es, was es wolle."
Die letzte Patientin am Abend ist 35 Jahre alt, sie ist Rentnerin, sie wird nicht mehr gesund. Die Ärztin geleitet die junge Frau zur Tür. Dann kommt der Zorn. Ulla Schmidt, Berlin, Gesundheitspolitik? "Die lassen uns bald keine Zeit mehr für die Patienten. Ständig müssen wir uns um neue Bürokratie kümmern."
Die Chronikerregelung, die Chipkarte, ja, selbst die neuen Abrechnungsregeln, ersonnen, um ihre Zunft zu stärken, bedenkt Brigitte Reinhold mit Rage. Das Hausarztmodell, mit dem die Gesundheitsministerin den Allgemeinmedizinern mehr Kundschaft verschaffen will? "Vielleicht zieht das in der Stadt", sagt die Landärztin. "Bei uns kommen die Leute sowieso zuerst zu ihrem Hausarzt."
Der Mond ist aufgegangen. Brigitte Reinhold zieht die Praxistür hinter sich zu. Ob sie sich wieder für den Beruf entscheiden würde? "Ich weiß es nicht." In ihrer Kühltruhe lagern Geschenke; Karnickel, Gänse, Enten; nicht ein Ei haben Reinholds seit 1983 kaufen müssen. "Nee, an den Patienten liegt es nicht", sagt die Landärztin, "Die schätzen einen. Aber so allgemein fehlt das Gefühl."
Vor der Besuchercouch breitet Ärztevertreter Eckert Presseerklärungen aus: Die KV Schwerin sei bereit, jedem Wagemutigen 40 000 Euro Mindestumsatz im Quartal zu garantieren. Sie zahle Medizinstudenten 250 Euro für ein Schnupperpraktikum. Sie berate niederlassungswillige Ärzte. Sie fordere gleiches Geld für Ost- und Westmediziner und Deutschkurse für polnische Kollegen. "In unseren Krankenhäusern arbeiten die Polen längst. Jetzt brauchen wir sie auch als Allgemeinmediziner."
Seit zwei Jahren drängelt Eckert. Immer wieder trifft er sich mit Bürgermeistern, Landräten und Sozialministerin Marianne Linke von der PDS. Die Abgeordneten von SPD und PDS erwägen nun eine Landarztzulage - Bonbon für das Leben in der Einsamkeit. Doch womöglich zieht auch Geld die jungen Mediziner nicht aufs ostdeutsche Land. Im sächsischen Kreis Torgau-Oschatz wird ihnen 60 000 Euro geboten, wenn sie eine Praxis übernehmen. Bislang meldete sich lediglich einer. Ob er davon auch ein Auto kaufen könne, wollte er wissen.
So ratlos sind Bürgermeister, Landräte, Parlamentarier, Sozialministerin und Ärztefunktionär, dass sie womöglich die zerschlagenen Polikliniken der DDR wieder auferstehen lassen: "zentrale Gesundheitshäuser" mit angestellten Ärzten. Wer vom Risiko der Selbständigkeit befreit sei, der komme vielleicht für einige Zeit, hoffen sie. Volker Böhning, Landrat im Uecker-Randow-Kreis, würde am liebsten alle 2450 Medizinstudenten der Universitäten Rostock und Greifswald verpflichten, ein paar Jahre in Vorpommern zu praktizieren. "Aber das kann ein Landrat nicht bestimmen", sagt er. "Das wäre zu einfach, zu schön."
Es scheint, als wäre Vorpommern ein Ort für eigenwillige Ärzte. Solche, die Städter "Idealisten" nennen. Oder "altmodisch". Und dabei lächeln.
Johannes Spanke, Facharzt für Allgemeinmedizin und Geburtshilfe, kam 1996. Ende 30 war er, hatte an der Universität Tübingen geforscht, hatte auf einer Tumorstation gearbeitet, hatte sich in Traditioneller Chinesischer Medizin ausbilden lassen und wusste viererlei: "Ich wollte in ei- ne unverbaute Gegend. Ich wollte gebraucht werden. Ich wollte Vögel beobachten. Ich konnte nur Landarzt werden."
In Baden-Württemberg ließen sie ihn nicht, da arbeiteten schon zu viele. Also zog er nach Pinnow. Seine Frau, eine Hebamme, zog mit.
Holzschilder im Ort weisen Richtung "Arztpraxis" im alten Pfarrhaus: Dielen, Balken, Sprossenfenster, Kachelöfen. Badesee und rankende Rosen, ein Klavier und aufgeschüttelte Federbetten. Zehn Minuten dauert es mit dem Fahrrad auf die Insel Usedom. Der Ort strahlt unter dem Blick des Arztes. "Es ist so wunderschön hier."
Spanke vertraut auf "sprechende Medizin"; er gehört zu denen, die meinen, ein Plausch bewirke oft mehr als viele Pillen. "Unserem Gesundheitssystem fehlt Redezeit für die Patienten. Dabei lassen sich viele Symptome aus den Lebensumständen erklären." Der zugereiste Städter treibt, was Landärzte seit jeher praktizieren. Er fragt. Wann wird geschlachtet, wann eingekocht? Wann feiern die Kinder Geburtstag? Woher stammen die Kriegsverletzungen der Alten?
Zehn Orte und 1800 Menschen betreut der Arzt. Er hat eine Ausstellung über die Dorfgeschichte zusammengetragen, und in der Dorfkirche spielt er mit anderen Musikern zu Konzerten auf. Die Stadt? Spanke zupft am gestutzten Bart. Drei Stunden fährt er nach Berlin, vier nach Hamburg, und er fährt selten. Hier, meint der Zugezogene, könne er jeden Tag mit "Ja!" beschließen. Hier liege der Reichtum eben nicht im Geld. Hier kommt klar, wer wie Spanke "Hausbesuche mit der Nase" liebt: Wenn es bei Patienten nach den verbrannten Federn von 16 frisch gerupften Enten riecht.
Beim Abendessen in der Küche bollert der Eisenofen. Alt, schwarz, gemächlich. "Vorpommern ist eine Lebensentscheidung", sagt der Arzt. Die Gurken auf dem Tisch, sehr eigen im Geschmack, hat eine Patientin eingelegt. KATJA THIMM
Von Katja Thimm

DER SPIEGEL 2/2005
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