10.01.2005

MEDIZINTherapie im Nebel

Zwei teure, neue Medikamente sollen gegen Schuppenflechte helfen. Doch wie gut sind die Mittel aus dem Genlabor wirklich?
In den deutschen Hautarztpraxen sorgen zwei neue Mittel derzeit für große Aufregung. Allerdings nicht, weil sie so unglaublich gut wirken - sondern, weil sie vor allem eines sind: unglaublich teuer.
Eine Behandlung mit den sogenannten Biologicals Raptiva (Wirkstoff: Efalizumab) oder Enbrel (Etanercept), die seit kurzem gegen Schuppenflechte eingesetzt werden, kostet etwa 1350 beziehungsweise 1800 Euro pro Monat. Das ist extrem viel im Fachgebiet der Dermatologie, wo oft schon wenige Euro teure Cremes oder Tinkturen helfen; und selbst die herkömmliche Behandlung einer Schuppenflechte kostet höchstens ein paar hundert Euro im Monat.
"Dieser Preis schlägt alles, was ich bislang erlebt habe", schimpft Robert Fuhrmanns, Hautarzt aus Euskirchen, "das ist wirklich ein harter Brocken, vor allem, weil die Schuppenflechte ja keine lebensbedrohliche Erkrankung ist, sondern ein Allerweltsleiden." Eine Kollegin vom Niederrhein stimmt ihm zu: "Dieser Preis sprengt einfach jeden Rahmen."
Bei der Schuppenflechte (Psoriasis), an der etwa zwei Prozent der Bevölkerung leiden, ist der Lebenszyklus der Hautzellen extrem beschleunigt. Statt etwa vier Wochen brauchen die Zellen nur noch weniger als eine Woche für ihre Wanderung von der untersten Epithelschicht bis hin zur Hautoberfläche - wo sich dann die Massen von abgestorbenen Zellen als Hornschuppen auftürmen (siehe Grafik).
Meist sind daumennagel- bis handtellergroße Flächen von der Schuppenflechte betroffen, im Extremfall können die Herde aber auch fast den ganzen Körper bedecken. Die Erkrankung ist zwar nicht gefährlich; aber die Betroffenen, denen die Schuppen aus Haaren und Kleidern rieseln, werden oftmals zu Aussätzigen.
Was genau den Lebenszyklus der Hautzellen anheizt, ist noch immer unbekannt. Sicher ist jedoch, dass irgendeine Fehlreaktion der Immunabwehr dabei eine wichtige Rolle spielt. Bisherige Therapien - Salben, Bestrahlung mit UV-Licht, Kuren am Toten Meer und verschiedene Medikamente - bringen zwar vielen der Betroffenen Linderung; bei manchen aber dürfen die Therapien nicht angewendet werden oder wirken nicht.
Genau diesen Patienten sollen jetzt die neuen Präparate helfen. Es handelt sich um gentechnisch hergestellte Eiweiße, die viel zielgerichteter das gestörte Immunsystem beeinflussen sollen als herkömmliche Wirkstoffe. Die geweckten Erwartungen sind enorm.
"Die Mittel sind auf dem Dermatologenkongress in München dick vorgestellt worden", berichtet die Ärztin vom Niederrhein. Dann seien Hunderte von Dermatologen von einem der Hersteller nach Berlin eingeladen worden. Die "Ärztezeitung" und sogar das Fernsehen hätten berichtet. Schon jetzt würden Patienten gezielt nach den neuen Mitteln fragen.
Umso wichtiger, meint Wolfgang Becker-Brüser vom industriekritischen "Arznei-Telegramm", sei es für die Ärzte zu erfahren, was die teuren Mittel wirklich bringen. Anders als die hoffnungsfrohen Berichte suggerierten, so Becker-Brüser, sei das in Wahrheit nämlich gar nicht so viel.
Als "wirklich letzte Wahl" bezeichnet er die Biologicals bei Schuppenflechte. Um die Ärzte aufzuklären, bereitet das "Arznei-Telegramm" gerade einen Artikel vor. "Ich würde beim derzeitigen Kenntnisstand von der Anwendung abraten", ist Becker-Brüsers Fazit - vor allem, weil die Medikamente nur über einen kurzen Zeitraum erprobt seien und als Nebenwirkungen durch die Unterdrückung des Immunsystems schwerste Infektionen und möglicherweise sogar Krebs auftreten könnten.
Dabei ist die Wirkung der teuren Sub- stanzen nicht einmal besonders gut. Becker-Brüser: "Bei Efalizumab zum Beispiel verbessern sich die Symptome in Studien lediglich bei etwa 20 bis 35 Prozent der Patienten." Bei einigen könne es sogar zu einer Verschlechterung kommen.
Dermatologe Herbert Kirchesch aus Köln knüpft zwar durchaus Hoffnungen an die neuen Mittel, doch auch er gibt zu: "Man kann nicht vorhersagen, bei wem die Mittel wirken. Sie laufen bei der Behandlung also wie in eine Nebelwand."
Dass die Biologicals bei der Schuppenflechte keine Wunder wirken können, liegt möglicherweise auch daran, dass die gestörte Immunabwehr nur einen Teil der Erkrankung ausmacht. Wäre es also wichtiger, sich um die Überfunktion der Hautzellen zu kümmern? "Beides muss zusammenkommen: eine Veränderung des Immunsystems und Veränderungen in den Hautzellen selbst", ist der Wissenschaftler John DiGiovanni von der University of Texas überzeugt, der in der aktuellen Ausgabe des Fachblatts "Nature Medicine" von seiner Entdeckung eines Schlüsselmoleküls berichtet, das für die angeheizte Produktion von Hautzellen verantwortlich sein könnte.
"Wir wollen nun Substanzen erproben, die gezielt gegen dieses Schlüsselmolekül wirken", berichtet DiGiovanni. In einigen Jahren könnte es dann eine neue Psoriasistherapie geben, bei der nicht gleich das Immunsystem lahm gelegt werden muss. VERONIKA HACKENBROCH
Von Veronika Hackenbroch

DER SPIEGEL 2/2005
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