10.01.2005

POP„Das Versponnene ist heute politisch“

Dirk von Lowtzow, 33, Sänger und Songschreiber der Hamburger Band Tocotronic, über deren neues, nächste Woche erscheinendes Album „Pure Vernunft darf niemals siegen“
SPIEGEL: Herr von Lowtzow, bekannt wurden Tocotronic mit politisch ambitionierten Rocksongs, Ihr neues Werk sagt in Zeilen wie "Die Illusion wird Menschenrecht" und "Wir brauchen dringend neue Lügen" der platten Realität den Kampf an. Haben sich Tocotronic von der Politik ab- und dem Irrationalen zugewandt?
Lowtzow: Ich erachte das durchaus als politische Haltung. Alles in unserer Gesellschaft zielt im Augenblick auf Pragmatismus, überall heißt es: "Orientiert euch am Machbaren!" In dieser faktenversessenen Gegenwart ist es schon fast revolutionär, sich mit Spirituellem und Emotionalem zu beschäftigen. Das, was man früher Eskapismus nannte, ist heute eine radikal-politische Geste: sich dem Gespinnerten, Versponnenen, Verschwubbelten zuzuwenden.
SPIEGEL: Handelt es sich, wie erste Kritiker meinen, bei Ihrem neuen Werk um eine "Versöhnungsplatte"?
Lowtzow: Nein. Es ist eine wütende, trotzige Platte. Der Gestus beim Songschreiben war ein extremes Angekotztsein vom Gegenwartsgeist, der dauernd behauptet, man müsse jetzt endlich Tacheles reden. Gleich das erste Stück heißt deshalb "Aber hier leben, nein danke".
SPIEGEL: Trotzdem präsentieren viele Songs des neuen Albums statt wüstem Punkrock fröhliche, manchmal geradezu schlagerhafte Pop-Qualitäten.
Lowtzow: Ich finde, wir klingen immer noch rau und garagenhaft genug. Punkrock ist eine ausgelutschte musikalische Form; die Zeiten, in denen wir mit dem Dilettantismus kokettiert haben, sind vorbei. Da orientieren wir uns lieber an Pop-Vorbildern wie Felt aus dem England der achtziger Jahre. Mit Schlagern hat das nichts zu tun - die finde ich grundsätzlich grässlich.
SPIEGEL: Was halten Sie von der aktuellen deutschen Schlagerpop-Welle, die Bands wie Wir sind Helden, Juli und Silbermond in die heimischen Hitparaden gebracht hat?
Lowtzow: Damit kann ich nichts anfangen. Ich freue mich über gute Musik. Es hat mich nie interessiert, woher Musik kommt und in welcher Sprache gesungen wird. Im Übrigen gilt: Wir wollen nicht Teil einer Deutschpop-Bewegung sein.

DER SPIEGEL 2/2005
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