10.01.2005

LITERATURZwischen Leben und Tod

Wie ist das mit den Träumen? "Jeder träumt, aber niemand hat es je geschafft, mir zu erzählen, wie sein Traum war", denkt Carl, der Erzähler von Alex Garlands schmächtigem, neuem Roman "Das Koma", ganz am Ende. "Nicht so, dass ich wirklich verstanden habe, was er gesehen oder gefühlt hat." Das ist genau die Aufgabe, die Garland, 34, sich gestellt hat: den Leser so an Carls Traumwelt teilhaben zu lassen, dass man sie tatsächlich nacherleben kann. Nach einem Überfall liegt Carl im Koma. Anfangs glaubt er zwar, er sei längst wieder erwacht, aus dem Krankenhaus entlassen worden und in seinen Alltag zurückgekehrt. Doch irgendwann begreift er (und der Leser), dass dies nicht die Realität ist, sondern nur ein Komatraum. Garlands Roman zeichnet auf, was in dieser verhängnisvollen Lage so alles im Kopf des Patienten herumwirbelt: Carls Wahnvorstellungen, sein Nachgrübeln über seinen Zustand und seine verzweifelten Anstrengungen, wieder in die Wirklichkeit zurückzufinden. Denn der Patient versucht, einen Reiz zu entdecken, der ihn erwachen ließe: Carl träumt um sein Leben. Für den Briten Alex Garland ist dies, gelinde gesagt, ein unerwartetes Erzählthema. In seinem Bestsellerdebüt "Der Strand" (1996), dem Lieblingsschmöker aller Rucksackreisenden, im Nachfolgeroman "Manila" (1998) und im Drehbuch zum Horrorfilm "28 Days Later" (2002) hatte Garland vor allem Talent dafür gezeigt, den Leser durch grimmig-gruselige, vor Atmosphäre flirrende Handlungen zu treiben. "Das Koma" bietet dagegen Ideen statt Action, innere statt äußere Handlung. In knappen Sätzen erzählt, entwirft der Roman eine Traumwelt voller Sprünge, Verschiebungen und Lücken. Gelegentlich spiegelt "Das Koma" mit lapidarer Sprache jene trügerische Klarheit, mit der sich im Traum noch das unlogischste Geschehen darstellt - und doch bleibt der Roman ein uneingelöstes, vielleicht unlösbares Versprechen. Auch Carl schafft es nicht, uns das Geheimnis des Träumens zu erzählen. Mit seinen Träumen bleibt jeder allein.
Alex Garland: "Das Koma". Aus dem Englischen von Rainer Schmidt. Goldmann Verlag, München; 120 Seiten; 16 Euro.

DER SPIEGEL 2/2005
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LITERATUR:
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