10.01.2005

HAUPTSTADTMit dem Hintern durchs Feuer

Wer soll von 2006 an das Berliner Deutsche Theater leiten? Nach dem Rückzug des Schriftstellers Christoph Hein ist um diese Frage ein neuer, beherzter Ost-West-Streit entbrannt.
Gedacht ist das 1883 zum "Deutschen Theater" erhobene Haus in der Schumannstraße als stolzes Nationaltheater, als der Ort, an dem die edelsten Arbeiten deutscher Dichter, Denker, Regisseure und Schauspielkünstler zu besichtigen sind - "und genau das ist der Reiz", sagt Christoph Schlingensief.
"Was heißt denn heute noch national?", fragt der aus Oberhausen stammende Aktionskünstler, der im vergangenen Sommer in Bayreuth mit seiner Deutung von Richard Wagners nationalem Klangheiligtum "Parsifal" die Mehrheit des Publikums und nahezu alle Kritiker begeisterte.
Über die Hoffnung, das Theater als höhere Bildungsanstalt wiederzubeleben, wie sie die Regisseurin Andrea Breth äußerte, höhnt Schlingensief: "Da müssen wir dann die Richtlinien unseres Bundespräsidenten abarbeiten." Er selbst träumt von der Einrichtung einer "Factory" in Berlin, wie sie einst Andy Warhol in New York betrieb: "Lasst uns diese neue Factory bauen! Dort dürfen dann Leute wie Dan Graham und Oskar Roehler arbeiten und meinetwegen auch Luc Bondy und Peter Zadek."
Klarer Fall von Intendantenehrgeiz - Schlingensief, 44, bekennt: "Ich wollte schon immer ein Theater leiten." Nun hat er sich ausgerechnet die Renommierbühne Berlins, das Deutsche Theater (DT), ausgeguckt. Im Augenblick (genauer: vom Herbst 2006 an) ist der Posten frei, weil der Wunschkandidat des Berliner Kultursenators Thomas Flierl, der Schriftsteller Christoph Hein, 60, nicht antreten will. Schlingensief aber ahnt: "Die wollen einen aus dem Westen wie mich da nicht reinlassen." Könnte stimmen.
Tatsächlich wird die Chefsuche als Kampf West gegen Ost inszeniert, seit Monaten. Als der Berliner Kultursenator Thomas Flierl (PDS), 47, den Plan verkündete, den etwas glanzlosen, aus dem Westen stammenden bisherigen DT-Intendanten Bernd Wilms, 64, durch den in der DDR berühmt gewordenen Schriftsteller Hein zu ersetzen, sagte er: Er erhoffe sich ein "geistig erneuertes" Haus, das "ein zentraler Ort der kulturellen Verständigung in Deutschland" sein solle. Flierl wünsche sich eine Stärkung der Ost-Identität, schrieben die Zeitungen, von "Reconquista Ost" ("Frankfurter Rundschau") und einem "Roll Back gen Osten" ("Tagesspiegel") - es rumste heftig im Hauptstadtkarton.
In der DDR habe es "eine besondere Wertschätzung, Hochschätzung der Kunst gegeben", hatte Christoph Hein im Herbst 2003 behauptet - das machte nun böses Blut. Die "Frankfurter Allgemeine" nannte Hein einen "Garant für den Ost-Familienmief" und prophezeite eine "vorhersehbare Katastrophe", der zwangsweise abgetretene Theaterchef Wilms konstatierte im SPIEGEL (45/2004) eine "Sehnsucht nach rückwärts" in der hauptstädtischen Theaterwelt.
Wahr ist, dass das DT in DDR-Tagen die erste Bühne des Arbeiter-und-Bauern-Staates war und ein paar glanzvolle Jahre hatte. An die konnte der aus dem Osten stammende Theaterchef Thomas Langhoff nach der Wende nicht recht anknüpfen. Der Westler Wilms machte aus dem einstigen Eliteinstitut der verblichenen DDR einen oft prächtig bestückten Gemischtwarenladen: Derzeit sorgen etwa die "Faust"-Inszenierung des Klassikerverknappers Michael Thalheimer und die Star-Zimmerschlacht "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" (mit Corinna Harfouch und Uli Matthes in den Hauptrollen und Jürgen Gosch als Regisseur) für volle DT-Abende.
Flierl aber wollte nicht so sehr Profit, sondern Profil: Der in der Theaterpraxis nur mäßig erfahrene Schriftsteller Hein erschien ihm als Heilsbringer aus dem Osten. Seine Entscheidung für Hein, so "Die Welt", gehörte "gelinde gesagt, zu den kauzigen Eigenbröteleien" mit denen der Politiker "gelegentlich verblüfft".
Als Hein, der in DDR-Zeiten mit dem Brecht-Schüler Benno Besson an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz gearbeitet hatte, dann nach Weihnachten hinwarf, gestand Flierl: "Ich erlebe diese Absage auch persönlich als Schlag."
Er sei aber nicht bereit, "den Berliner Theaterstreit als Ausdruck des Standes der innerdeutschen Verständigung zu deuten" widersprach Flierl dem genervten Hein: Der hatte dem "absichtsvoll vergifteten, feindseligen Klima" der Stadt Schuld an seinem Rücktritt gegeben. Die "Frankfurter Allgemeine" erkannte auf "Wehleidigkeit und Kritikunfähigkeit" - typisch Ost?
Senator Flierl, jüngst auch noch bei der Besetzung der Berliner Operngeneralintendanz durch eine an Stasi-Methoden erinnernde Intrige aufgefallen (SPIEGEL 46/2004), ist angeschlagen. Als PDS-Symbolfigur muss er trotzdem im derzeitigen Senat nichts fürchten: Seine Abwahl würde die SPD/PDS-Koalition sprengen, was derzeit niemand will. Marie Zimmermann,
Direktorin des Festivals "Theater der Welt" in Stuttgart und selbst stets für Leitungsaufgaben im Gespräch, findet trotzdem: "Es geht nicht an, dass Flierl mit dem Hintern von Herrn Hein durchs Feuer reitet."
Wie soll's nun weitergehen mit dem DT? Flierl hat eine dreiköpfige Findungskommission eingesetzt, Hauptstadtblätter wie Springers "B.Z." werfen fast täglich neue Namen ins Intendantensuchspiel: Gehandelt werden unter anderem die Regisseure Jürgen Gosch und Alexander Lang, Andreas Kriegenburg und Leander Haußmann (alle Ost), Andrea Breth (West, derzeit am Wiener Burgtheater) sowie der Schweizer Weltbürger Luc Bondy.
Breth, 52, winkt müde ab: "Mit mir hat niemand gesprochen." Sie ist ganz offensichtlich auch nicht scharf darauf.
Anders verhält es sich mit Bondy, 56, noch bis 2007 künstlerischer Leiter der Wiener Festwochen. Er hat in einem Zeitungsinterview vor Monaten verklausuliert Interesse am DT bekundet: "Solange ich nicht gefragt werde, habe ich auch kein Interesse." Direkt gefragt hat ihn immer noch keiner, deshalb empfindet er sich "wie eine Münze", mit "der öffentlich gehandelt wird", sagt Bondy merklich verstimmt. Ihm gefalle "die kalte Atmosphäre in der Stadt nicht", in der Theatermacher ständig übereinander lästerten. Berlin kommt ihm "pseudointellektuell" vor. An den Hauptstadtbühnen werde so getan, als "erfinde man das Theater neu" - für Bondy "kulturelle Dekadenz" und "Hochstapelei".
Wen immer Flierl erweicht, den DT-Posten anzutreten: Er muss sich möglichst schnell freimachen. Die Planung für die Einstandsspielzeit ist bereits überfällig.
Manche Fachleute wünschen sich gleich eine Verlängerung der Amtszeit von Bernd Wilms, der, so Marie Zimmermann, "seine Sache anständig macht und ohne Not in die Wüste geschickt wurde".
Zudem wird eine echte Gruselvision in den Zeitungen gehandelt: Claus Peymann, 67, Chef des Berliner Ensembles, soll das seinem Haus nahe gelegene Deutsche Theater gleich mit übernehmen.
In Wahrheit ist Peymann einer der Mitverursacher des Streits ums DT - weil er dem Haus systematisch das Wasser abgräbt. Statt im Berliner Ensemble ein Programm zu zeigen, das stärker auf den Ruhm des Theaters als Brecht-Bühne zugeschnitten wäre, betreibt er sein Haus als genau das Klassikermuseum, das sich viele von einem Nationaltheater wünschen.
Der DT-Bewerber Schlingensief sagt: "Die Zickenkriege von Theaterchefs wie Peymann und Frank Castorf hängen den Berlinern zum Hals heraus - setzt solche Leute doch einfach in ein Flugzeug und schickt sie mit dem Goethe-Institut einmal um die Welt."
Dann wäre für Schlingensiefs "Factory" in der Hauptstadt ein Plätzchen frei.
WOLFGANG HÖBEL, JOACHIM KRONSBEIN
Von Wolfgang Höbel und Joachim Kronsbein

DER SPIEGEL 2/2005
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