10.01.2005

„Mal richtig draufhauen“

Der Regisseur Armin Petras über den Berliner Theaterstreit und sein Stück „3 von 5 Millionen“
Petras, 40, wuchs zunächst in Meschede im Sauerland auf, 1970 zog er mit seinen Eltern in die DDR, wo er sich als Regisseur ausbilden ließ. Unter dem Pseudonym Fritz Kater verfasst Petras mehrfach ausgezeichnete Theaterstücke, die er häufig selbst inszeniert. Er ist designierter Intendant des Berliner Maxim Gorki Theaters.
SPIEGEL: Herr Petras, Sie proben derzeit am Deutschen Theater (DT), für das mal wieder ein Intendant gesucht wird. Wie ist die Stimmung?
Petras: Es herrscht Aufbruchstimmung. Die meisten hoffen, dass sich etwas zum Besseren ändert.
SPIEGEL: Sie bringen am kommenden Samstag das Künstler- und Arbeitslosendrama "3 von 5 Millionen" zur Uraufführung, das Ihr Autoren-Alter-Ego Fritz Kater auf der Basis eines Romans von Leonhard Frank aus dem Jahr 1932 schrieb. Dort heißt es, die feine Kulturgesellschaft gehe "einem so auf die Nerven, da muss man immer mal wieder kotzen". Ist das Ihr Kommentar zur Lage?
Petras: Diese Kunstbetriebspassage spricht aus, was dem Romanbearbeiter Fritz Kater durch den Kopf ging.
SPIEGEL: Die Darstellung sozialen Elends gerät oft zur Schmonzette. Wie schützen Sie sich vor dieser Gefahr?
Petras: Leonhard Frank ist ein ausgewiesener Schmonzettist - und als solcher ist er mir lieber als Brecht. Vor dem Kitsch rette ich mich, indem ich ihn herausarbeite. Man muss richtig draufhauen, damit der tragische, realistische Kern zum Vorschein kommt.
SPIEGEL: Ist der Kern des Berliner Zoffs der Konflikt Ost gegen West?
Petras: Ich verstehe, dass man das so sehen kann. Für mich ist dieses Thema aber abgehakt: Ich fühle mich durch meine Biografie dem Westen ebenso zugehörig wie dem Osten.
SPIEGEL: Und doch sind Sie von Senator Flierl wie Christoph Hein am DT als Garant für eine zu erhaltende Ost-Identität zum künftigen Chef des Maxim Gorki Theaters erkoren worden.
Petras: Bis der Vertrag unterschrieben werden kann, dauert es wohl noch. An mir liegt das nicht. Zu Hein kann ich nur sagen: Er ist ein Künstler, den ich sehr schätze. Ich finde es merkwürdig, dass nun in der öffentlichen Diskussion gefordert wird, ein erfolgreicher Intendant müsse, im Gegensatz zu Hein, ein zynischer Machtmensch sein.
SPIEGEL: Wer soll das DT übernehmen?
Petras: Namen nenne ich nicht. Es sollte jemand sein, der ästhetisch und thematisch zugespitzte Fragestellungen ermöglicht und das Haus radikaler in der Berliner Theaterlandschaft verankert.
SPIEGEL: Der noch amtierende Intendant des DT, Bernd Wilms, hat in Berlin auch als Chef am Gorki Theater begonnen. Hat Herr Flierl mit Ihnen schon über einen Wechsel zum DT gesprochen?
Petras: Nein, das wäre auch eine unsinnige Idee.
* "3 von 5 Millionen" mit Thomas Lawinky, Milan Peschel, Peter Kurth am Deutschen Theater.

DER SPIEGEL 2/2005
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