10.01.2005

KINOKarneval der Triebe

In seinem neuen Film „Hautnah“ erforscht Regisseur Mike Nichols den Stand der Dinge im Kampf der Geschlechter - und lässt Julia Roberts brillieren.
Langsam dreht sich die Stripperin im Séparée auf der Tanzfläche, spreizt die Beine, beugt sich vornüber und lässt ihren Kunden gierig glotzen. Immer mehr Geldscheine steckt er ihr zu, obwohl er schon lange alles gesehen hat. Doch er will ihren Namen wissen. Sie heiße Jane Jones, erwidert die Tänzerin. Da zückt er sein letztes Geld und wirft es ihr wütend entgegen - weil er zu wissen glaubt, dass es in dieser Umgebung keine Ehrlichkeit gibt.
Vom Lieben und Lügen erzählt Mike Nichols in seinem neuen Film "Hautnah" und von Orten wie dem Stripclub, an denen man zwar alles sehen und sagen kann, aber nichts berühren darf. Über einen Zeitraum von mehreren Jahren hinweg beschreibt er den Beziehungsreigen und mehrmaligen Partnerwechsel zwischen zwei jungen Paaren im heutigen London: des Dermatologen Larry (Clive Owen) und der Fotografin Anna (Julia Roberts), des Journalisten Dan (Jude Law) und der Stripperin Alice (Natalie Portman), die tatsächlich Jane Jones heißt.
Der Film beruht auf dem 1997 in London uraufgeführten Theaterstück des britischen Dramatikers Patrick Marber (Originaltitel: "Closer"), einer in messerscharfe Dialoge gefasste Bestandsaufnahme des Sexualverhaltens paarungsbereiter Großstädter. "Wonach schmeckt deine Möse?", fragt Larry im Stripclub. "Nach Himmel", gibt Alice zurück. Marber macht seine Figuren zu Verbal-Erotikern, denen der eigene Körper oft fremd zu sein scheint. Ein sanftes Streicheln wirkt da schon wie ein Naturereignis.
Wie sein Held Larry, der sich als "medizinischer Beobachter des menschlichen Karnevalstreibens" beschreibt, lässt sich Marber, 40, in seinem Stück vom verzweifelten, oft neurotischen Ringen seiner Figuren um Liebe und Begehren nur selten rühren. Der Film dagegen, für den Marber selbst das Drehbuch schrieb, vertreibt diese zynische Kälte gleich von Beginn an: Bei ihrer ersten Begegnung entdeckt Alice den melancholisch dreinblickenden Dan auf dem Bürgersteig in der Menschenmenge, und ihre zur Schau getragene Selbstsicherheit weicht der Sehnsucht, er möge sie ansehen. Als dies dann passiert, gibt es keinen Zweifel mehr: Dieser Film glaubt noch an die Liebe auf den ersten Blick.
Bald lassen sich Dan und Alice zusammen durch London treiben, reden in knappen Sätzen über elementare Dinge, über die Liebe, das Leben und den Tod, und haben am Ende des Tages das Gefühl, sich schon seit Jahren zu kennen. Dann gehen sie zusammen ins Bett. Doch das zeigt der Film nicht. Er zeigt überhaupt keinen Sex. Ausgerechnet das, worum sich hier alles dreht, findet wie in Marbers Stück stets außerhalb des Bildes statt - und damit in der Phantasie des Zuschauers.
Doch gelingt es Nichols und seinen Darstellern immer wieder, diese Leerstellen zu füllen: Wenn Larry von einer Reise nach Hause kommt, dann lässt die großartige Julia Roberts den Zuschauer die Verwirrung spüren, von der Anna in diesem Moment ergriffen ist - denn sie hat sich erst kurz zuvor unter der Dusche den Schweiß eines anderen Mannes von ihrem Körper gespült.
Kurz darauf erzählt sie Larry, dass Dans Sperma besser schmecke als sein eigenes. In dieser gnadenlosen Offenheit findet Nichols, 73, der vor fast vier Jahrzehnten Edward Albees tragikomische Ehe-Schlacht "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" für die Leinwand inszenierte, jedoch keine Obszönität, sondern tiefe Verletztheit: Aus enttäuschter Liebe sprechen die Figuren Sätze, die schmerzhafter sind als der härteste Faustschlag.
Wenn in diesem Film jemand einen anderen schlägt wie Dan am Ende des Films Alice, wird daraus mit Hilfe der Zeitlupe weniger ein brutaler Akt als vielmehr eine hilflose Geste, die dem Bedürfnis nach Nähe entspringt. Stets hebt Nichols die körperlichen Berührungen der Figuren hervor. Die Affäre zwischen Dan und Anna etwa beginnt mit einem Kuss. "Wir haben uns geküsst!", ruft er, als sie ihn danach mit sanftem Erschrecken zurückstößt - und ihn liebevoll wie einen Teenager betrachtet.
So kann der Zuschauer miterleben, wie die anfangs jugendlich überschwängliche Liebe, in der alles möglich zu sein scheint, nach und nach dem Alltag weicht und die Gewohnheit immer mehr das Bedürfnis nach dem ganz anderen freisetzt. Doch weil der Film seinen Figuren auf Augenhöhe begegnet und nur dann auf sie herabblickt, wenn sie - wie im Stripclub - von einer Überwachungskamera beobachtet werden, zieht er den Zuschauer tief in das Drama dieser verzweifelten Glückssuche hinein.
Kurz vor Schluss liegen Dan und Alice wie frisch verliebt im Bett eines Hotels, liebkosen sich und wollen den Neuanfang wagen. Doch da will er auf einmal wissen, ob sie mit Larry geschlafen habe. Ob das denn so wichtig sei, fragt sie zurück. Er überlegt einen Moment - und erfährt kurz darauf, dass manchmal ein Geheimnis die Liebe am Leben erhält, während die Wahrheit ihr Tod sein kann. LARS-OLAV BEIER
Von Lars-Olav Beier

DER SPIEGEL 2/2005
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