10.01.2005

AUTORENDie Beichte des Folterknechts

In seiner „Detektivgeschichte“ erzählt Nobelpreisträger Imre Kertész atemberaubend von einem Alptraum: Opfer von Willkür zu werden.
Maria, die Mutter, steht am Fenster und sieht hinaus. Sie wartet darauf, dass ihr Sohn Enrique endlich heimkehrt. Der junge Mann ist zwar schon 22 und Student. Doch die Zeiten sind unsicher. Die Universität ist nach Unruhen geschlossen worden. In dem namenlosen lateinamerikanischen Staat hat sich das Militär an die Macht geputscht.
Nun sind die Gefängnisse voll. Verhaftungen erfolgen so rasch, dass Passanten auf der Straße kaum etwas davon mitbekommen, die neue Geheimpolizei, das "Corps", verhört die Verdächtigen nach den uralten Methoden der Diktatur. Akten werden angelegt, Verhörprotokolle aufgenommen, Spitzelberichte gesammelt. Es wird gefoltert und exekutiert.
"Wir gehören nicht zu denen, die geholt werden", versucht Federigo Salinas, der Familienvater, seine Frau zu beruhigen. Immerhin zählt er zu den Reichen im Land, ihm gehört eine bekannte Kaufhauskette. Er hat Kontakte, Einfluss, Beziehungen. Auch wenn er die neuen Machthaber nicht unbedingt zu seinen Freunden zählt: Wie sollte seinem Sohn etwas geschehen? Es sei denn, der rennt ins offene Messer.
"Detektivgeschichte" hat der ungarische Nobelpreisträger Imre Kertész, 75, seine Erzählung lapidar und nur auf den ersten Blick irreführend genannt*. Denn tatsächlich handelt es sich hier auch um die Geschichte eines Detektivs - erzählt von ihm selbst, von Antonio Rojaz Martens, der bei der Kripo gearbeitet hat und der Verlockung nicht widerstehen konnte, um der Karriere willen zum neuen "Corps" zu wechseln, und der am Ende selbst im Gefängnis sitzt, wo er alles aufschreibt: seine Geschichte und die der Salinas.
Aber warum lässt Kertész, der seine Erfahrungen als jugendlicher Auschwitz-Häftling in dem international gerühmten, 1975 erstmals publizierten "Roman eines Schicksallosen" literarisch verarbeitet hat und nach der Befreiung aus dem Lager in einer Diktatur stalinistischer Prägung lebte, die Geschichte ausgerechnet in Südamerika spielen?
Die "Detektivgeschichte" erschien schon 1977 in Ungarn - darin liegt die Antwort: Die Darstellung der geheimpolizeilichen Willkürpraxis war nur durch die Verlegung der Handlung in ferne Gefilde an den kommunistischen Zensoren vorbeizusteuern. Im Vorwort zu der nun endlich zustande gekommenen (und vom Übersetzerpaar Angelika und Peter Máté glänzend gemeisterten) deutschen Ausgabe erinnert sich Kertész an die "ungewöhnliche Herausforderung". Zum ersten Mal habe er et-
was geschrieben, das nicht aus persönlicher "existentieller Not" hervorgegangen war, und nur zwei Wochen dafür gebraucht - er, der für seine skrupulöse Schreibtechnik bekannt ist.
Dieser Schwung hat sich auf die Erzählung übertragen, die bei aller thematischen Schwere auch als spannende, auf einen grausamen Höhepunkt zusteuernde Kriminalstory zu lesen ist. Und die ganz den Glanz einer perfekt gebauten Geschichte besitzt, in der mehrere Ich-Perspektiven virtuos miteinander verschränkt sind.
Der einsitzende ehemalige Geheimpolizist nämlich - die Diktatur ist inzwischen schon wieder Vergangenheit, die neue Regierung stellt die Schergen von gestern vor Gericht - liest im Gefängnis wieder und wieder im beschlagnahmten Tagebuch, das Enrique einst geführt hat. Es fasziniert ihn nicht nur als Material für seine eigene schriftliche Beichte. Ihn verblüffen immer noch die Unbekümmertheit und Offenheit.
"Doch so war Enrique nun mal", stellt er bewundernd fast. "Er hasste und liebte, er hatte Geheimnisse und führte ausführlich Protokoll über sie." Wie nebenbei versteckt Kertész hier einen seiner Kernsätze über literarische Produktion; er ist ein äußerst reflexiver Autor, und seine Einsichten über das Schreiben sind nicht nur in zahlreichen Essays und Tagebuchnotizen enthalten, sondern auch in seinen Romanen und Erzählungen zu finden.
Schon für die Verhöre, die das "Corps" durchgeführt hat, ist das Tagebuch von Nutzen gewesen. Der Student Enrique war eines Tages tatsächlich ins Netz der Fahnder geraten, denn er hatte - wie seine Eltern insgeheim befürchteten - Kontakt zum Widerstand gesucht, vergebens zwar, doch wen interessiert das in einer Diktatur?
Und so hat Martens sie alle irgendwann im Verhörzimmer hocken sehen: den Vater, die Mutter mit ihren Vorahnungen, auch Jill, die Freundin Enriques. Für sie interessiert sich der Geheimpolizist ganz besonders.
Der Folterknecht als Voyeur: Dem Tagebuch kann er entnehmen (und zitiert es ausführlich), wie das Liebespaar sich näher gekommen war. Und als Enrique längst hingerichtet worden ist - das wird schon früh in der Geschichte angedeutet -, erzwingt Martens eine kurze Liaison mit Jill, "eine süße und qualvolle Beziehung", nennt er es beschönigend: "Enriques Schatten lastete auf uns beiden."
Die "Detektivgeschichte" hält nicht nur bis zuletzt, bis zum gutvorbereiteten, schaurigen Finale die Spannung, sie hat jenen klassischen erzählerischen Zuschnitt, für den einmal "Der Fremde" von Albert Camus den Maßstab setzte.
Welchen Namen die Geheimpolizei auch trägt - das muss Imre Kertész nicht groß erläutern -, sicher ist nur eines: Niemand kann sich sicher fühlen, nicht zu jenen zu gehören, die "geholt werden". VOLKER HAGE
* Imre Kertész: "Detektivgeschichte". Aus dem Ungarischen von Angelika und Peter Máté. Rowohlt Verlag, Reinbek; 140 Seiten; 12,90 Euro.
Von Volker Hage

DER SPIEGEL 2/2005
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