10.01.2005

DIRIGENTEN„Bruckner in Jeans ist albern“

Ingo Metzmacher über magische Momente im Konzert und seinen Kampf für das Verständnis moderner Musik
Metzmacher, 47, bis Ende dieser Spielzeit Generalmusikdirektor in Hamburg, wechselt im Sommer als Opernchef nach Amsterdam.
SPIEGEL: Herr Metzmacher, Sie sind berühmt als Pionier für die Musik des 20. Jahrhunderts; nun haben Sie ein Buch darüber geschrieben*. Woher diese Besessenheit?
Metzmacher: Das kann ich nur persönlich beantworten: Mein Vater war Cellist, er hat mich sehr geprägt. Aber seine Umwelt, zum Beispiel die Leute im Konzert, fand ich irgendwie seltsam.
Später, im Studium, verstärkte sich dieses Gefühl. Ich weiß noch, ich saß am Klavier und übte Schubert oder Bach, und plötzlich wurde mir klar: Was ich hier tue, hat mit der Welt, in der ich lebe, nichts zu tun.
SPIEGEL: Klingt nach einer schweren Krise.
Metzmacher: War es auch. Ich habe dann eine Weile ganz andere Dinge gemacht. Als ich zur Musik zurückkam, suchte ich etwas, das nicht in der Welt meines Vaters vorkam. Jemand brachte mich auf die Drei Klavierstücke von Arnold Schönberg. Die habe ich geübt, bis ich sie auswendig konnte. Schönberg war selbst noch auf der Suche, als er sie schrieb. Dann spielte das Glück mit: Jemand hörte mich mit diesen Stücken und empfahl mich an das Ensemble Modern. Als ich 1981 dort anfing, war ich mit meinem Unbehagen am normalen Klassikbetrieb plötzlich nicht mehr allein.
SPIEGEL: Worin bestand das Erweckungserlebnis?
Metzmacher: Es war alles andere als mystisch. Wir wollten ein Stück von Helmut Lachenmann spielen, dafür musste man erst einmal die Partitur lesen lernen. Ich fand das richtig befreiend: Es ging um die Sache, ganz handwerklich. Beim Ensemble Modern lernte ich die größten Komponisten persönlich kennen. Besonders erstaunlich war es, als John Cage zu Besuch kam. Wir spielten ein Stück, das Cage sehr mochte. Er hörte eine Weile zu, dann sagte er freundlich: Ihr wollt zu viel, ihr seid zu engagiert. Alle schienen zu verstehen - und beim nächsten Mal klang die Musik anders, besser. Ein magischer Moment, den ich nie vergessen werde.
SPIEGEL: Und solche Momente haben Sie zum Missionar werden lassen?
Metzmacher: Sozusagen. Ich weigere mich einfach zu glauben, dass es kein großes Publikum für die neue Musik geben kann.
SPIEGEL: Haben Sie es mit dieser Botschaft nicht selbst bei Kollegen schwer?
Metzmacher: Ach wo. Paradoxerweise ist es ja für Musiker oft leichter, im 20. Jahrhundert anzufangen, weil fast immer klar in den Noten steht, was man zu tun hat.
SPIEGEL: Heißt das nicht, dass man dauernd einem Fahrplan folgt?
Metzmacher: Nein. Ich kann mich nicht zu Hause mit der Partitur hinsetzen und ausdenken, was ich will. Ich höre lieber erst einmal zu. Am schönsten ist es, wenn der Klang von sich aus zu sprechen anfängt.
SPIEGEL: Und das ist im üblichen Konzertbetrieb nicht möglich?
Metzmacher: Schauen Sie sich die Programme an: Oft werden da Stücke, die alle kennen, ohne sinnvollen Zusammenhang aneinander gereiht. Man setzt den Leuten ein Menü aus Rollmops und Schokolade vor. Das Publikum merkt es schon gar nicht mehr, so häufig passiert es - ein Verbrechen. Wir Dirigenten haben eigentlich die Aufgabe, das zu verhindern, denn wir bestimmen die Konzertprogramme.
SPIEGEL: Aber verlangt moderne Musik nicht oft Kenntnisse, wie nur noch Fachleute sie haben können?
Metzmacher: Das war einer der großen, schrecklichen Fehler in der Vermittlung der neuen Musik: Es wurden Geheimnisse darum gemacht, bis sich fast alle in die Defensive gedrängt fühlten. Aber ein Essen kann mir doch auch gut schmecken, ohne dass ich bis ins Detail weiß, wie es gekocht ist.
SPIEGEL: Schreckt das Konzertritual ab?
Metzmacher: Auch, aber nicht nur. Konzerte sind ein Überbleibsel der bürgerlichen Musikkultur. Ein bisschen Ritual muss sein, glaube ich. Bruckner-Symphonien in Jeans, das ist albern. Rockkonzerte haben schließlich auch ihre Rituale.
SPIEGEL: Wo liegt dann die Barriere?
Metzmacher: Eigentlich gibt es keine. Warum rennt man in die MoMA-Ausstellung oder zur Documenta, und bei der entsprechenden Musik heißt es: "Davon verstehe ich nicht genug"? So weit sind wir von Miles Davis und Deep Purple gar nicht weg.
SPIEGEL: Diesen Sommer verlassen Sie Deutschland - auch weil die Stadt Hamburg Ihren Etatwünschen nicht folgen wollte. Wird es in diesem Land für Avantgardisten schwieriger?
Metzmacher: Das will ich nicht hoffen. Es gibt aber einen gefährlichen Kreislauf: Das Geld wird knapp. Dann heißt es: Mit dem sonderbaren Zeug, das Sie spielen, wird der Saal nicht voll. Ein paar Kompromisse mehr, dann bekommen wir über die Karten das Geld herein, das uns der Staat streichen will.
SPIEGEL: Was ist falsch daran?
Metzmacher: Dass man die wirklich an Musik Interessierten bald nur noch langweilt. Ich erzähle Ihnen noch eine Geschichte: Ich habe einmal Beethovens dritte Leonoren-Ouvertüre aufgeführt und direkt danach Luigi Nonos "Il canto sospeso". Beide Werke handeln von heldenhaften Gefangenen, die sterben sollen und das auch wissen - Nono hat Briefe von Widerstandskämpfern in Musik versetzt. Damit keine Lücke entstand, ließ ich gleich nach dem Beethoven das Sonett eines Lagergefangenen von 1945 vorlesen, in dem es heißt: Bei Beethoven erklingt die rettende Trompete, für mich wird sie wohl nicht erklingen. Der Plan ging auf. Niemand klatschte dazwischen, und hinterher kamen viele, die mir sagten: Heute Abend ist uns mal was klar geworden.
INTERVIEW: JOHANNES SALTZWEDEL
* Ingo Metzmacher: "Keine Angst vor neuen Tönen". Rowohlt Berlin Verlag, Berlin; 192 Seiten; 16,90 Euro.
Von Johannes Saltzwedel

DER SPIEGEL 2/2005
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