10.01.2005

POPBritneys Kampf mit der Schlange

Die beiden jungen Amerikaner Adam Green und Conor Oberst machen mit originellen Rocksongs Furore - und scheren sich nicht immer um Geschmacksgrenzen.
Erst neulich, so berichtet der junge Mann mit der Aufgekratztheit eines begabten Märchenerzählers, sei er Frank Sinatra begegnet. In der Garderobe hinter der Bühne habe der große Entertainer ihm streng in die Augen geblickt und gesagt: "Junge, verzichte bei deiner nächsten Platte auf elektrische Gitarren - und lass dich bloß nie tätowieren."
Natürlich hat Adam Green die Begegnung mit dem toten Helden Sinatra nur geträumt. Immerhin aber habe ihn, beteuert der Musiker, der Traum so beeindruckt, dass er auf seinem neuen Album auf laute Gitarren verzichtet hat. "Nur tätowiert war ich dummerweise schon", sagt Green.
Wer von kollegialen Fachsimpeleien mit Idolen wie Sinatra träumt, leidet nicht unter einem Übermaß an Bescheidenheit. Tatsächlich hat es der New Yorker Barde Green, 23, ein gutaussehender Bursche mit dicken Lippen und Struwwelhaarmähne, im Popgeschäft schon ziemlich weit gebracht. Neben dem 24-jährigen Conor Oberst, der unter dem Namen Bright Eyes musiziert, gilt Green Musikkritikern als herausragendes Talent unter den jungen Sängern und Songwritern der USA.
Sowohl der aus dem US-Bundesstaat Nebraska stammende Oberst, der vergangenes Jahr zeitgleich zwei Singles an der Spitze der amerikanischen Hitparade platzierte, als auch der New Yorker Green bringen nun neue Alben heraus.
Green kreuzt auf "Gemstones", das an diesem Montag in die Läden kommt, ausgelassen und virtuos eingängige Melodien mit verwegenen Texten zu einer Art Bubblegum-Rock'n'Roll. Der erinnert an die besten Werke von exzentrischen Kollegen wie Jonathan Richman oder Beck - und rüttelt in Songs wie "Choke on a Cock" an den Grenzen des guten Geschmacks: Das Lied kombiniert die Beteuerung, wie glücklich der Autor wäre, dem US-Präsidenten George W. Bush mal die Hand zu schütteln, mit einem Refrain über die Gefahren des Erstickungstods beim Oralverkehr.
Für Freunde solcher Gaga-Lyrik erscheint Ende Januar im Frankfurter Suhrkamp-Verlag "Magazine", Adam Greens erstes Buch. Die aparte Sammlung von bizarren Gedichten und Textcollagen bietet Zeilen wie "Ich masturbierte so häufig, dass mich meine rechte Hand verließ" oder: "Britney Spears stieg vom Himmel herab und erstickte mit ihren muskulösen Schenkeln eine Kobra."
"Humor wird in der Kunst ständig unterschätzt, dabei ist er ein wichtiger Bestandteil unseres Lebens", rechtfertigt sich der Künstler.
Vergleichsweise brav wirkt da der Musiker Oberst alias Bright Eyes, der noch ein paar Jahre jünger aussieht, als er ist. Doch er geht mit flammender Leidenschaft zu Werke und bringt in zwei Wochen mit "I'm Wide Awake, It's Morning" und "Digital Ash in a Digital Urn" gleich zwei neue Alben auf den Markt - ein leicht größenwahnsinniger Akt, den sich gewöhnlich nur Rock-Titanen wie Bruce Springsteen oder Guns N' Roses herausnehmen.
Keiner der beiden jungen Pophelden wurde von einer der großen Plattenfirmen entdeckt, die sich fast nur noch darum zu kümmern scheinen, ihre Renner vergangener Tage in immer neuen Verpackungen zu recyceln. Oberst hat für seine Musik mit ein paar Kumpeln gleich eine eigene Firma gegründet, und Green ist bei dem kleinen Label unter Vertrag, das auch die New Yorker Rock-Rotzlöffel der Band The Strokes entdeckte.
Zumindest bei Green liegen künstlerische Ambitionen in gewisser Weise in der Familie: Der Musiker ist der Urenkel von Felice Bauer, der Verlobten von Franz Kafka. Er selbst sollte eigentlich Baseball-Profi werden: "Das war der Traum meines Vaters. Ich durfte als Kind im Grunde nur vor die Tür gehen, um Baseball zu üben", berichtet er. "Es war ganz nett, aber mit neun gab ich es auf."
Nach ersten Auftritten mit eigenen Liedern und alten Folksongs in New Yorker Künstlerkaschemmen startete Green mit 14 Jahren und mit seiner Jugendfreundin Kimya Dawson die Band The Moldy Peaches. Sie teilten eine Vorliebe für bizarre Kostümierungen und rumplige Folkballaden, mit denen sie ein Album füllten und leidlich bekannt wurden.
Zuletzt setzte Green seine Musikphantasien aber lieber allein um - und fand mit seinen ersten beiden Soloalben und Konzertauftritten besonders in Deutschland ein erstaunlich großes Publikum.
Nur sein Humor werde in Europa leider von vielen Leute nicht recht verstanden, klagt Green. "Viele Journalisten erwarten von mir ulkige Geschichten am laufenden Band", sagt er grinsend. "Neulich wollte einer von mir den Unterschied zwischen Mickymaus und Donald Duck erklärt haben - ich meine: Sehe ich aus wie ein Vollidiot?"
CHRISTOPH DALLACH
Von Christoph Dallach

DER SPIEGEL 2/2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 2/2005
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

POP:
Britneys Kampf mit der Schlange

  • "Mr Europa" Jean-Claude Juncker: Backpfeifen und Tanzeinlagen
  • Deutsches Flugtaxi Volocopter: Erster bemannter Flug in Singapur
  • Trump attackiert eigene Partei: "Die Republikaner müssen härter werden"
  • Pläne der Bundesregierung: Landwirte demonstrieren gegen neue Gesetze