04.01.1947

Heim ins Frankreich

Der Sprecher des französischen Außenministeriums tut sehr überrascht. Auf der Sitzung des Rates der vier Außenminister in New York am 9. Dezember seien die Mächte von dem Vorhaben Frankreichs, das Saargebiet durch Zollschranken von dem übrigen Deutschland abzutrennen, unterrichtet worden.
Auf dieser Sitzung sollen auch der russische Außenminister Molotow und der stellvertretende amerikanische Militärgouverneur in Deutschland, General Clay, anwesend gewesen sein. Nichtsdestoweniger hatte sofort nach dem Bekanntwerden des französischen Vorgehens das Moskauer Regierungsblatt, die "Prawda", von einer "einseitigen Handlung" und von einem "völlig unerwarteten Vorgehen" geschrieben.
Fast wörtlich das gleiche sagte General Clay. Er sei von dem französischen Entschluß "völlig überrascht" worden. Es handele sich um eine "gänzlich einseitige Handlung, die nicht dem Alliierten Kontrollrat vorgelegt wurde."
Das Londoner Außenministerium hingegen will unterrichtet gewesen sein. Die Londoner Times spricht dementsprechend von "vollkommen berechtigten Zwecken". Sie zitiert die Rede des englischen Außenministers Bevin vom 21. Oktober 1946, in der sich die englische Regierung bereit erklärte, "den französischen Vorschlag über die Saar unter Anrechnung auf die französischen Reparationen und unter Festsetzung des genauen Gebiets anzunehmen".
Am 22. Dezember hatte General König, Oberbefehlshaber der französischen Besatzungstruppen in Deutschland, 1200 französische Zollbeamte an die Grenzen des Saargebiets marschieren und dort Posten fassen lassen. Seit dem 29. Dezember ist das Passieren der Grenzkontrollstellen nur mit einem Paß mit dreisprachigem Visum möglich. Die Devisenkontrolle wird folgen, wenn erst die eigene Saar-Landeswährung eingeführt ist.
Es dürfe kein "Super"-Schwarzmarkt entstehen, erklärte damals General König. Das Abfließen der zusätzlichen Lebensmittel, die Frankreich den Saar-Bergleuten schickt, müsse verhindert werden. Er versäumte aber nicht hinzuzufügen. "Die wirtschaftliche Angliederung des Saargebiets an Frankreich steht für uns außer Frage. Daß das schon in unmittelbarer Zukunft geschehen möge, ist unser glühendster Wunsch im Interesse der Freundschaft zwischen Frankreich und der Saar, aber auch des europäischen Friedens."
In die Vorgänge um den wirtschaftlichen Anschluß versucht auch General Clay hineinzuleuchten. Sind, so fragt er bei der französischen Militär-Regierung in Deutschland an, deutsche Industriewerke, vor allem die Robert - Bosch - Werke, aus der französisch besetzten Zone in das Saargebiet verlegt worden?
In Paris wurde daraufhin die Verlegung der Robert - Bosch - Werke bestätigt. Die deutschen Eigentümer hätten "aus technischen Gründen" um die Verlegung der Fabrik gebeten.
Ob auch die deutschen Treuhänder der Borsigwerke im französischen Sektor Berlins um ihre Ersetzung durch französische Offiziere gebeten haben ist nicht bekannt. Doch hält der Berliner SPD-Telegraf die Meinung, daß es sich auch hierbei um eine endgültige Regelung handeln könne, "für verfrüht".
Im übrigen haben die französischen Saar-Maßnahmen eine selten einmütige Ablehnung bei allen deutschen Parteien gefunden. Die Parteileitung der SPD, Hannover, spricht in einem Telegramm an die französische Sozialistische Partei ihr "lebhaftes Bedauern" über das Vorgehen der Pariser Regierung aus.
Im Namen der SED erhebt Piecks "Neues Deutschland" Einspruch gegen "diesen politischen und territorialen Eingriff Frankreichs". Und die Parteileitung der CDU in Berlin "stellt mit tiefer Besorgnis fest, daß durch den Vorgang das Vertrauen in die Wirksamkeit internationaler Regelungen erschüttert werden muß".
Im Jahre 1935 gehörten die Saarkohle und Lothringens Erz noch nicht zusammen

DER SPIEGEL 1/1947
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